Touristen mit Schirmen stehen vor dem Eiffelturm im Regen, 20.06.2016.

25.11.2016 | Von:
Camille Peugny

Opfert Frankreich seine Jugend? Eine Bestandsaufnahme

Schritt in die Eigenständigkeit

Dies vermag die französische Gesellschaft offenbar nicht aufzufangen, wie ein Blick auf die Bedingungen zeigt, unter denen junge Leute in Frankreich den Schritt ins Erwachsenenalter und in eine eigenständige Lebensführung bewältigen.

Von zentraler Bedeutung bei diesem Prozess ist das Bildungswesen. Mit Blick auf den Schulbereich lassen die Ergebnisse der PISA-Studie darauf schließen, dass Frankreich das untersuchte Land ist, in dem sich die soziale Herkunft am stärksten auf die schulischen Leistungen auswirkt. Die frühzeitigen und wiederholten Evaluationen weisen sogar darauf hin, dass die ursprünglich zwischen den Schülern bestehenden Ungleichheiten, die mit ihrer sozialen Herkunft zusammenhängen, sich in den ersten Schuljahren noch verstärken. Im Hochschulbereich steht die breite Öffnung der 1960er Jahre zwar für eine regelrechte Revolution, und während Kinder, deren Väter Arbeiter oder geringqualifizierte Angestellte waren, die ihre Schullaufbahn über die französische Primarstufe hinaus fortführten, gegen Ende der 1950er Jahre noch eine sehr kleine Minderheit ausmachten, so stehen sie heute für ein Viertel der Hochschulstudenten.[11] Doch in eine echte Demokratisierung mündete diese Öffnung letztlich insofern nicht, als das Bildungswesen sich zunehmend verästelte und sich eine Überrepräsentation von Schülern aus den sozial privilegierteren Schichten in den renommierteren Zweigen entwickelte, die bis heute anhält.

Das ist umso besorgniserregender, als der Abschluss in Frankreich die gesamte Berufslaufbahn besonders stark beeinflusst: So sind Niveau und Art des Abschlusses in der Tat nicht nur entscheidend für die Schnelligkeit der Integration in den Arbeitsmarkt oder die Qualität der Erstanstellung, sondern bleiben während der gesamten Karriere ein entscheidendes Kriterium. Davon zeugt insbesondere, dass berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten Führungskräften und Angestellten auf der mittleren Führungsebene häufiger zugutekommen als geringqualifizierten Angestellten: Je besser der ursprüngliche Abschluss, desto höher die Wahrscheinlichkeit, eine berufliche Weiterbildung in Anspruch nehmen zu können.[12] Anstatt Ungleichheiten auszubügeln, trägt somit auch die berufliche Weiterbildung dazu bei, sie zu verschärfen. Die Funktionsweise des französischen Bildungswesens scheint also die frühe Festlegung des Lebensweges junger Leute insgesamt eher noch zu begünstigen.

Doch nicht allein das Bildungswesen kommt auf dem Weg in die Autonomie zum Tragen. Dazu liefert die Vergleichsstudie der Soziologin Cécile Van de Velde wertvolle Erkenntnisse.[13] Aus ihren Analysen leitet sie in Abhängigkeit der Charakteristiken des Bildungssystems, des Typus des Wohlfahrtsstaates und der nationalen Kultur drei verschiedene Modelle ab.

In Dänemark ebenso wie in den anderen skandinavischen Ländern gilt die Jugend als eine lange Lebensphase, in der junge Leute sich die Zeit nehmen können, um sich im Prozess ihrer persönlichen Entwicklung "selbst zu finden". Ein entschlossenes Eingreifen des Staates ermöglicht vielfältige Erfahrungen, etwa durch eine direkte und universale finanzielle Unterstützung in Höhe von rund 800 Euro, die alle jungen Dänen in Form von 72 "Monatsgutscheinen" erhalten und flexibel und ohne Altersgrenze eingesetzt werden kann. Dadurch wird ein fließender Übergang zwischen Ausbildung und Beruf gefördert.

Im liberalen Großbritannien bedeutet das Erwachsenwerden in erster Linie, "für sich selbst aufzukommen". Bei diesem individuellen Emanzipationsprozess kommt dem Markt eine zentrale Rolle zu: dem Arbeitsmarkt, denn fast alle Studenten arbeiten nebenher, und dem Finanzmarkt, um sich durch Kredite das Studium zu finanzieren.

In Spanien und anderen Ländern des Mittelmeerraums geht es für die jungen Leute darum, "sich niederzulassen". Hier steht die Familie im Zentrum: Sie begleitet den jungen Menschen bis zur beruflichen und finanziellen Eigenständigkeit und kommt bis zum späten Verlassen des Elternhauses für ihn auf.

Das französische Modell ist nicht ganz eindeutig zuzuordnen. Zwar hält sich der Staat nicht vollständig aus dieser Lebensphase heraus, denn er finanziert Stipendien und Wohngelder für Studierende, und auch der Markt spielt eine Rolle, denn Schätzungen zufolge arbeitet etwa die Hälfte der Studierenden in Frankreich.[14] In Wirklichkeit aber ist es zu einem Großteil die Familie, die den Weg der jungen Franzosen in die Eigenständigkeit schultert: Die direkte finanzielle Unterstützung der Eltern für ihre studierenden Kinder machte 2013 fast die Hälfte von deren durchschnittlichem Monatsbudget aus.[15] Letztlich ist das französische Modell somit nicht allzu weit vom spanischen entfernt, spielt doch in beiden Ländern die Familie eine tragende Rolle.

Diese wichtige Funktion der Familie auf dem Weg ins Erwachsenenalter wirkt in Frankreich mit der sozialen Vorprägung des schulischen Wettbewerbs und der enormen Bedeutung des Abschlusses für die gesamte weitere berufliche Laufbahn zusammen, um das Schicksal der jungen Franzosen sehr früh zu besiegeln. Insgesamt kann festgehalten werden: Die französische Gesellschaft gibt ihren jungen Leuten meist keine echte zweite Chance.

Für einen politischen vorstoss

In einer Zeit, in der die Dauer der beruflichen Laufbahnen zunimmt, ist es nicht hinnehmbar, dass die Würfel bereits im Alter von 17 oder 23 Jahren nach Abschluss der ersten Ausbildung fallen. Um das zu ändern, sind entsprechende politische Weichenstellungen notwendig.

In der Tat verdichten sich die Ergebnisse verschiedener Studien zu dem Schluss, dass Markt und Familie weniger effizient sind als der Staat, wenn es darum geht, Ungleichheiten zu nivellieren, die mit dem sozialen Milieu zusammenhängen, in das man geboren wird. So zeigen OECD-Studien zur Weitergabe von Einkommensunterschieden von Generation zu Generation tendenziell ein geografisches Gefälle in Europa: Je weiter man sich gen Norden bewegt, desto schwächer wird die soziale Reproduktion, wobei Frankreich innerhalb dieses Rankings zwar besser platziert ist als Spanien, aber hinter Deutschland und den skandinavischen Ländern.[16] Andere Arbeiten unterstreichen das schwache Abschneiden "liberaler" Länder wie Großbritannien oder den USA, in denen Einkommensvorteile in 40 bis 50 Prozent der Fälle von Vätern an ihre Söhne weitergegeben werden.[17]

Entsprechend unterschiedlich blicken die jungen Leute in den verschiedenen Ländern auch in die Zukunft: Sämtliche europäische Erhebungen zeigen, dass sich die jungen Skandinavier durch einen außerordentlichen Optimismus auszeichnen. So haben sich etwa im European Social Survey noch vor Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 junge Dänen, Schweden und Norweger bei der Bewertung des Grades ihrer Besorgnis hinsichtlich ihres zukünftigen Lebensstandards (von der Note 0 "überhaupt nicht besorgt" bis zur Note 10 "sehr besorgt") eine durchschnittliche Note unter 4 zugeteilt, während sich die jungen Deutschen, Franzosen, Spanier und Briten mit Durchschnittsnoten zwischen 5,5 und 6,5 deutlich beunruhigter zeigten.

Zwar waren die jungen Franzosen nicht die einzigen mit Zukunftssorgen. Aber als sie zu dem Platz befragt wurden, den die französische Gesellschaft ihnen einräumt, gaben unvergleichlich hohe 51 Prozent an, ihnen werde nicht ermöglicht zu zeigen, wozu sie "wirklich fähig sind"; 2013, nach einigen Jahren strenger Wirtschaftskrise, lag dieser Wert bei der großangelegten Umfrage "Génération Quoi?" von France Télévision bei über 70 Prozent.

Frankreich sieht sich mit Blick auf seine junge Generation somit zwei Notwendigkeiten gegenüber: Zum einen gilt es zu verhindern, dass die in den ersten Lebensjahren angetroffenen Schwierigkeiten "Narben" hinterlassen und sich auf das ganze weitere Leben auswirken. Die sozialen Ungleichheiten, die innerhalb der jungen Generation immer stärker werden, und ihre Reproduktion müssen gezielt bekämpft werden. Zum anderen ist es ebenso wichtig, die Ungleichheiten auszuräumen, die sich zwischen den Generationen vertiefen.

Zur Verwirklichung dieses zweifachen Ziels müssen die Bedingungen, unter denen die jungen Franzosen eigenständig werden, vollständig überdacht werden. In diesem Zusammenhang könnte der Ansatz der nordeuropäischen Länder inspirieren, in denen der Staat die sensible Lebensphase des Übergangs ins Erwachsenenalter intensiv begleitet – auch wenn kein Modell eins zu eins übertragen werden kann. Insbesondere ginge es darum, die Altersgrenzen für die soziale Absicherung abzubauen, um den unter 25-Jährigen denselben Schutz zukommen zu lassen wie dem Rest der Bevölkerung, sowie um die Einrichtung eines allen zugänglichen Systems zur beruflichen Weiterbildung.

Doch auch über die Grenzen Frankreichs hinaus sollten die europäischen Staaten den Platz hinterfragen, den sie ihrer Jugend einräumen: In den alternden Gesellschaften, von denen jede einzelne mit den Auswirkungen der aufeinanderfolgenden Wirtschaftskrisen zu kämpfen hat, braucht es mehr denn je einen echten politischen Vorstoß zugunsten der jungen Leute, damit es auf europäischer Ebene nicht zu einer tatsächlich geopferten Generation kommt.

Übersetzung aus dem Französischen: Sandra Uhlig, Bonn.

Fußnoten

11.
Vgl. Ministère de l’Education nationale, de l’Enseignement supérieur et de la Recherche, Repères et Références statistiques 2016, Paris 2016, S. 181.
12.
Vgl. CEREQ, Quand la formation continue. Repères sur les pratiques de formation des employeurs et des salariés, 2009, http://www.cereq.fr/content/download/643/10223/file/QFC.pdf«.
13.
Vgl. Cécile Van de Velde, Devenir adulte. Sociologie comparée de la jeunesse en Europe, Paris 2008.
14.
Vgl. Jean-François Giret/Cécile Van de Velde/Elise Verley, Les vies étudiantes. Tendances et inégalités, Paris–Vanves 2016.
15.
Vgl. ebd.
16.
Vgl. etwa Orsetta Causa et al., Intergenerational Social Mobility in European OECD Countries, OECD Economics Department Working Paper 709/2009.
17.
Vgl. etwa Miles Corak, Do Poor Children Become Poor Adults? Lessons from a Cross Country Comparison of Generational Earnings Mobility, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, IZA Discussion Paper 1993/2006.
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