Eine Frau geht am 04.03.2016 in einer U-Bahn-Station in Washington an einer Werbetafel für die neue Staffel von "House of Cards" vorbei.

16.12.2016 | Von:
Andreas Kötzing

Batman jagt Bin Laden. 9/11 und der Kampf gegen den Terror im Hollywood-Kino

Legitimierung von Folter?

Auch nach der Wahl von Barack Obama zum neuen US-Präsidenten 2008, die vielerorts mit der Hoffnung auf einen politischen Neuanfang verknüpft war, blieb die öffentliche Auseinandersetzung mit 9/11 und den politischen Folgen des Terrors umstritten. Dies spiegelt sich auch in zahlreichen Debatten über Filme wider. Besonders kontrovers verlief die Auseinandersetzung um Kathryn Bigelows Film "Zero Dark Thirty" (USA 2012), der sich mit der Suche nach dem Al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden beschäftigt.

Bigelow beginnt ihren Film mit einem emotionalen Zusammenschnitt von Telefongesprächen, die am 11. September 2001 mit Menschen geführt wurden, die sich zum Zeitpunkt der Anschläge im World Trade Center aufhielten. Die eigentliche Handlung setzt zwei Jahre später in einem irakischen Gefängnis ein, in dem ein mutmaßlicher Terrorist vom US-Geheimdienst brutal gefoltert wird, um Informationen über den Verbleib seiner Anführer zu erhalten. Mit dieser Gegenüberstellung wirft Bigelow die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel im Kampf gegen den Terror auf: Ist Folter – auch als Ultima Ratio – mit einem Rechtsstaat vereinbar? Können dadurch überhaupt effizient Erkenntnisse gewonnen werden? Lässt sich das Trauma von 9/11 überwinden, wenn man dafür seine eigenen ethischen Prinzipien aufgibt? Eine eindeutige Antwort – im Sinne eines politischen Statements – bietet der Film nicht, er zeigt jedoch explizit die zur Anwendung gekommenen Foltermethoden, von Isolation und Schlafentzug bis hin zum berüchtigten Waterboarding (Scheinertränken). Es obliegt dem Zuschauer, sich selbst zu diesem Geschehen zu verhalten.

Die Darstellung der Folterszenen löste in den USA eine lebhafte Debatte aus. Kritiker warfen Bigelow vor, mit ihrem Film nicht nur die Folter zu legitimieren, sondern die Verhörmethoden der CIA zu idealisieren, da letztlich auch die erfolgreiche Jagd nach Bin Laden im Film auf Erkenntnissen beruhe, die durch Folter erzielt worden seien.[13] Die Regisseurin wehrte sich energisch gegen die Vorwürfe, indem sie unmissverständlich betonte, dass sie jede Form von Gewalt ablehne. Als politisch engagierte Künstlerin könne sie jedoch nicht die Augen davor verschließen, dass Folter stattgefunden habe – entsprechend müsse sie auch gezeigt werden.[14]

So streitbar die Darstellung der Folter in "Zero Dark Thirty" auch sein mag, so unergiebig war die Debatte über Bigelows Film im Hinblick auf eine politische Auseinandersetzung mit der Folterpraxis an sich.[15] Im Umfeld der Wiederwahl Obamas 2012 versuchten die meisten amerikanischen Kommentatoren vielmehr, den Film für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Dabei geriet häufig aus dem Blick, dass sich die Grundaussage des Films nicht allein an den Folterszenen festmachen lässt. Wenn man sie in den Kontext der weiteren Handlung einordnet und sich insbesondere die Entwicklung der zentralen Charaktere vergegenwärtigt, wird ersichtlich, dass Bigelow weit davon entfernt war, Folter in irgendeiner Form legitimieren zu wollen. Im Mittelpunkt der Filmhandlung steht die CIA-Analystin Maya, die als solche die Fahndung nach Bin Laden koordiniert. Maya ist keine heroische Agentin, sondern eine ambivalente Figur, die letztlich an der Diskrepanz zwischen ihren geheimdienstlichen Zielen und den dazu angewendeten Mitteln zerbricht.

Wie bereits in ihrem vorhergehenden Film "The Hurt Locker" (USA 2008), der sich mit einer Gruppe von US-amerikanischen Elitesoldaten beschäftigt, die im Irak Bomben entschärfen, vermeidet Kathryn Bigelow auch in "Zero Dark Thirty" eine politische Glorifizierung, die ihre Figuren denunzieren würde. Jenseits der hoch spannenden und technisch perfekt inszenierten Handlung interessiert sich Bigelow eher für die psychologischen Folgen des Kampfes gegen den Terror, den man letztlich auch als Spiegelbild einer deformierten Gesellschaft lesen kann: In "The Hurt Locker" muss sich ein Soldat eingestehen, dass ihm nach dem jahrelangen Einsatz im Irak jegliche Empathie für andere Menschen abhandengekommen ist, selbst für seine eigene Familie. Er liebt nur noch den Krieg, der für ihn zu einer Art Droge geworden ist. Ähnlich zerrissen bleibt auch die Protagonistin Maya am Ende von "Zero Dark Thirty" zurück. Wenngleich Bin Ladens Versteck gefunden wird, hinterlässt der Anblick des getöteten Al-Qaida-Führers bei ihr kein Gefühl des Triumphes, sondern erzeugt emotionale Orientierungslosigkeit. Auf dem Heimflug bricht sie in Tränen aus. Die Frage des Piloten, wie es jetzt weitergehen soll, lässt sie unbeantwortet.

Strauchelnde Superhelden

Die ernüchternde Erkenntnis, dass die erfolgreiche Jagd nach Bin Laden das Trauma von 9/11 nicht überwinden kann, beschäftigt nicht nur die Agentin aus "Zero Dark Thirty". Auch diverse Hollywood-Blockbuster spiegeln die politischen Debatten über die Folgen des Terrors in den USA wider, ohne sich dabei immer explizit auf den islamistischen Terrorismus zu beziehen. Insbesondere die zahlreichen Superhelden-Filme, die das amerikanische Kino im zurückliegenden Jahrzehnt stärker geprägt haben als jedes andere Genre, lassen sich bei näherem Hinsehen als Beiträge zu einem Diskurs über die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft lesen. Interessant sind dabei vor allem jene Geschichten, die sich von einer klassischen Gut-Böse-Metaphorik lösen und die Superhelden – sinnbildlich für die Supermacht USA – in eine Krise stürzen.

Wohl kaum ein Film vollzog den Spagat zwischen kommerziellem Kino und politischem Diskurs so eindrücklich wie die Comic-Verfilmung "The Dark Knight" (USA 2008). Im zweiten Teil von Christopher Nolans Batman-Trilogie versucht Batmans Widersacher, der Joker, mit anarchistischem Eifer, Gotham City im Chaos versinken zu lassen. Sein krimineller Feldzug zielt darauf ab, die zivilisatorischen Verhältnisse aufzubrechen, indem er die Bevölkerung aufwiegelt und dazu bringt, im Kampf ums Überleben ihre eigenen Werte und Normen über Bord zu werfen. Der Terror, mit dem er die Stadt überzieht, folgt keinem strategischen Plan. Es geht ihm nicht um Macht oder Geld, er hat nur das Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten. Batman – ohnehin eine der düsteren Figuren im Superhelden-Universum – steht ihm keineswegs als makelloser Held gegenüber. Als Politik und Polizei in Gotham versagen, greift er selbst zu radikalen Mitteln, um den Joker zur Strecke zu bringen: Er installiert ein totalitäres Überwachungssystem, mit dem er die öffentliche Kommunikation aller Einwohner von Gotham kontrollieren kann. Die Freiheit des Einzelnen ist, so scheint es hier, ein zweitrangiges Gut, wenn die Sicherheit aller in Gefahr ist.

Die Parallelen zwischen der Filmhandlung und den innenpolitischen Diskursen über den Machtzuwachs der US-Geheimdienste im Kampf gegen den Terror liegen auf der Hand. Der Gedanke, dass ein Terrorist wie der Joker mit den Mitteln eines Rechtsstaates nicht zu stoppen sei und auch die eigene Bevölkerung systematisch überwacht werden müsse, um mögliche Gefahren rechtzeitig erkennen zu können, erinnert an die fatale Argumentation, mit der 2001 die Einschränkung der Bürgerrechte im Rahmen des Patriot Act von der US-Regierung gerechtfertigt wurde. Noch frappierender sind die Parallelen zu den digitalen Überwachungsmaßnahmen der NSA im Bereich des Internets und des weltweiten Telefonverkehrs, die 2013 bekannt wurden.

Man muss nicht zwingend so weit gehen, in der Renaissance des Superhelden-Kinos und der Faszination des Publikums für die bisweilen fragwürdigen Methoden von Batman und Co. eine Vorliebe für eine faschistische Gesellschaftsordnung zu erkennen,[16] aber die Interpretation, dass die Superhelden als übermenschliche Figuren die Sehnsucht des Publikums nach einer starken Führerpersönlichkeit repräsentieren, liegt durchaus nahe. Der Erfolg Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen 2016 hat gezeigt, dass eine solche Sehnsucht tatsächlich vorhanden ist.[17] In einer zunehmend komplexer werdenden Welt, in der es für Phänomene wie den internationalen Terrorismus keine einfachen Lösungen gibt, spiegelt die Kinoleinwand die Bedürfnisse des Publikums nach einer sicheren Gesellschaftsordnung wider. Ein Film wie "The Dark Knight" verweigert dabei eine simple patriotische Lösung aller Probleme, denn selbst wenn Batman nicht nur den Joker, sondern – im übertragenen Sinne – Osama Bin Laden jagt, bleibt sein Kampf doch ambivalent: Dass er sich über das Gesetz stellt, um den Terror zu besiegen, zeigt seine gespaltene Identität.

Batman ist keineswegs die einzige Superhelden-Figur, die beim Kampf gegen das Böse moralisch ins Straucheln gerät – ähnliche sozialkritische Diskurse finden sich unter anderem in den Filmen der populären Avengers-Reihe, in der eine größere Gruppe von Superhelden gemeinsam agiert. Jüngstes Beispiel ist "The First Avenger – Civil War" (USA 2016), in dem ein Streit darüber entbrennt, ob die Superhelden politisch kontrolliert werden sollten. Während ein Teil der Avengers unter Führung von Iron Man bereit ist, die eigenen Einsätze künftig von einem Mandat der Vereinten Nationen abhängig zu machen, beharrt Captain America darauf, weiterhin eigenmächtig zum Schutz der Welt eingreifen zu können. Dass die Kompetenz und die Machtbefugnisse eines Superhelden in einem Hollywood-Blockbuster derartig infrage gestellt werden, ist an sich schon bemerkenswert. Dass dabei sogar das Scheitern eines überaus patriotischen Comic-Helden in den Bereich des Möglichen gerückt wird, sagt viel über das irritierte Selbstbewusstsein der USA seit 9/11 aus.[18]

Individuelle Trauer

Während sich die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus als allgegenwärtige Bedrohung in vielen weiteren Hollywood-Filmen nachzeichnen lässt, sind die Bezüge zu den spezifischen Ereignissen vom 11. September 2001 im amerikanischen Kino rar geblieben. Wenn überhaupt, dann spielten die Erfahrungen, die mit den Terrorangriffen verbunden waren, eher eine illustrierende Rolle. Die individuelle Trauerarbeit wurde beispielsweise zu einem wiederkehrenden Grundmotiv einzelner Familiendramen, die sich vor dem Hintergrund der Terroranschläge abspielten, darunter "Reign Over Me" (USA 2007) von Mike Binder und die Romanverfilmung "Extremely Loud & Incredibly Close" (USA 2011) von Stephen Daldry.

In "Reign Over Me" leidet ein Mann unter dem Tod seiner Ehefrau und ihrer drei Töchter – sie saßen in einem der am 11. September 2001 entführten Flugzeuge. Er lebt seitdem zurückgezogen von der Außenwelt und ist schwer traumatisiert. Eine Chance, sich aus seiner Isolation zu befreien, bietet sich erst, als er einen alten Studienfreund wiedertrifft und sich zwischen den beiden Männern eine Freundschaft entwickelt, sodass er zaghaft wieder Vertrauen in seine Umwelt entwickelt.

In "Extremely Loud & Incredibly Close" begibt sich ein hochbegabter, aber sehr schüchterner Junge auf eine abenteuerliche Spurensuche durch New York. Sein Vater, der am 11. September 2001 in einem der Türme des World Trade Centers ums Leben kam, hat einen geheimnisvollen Schlüssel hinterlassen, der zu keinem Schloss zu passen scheint. Für den Jungen wird die Suche nach der Herkunft des Schlüssels zu einer Reise in die Vergangenheit seiner Familie, bei der er nicht nur seine eigenen Ängste, sondern letztlich auch die Trauer über den Verlust des Vaters überwindet.

Beide Filme setzen gezielt auf die emotionale Wirkung von 9/11, indem sie das Schicksal von Menschen in den Mittelpunkt rücken, deren Familienangehörige bei den Terroranschlägen ums Leben kamen. Die Anbindung an den 11. September 2001 soll – so scheint es – das Trauma der Familien besonders tragisch wirken lassen. Das individuelle Leid, einen geliebten Menschen zu verlieren, wird hier durch die Tatsache vergrößert, dass die Angehörigen nicht durch ein "gewöhnliches" Unglück ums Leben kamen, sondern durch einen terroristischen Angriff. Auffällig ist zudem, dass die Filme jeweils Charaktere in den Mittelpunkt rücken, die sich aus einer psychischen Isolation befreien müssen, um das Trauma überwinden zu können. Dabei liegt es in der Natur eines Hollywood-Films, dass sich die Konflikte zugunsten einer eher sentimentalen oder anrührenden Geschichte auflösen. Für die gesellschaftlichen und politischen Folgen von 9/11 interessieren sich die Filme nicht.

Fußnoten

13.
Der Journalist Frank Bruni mutmaßte beispielsweise, Dick Cheney und andere konservative Politiker, die Folter verteidigen, würden den Film lieben: Bin Laden, Torture and Hollywood, 8.12.2012, http://www.nytimes.com/2012/12/09/opinion/sunday/bruni-bin-laden-torture-and-hollywood.html«.
14.
Vgl. Kathryn Bigelow Addresses "Zero Dark Thirty" Torture Criticism, 15.1.2013, http://articles.latimes.com/2013/jan/15/entertainment/la-et-mn-0116-bigelow-zero-dark-thirty-20130116«.
15.
Auffällig ist beispielsweise, dass in der Debatte fast ausschließlich über die Effektivität von Folter diskutiert wurde, nicht über die grundsätzliche (juristische wie moralische) Legitimität derartiger Methoden, die auch in "Zero Dark Thirty" nicht hinterfragt wird. Vgl. etwa Bettina Greiner/Anne Kwaschik, "Einer muss es tun". Zur Effizienz der Folter in "Zero Dark Thirty", in: Zeitgeschichte-online, Februar 2013, http://www.zeitgeschichte-online.de/film/einer-muss-es-tun-zur-effizienz-der-folter-zero-dark-thirty«.
16.
Vgl. die Überlegungen von Georg Seeßlen zur Ästhetik und narrativen Struktur in "The Dark Knight" und anderen Superhelden-Filmen: Wie "faschistisch" sind eigentlich Batman, Superman und Co?, 25.6.2013, http://www.getidan.de/gesellschaft/georg_seesslen/53778«.
17.
Vgl. hierzu die aktuelle Deutung der Superheldenfilme von Rüdiger Suchsland, Von Bane zu Trump. Superhelden und Systemkritik: Eine Psychologie des US-Kinos, in: Filmdienst 25/2016.
18.
Ähnlich findet sich der Diskurs auch in den Captain-America-Comics, die nach 9/11 erschienen sind. Vgl. ausführlich Jason Dittmer, Captain America’s Empire: Reflections on Identity, Popular Culture, and Post-9/11 Geopolitics, in: Annals of the Association of American Geographers 3/2005, S. 626–643.
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