Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Heinrich Becker
Gesine Tuitjer

Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012

Heterogenität der Lebensverhältnisse

Die Entwicklung der Untersuchungsdörfer seit 1952 folgte keineswegs einem im Zeitverlauf regional identischen Muster. Immer eingebettet in jeweilige regionale Kontexte ging die Entwicklung der Untersuchungsdörfer auf örtliche Akteure zurück, die nicht immer frei von Rückschlägen die Möglichkeiten der Umgebung und staatliche Fördermaßnahmen in je spezifischer Art und Weise nutzten. Im Zuge dieser Prozesse haben auch die "Rückstandsdörfer" aus der ersten Untersuchung von 1952 diese Situation längst überwunden.

Die Untersuchungsdörfer sind auch heute nach Größe und Struktur sehr unterschiedlich. Sie hatten 2013 zwischen 160 (Glasow) und 3.750 (Falkenberg) Einwohner. Sie sind Ortsteile in Gemeinden, selbst Gemeinden oder im Fall des ursprünglich als stadtnah ausgewählten Untersuchungsdorfs Elliehausen ein Ortsteil der Großstadt Göttingen (116.891 Einwohner).

Das wirtschaftliche Rückgrat dieser Orte sind Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe und in Dienstleistungsunternehmen. Dieser Sachverhalt demonstriert den tief greifenden Wandel, den die einst kleinbäuerlichen Dörfer durchlaufen haben. Damit einher geht der deutliche Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe in einem Großteil der westdeutschen Untersuchungsdörfer. Der agrarstrukturelle Wandel in dem Untersuchungsort Westrup (557 Einwohner) steht beispielhaft für diese Entwicklung. 1952 hatte der Ort 119 landwirtschaftliche Betriebe. Gegenwärtig sind noch neun landwirtschaftliche Betriebe dort ansässig, davon sind vier Haupterwerbsbetriebe.[15] Als Arbeitsplatz für die Dorfbevölkerung ist die Landwirtschaft in solchen Untersuchungsorten nur noch von untergeordneter Bedeutung.

Von dem gängigen Bild des Agrarstrukturwandels mit einer Reduzierung auf einige wenige landwirtschaftliche Betriebe weicht die Entwicklung des Weinbaudorfs Bischoffingen deutlich ab. Der Weinbau prägt nicht nur das Image des Ortes und der Region Kaiserstuhl nachhaltig. Eine große Zahl von Weinbaubetrieben, teilweise mit eigener Kellerei und Vermarktung, und die Winzergenossenschaft sind für Bischoffingen auch aktuell ein wichtiger Arbeits- und Wirtschaftsbereich, in dem auch viele Saisonarbeitskräfte beschäftigt werden. In den ostdeutschen Untersuchungsorten stellen Großbetriebe, die aus den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) hervorgegangen sind, ein nicht unerhebliches wirtschaftliches Potenzial dar.

Ein großer Teil der Einwohner der Untersuchungsdörfer pendelt zur Arbeit aus. Insgesamt sind die Pendelentfernungen der Berufstätigen gering und keineswegs ausschließlich auf Metropolen oder Großstädte ausgerichtet. 80 Prozent der Befragten erreichen ihre Arbeitsplätze in einer Fahrzeit von weniger als 30 Minuten.

Gleichzeitig aber sind die Dörfer vielfach selbst in nicht unerheblichem Maß Sitz von Unternehmen des produzierenden Gewerbes und im Dienstleitungssektor. Dieser Sachverhalt gilt nicht nur für Untersuchungsorte mit einer besonderen Lagegunst, wie beispielsweise Kusterdingen (3.523 Einwohner und Lage zwischen der Universitätsstadt Tübingen und der industriell geprägten Großstadt Reutlingen), das auf eine weit zurückgehende Industrietradition blicken kann. Unternehmen finden sich in allen Untersuchungsorten, auch wenn sie nicht immer über solche Lagevorteile verfügen. In der niederbayrischen Gemeinde Falkenberg (3.750 Einwohner, die in 106 kleinen Orten und Weilern leben) liegt der aus einem Handwerksbetrieb hervorgegangene Sitz einer heute weltweit operierenden Holding.

Im Zuge solcher Gewerbeentwicklungen sind die Untersuchungsorte auch Ziel von Einpendlern. In der Eifel-Gemeinde Spessart (749 Einwohner) sind beispielsweise 112 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte tätig, davon pendeln 89 ein, und 283 Beschäftigte pendeln aus Spessart aus. Auch ostdeutsche Untersuchungsdörfer verzeichnen ähnliche Entwicklungen, wie das Beispiel der Gemeinde Finneland (1.126 Einwohner) im Süden Sachsen-Anhalts zeigt. In der Gemeinde tätig sind 169 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, von denen 110 in die Gemeinde einpendeln, während 458 Einwohner zu sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen auspendeln. Zu dem insgesamt positiven Bild hat die seit Jahren anhaltende wirtschaftliche Hochkonjunktur in allen ländlichen Räumen beigetragen.

Die Untersuchungsorte verfügen über sehr unterschiedliche Infrastrukturangebote. Die mitunter großen Unterschiede relativieren sich aber unter Einbezug der zum Teil direkt anschließenden Nachbarorte deutlich. In 9 der 14 Untersuchungsorte sind allgemeinärztliche Praxen ansässig. Im Untersuchungsdorf Bischoffingen hat sich im 60-jährigen Untersuchungszeitraum eine private Klinik entwickelt, die heute mit 75 Betten zu einem internationalen Krankenhauskonzern gehört. Der politisch geförderte Breitbandausbau steht in den letzten Untersuchungsorten vor dem Abschluss.

Die Existenz unterschiedlicher Lebensverhältnisse in den Untersuchungsdörfern war bereits 1952 konstitutiv für die erste Untersuchungsfolge. Im Zuge der Entwicklung hat die im deutlichen Gegensatz zu einfachen und einheitlichen Bildern des "Ländlichen" stehende Heterogenität der Lebensverhältnisse deutlich zugenommen: In der Gegenwart lassen unterschiedliche berufliche Tätigkeiten in verschiedenen Arbeitsorten und zu unterschiedlichen Arbeitszeiten, unterschiedliche familiäre Verpflichtungen und Freizeitinteressen hoch individuelle Alltagspraktiken der Bewohner entstehen. Die Automobilität ist dabei für die meisten Einwohner eine unabdingbare, zentrale Voraussetzung, um diese unterschiedlichen Anforderungen in Einklang zu bringen. Dementsprechend wird auch die dörfliche Infrastruktur höchst unterschiedlich genutzt und stellt lediglich ein Angebot dar.

Im Ergebnis weist das Forschungsprojekt "Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012" heterogene Entwicklungsprozesse zwischen den und in den Untersuchungsorten nach, die sich vereinfachenden Schematisierungen entziehen.[16] So unterschiedlich Untersuchungsorte, Lebensabschnitte ihrer Einwohner, ihre beruflichen Tätigkeiten, ihre individuelle Gestaltung des Alltags auch sind, die weit überwiegende Mehrheit der Einwohner in jedem der Untersuchungsorte, nicht nur bei den Erwachsenen, sondern auch bei den Kinder und Jugendlichen, lebt gerne in ihren Wohnorten.

Fußnoten

15.
In Haupterwerbsbetrieben wird das Einkommen zum überwiegenden Teil aus der landwirtschaftlichen Tätigkeit erwirtschaftet. Die übrigen landwirtschaftlichen Betriebe werden zusätzlich zu einem Haupterwerb in anderen Berufen bewirtschaftet.
16.
Politiken zur Förderung ländlicher Räume haben auf die Vielschichtigkeit der entsprechenden Prozesse seit Langem mit differenzierten Angeboten reagiert. Siehe dazu auch den Beitrag von Ulrike Grabski-Kieron in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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