Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.

10.6.2016 | Von:
Jan Sändig

Boko Haram: Lokaler oder transnationaler Terrorismus?

Patronage-Netzwerke

Um den bewaffneten Kampf zu führen, benötigt Boko Haram aber auch finanzielle Ressourcen und Waffen. Diese stammen höchstwahrscheinlich zu einem gewichtigen Anteil aus Patronage-Netzwerken. Boko Haram unterscheidet sich in dieser Hinsicht wenig von anderen politischen Organisationen in Nigeria.[18] Dabei schreckt Nigerias politische Elite im Rahmen ihrer Verteilungskämpfe nicht davor zurück, auch Gewalt einzusetzen, um ihre Position in den informellen Verhandlungen zu verbessern und Kontrahenten zu bedrohen.[19]

Schon in der Anfangszeit unterhielt die von Yusuf geführte Gruppe Verbindungen zu Regierenden in Borno, wodurch sie finanzielle Unterstützung erhalten haben dürfte.[20] Wenngleich handfeste Beweise noch fehlen, sprechen zahlreiche Indizien dafür, dass Boko Haram auch seit Beginn der Rebellion in solche Machtspiele eingebunden ist.[21] Auffällig ist beispielsweise, dass Boko Haram Ende 2010/Anfang 2011 gezielt Politiker bestimmter Parteien getötet hat. Des Weiteren verübte die Gruppe um die Präsidentschaftswahlen 2011 zahlreiche Angriffe auf Kirchen. Dies deutet darauf hin, dass hochrangige muslimische Politiker aus dem Norden den damals wiedergewählten christlichen Präsidenten Goodluck Jonathan erpresst haben könnten, um ihre Privilegien zu sichern. Jonathan selbst sagte Anfang 2012 öffentlich, dass Boko Haram politische Unterstützer in der Regierung, dem Militär und dem Staatsapparat habe.[22] Zudem fällt auf, dass muslimische Politiker aus dem Norden von Boko Haram oft verschont blieben und dass die Terroristen konstant über umfangreiche Kampfmittel verfügen, deren Herkunft im bettelarmen Nordosten des Lands schwer zu erklären wäre, wenn nicht durch Patronage-Netzwerke. Schließlich eskalierte Boko Harams Gewalt parallel zu heftigen Machtkämpfen innerhalb der politischen Elite im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2015 und nahm nach der Wahl überraschend schnell ab.[23] All dies spricht dafür, dass Boko Haram teilweise in Kooperation mit einflussreichen Eliten handelt.

Auch Teile der Militärführung spielen womöglich eine zwielichtige Rolle. Dem nigerianischen Militär wurden für die Bekämpfung der Terrorgruppe etliche zusätzliche Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt.[24] Bei den für Korruption berüchtigten Streitkräften scheint ein erheblicher Anteil der bereitgestellten Finanz- und Kampfmittel verschwunden und nicht zu den Soldaten an der Front gelangt zu sein. So standen in den vergangenen Jahren oft frustrierte Soldaten mit inadäquatem Militärgerät den vergleichsweise gut bewaffneten und motivierten Boko-Haram-Kämpfern gegenüber. In diesen Situationen flohen Soldaten auch häufig und ließen ihre Ausrüstung zurück. Die Vermutung liegt nahe, dass manche in der Militärführung versuchen, die Rebellion nicht entscheidend zu bekämpfen, um sich weiter am Militäretat bereichern zu können. Somit haben Nigerias Patronage-Netzwerke der Terrorgruppe nicht nur direkt Unterstützung eingebracht, sondern wahrscheinlich auch indirekt Handlungsspielräume für die Rebellion verschafft. Dies zeigt abermals, wie zentral politische Prozesse für die Entstehung und Fortdauer der Gewaltkampagne von Boko Haram sind.

Lokaler Terrorismus und transnationale Verbindungen

Die bisher benannten politischen Faktoren, die Entstehung und Eskalation erklären, befinden sich allesamt auf der innerstaatlichen Ebene. Boko Haram ist somit aus lokalen Ursachen und Dynamiken entstanden und wurde nicht als Ableger einer transnationalen Terrorbewegung gebildet. Dennoch knüpfte Boko Haram Verbindungen zu islamistischen Gruppen im Ausland, um Ressourcen und moralische Unterstützung für den Kampf zu gewinnen.

Zum einen bestehen ideelle Verbindungen: Schon in der weitgehend gewaltfreien Anfangszeit stellten Al-Qaida, Osama Bin Laden und die afghanischen Taliban Vorbilder für Boko Haram dar. Eine Fraktion von Yusufs Gruppe, die um 2003 einen kurzen und erfolglosen bewaffneten Aufstand führte, war maßgeblich an den Taliban orientiert. Darüber hinaus wurde aber auch materielle Unterstützung von außen eingespeist: Bin Laden selbst und salafistische Organisationen (unter anderem aus Saudi-Arabien) haben Finanzmittel für die Bildung radikaler und gewaltbereiter Gruppen in Nordnigeria bereitgestellt. Ein Teil des Gelds soll direkt an Yusuf geflossen sein.[25] Verbindungen, die zu Organisationen aus dem Al-Qaida-Netzwerk hergestellt wurden, ermöglichten es einigen Boko-Haram-Mitgliedern, nach dem niedergeschlagenen Aufstand vom Juli 2009 Zuflucht in Algerien und Somalia zu finden und dort eine Kampfausbildung zu erhalten. Auch Rebellenführer Shekau floh Anfang 2013 vorübergehend zu befreundeten Terrorgruppen nach Nord-Mali. Der 2013 erstarkende "Islamische Staat" gewann ebenfalls an Bedeutung: Zur ideellen Annäherung übernahm Boko Haram zunächst seine Flagge, rief im August 2014 – wie kurz zuvor der "Islamische Staat" im Irak und in Syrien – ein Kalifat in seinem Herrschaftsgebiet aus und schwor schließlich dessen Führung Treue.

Diese transnationalen Verbindungen bleiben aber von begrenztem Umfang und damit niedriger Relevanz, um die Rebellion von Boko Haram zu erklären. Die aus transnationalen Terrornetzwerken bereitgestellten Finanzmittel dürften weitaus kleiner sein als die Unterstützung aus Nigerias Patronage-Netzwerken. Auch hat Boko Haram nur wenige Kampftaktiken von Al-Qaida übernommen, darunter die Strategie der Selbstmordangriffe und Entführungen. Der zentralen Vorgehensweise Al-Qaidas, den Westen als den "fernen Feind" zu bekämpfen, folgte Boko Haram jedoch nicht.[26] Nur ein Bruchteil der Angriffe Boko Harams richtete sich gegen den Westen, keiner dieser Anschläge wurde außerhalb Nigerias verübt.[27] Hinter diesen Angriffen auf westliche Ziele steht fast ausschließlich die Splittergruppe "Ansaru", die versucht hat, Boko Haram näher an Al-Qaida anzubinden. Dies blieb erfolglos, da Boko Haram stark in Nordnigeria verwurzelt ist, was schon ihr eigentlicher Name andeutet:[28] Während die verbreitete Bezeichnung "Boko Haram" eine polemische Fremdbezeichnung durch andere islamistische Organisationen aus Nordnigeria ist, nennt sich die Gruppe tatsächlich "Jama’atu Ahlus Sunna Lidda’awati wal-Jihad" (Gemeinschaft der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad).[29] Mit diesem Namen betont sie ihren Ursprung aus der Bewegung "Ahlus Sunna", einer Abspaltung der breiteren Izala-Bewegung in Nordnigeria, und damit den lokalen islamistischen Kontext.

Boko Haram konzentriert sich zwar besonders stark auf den lokalen Kampf, unterscheidet sich diesbezüglich aber nicht grundlegend von anderen dschihadistischen Gruppen in Westafrika. Selbst Terrorgruppen, die offiziell dem Al-Qaida-Netzwerk zugehören, führen in erster Linie einen lokalen bewaffneten Kampf: "Al-Qaida im Islamischen Maghreb" (AQIM) in Algerien und die Al-Shabaab in Somalia verüben beide nur einen kleinen Anteil ihrer Anschläge gegen westliche Ziele und agieren fast ausschließlich innerhalb ihres lokalen Kampfgebiets.[30] Keine dieser Gruppen wurde von außen durch Al-Qaida oder den "Islamischen Staat" gegründet; stattdessen haben sie alle eine lokale Verwurzelung und Konfliktgeschichte. In der Regel haben sie transnationale Verbindungen nur aufgebaut, um auf diese Weise Unterstützung für den lokalen Kampf zu gewinnen und mächtiger zu erscheinen. Diese verschiedenen Terrorgruppen sind zudem stark gespalten, teilweise selbst innerhalb ihrer Länder.[31] Auch Al-Qaida und den "Islamischen Staat" trennen ideologische Unterschiede und ein Machtkampf.[32] Von einer geeinten, globalen islamistischen Bewegung kann daher kaum ausgegangen werden. Dementsprechend sind vor allem lokale Lösungsansätze erforderlich, die von der internationalen Staatengemeinschaft unterstützt werden können.

Fußnoten

18.
Vgl. Augustine Ikelegbe, The Perverse Manifestation of Civil Society. Evidence from Nigeria, in: The Journal of Modern African Studies, 39 (2001) 1, S. 1–24.
19.
Vgl. Andreas Hasenclever/Jan Sändig, Nigeria. Gewaltursache Religion?, in: Ines-Jacqueline Werkner et al. (Hrsg.), Friedensgutachten 2014, Berlin 2014, S. 180–195.
20.
Vgl. International Crisis Group, Curbing Violence in Nigeria (II). The Boko Haram Insurgency, Africa Report 216/2014, S. 11f.
21.
Für die im Folgenden benannten Indizien und Vermutungen vgl. J. Harnischfeger (Anm. 11).
22.
Vgl. BBC, Nigeria’s Goodluck Jonathan. Officials Back Boko Haram, 8.1.2012, http://www.bbc.com/news/world-africa-16462891« (2.5.2016).
23.
Vgl. Council on Foreign Relations, Nigeria Security Tracker, o.D., http://www.cfr.org/nigeria/nigeria-security-tracker/p29483« (11.5.2016).
24.
Vgl. International Crisis Group (Anm. 20), S. 30–32.
25.
Vgl. ebd., S. 23f.
26.
Vgl. M. Sageman (Anm. 1), S. 44.
27.
Vgl. National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START), Global Terrorism Database. Entire GTD Dataset, o.D., http://www.start.umd.edu/gtd« (11.5.2016).
28.
Vgl. Anonymous (Anm. 6).
29.
Vgl. Andrea Brigaglia, Ja’far Mahmoud Adam, Mohammed Yusuf and Al-Muntada Islamic Trust. Reflections on the Genesis of the Boko Haram Phenomenon in Nigeria, in: Annual Review of Islam in Africa, 11 (2012), S. 35–44.
30.
Vgl. Caitriona Dowd/Clionadh Raleigh, The Myth of Global Islamic Terrorism and Local Conflict in Mali and the Sahel, in: African Affairs, 112 (2013) 448, S. 498–509, hier: S. 504.
31.
Vgl. ebd.
32.
Vgl. Donald Holbrook, Al-Qaeda and the Rise of ISIS, in: Survival, 57 (2015) 2, S. 93–104.
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