Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Sigrun Langner

Rurbane Landschaften. Landschaftsentwürfe als Projektionen produktiver Stadt-Land-Verschränkungen

Projektionen hybrider Stadt-Land-Strukturen

Mit städtischen und ländlichen Räumen werden unterschiedliche sozialräumliche, funktionale und ästhetische Attribute verbunden. Diese stehen sich als Bild und Gegenbild komplementär gegenüber.[17] Doch nicht nur innerhalb lebenspraktischer Handlungsmuster verweben sich urbane und rurale Praktiken, Bilder und Orientierungsmuster, auch in landschaftsplanerischen und städtebaulichen, teilweise utopischen Raumentwürfen wurden und werden Modelle einer gelingenden Verbindung der positiv konnotierten Seiten von Stadt und Land entworfen und erdacht. Über solche Stadt-Land-Projektionen wird gleichzeitig ausgehandelt, wie eine Gesellschaft ist, sein kann, aber auch nicht sein soll. Das Ländliche dient hierbei häufig als Korrektivvorstellung einer als problembehaftet und krisenhaft wahrgenommenen urbanen Realität.

Idealvorstellungen einer gelingenden Verbindung von Stadt und Land entstanden beispielsweise als Reaktion auf die Probleme der industrialisierten und wachsenden Stadt: Ebenezer Howards Gartenstadtmodell (1898) will die jeweiligen Vorzüge der Stadt und des Landes miteinander verbinden und zugleich ein Idealbild des menschlichen Zusammenlebens sein; in Leberecht Migges "Grünem Manifest" (1919) wird ein Recht auf Selbstversorgung auch im urbanen Raum eingefordert, die ländliche Praktik der Subsistenzwirtschaft sollte dabei die lohnabhängigen städtischen Industriearbeiter emanzipieren. "Wer rettet die Stadt? Das Land rettet die Stadt. Die alte Stadt kann ihr Dasein nur retten, indem sie sich mit Land durchsetzt: Schafft Stadtland!"[18] In Frank Lloyd Wrights Broadacre City (1932/35) wird eine gesellschaftliche Utopie einer dezentral besiedelten Agrarlandschaft beschrieben, die gleichzeitig eine deutliche Sozialkritik an der Ungleichheit in der industriellen Stadt ist.[19]

Projektionen hybrider Stadt-Land-Strukturen entstanden auch im Umgang mit der postindustriellen und schrumpfenden Stadt. Was bedeutet es für die dichte europäische Stadt, wenn sie großflächig durch landschaftlich und landwirtschaftlich geprägte Räume durchzogen wird? Verliert sie an Urbanität durch die Abnahme baulicher Dichte oder gewinnt sie eine neue Form an Urbanität durch den Zuwachs neuer Freiräume?

Oswald Mathias Ungers entwickelte im "Manifest Berlin: ein grünes Archipel" (1977) für die damals schrumpfende Stadt Berlin die Vision eines grünen Stadtarchipels. Dieses Idealstadtkonzept geht davon aus, dass überflüssige beziehungsweise schlecht funktionierende Stadtteile abgerissen werden und so Stadtinseln mit spezifischer Identität innerhalb eines "Naturrasters" entstehen. Die grünen Zwischenräume werden zu neuartigen Freiräumen. In ihnen verbinden sich Verkehrsinfrastrukturen, suburbane Strukturen, Landwirtschaft, Wälder und ökologische Reservate zu einem fließenden Raum, der Raumstrukturen und vagabundierende Lebensstile aufnehmen kann, die in der bestehenden Stadtgestalt keinen Platz finden. Die Ausdünnung der baulichen Struktur und das Entstehen von Zwischenzonen erzeugt Kontraste und Spannungen. Die landschaftlichen Zwischenzonen mit ihren Möglichkeiten, neuartigen Raumtypologien und Nutzungen sind für die Fiktion eines grünen Archipels wesentlich, um Urbanität zu erzeugen und "ein Metropolengefühl eher [zu] intensivieren als [zu] vermindern".[20] Als Denkmodell erfuhr Ungers’ Stadtarchipel gerade in der Schrumpfungsdebatte der 2000er Jahre neue Aufmerksamkeit.

Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Stadtumbau 2010 wurde mit dem Projekt "Landschaftszug Dessau"[21] beispielsweise die Frage diskutiert, welche Potenziale offene, weite Wiesenflächen bei der stadträumlichen Neustrukturierung schrumpfender Städte bieten können. Welche neuartigen Landschaften entstehen, wenn der bauliche Zusammenhang der Stadt sich aufzulösen beginnt? Das Stadtentwicklungskonzept "Urbane Kerne und Landschaftliche Zonen" formuliert ein Leitbild, nachdem notwendige Abrisse in "landschaftlichen Zonen", in denen bereits etliche Grundstücke brachliegen, konzentriert werden und so einer kleinteiligen Perforation der Stadt entgegengewirkt werden soll. Gleichzeitig werden die "urbanen Kerne" in ihrer Struktur gestärkt und entwickelt. Die landschaftlichen Zonen sollen aber keine aufgegebenen Resträume darstellen, sondern werden räumlich und konzeptionell mit dem umgebenden und positiv konnotierten Dessau-Wörlitzer Gartenreich verbunden. Mit dem Leitthema "das Gartenreich in die Stadt holen" wird sowohl an das räumliche Bild einer offenen und extensiv bewirtschafteten Wiesenlandschaft angeknüpft als auch an das Prinzip, Flächenbewirtschaftung, ästhetische Gestaltung und Innovation miteinander zu verbinden. Räumliche Elemente des Gartenreiches wie durch Baumgruppen markierte Eingänge und Querungen, durch Blickbeziehungen eingebundene Landmarken oder das Spannungsverhältnis zwischen offener Weite und markanten Baumgruppen und Gehölzrändern werden aufgegriffen, neu interpretiert und ein räumlich-gestalterisches Vokabular für den Landschaftszug entwickelt. Dieses arbeitet bewusst auch mit ländlichen Assoziationen.

Die entstehenden großflächigen offenen Räume werden als kultivierte Weite interpretiert. Durch landwirtschaftliche Bewirtschaftungstechnik und standortangepasste Wiesenmischungen werden zum einen die Pflegekosten dieser neuen urbanen Freiräume gesenkt. Zum anderen entstehen so Typen struktur- und artenreicher Wiesenlandschaften, die in den ausgeräumten Agrarlandschaften nur noch als Relikte kleinbäuerlicher traditioneller Bewirtschaftung auftauchen. Das weite offene und bunte Wiesenbild, das der Städter auf seinem Landausflug sucht, taucht plötzlich inmitten der Stadt auf. Doch hier ist es noch oft mit einer konflikthaften Wahrnehmung verbunden, da extensive Wiesenflächen in der Stadt schnell mit vernachlässigten und ungepflegten Räumen assoziiert werden. Umso wichtiger sind Zeichen und Praktiken, die kulturelle Deutungen der neuen Freiräume ermöglichen: Landmarken wie ein ehemaliger Räucherturm, der heute als Aussichtsturm genutzt wird, oder ein Schornstein, der Brutplätze für unterschiedliche Vogelarten bietet, sind Orientierungspunkte in der neuen offenen Stadtlandschaft und erzählen gleichzeitig etwas über die Nutzungsgeschichte der heutigen Wiesenflächen. Verbleibende Solitärbauten werden als Landsitze neu interpretiert, und sogenannte Landmeister sollen sich um kleinteilige Pflege und nachbarschaftliche Kommunikation kümmern, engagierte Bürger können als Paten Claims in den landschaftlichen Zonen besetzen und bewirtschaften.[22] Ein räumlich-gestalterischer Rahmen und die "In-Kulturnahme" der landschaftlichen Zonen durch verschiedene Akteure sind wichtige Zeichen in diesem langfristigen Umbauprozess, um zu verdeutlichen, dass es sich hier nicht um ein Stück aufgegebene Stadt handelt, sondern ein neuer Freiraumtypus einer rurbanen Landschaft mit eigenen Raumqualitäten entstehen wird.

Während in schrumpfenden Städten Strukturen der ländlichen Agrarlandschaft Einzug in die Innenstädte halten, steht in wachsenden Agglomerationsräumen die Frage im Vordergrund, wie sich die wachsende Stadt mit der umgebenden Agrarlandschaft verbinden kann. Das Projekt "Bern rUrban"[23] spielt mit den unterschiedlichen räumlichen Qualitäten urbaner und ländlicher Räume. Das Projekt setzt an einem Spezifikum der Region Bern an: die Durchsetzung mit bäuerlichen Hofstellen bis fast in die Kernstadt hinein. Um diese charakteristische räumliche Strukturierung durch die Hofstellen und deren umgebenden landwirtschaftlichen Flächen auch in Zukunft, trotz Wandels in der Landwirtschaft und trotz wachsenden Bedarfs an Bebauungsfläche, zu erhalten, wurden räumliche Strategien für die Durchdringung von Siedlungsstrukturen und Landwirtschaft entwickelt.

Ein räumliches Grundgerüst wurde entworfen, in dem die landwirtschaftlichen Flächen in eine weitere Siedlungsentwicklung der Agglomeration Bern integriert werden können. Die bestehenden sternförmigen Infrastrukturachsen des Agglomerationsraumes werden in Entwicklungskorridoren aufgegriffen. Sogenannte Landschaftsintarsien sollen in diesen Entwicklungskorridoren jedoch von einer zukünftigen Bebauung freigehalten werden, um die räumliche Qualität aus dichter baulicher Struktur und offener landwirtschaftlicher Fläche zu erhalten und zu entwickeln. Gleichzeitig wurden Überlegungen angestellt, wie diese räumliche Qualität auch bei einem Wegfall der konventionellen landwirtschaftlichen Bewirtschaftung erhalten werden kann, als Agropark, Allmende oder Prärie, und wie leerstehende Hofstellen als Landlofts nachgenutzt und in Wert gesetzt werden können.[24]

Das Projekt diskutiert mithilfe von Bildentwürfen die Zukunftsfähigkeit landwirtschaftlicher Flächen im Umfeld wachsender Agglomerationsräume. Wie wird sich die traditionelle rurale Kulturlandschaft im Berner Umland verändern? Und welche Möglichkeitsräume können zukünftige rurbane Landschaften entfalten? Diese Diskussion ist nicht frei von Konflikten, da hier am Tabu der Veränderung und Transformation des traditionellen bäuerlichen Kulturlandschaftsbildes gerüttelt wird.

Navigieren zwischen dem Urbanen und dem Ruralen

Durch das Gegenüberstellen, Verbinden und (Re-)Konfigurieren ländlicher und urbaner Strukturen in räumlichen Entwurfsbildern werden neue Lesarten auf mögliche produktive Zwischenformen von Stadt und Land eröffnet, darstellbar und verhandelbar. Über diese Raumbilder können zum einen mögliche Handlungsoptionen ausgelotet werden. Zum anderen unterstützen sie die individuelle und kollektive Positionierung und Sinnorientierung innerhalb komplexer Raumzusammenhänge zwischen Stadt und Land sowie deren zukünftigen Entwicklungsoptionen und stoßen Diskussionen darüber an.

Die Perspektive des Ländlichen bietet hierbei einen Schlüssel zum Verständnis der in solchen Projekten entworfenen und genutzten Raumvorstellungen. Es lässt sich fragen: Welche räumlichen Qualitäten, Strukturen und Eigenarten repräsentiert das "Ländliche" in diesen Projekten? Wer bezieht sich wie und warum auf das "Ländliche"? Welche Vorstellungen des "guten Lebens" werden über solche Bilder transportiert? In welchen Landschaften wollen wir leben oder eben auch nicht leben?

Die Perspektive des Ländlichen kann auch zu einem differenzierten Verstehen des Städtischen beitragen.[25] Stadt und Land und die damit verbundenen Bedeutungszuschreibungen und Sinnkonstruktionen sind darin Orientierungspunkte innerhalb eines dynamischen Raumgeschehens, in dem rurale und urbane Praktiken und Strukturen mannigfaltig verflochten sind. Es gilt dabei nicht nur zu fragen, wie durch globale Urbanisierungsprozesse das Land transformiert wird, sondern auch zu erkunden, wie das Land die Stadt verändert und welche zukunftsfähigen Beziehungen zwischen Stadt und Land vorstellbar und wünschenswert sind.

Fußnoten

17.
Vgl. Hassenpflug (Anm. 10), S. 75.
18.
Leberecht Migge, Das grüne Manifest, in: Christoph Mohr/Michael Müller, Funktionalität und Moderne. Das neue Frankfurt und seine Bauten 1925–1933, Köln 1984, S. 33.
19.
Vgl. Charles Waldheim, Notes Toward a History of Agrarian Urbanism, in: Graz Architektur Magazin 7/2011, S. 122–133, hier S. 124.
20.
Florian Hertweck/Sébastien Marot (Hrsg.), Die Stadt in der Stadt – Berlin: ein grünes Archipel, Zürich 2013, S. 18.
21.
Ein prozessorientiertes Entwicklungskonzept für den "Landschaftszug Dessau" wurde zwischen 2007 und 2010 von Station C23 – Büro für Landschaftsarchitektur, Architektur und Städtebau in Zusammenarbeit mit der Stadt Dessau im Rahmen der IBA Stadtumbau 2010 erarbeitet.
22.
Vgl. Sigrun Langner, Navigating Urban Landscapes – Adaptive and Specific Design Approach for the "Landschaftszug" in Dessau, in: JoLa. Journal of Landscape Architecture 2/2014, S. 16–27.
23.
"Bern rUrban" entstand innerhalb des offenen Testplanungsverfahrens "Ein Bild für die Region Bern" des Vereins Region Bern, der aus der Stadt Bern und ihren 26 Umlandgemeinden besteht.
24.
Vgl. Michael Koch/Martin Schröder, ZwischenStadtEntwerfen. Plädoyer für konzeptionelle Strategien im regionalen Maßstab oder: Für ein raumplanerisches Entwerfen, in: Deutsches Architektenblatt 9/2006, S. 18–21.
25.
Vgl. Marc Redepenning, Reading the Urban Through the Rural: Comments on the Significance of Space-Related Distinctions and Semantics, in: Dieter Hassenpflug/Nico Giersig/Bernhard Stratmann (Hrsg.), Reading the City: Developing Urban Hermeneutics, Weimar 2011, S. 85–101.
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Autor: Sigrun Langner für bpb.de
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