Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Heinrich Becker
Gesine Tuitjer

Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012

Kontinuität des Forschungsprogramms unter veränderten Rahmenbedingungen

Wiederholungsuntersuchungen zum Wandel ländlicher Lebensverhältnisse in Dörfern über einen Zeitraum von 60 Jahren müssen sich – wollen sie wahrgenommen werden und Antworten zu aktuellen Fragen liefern – in ihrer Ausrichtung auch an Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft, mehr aber noch an die Veränderungen der Lebensverhältnisse selbst anpassen. So wurde etwa den Veränderungen vor Ort durch die fallweise Erweiterung der Untersuchungsgebiete Rechnung getragen.[10]

Die strukturellen und konzeptionellen Gemeinsamkeiten machen aus dem lockeren Zusammenhang von vier Einzeluntersuchungen ein gemeinsames Projekt: Das stärkste Bindeglied zwischen den Einzeluntersuchungen ist ihr Anspruch, die Menschen vor Ort als Experten ihrer Lebensverhältnisse in die Studien einzubinden.[11] Als Teil dieses Anspruchs werden seit 1993 die Ergebnisse den Einwohnern in jedem der Untersuchungsorte vor Abschluss der Forschungsarbeit präsentiert und diskutiert. Das Alltagsleben der Menschen zieht sich als roter Faden durch alle vier Untersuchungsfolgen und garantiert so die Aktualität der Ergebnisse unter den jeweiligen Verhältnissen und Bedingungen.

Die Untersuchungsfolgen haben den Veränderungen durch die Auswahl von jeweils aktuellen Untersuchungsthemen zu Einzelaspekten des Wandels Rechnung getragen.[12] Hieraus folgt die interdisziplinäre Struktur der Untersuchungen, die sich aus der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachrichtungen[13] ergibt.

Untersuchungen im Bann der Einwohnerentwicklung

Alle Untersuchungen – dies ist ein weiterer gemeinsamer Faktor – fanden vor dem Hintergrund öffentlich diskutierter, von der Anziehungskraft großer Städte gespeister Sorgen um die demografische Entwicklung in ländlichen Räumen statt. In rückläufigen Einwohnerzahlen schlägt sich – so die Annahme – die negative Entwicklung regionaler Wirtschaftstätigkeiten und der Lebensbedingungen kumuliert nieder. Abwanderung gilt in diesem Zusammenhang als eine Art Abstimmung der Menschen mit Füßen über die örtlichen Bedingungen.

Geradezu prototypisch für ein solches Szenario einer wirtschaftlich induzierten Bevölkerungsabnahme kann die Entwicklung eines Teils der westdeutschen Untersuchungsdörfer im 19. Jahrhundert gelten. Auf den Zusammenbruch des örtlich bedeutsamen hausgewerblichen Leinenwebens im Zuge der Industrialisierung folgten Abwanderungen und Rückgänge der Einwohner. Leinenweben war beispielsweise die Existenzgrundlage eines Großteils der Bevölkerung in dem Leinenweberdorf Freienseen und in Westrup, das zur Leinen-Exportwirtschaft des Minden-Ravensburger-Raums gehörte. Selbst der vollständige Untergang dieser Erwerbsgrundlage löste jedoch keineswegs eine Spirale im Sinne eines irreversiblen und sich selbst verstärkenden Prozesses aus.

Aufgrund höchst unterschiedlicher örtlicher und regionaler Faktoren entwickelten sich die Einwohnerzahlen in den Untersuchungsorten sehr unterschiedlich. Einigen Untersuchungsorten gelang es relativ zügig, an dem allgemeinen und massiven Bevölkerungswachstum seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu partizipieren. In anderen Orten blieb die Bevölkerung weitgehend unverändert. Es gab aber auch Orte, in denen über lange Zeit die Einwohnerzahlen zurückgingen. Im Laufe der langfristigen Entwicklung kam es dabei zu Vorzeichenwechsel der Einwohnerentwicklung.

Die völlig veränderten Bedingungen der Gegenwart mit ihren regional differenzierten wirtschaftlichen wie auch demografischen Entwicklungen sind einerseits durch einen ausgeprägten Wettbewerb um Einwohner zwischen Wohnorten, Dörfern wie Städten, gekennzeichnet, andererseits aber auch durch die vielfältigen kommunalpolitischen Versuche, steuernd in diese Prozesse einzugreifen. Infolge der Differenzierung versuchen einerseits Untersuchungsdörfer durch Baulandausweisungen, Infrastrukturausbau und Vergünstigungen, Einwohner, insbesondere junge Familien, anzulocken. Andere Untersuchungsdörfer in Regionen mit einem deutlichen Bevölkerungswachstum und einer großen Nachfrage nach Bauland versuchen die Entwicklung so zu steuern, dass auch Einheimische noch die Chance haben, Grundstücke zu erwerben. Auf die örtliche Bevölkerungszahl in verschiedenen Untersuchungsdörfern wirkt zudem die Ausweisung von Wohnungsschwerpunkten innerhalb der Gemeinden. Durch eine solche Ausweisungspolitik der Großstadt Göttingen beispielsweise ist Elliehausen zu einem bevorzugten Wohndorf dieser Großstadt geworden.

In orts- oder auch regionalspezifisch andauernden Prozessen der Bevölkerungsentwicklung stellen die vier Untersuchungsfolgen nur Momentaufnahmen dar. Dieser Sachverhalt zeigt sich deutlich an der Einordnung der "Rückstandsdörfer" Bockholte und Spessart in der Untersuchung von 1952. Die prekäre Situation der Dorfbevölkerung zu diesem Zeitpunkt führten die Wissenschaftler überzeugend auf die geringen Einkommensmöglichkeiten vor Ort beziehungsweise auf eine "Überbevölkerung" im Hinblick auf die regional-ökonomischen Möglichkeiten zurück. Die Bevölkerung in beiden Dörfern reagierte aber keineswegs mit einer starken Abwanderung, sondern erschloss sich, oft gehalten durch eigenen kleinen Landbesitz, in einem langen und oft sehr mühevollen Prozess weitere Einkommensmöglichkeiten. Heute weist Bockholte einen anhaltenden Einwohnerzuzug als Folge einer ausgesprochen dynamischen Wirtschaftsentwicklung in dem unmittelbar angrenzenden Hauptort der gleichnamigen Gemeinde Werlte und des Emslandes auf. Spessart ist heute in einem durch hohen Wettbewerb um Einwohner gekennzeichneten, demografisch schwierigen Umfeld durch stabile Einwohnerzahlen und eine ausgesprochen positive gewerbliche Standortentwicklung gekennzeichnet.

Exponiertes Beispiel für eine von einem mehrfachen Wechsel der Vorzeichen geprägte Einwohnerentwicklung ist der Untersuchungsort Gerhardshofen. Die Phase eines mehr als 100 Jahre anhaltenden Bevölkerungsrückgangs löste nach langen und oft vergeblichen Bemühungen der Gemeinde erst in den 1980er und 1990er Jahren ein starkes Bevölkerungswachstum ab. Auf Basis guter regionalwirtschaftlicher Entwicklungen und Unternehmensansiedlungen im Ort lag die Ursache vor allem in der Ausweisung von attraktivem Bauland in Verbindung mit erfolgreichen Gewerbeansiedlungen. Gerhardshofen wurde zum Pendlerdorf. Das Bevölkerungswachstum hat wiederum seit 2008 leicht rückläufigen Bevölkerungszahlen Platz gemacht.

Die ostdeutschen Untersuchungsorte wurden von den Folgewirkungen der Wiedervereinigung mit der umfassenden und tief greifenden Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft vor massive Herausforderungen gestellt. Die Entwicklung ihrer Einwohnerzahlen war weitgehend bestimmt von starken Arbeitsplatzverlusten in der Landwirtschaft und in den regionalen Industrien, verbunden mit neu entstandenen beruflichen Alternativen in Westdeutschland. Zum Teil als Fortsetzung eines bereits weit in die DDR zurückreichenden Einwohnerrückgangs kam es in den 1990er und frühen 2010er Jahren in den ostdeutschen Untersuchungsdörfern zu deutlichen Einwohnerverlusten durch Abwanderung. Im Nachhall dieser Entwicklung haben beispielsweise die beiden Untersuchungsgemeinden Glasow und Krackow im Landkreis Vorpommern-Greifswald 2013 im Vergleich zu 1990 44 beziehungsweise 28 Prozent ihrer Einwohner verloren. Dies sind die höchsten Verluste innerhalb der ostdeutschen Untersuchungsorte. Zuzüge, in den Fällen von Glasow und Krackow in erster Linie auch aus dem nahen Polen, und eine sich stabilisierende wirtschaftliche Entwicklung sind erste Anzeichen für eine beginnende Konsolidierung der Einwohnerzahlen.

Langfristig betrachtet, sind die wiederkehrenden Befürchtungen um eine Entleerung ländlicher Räume weder für die west- noch die ostdeutschen Untersuchungsdörfer eingetreten. Alle Untersuchungsdörfer verzeichnen, deutlich beeinflusst auch durch kommunalpolitische Entscheidungen, sowohl Zu- als auch Fortzüge. Die jeweilige Größenordnung entscheidet über das Vorzeichen der Einwohnerentwicklung.[14] Eine oft vermutete besondere Abwanderungsbereitschaft eines Großteils der erwachsenen Wohnbevölkerung und mehr noch von Jugendlichen ist in den Untersuchungsorten nicht nachzuweisen. Zwar haben 25 Prozent der in der Studie befragten erwachsenen Einwohner schon einmal über Wegzug nachgedacht, und bei etwa der Hälfte spielten solche Überlegungen auch zum Zeitpunkt der Befragung im Frühjahr 2013 eine Rolle. Solche Überlegungen werden aber weitaus stärker als in allen anderen Untersuchungsorten von Menschen aus den wachsenden und durch dynamische Wanderungsprozesse geprägten, großen und stadtnahen Untersuchungsorten Elliehausen und Kusterdingen angestellt. Hauptursache für solche Überlegungen sind eigene berufliche Entwicklungsvorstellungen. In der Momentaufnahme der Untersuchung 2012 zeichnet sich das Untersuchungsfeld sowohl durch Untersuchungsorte mit wachsender oder stabiler Bevölkerung als auch Bevölkerungsabnahme aus.

Fußnoten

10.
Die ursprünglichen Orte bleiben im Datenmaterial identifizierbar. Vgl. BMEL, Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012, Berlin 2015, S. 12.
11.
Diesem Zweck dienten 2012 beispielsweise 3177 standardisierte Befragungen mit zufällig ausgewählten Einwohnern und knapp 400 offene, "qualitative" Gespräche. Vgl. ebd., S. 13.
12.
Die Auswahl der Fragestellungen und beteiligten Institute erfolgte für die Untersuchungswelle 2012 über eine zweistufige Ausschreibung. Vgl. ebd., S. 10.
13.
Die beteiligten Wissenschaftler und Institute der Untersuchungswelle 2012 waren: Luisa Vogt/Michael Kriszan (Institut für Green Technology und Ländliche Entwicklung der Fachhochschule Südwestfalen); Simone Helmle/Carmen Kuczera/Stefan Burkart (Institut für Sozialwissenschaften des Agrarbereichs der Universität Hohenheim); Andreas Keil/Charlotte Röhner/Ina Jeske/Michael Godau/Jennifer Müller (Fachbereich Bildungs- und Sozialwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal); Stephan Beetz/Anna-Clara Gasch/Alexander Voigt (Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida); Ralf Nolten/Maria Meinert (Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomie der Universität Bonn); Michaela Evers-Wölk/Britta Oertel (IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gemeinnützige GmbH); Heinrich Becker/Claudia Hefner/Gesine Tuitjer (Thünen-Institut für Ländliche Räume).
14.
Der Einfluss der aktuellen Flüchtlingszuwanderung nach Deutschland auf die Einwohnerentwicklung konnte in der Untersuchung nicht berücksichtigt werden, da diese erst zum Ende der Untersuchung (2012–2014) massiv einsetzte.
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