Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.

10.6.2016 | Von:
Jan Sändig

Boko Haram: Lokaler oder transnationaler Terrorismus?

Kontraproduktive Aufstandsbekämpfung

Neben diesen Rahmenbedingungen ist die Gewalt aber auch das Ergebnis politischer Eskalationsdynamiken. Nigerias Sicherheitskräfte haben erheblich zur Eskalation beigetragen. Der Fall kann als typisch für das Phänomen des backlash gesehen werden, bei dem sich der Versuch des Staats, eine Oppositionsgruppe gewaltsam zu zerschlagen, als kontraproduktiv erweist und die Opposition sogar noch stärkt.[12] Boko Haram ging in den Anfangsjahren bis Mitte 2009 noch weitgehend gewaltfrei vor. Zur Eskalation kam es erst infolge einer zunächst vergleichsweise harmlosen Auseinandersetzung zwischen der Gruppe und den Sicherheitskräften. Als Reaktion auf die empfundene Bedrohung griffen Yusufs Anhänger Ende Juli 2009 Polizeistationen an. Die Sicherheitskräfte konnten die Angriffe rasch abwehren und gingen danach höchst brutal gegen die Gruppe vor. Insgesamt starben in wenigen Tagen mehr als 800 Menschen; der Anführer Yusuf sowie weitere Anhänger wurden nach ihrer Verhaftung von Sicherheitskräften getötet.[13] Das gewaltsame Vorgehen bestärkte die Entschlossenheit von Boko Haram zur Rebellion. Gleichzeitig ging die Führung durch die Tötung Yusufs an Abubakar Shekau über, der im Vergleich zu Yusuf schon vorher als besonders gewaltbereit aufgefallen war. Unter Shekau reorganisierte sich Boko Haram und trat Ende 2010 mit einer Reihe von Angriffen wieder auf die Bildfläche.

Die seit 2010 andauernde Rebellion wurde angefacht durch eine Spirale der Gewalt und Gegengewalt.[14] Während Boko Haram zunehmend komplexe Angriffe verübte, gelang es den Sicherheitskräften kaum, die Mitglieder der Terrorgruppe von Zivilisten zu unterscheiden. Als Folge verhafteten oder töteten sie willkürlich Zivilisten unter dem Verdacht der Unterstützung für die Terrorgruppe. Dies verstärkte die in Nigeria ohnehin ausgeprägten Vorbehalte gegenüber den Streitkräften, was es Boko Haram wiederum erleichterte, neue Unterstützer zu gewinnen. Die Regierung reagierte darauf im Mai 2013 durch den Einsatz noch stärkerer militärischer Mittel und der Formierung ziviler Milizen. Dadurch gelang es, Boko Haram aus den Städten im Nordosten zu vertreiben. Jedoch verschlimmerte dies die Rebellion nur: Die Gruppe reorganisierte sich im ländlichen Raum und rächte sich mit zahlreichen Angriffen auf Dörfer.

Allein 2014 – dem (bisher) schlimmsten Jahr der Rebellion – wurden 3800 Zivilisten von Boko Haram getötet.[15] Parallel dazu wendeten auch die Sicherheitskräfte immer häufiger und brutaler Gewalt gegen die Zivilbevölkerung an. Laut Amnesty International wurden etwa 20000 Menschen willkürlich verhaftet.[16] Die Haftbedingungen sind katastrophal: Viele Häftlinge werden gefoltert und mehr als 7000 sind an den Haftbedingungen bereits gestorben. Zudem verübten die Sicherheitskräfte und zivilen Milizen wiederholt Massaker an Zivilisten. So wurden 640 Menschen, die Boko Haram zuvor aus einem berüchtigten Militärgefängnis in Maiduguri befreit hatte, innerhalb eines Tages im März 2014 getötet.[17] Diese Menschenrechtsverletzungen durch die Sicherheitskräfte schufen bei vielen Menschen im Nordosten starke Verbitterung gegenüber der nigerianischen Regierung, was Boko Haram mit der Forderung nach einem radikalen Systemwechsel Zulauf verschafft hat.

Fußnoten

12.
Zur Theorie von Repression vgl. Audrey K. Cronin, How Terrorism Ends. Understanding the Decline and Demise of Terrorist Campaigns, Princeton–Oxford 2009, S. 141–144.
13.
Vgl. Human Rights Watch, Spiraling Violence. Boko Haram Attacks and Security Force Abuses in Nigeria, New York 2012, S. 32.
14.
Vgl. Amnesty International, Nigeria. Trapped in the Cycle of Violence, AFR 44/043/2012.
15.
Vgl. UCDP/PRIO, UCDP One-sided Violence Dataset, 1.4.2015, http://www.pcr.uu.se/research/ucdp/datasets/ucdp_one-sided_violence_dataset« (2.5.2016).
16.
Vgl. Amnesty International, Stars on their Shoulders, Blood on their Hands. War Crimes Committed by the Nigerian Military, AFR 44/1360/2015, S. 4.
17.
Vgl. ebd., S. 42–45.
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