Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Jutta Aumüller
Frank Gesemann

Flüchtlinge aufs Land? Migration und Integration im ländlichen Raum

Flüchtlingsaufnahme in ländlichen Regionen

In Deutschland werden Asylsuchende nach dem "Königsteiner Schlüssel" auf die Bundesländer verteilt. Dieser wird für jedes Jahr von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz auf der Grundlage der Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahlen der Länder berechnet.[4] 2016 müssen Nordrhein-Westfalen (21,2 Prozent), Bayern (15,5 Prozent) und Baden-Württemberg (12,9 Prozent) die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Insgesamt entfallen 75,7 Prozent der Flüchtlinge auf die westdeutschen und 15,7 Prozent auf die ostdeutschen Flächenländer sowie 8,5 Prozent auf die drei Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg. Der "Königsteiner Schlüssel" gilt allerdings nur für die Verteilung auf die Länder. Die Verteilung auf die Kommunen ist den Ländern überlassen und wird von diesen unterschiedlich gehandhabt.[5]

Über die tatsächliche Verteilung von Asylbewerbern und Flüchtlingen auf Länder und Kommunen im Spätsommer 2016 gibt es keine verlässlichen Daten. Allerdings mehren sich die Stimmen, die sich für die Entwicklung eines neuen, zielgerichteten und transparenten Verteilungsmechanismus aussprechen, der "vor allem die Wohnraum- und Versorgungskapazitäten sowie die Perspektiven für die Integration in den Arbeitsmarkt und das Bildungssystem in den Blick nehmen" sollte.[6] Hier stellt sich auch die Frage, inwieweit ländliche Regionen über unausgeschöpfte Kapazitäten verfügen, die stärker genutzt werden können, um insbesondere Großstädte zu entlasten.

Im Zuge der Asylzuwanderung 2015 zeigen sich unterschiedliche Erfahrungen, wie Geflüchtete in der örtlichen Bevölkerung akzeptiert werden. Diese reichen von einer grundsätzlichen Offenheit und Hilfsbereitschaft in der örtlichen Bevölkerung bis hin zu Ablehnung und massiven Widerständen. In der Praxis erweist es sich als vorteilhaft, die Zuweisung von Asylbewerbern frühzeitig und geplant an die örtliche Einwohnerschaft zu kommunizieren. Als akzeptanzbegünstigende Faktoren haben sich zudem die Unterbringung in dezentralen oder zumindest in kleineren Wohneinheiten sowie eine gute Kommunikation zwischen zuweisender Landesbehörde, der Kommune und der örtlichen Bevölkerung erwiesen.[7] Die Ergebnisse einer aktuellen Befragung von Verantwortlichen für die kommunale Flüchtlings- und Integrationspolitik zeigen, dass die Aufnahme und Integration von Geflüchteten in vielen ländlichen Regionen – im Unterschied zu Großstädten und bevölkerungsreichen Landkreisen – als relativ unproblematisch erachtet wird. Knapp 40 Prozent der Befragten in Kleinstädten und Gemeinden bewerten die Einhegung fremdenfeindlicher Proteste als eine (eher) unwichtige Aufgabe.[8]

Für die Aufnahme und Integration von Asylbewerbern und geduldeten Flüchtlingen im ländlichen Raum gibt es einige Besonderheiten im Vergleich zu anderen Migrantengruppen, die sich eher nachteilig auswirken. Dazu gehört der fehlende Anschluss an Mitglieder aus der Herkunftscommunity. Soziale Isolation macht es schwerer, die psychischen Folgen von Flucht und Verfolgung zu bearbeiten. Hierfür kann der Kontakt mit Menschen gleicher Herkunft sehr wichtig sein.

Soziale Beratungsangebote für Flüchtlinge beschränken sich im Allgemeinen auf einige zentrale Orte im Landkreis. Zudem fehlen nach Auskunft von Befragten in der Flüchtlingshilfe in den Kleinstädten zumeist Therapieangebote für traumatisierte Flüchtlinge. Therapiemaßnahmen scheitern entweder an Sprachhemmnissen, oder die Psychologen haben lange Wartezeiten oder sind nicht auf Traumatherapie spezialisiert.[9] Im Allgemeinen muss in solchen Fällen auf Therapiemöglichkeiten in entfernten Städten zurückgegriffen werden, wobei sich hier die eingeschränkte Mobilität von Flüchtlingen besonders negativ bemerkbar macht. Zwar wurde die Residenzpflicht von Asylbewerbern seit 2014 schrittweise gelockert, sodass sich der Bewegungsradius von Asylbewerbern und geduldeten Flüchtlingen – mit Ausnahme Bayerns und Sachsens[10] – inzwischen auf das jeweilige Bundesland ausgeweitet hat. Fehlende Nahverkehrsangebote aber machen eine Mobilität ohne eigenes Auto schwierig. Es ist daher keine Seltenheit, dass Flüchtlinge jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um in großstädtische Zentren umzuziehen, wo sie bessere Anschlussmöglichkeiten an ihre Community haben.

Ähnlich wie bei anderen Migranten kann ein kleinstädtischer Rahmen aber auch gewisse Integrationsvorteile für Flüchtlinge bieten, zumindest wenn sie anerkannt sind und über ein Mindestmaß an finanziellen Ressourcen verfügen. Dann bieten sich gute soziale Integrationsmöglichkeiten durch die Teilnahme am Vereinsleben und an den kulturellen Angeboten in der Kommune. Ländliche Regionen können zudem durchaus gute Bildungschancen für Flüchtlingskinder bieten, vor allem dann, wenn es engagierte Lehrkräfte gibt, die sich dieser Schülerinnen und Schüler besonders annehmen. In diesem Fall kann die Förderchance aufgrund der kleineren Community vor Ort und dem Umstand, dass die Betreuung durch die Lehrkräfte häufig intensiver ist, erhöht sein.

Eindeutig besser sind die Unterbringungsmöglichkeiten in ländlichen Regionen, da der Wohnungsmarkt weitaus entspannter ist und gerade in den dezentralen Orten häufig Wohnungsleerstand herrscht. Allerdings präferieren auch in Landkreisen Flüchtlinge eindeutig die Unterbringung in zentralen Orten.

Fußnoten

4.
Vgl. Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, Königsteiner Schlüssel von 2010 bis 2016, http://www.gwk-bonn.de/fileadmin/Papers/koenigsteiner-schluessel-2010bis2016.pdf«.
5.
Vgl. Frank Gesemann, Kommunale Flüchtlingspolitik, in: Karl-Heinz Meier-Braun/Reinhold Weber (Hrsg.), Deutschland Einwanderungsland. Begriffe – Fakten – Kontroversen, Stuttgart 20162.
6.
Wido Geis/Anja Kathrin Orth, Flüchtlinge regional besser verteilen. Ausgangspunkte und Ansatzpunkte für einen neuen Verteilungsmechanismus. Gutachten für die Robert-Bosch-Stiftung, 2016, S. 45, http://www.iwkoeln.de/_storage/asset/268526/storage/master/file/8755390/download/
Gutachten_Regionale_Verteilung_von_Fl%C3%BCchtlingen_IW_K%C3%B6ln.pdf
.
7.
Vgl. Jutta Aumüller/Priska Daphi/Celine Biesenkamp, Die Aufnahme von Flüchtlingen in den Bundesländern und Kommunen, Stuttgart 2015.
8.
Vgl. Frank Gesemann/Roland Roth, Kommunale Flüchtlings- und Integrationspolitik in Städten, Landkreisen und Gemeinden, Berlin 2016, S. 14.
9.
Vgl. Aumüller/Gesemann (Anm. 2), S. 140.
10.
In den Bundesländern Bayern und Sachsen beschränkt sich die Bewegungsfreiheit von Asylbewerbern auf den jeweiligen Regierungsbezirk.
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