Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Gerhard Henkel

Geschichte und Gegenwart des Dorfes

Das moderne Dorf

In den vergangenen 200 Jahren hat das Dorf wirtschaftlich, sozial und vom Dorfbild her eine neue Identität gewonnen (wie natürlich auch die Stadt). Die alte Agrargesellschaft, die um 1800 noch den ganzen Staat prägte, gilt nun auch auf dem Land nicht mehr. Es gibt nur noch wenige Gemeinsamkeiten zwischen dem alten und dem modernen Dorf. Aber dennoch ist das frühere Dorf nicht völlig verschwunden. Es wirkt weiter: durch seine alten Gebäude, durch den Boden, den Bach, den Wald, das Lokalklima, das man seit Generationen kennt, durch Geschichten, Erinnerungen und Wertvorstellungen, die man weitergibt.

Wie sieht nun ein typisches Dorf von heute aus? Zunächst ist eine grundsätzliche Einschränkung zu machen: Natürlich gibt es nicht das typische deutsche Dorf! Die enormen Unterschiede zwischen den rund 35.000 deutschen Dörfern verbieten es eigentlich, ein typisches Dorf auszuwählen. Wie groß sollte dieses Dorf sein, soll es 300 oder 3.000 Einwohner haben? Soll es in der Nähe einer Großstadt liegen oder "weit ab" in Mecklenburg oder der Oberpfalz? Aus welcher deutschen Region soll es sein: aus den Küstengebieten und dem Tiefland, dem Mittelgebirge oder dem Alpenvorland? Soll es ein Börden- oder ein Winzerdorf sein? Welche ökonomischen Schwerpunkte soll das Dorf haben? Ist das Dorfbild eher durch historische oder moderne Bauten geprägt – welchen Stellenwert haben kulturelles Erbe und Traditionspflege? Soll ein wachsendes oder schrumpfendes, ein lebendiges oder ein lethargisches Dorf ausgesucht werden?

Wir wählen ein mittelgroßes Dorf mit etwa 1.000 Einwohnern und nennen es "Kirchhusen". Es liegt irgendwo in der Mitte Deutschlands, etwa 35 Kilometer von einer kleineren Großstadt entfernt. Das Dorf hat klar erkennbar noch einen historischen Kern mit Kirche, Schulgebäude und älteren Bauernhäusern. Hier präsentiert sich das Dorf mit seinen "schönen" Seiten. Aber es gibt auch "normale" Dorfbilder, wo sich Altes und Neues kunterbunt mischt, und auch ein paar "hässliche" Ecken. Am Dorfrand befinden sich zwei Neubaugebiete, das eine relativ geschlossen aus den 1950er Jahren, ein zweites mit Häusern der 1960er Jahre bis heute. Nur noch in zwei Bauernhäusern des Dorfkerns wird heute Landwirtschaft (im Nebenerwerb) betrieben, die übrigen werden als Wohnhäuser genutzt. In ein ehemaliges Bauernhaus ist ein Antiquitätengeschäft eingezogen, in ein weiteres ein Handwerksbetrieb, zwei alte Hofstellen stehen weitgehend leer. Die lokale Landwirtschaft wird heute hauptsächlich von mehreren Aussiedlerhöfen aus betrieben, die von 1955 bis 1975 in der Feldflur errichtet worden sind. Neben den Landwirten gibt es in Kirchhusen heute noch einige Handwerksbetriebe: eine Tischlerei, einen Elektro- und Sanitärbetrieb, eine Bäckerei, einen Kfz-Betrieb mit Tankstelle, dazu kommen eine Versicherungsagentur, ein Steuerberater und ein Architekturbüro. Zur Infrastrukturversorgung gehören ein Kindergarten, ein Feuerwehrhaus, ein Lebensmittelladen (der in Kürze schließen wird), ein Gasthof mit Saal und Kegelbahn, eine Bankfiliale und eine Postagentur. Die lokale Volksschule musste im Rahmen einer großen Schulreform vor etwa 40 Jahren, die Grundschule schließlich vor 20 Jahren aufgegeben werden, was bis heute bedauert wird. Seit einigen Jahren ist die örtliche Kirchengemeinde Teil eines Pastoralverbundes und muss sich inzwischen mit zwei Nachbargemeinden einen Pfarrer teilen. Zur Erfolgsbilanz des Dorfes zählt sein hoher Standard an technischer Infrastruktur: die Wasserver- und -entsorgung, das Strom- und Gasnetz, die Versorgung mit den modernen Kommunikationsmedien Telefon, Fernsehen und Internet.

Generell hat unser Dorf in den zurückliegenden Jahrzehnten einen Großteil seiner Arbeitsplätze und Infrastruktureinrichtungen verloren, vor allem in der Landwirtschaft und im lokalen Handwerk. Außerdem haben in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Dorfläden und Gasthöfe geschlossen. Die Dorfbewohner haben ihren Arbeitsplatz heute überwiegend außerhalb des Dorfes – sie sind zu Pendlern geworden. Viele Dorfbewohner üben heute ehemals "städtische" Berufe aus: Sie sind Arbeiter und Angestellte in Industrie- und Gewerbebetrieben oder Beamte in Kreis-, Finanz- oder Justizverwaltungen. Ihre täglichen Ziele sind benachbarte Kleinstädte oder auch die 35 Kilometer entfernte Großstadt.

Zu den Errungenschaften des heutigen Dorfes gehören seine Sport-, Freizeit- und Kultureinrichtungen. Diese werden überwiegend von Vereinen getragen, so auch in Kirchhusen. Der Sportverein betreibt zwei Rasensportplätze und eine kleine Sporthalle, der Tennisverein zwei Tennisplätze, jeweils mit einem zugehörigen Sportheim. Dazu kommen drei Spielplätze, die von einem Förderverein gepflegt werden. Den kulturtreibenden Dorfvereinen steht eine Begegnungsstätte – im historischen Schulgebäude – zur Verfügung. Ein recht aktiver Heimatverein hat eine kleine Heimatstube mit lokalgeschichtlichen und naturkundlichen Schriften und Exponaten aufgebaut und außerdem einen Lehrpfad am Dorfbach und am stillgelegten Steinbruch angelegt. Zwei Musikvereine sind wie die beiden Sportvereine das ganze Jahr über aktiv und betreiben eine breite Jugendarbeit.

Und wie steht es mit der kommunalen Selbstverwaltung? Jahrhundertelang war Kirchhusen eine eigene, selbstständige Gemeinde. Seit der kommunalen Gebietsreform von 1975 ist es jedoch nur noch "Ortsteil" einer neu geschaffenen Einheitsgemeinde. Statt eines eigenen Gemeinderats mit (früher) zwölf Mitgliedern wird der Ort heute durch zwei Dorfbürger im Großgemeinderat vertreten. Es gibt keinen eigenen Bürgermeister mehr. Mit der kommunalen Gebietsreform der 1960er/1970er Jahre ist die in Jahrhunderten gewachsene politische Selbstverantwortung des Dorfes in Kirchhusen, wie vielerorts auch, gebrochen worden.

In Kirchhusen wie in der Mehrzahl der deutschen Dörfer besteht die Identität von Dorf und Gemeinde nicht mehr. Entsprechend verkümmert ist das kommunalpolitische Selbstbewusstsein. Trotzdem hat sich der Ort auf Dauer nicht unterkriegen lassen: So besteht seit zwei Jahren ein neuer, integrativer "Förderverein Unser Dorf", der sich mit Grundsatzfragen der aktuellen und zukünftigen Dorfentwicklung befasst und in gewisser Weise die Arbeit des früheren Gemeinderats und Bürgermeisters fortsetzt. Ein wichtiger Vorzug des Dorfes ist das Engagement in der Dorfgemeinschaft, manchmal auch als "soziales Kapital" bezeichnet. Diese Werte sind nicht leicht zu fassen. Die Statistiken belegen zum Beispiel eine deutlich höhere Vereinsdichte beziehungsweise Vereinszugehörigkeit auf dem Land als in Mittel- und Großstädten. Auch in Kirchhusen sind praktisch alle Kinder und Jugendlichen sowie die große Mehrheit der Erwachsenen in mindestens einem der Sport – und Musikvereine, der Feuerwehr oder dem Schützenverein aktiv. Neben den Vereinen bestehen im Dorf enge Verwandtschafts-, Nachbarschafts- oder Cliquenverbindungen, die durch ein ständiges Austauschen von Gütern, Geräten und Dienstleistungen geprägt sind. Man trifft sich zu privaten Feiern und hilft sich beim Bauen oder im Garten, bei der Betreuung von Kindern, Kranken und älteren Menschen. Dieses ständige Geben und Nehmen trägt – neben einer sehr hohen Eigenheimquote – zu einem relativ hohen Wohlstand des Dorfes bei. Ein weiterer Vorzug des Dorfes ist seine Naturnähe. Sie bietet in Feld, Wald und Garten eine unmittelbare Chance der Erholung, Entspannung, Freizeitnutzung und körperlichen Betätigung. Vor allem der dörfliche Garten gilt inzwischen als ein Kernbestand ländlicher Lebensqualität.

Durch Schule, Urlaub und Beruf haben viele Bewohner von Kirchhusen schon seit Kindesbeinen an Kontakte mit dem Ausland. Manche sind durch ihr Studium oder für ihre Firmen monatelang auf anderen Kontinenten tätig. Das Dorf selbst ist regelrecht bunter geworden durch zahlreiche Zuwanderer aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland. Einige sind schon seit Jahrzehnten in Kirchhusen und bewohnen ehemalige Bauern- und Handwerkerhäuser. Im Vergleich zu 1800 zeigt sich das heutige Dorf weltoffen. Der Dorfbewohner ist zum Globetrotter geworden, er bleibt aber "seinem Kirchhusen" als Basisstation verbunden.

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