Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.

10.6.2016 | Von:
Jan Sändig

Boko Haram: Lokaler oder transnationaler Terrorismus?

Lokale Lösungsansätze und internationale Unterstützung

Die bisher von der nigerianischen Regierung gewählte Strategie, um die Gewalt von Boko Haram zu beenden, umfasst fast ausschließlich militärische Mittel. Diese richten sich häufig gegen die muslimische Zivilbevölkerung, was Boko Haram letztlich stärkt. Die internationale Staatengemeinschaft sollte Nigeria drängen, menschenrechtliche Standards einzuhalten; willkürliche Verhaftungen, Folter und außergerichtliche Tötungen durch die Sicherheitskräfte müssen umgehend unterbunden werden, um die Bevölkerung nicht weiter vom Militär zu distanzieren und in die Arme von Boko Haram zu treiben.

"Harte" Vorgehensweisen der Terrorismusbekämpfung durch Militäreinsätze sollten grundsätzlich auch mit "weichen" Maßnahmen verbunden sein.[33] Bisherige Verhandlungsversuche zwischen der Regierung und Boko Haram sind kläglich gescheitert. Man kann Zugeständnisse und Amnestieangebote an Terrorgruppen aus moralischen Gründen durchaus strikt ablehnen, doch können diese Maßnahmen viele Menschenleben retten, wenn sie zur Beendigung der Gewalt beitragen.[34] Die Geschichte der Terrorismusbekämpfung zeigt, dass dies möglich ist:[35] Durch Verhandlungen mit Staaten vertiefen sich bei Terrorgruppen häufig bereits vorhandene innere Spaltungen zwischen Hardlinern einerseits und moderaten Kräften und weniger Entschlossenen andererseits. Wenn letzteren Amnestie angeboten wird, steigen sie oft aus dem Kampf aus. Dadurch wird die Terrorgruppe auf ihren besonders radikalen Kern reduziert, was es erleichtert, diesen im Anschluss gezielt militärisch zu besiegen. Eine solche kombinierte Strategie ist weitaus erfolgversprechender, um Boko Haram zu bezwingen, als die bisherige einseitige Fokussierung auf militärische Mittel.

Neben der kurzfristigen Bekämpfung ist aber auch eine langfristige Strategie nötig, um die Entstehung weiterer gewaltbereiter Gruppen wie Boko Haram zu verhindern. Dafür bedarf es tief greifender politischer Reformen durch Nigerias Regierende. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen im Land müssen dringend verbessert werden, um den Nährboden für Terrorismus zu beseitigen. Mit Blick auf Nordnigeria und vor allem den durch Boko Haram weiter zurückgeworfenen Nordosten braucht es besonders umfangreiche Entwicklungsbemühungen. Zudem müssen die Verantwortlichen der Sicherheitskräfte, die Boko-Haram-Anführer und die politischen Unterstützer der Bewegung für die Gewalttaten zur Rechenschaft gezogen werden.[36] Bisher kommen sie fast alle mit Straffreiheit davon, vor allem, da sie Beschützer aus der politischen Elite haben. Es ist daher nicht weniger nötig, als Nigerias Patronage-Politik zu überwinden und eine Demokratisierung einzuleiten, in der gute Regierungsführung und Rechtsstaatlichkeit etabliert werden. Wandlungsprozesse in diese Richtung kommen – trotz der vielen engagierten NGOs und der freien und kritischen Presse – bisher aber nur sehr langsam in Gang. Für die Regierenden besteht weiterhin wenig Anreiz, einen grundlegenden Wandel voranzubringen, da sie von den Verteilungsnetzwerken stark profitieren.

Europa und andere westliche Länder sollten diese Transformationsprozesse in Nigeria daher umfangreich unterstützen, um Reformen zu beschleunigen. Da mehr als zwei Drittel der Erdölexporte Nigerias nach Nordamerika und Europa gehen, steht dafür ein machtvoller Hebel zur Verfügung.[37] Dieser sollte in den diplomatischen Beziehungen mit Nigeria stärker eingesetzt werden, um eine am Gemeinwohl orientierte Politik, die Etablierung rechtsstaatlicher Verfahren und insbesondere die Wahrung der Menschenrechte im Kampf gegen Boko Haram einzufordern. Des Weiteren sollten mittels Entwicklungszusammenarbeit und dem Engagement religiöser Akteure Entwicklungsanstrengungen im Land gefördert werden. Von besonderer Wichtigkeit sind dabei Projekte, die Grundbedürfnisse wie Gesundheit und Bildung befriedigen, traumatisierten Menschen helfen und Versöhnungsprozesse fördern. Neben den Regierenden im Westen können sich aber auch interessierte Bürger zur Verbesserung der Lage in Nigeria und der Überwindung der Gewaltursachen einsetzen. NGOs, kirchliche Träger und Menschenrechtsorganisationen bieten dabei Möglichkeiten zur Beteiligung.

Fazit

Boko Haram ist nicht, wie es auf den ersten Blick erscheint, aus transnationalen Terrornetzwerken und religiösen Ursachen und Motiven entstanden, sondern primär aus lokalen politischen Missständen und Konflikten. Daher agiert die Gruppe fast ausschließlich in der lokalen Kampfarena und nicht als Teil transnationaler Terrornetzwerke gegen den Westen.

Während von Boko Haram nicht generell auf die Entstehungsursachen, Eskalationsdynamiken und Kampfstrategien von islamistischen Terrorgruppen geschlossen werden kann, gibt es trotzdem einige Indizien dafür, dass der Fall stellvertretend für viele Gruppen steht. So wie Boko Haram sind die meisten islamistischen Terrorgruppen in Westafrika – darunter Gruppen aus Algerien, Mali und Somalia und darüber hinaus – in einem spezifischen, lokalen Konfliktkontext entstanden. Die meisten von ihnen kämpfen vor allem gegen die lokale Regierung und unterhalten zudem nur lose Verbindungen zu den transnationalen Terrornetzwerken von Al-Qaida und dem "Islamischen Staat", die auch nur in begrenztem Umfang Ressourcen und moralische Unterstützung an ihre lokalen Partner transferieren. Zwischen diesen Gruppen bestehen generell starke Spaltungen, weshalb nicht von einem geeinten Block aus dschihadistischen Terrorgruppen ausgegangen werden sollte.[38] Auch das Territorium, das diese Gruppen kontrollieren, sollte nicht überschätzt werden. Selbst die sehr aktive Boko Haram kontrollierte auf dem (bisherigen) Höhepunkt ihrer Rebellion nur etwa zwei bis drei Prozent der Landesfläche Nigerias.

Was es den islamistischen Bewegungen generell erschwert, Territorium zu erobern und ihre Aufstände auszudehnen, ist indes die Tatsache, dass die große Mehrheit der Muslime in der Welt den gewaltsamen Kampf ablehnt.[39]

Fußnoten

33.
Vgl. Andreas Hasenclever/Jan Sändig, Religion und Radikalisierung? Zu den säkularen Mechanismen der Rekrutierung transnationaler Terroristen im Westen, in: Der Bürger im Staat, 4 (2011), S. 204–213.
34.
Siehe dazu auch den Beitrag von Anna Mühlhausen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
35.
Vgl. A.K. Cronin (Anm. 12), S. 71f.
36.
Vgl. International Crisis Group (Anm. 20), S. 42f.
37.
Vgl. Organization of Petroleum Exporting Countries, Statistics Unit, Annual Statistical Bulletin, Wien 2015, S. 49.
38.
Vgl. C. Dowd/C. Raleigh (Anm. 30).
39.
Vgl. Pew Research Center (Anm. 11).
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