DDR-Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Helmstedt/Niedersachsen am 01.10.1989

24.6.2016 | Von:
Susanne Lachenicht

Religion und Flucht im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa

Asylgewährung

Was bedeutete es in der Frühen Neuzeit, als Flüchtling Asyl zu bekommen? Asyl meinte temporär oder dauerhaft gewährte Privilegien, die Individuen oder Gruppen zugestanden wurden und auf den ersten Blick oft sehr heterogen zu sein schienen. Ein komparativer Blick auf Asyl und Aufnahmeprivilegien zeigt jedoch – bei aller Diversität – Ähnlichkeiten: Gruppen von Flüchtlingen beziehungsweise Immigranten wurden im Europa der Frühen Neuzeit und in den Kolonien meist als separate Glaubensgemeinschaften angesiedelt. Die Verwaltung dieser "Fremdengemeinden" lag meist in der Hand der "Fremden" selbst und schloss neben der Organisation des religiös-konfessionellen Lebens Bildungs- und Sozialsysteme mit ein. In einigen Fällen wurde diesen Gemeinden auch ein eigenes Recht, eine eigene Jurisdiktion und Miliz, oft auch ein eigener Siedlungsraum zugestanden, dies vor allem dann, wenn Flüchtlinge an der frontier angesiedelt wurden. Für Asyl gewährende Staaten implizierte dies, dass sich die Fremdengemeinden weitgehend eigenständig um die Angehörigen ihrer "Nation" zu kümmern hatten beziehungsweise für diese in solidum gegenüber den Aufnahmestaaten zu haften hatten. Was man mit dem anachronistischen Begriff des Outsourcing beschreiben könnte, war frühneuzeitliche Rationalität: Bereiche, in denen die Kirchen verantwortlich für ihre Mitglieder waren, wurden auch an die Fremdengemeinden übertragen: Bildungswesen, Soziales, einschließlich Kranken-, Alten- und Armenversorgung, Sozial- und Familienrecht, soziale Kontrolle und Sozialdisziplinierung.

Das, was in der Forschung als ethnisch-religiöse Enklave, Sondergemeinschaft oder "fremde Nation" im frühneuzeitlichen Staat einschließlich seiner Kolonien beschrieben wird, war also bei der Gewährung von Asyl der Normalfall, wobei die Separatrechte dieser Enklaven unterschiedlich weit gingen und an der Peripherie eines Imperiums in der Regel weiter reichten als in der Metropole. Während sich beispielsweise Fremdengemeinden im England des 16. bis 18. Jahrhunderts englischem Recht und dem englischen Magistrat unterstellen, ab der Mitte des 16. Jahrhunderts einen Suprematseid schwören und sich offiziell der anglikanischen Bischofskirche unterwerfen mussten, gestaltete sich die ethnisch-religiöse Enklave an den Grenzen des ersten britischen Weltreichs, in den Provinzen und Städten der Niederlande und im Frankreich Ludwigs XIV. anders.

Presbyterianische Schotten wurden in Rotterdam in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als ethnische Enklave mit korporativem Status und eigenen Kirchen etabliert.[29] In Amsterdam entwickelte der Magistrat ein ähnliches Modell für die sephardische Gemeinschaft. Die als "portugiesische Nation" bezeichneten Sepharden behandelten die Stadtväter als religiöse und ethnische Enklave. Sie gestatteten ihnen in der zweiten Dekade des 17. Jahrhunderts, eine Synagoge zu errichten. In den 1620er Jahren bekam die sephardische Gemeinde eine eigene Verwaltung, die sich um das religiöse Leben, Armenfürsorge, Steuereinziehung, koscheres Schächten und die Vertretung der sephardischen Gemeinschaft gegenüber dem Rat der Stadt kümmerte.[30]

Auch in Frankreich gab es in Bordeaux eine sephardische Gemeinde – von den königlichen Autoritäten als nation bezeichnet –, die nach einem Amsterdam ähnlichen Modell angesiedelt und mit Privilegien ausgestattet worden war. Sie hatte eigene Synagogen, eine interne Administration, Badehäuser, ein Erziehungs- und Schulwesen, eine Sonderbesteuerung, Armenfürsorge und eine eigene Jurisdiktion für religiöse und soziale Belange.[31]

Welche Rolle spielten Flüchtlinge, wenn es um die Gewährung von Asyl und Aufnahmeprivilegien ging? Weniger der einzelne Flüchtling als für ihren Glauben verfolgte Gruppen beziehungsweise das, was in der Diasporaforschung als gate-keeper bezeichnet wird – Pastoren, Priester, militärische Führer, Kaufmannsfamilien, Rabbis, Imame –, hatten bei der Aushandlung von Asyl eine nicht zu unterschätzende Rolle inne.

Als conditio sine qua non galt der Schutz beziehungsweise die Aufrechterhaltung des Bekenntnisses, für das die Flüchtlinge in ihrer Heimat verfolgt worden waren. Das, was man heute als ethnische beziehungsweise religiöse Identität bezeichnen würde, sollte durch Strukturen geschützt werden, die zunächst eine Binnenintegration der Flüchtlinge und die "Bewahrung" von Glaube und Identität hervorbringen sollten. Anders gesagt, die ethnisch-religiöse Enklave entsprach den Zielen der gate-keeper von Glaubensflüchtlingen.[32] Mit dem Pochen auf Sonderrechten der Fremdengemeinden gingen Versuche einher, parallel eine Gleichstellung mit anderen Untertanen zu erreichen. Denization oder Naturalisierung wurden im ersten britischen Empire auf der individuellen Ebene wichtig, ebenso der Erwerb der Bürgerschaft beispielsweise in Amsterdam oder Rotterdam bei gleichzeitiger Integration in die ethnisch-religiösen Enklaven.

Auffallend ist die genaue Kenntnis der gate-keeper von Glaubensflüchtlingen, was anderen Flüchtlingen zuvor gewährte Privilegien anging. Vor allem das Edikt von Potsdam von 1685 wurde zu einem maßgeblichen Dokument, an dem sich Asyl- beziehungsweise Privilegienforderungen nicht nur von Hugenotten, sondern auch von anderen Flüchtlingen orientierten. Das Edikt gewährte Hugenotten die Etablierung von "Colonien" mit eigenen Kirchen, Schulen, einer eigenen Jurisdiktion in Colonieangelegenheiten, eigenem Recht, Steuerfreiheit für zehn Jahre, Land und Baumaterialien, Finanzhilfen beim Aufbau von Handwerksbetrieben und Manufakturen. Vom Dienst im Militär und Einquartierungen waren sie befreit; Glaubensfreiheit wurde gewährt. Allerdings mussten die brandenburgischen Hugenotten den Kurfürsten als geistliches Oberhaupt ihrer Kirchen anerkennen – was ebenso wie in England eigentlich gegen französisch-reformierte Prinzipien der Kirchenhierarchie verstieß. Hugenotten bildeten so die nation française im brandenburgisch-preußischen Staat, wie dies immer wieder die Dekrete des Landesfürsten betonten.[33]

Auf diese einmal für Brandenburg gewährten Privilegien beriefen sich nicht nur Hugenotten, als sie die englische Krone 1685 um Aufnahmeprivilegien baten, in der "Humble proposition faite au Roye et à son Parlément pour donner retraite aux étrangers protestants et aux prosélites dans ses Colonies de l’Amérique et surtout en Caroline". In Irland hingegen forderten Hugenotten dieselben Privilegien ein, die Schotten und Engländern ab 1607 im Zuge der "Ulster Plantation" gewährt worden waren.[34] Als 1709 Schweizer Protestanten in den britischen Kolonien in Nordamerika angesiedelt worden waren, beriefen sie sich wiederum auf die Privilegien der Hugenotten, die diesen knapp 20 Jahre zuvor zugestanden worden waren.[35]

Die "State Papers" der Könige von England sind voll von Petitionen unterschiedlichster protestantischer Flüchtlingsgruppen, in denen Privilegien gefordert und der Wert der Flüchtlinge für Wirtschaft, Kultur, Militär oder Landesausbau der potenziellen Aufnahmestaaten deutlich gemacht werden soll: Hugenotten warben für sich mit ihrer kulturellen Überlegenheit, mit ihrem Handwerks- oder Manufakturwesen, Sepharden mit ökonomischen Netzwerken, ebenso wie presbyterianische Schotten oder Schweizer Calvinisten. Im Fall der "Declaration of Hampton Court" von 1681, die Hugenotten in England Aufnahme gewährte, sind fast alle Forderungen erfüllt, die hugenottische Diplomaten in Petitionen an die Krone und den Bischof von London gefordert hatten: denization beziehungsweise Naturalisierung, freier Zugang zu allen Zünften und zu englischen Bildungsinstitutionen, Steuerfreiheit für ins Land mitgebrachte Güter, Armenhilfe und Glaubensfreiheit.[36]

Fazit

Asyl in der Frühen Neuzeit beruhte zu einem größeren Teil auf utilitaristischen Interessen frühneuzeitlicher Staaten und Städte, die von den Glaubensflüchtlingen selbst im Sinne von zu erfüllenden Erwartungen genährt wurden. Asyl beziehungsweise die langfristige Aufnahme von Flüchtlingen wurde besonders dann von frühneuzeitlichen Staaten und Städten gewährt, wenn man sich besonders viel von den Flüchtlingen erwartete. Anders gesagt: Die Akteure frühneuzeitlicher Staatenbildung, der Rationalisierung von Wirtschaft, Militär, Verwaltung, Landesausbau und Kolonisation versuchten, frühneuzeitliche Fluchtbewegungen für sich nutzbar zu machen, und fanden in den Vertretern der Gruppen von Glaubensflüchtlingen zum Teil willige Verhandlungspartner, im Sinne einer – um einen weiteren anachronistischen Begriff zu bemühen – Win-win-Situation. Problematisch wurde es für Glaubensflüchtlinge, wenn Erwartungen nicht erfüllt wurden, wenn die Realitäten des Elends von Vertreibung oder Flucht die ersten Jahre und Jahrzehnte nach der Gewährung von Asyl und Aufnahme mitbestimmten.

Für die Frühe Neuzeit im Unterschied zu heute typisch ist neben vielen anderen Bereichen das Nichtvorhandensein von Rechtsgleichheit oder rechtlicher Gleichstellung und langfristiger Rechtssicherheit. Privilegien konnten zurückgenommen werden, viele Flüchtlinge wurden den "autochthonen" Untertanen nicht gleichgestellt. Dass Privilegien, Sonderrechte, unterschiedlicher Rechtsstatus, parallele, nicht vom Staat kontrollierte Sozial-, Werte-, Bildungs- und auch Rechtssysteme im frühneuzeitlichen Staat nebeneinander existieren konnten, dass es "fremde Nationen" als ethnische Enklaven mit Sonderrecht und Sonderjurisdiktion quasi als "Parallelgesellschaften" gab, ist die Konsequenz der frühneuzeitlichen ethnischen Enklave. Dies hieß allerdings nicht, dass Kontakte zu anderen Gruppen oder "Nationen" im frühneuzeitlichen Staat nicht stattfanden, dass keine – wie wir das heute nennen würden – Integration stattfand, im Gegenteil. Die ethnisch-religiöse Enklave der Frühen Neuzeit, die "fremde Nation" im Untertanenverband, ist allerdings in einem modernen, auf Rechtsgleichheit und -sicherheit für alle Individuen basierenden freiheitlich-demokratischen Staat undenkbar.

Damals wie heute unterliegen Flüchtlinge einem starken Spannungsverhältnis. Sie fliehen vor Verfolgung, die oft ethnisch-religiös motiviert ist, aufgrund von identitären Selbst- und Fremdzuschreibungen. Damit einhergehen kann – muss aber nicht – im Aufnahmeland der Versuch, diese ethnisch-religiös definierte Identität zu bewahren, gerade auch durch Institutionen wie Kirchen, Moscheen, Vereine, Kulturzentren. Gleichzeitig gab und gibt es die Notwendigkeit der rechtlichen, wirtschaftlichen, sozialen und bis zu einem gewissen Grad auch kulturellen Integration.

Was die Frühe Neuzeit und die Gegenwart diametral unterscheidet, ist der Kontext: Für Erstere prägend sind Ständegesellschaft, Korporationen, ein schwacher Staat, das Fehlen einer Staatsverfassung, nicht vorhandene Rechtsgleichheit, fehlende universelle Menschen- und Freiheitsrechte; für Letztere Staatsverfassungen, Rechtsgleichheit, Menschenrechte, individuelle Freiheiten, starke staatliche Institutionen mit Monopolen nicht nur im Sinne eines Gewaltmonopols, Institutionen, die sich heute sehr viel mehr als in der Frühen Neuzeit auch auf den Bildungs- und Sozialsektor erstrecken – eine Gegenwart, in der die Freiheit und Gleichheit des Individuums betont und Gruppenrechte und -privilegien immer dem allgemein geltenden Recht untergeordnet werden beziehungsweise nur in diesem verfassungsmäßig gesetzten Rahmen möglich sind.

Fußnoten

29.
Vgl. Douglas Catterall, Scots and Portuguese Migrants in the United Provinces (16th–17th Centuries), in: S. Lachenicht (Anm. 9), S. 53–80, hier: S. 70–74.
30.
Vgl. ebd., S. 75–80.
31.
Vgl. D. Cesarani (Anm. 28), S. 2–5.
32.
Vgl. Susanne Lachenicht, Etude comparée de la création et de la survie d’une identité huguenote en Angleterre et dans le Brandebourg au XVIIIe siècle, in: Philip Benedict/Hugues Daussy/Pierre-Olivier Lechot (Hrsg.), L’Identité huguenote. Faire mémoire et écrire l’histoire (XVIe–XXIe siècle), Genf 2014, S. 279–294.
33.
Vgl. S. Lachenicht (Anm. 5), S. 168–193.
34.
Vgl. ebd., S. 73–85.
35.
Vgl. ebd., S. 88.
36.
Vgl. ebd., S. 59–62, S. 111ff.
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