Menschlicher Schatten in geöffneter Tür. Symbolbild für Angst.

20.1.2017 | Von:
Michaela Christ

Gewaltforschung – Ein Überblick

Gewalt als soziale Praxis

Sich verändernde Werte und Normen, aber auch der Wandel von Körperbildern haben Einfluss auf das, was kollektiv und individuell als Gewalt verstanden wird. Das wird vor allem dann ersichtlich, wenn man Gewalt als eine Form sozialer Praxis betrachtet, also entlang konkreter Praktiken prüft, in welcher Weise sich räumlich, sozial, zeitlich oder kulturell spezifisches Wissen von Akteuren über ihre Welt in Praxis übersetzt und wie dieses Wissen entsteht. In Praktiken enthalten ist zum einen Wissen darüber, was in bestimmten sozialen Situationen möglich, erlaubt oder verboten ist, sowie zum anderen ein zeitlich spezifisches Verständnis vom Umgang mit Artefakten wie zum Beispiel Waffen oder Gegenständen, die als solche genutzt werden können; hinzu kommt Körperwissen, verstanden als Wissen über den Körper und als Wissen des Körpers.

Ersteres ist mit Blick auf Gewalthandeln insofern interessant, als Gewaltpraktiken immer auch Auskunft darüber geben, welche Arten der Verletzung des Körpers oder des Zufügens von Schmerz Täter kennen und nutzen. Zu diesem Wissensrepertoire gehören Kenntnisse über den eigenen Körper genauso wie über den des Gegenübers, etwa welche Körperteile besonders verletzlich sind oder mit welchen Handlungen welche Formen von Verletzungen einhergehen. Wissen des Körpers hingegen meint verinnerlichtes und somit stets präsentes Wissen darüber, wie eine Praxis im spezifischen Kontext für den Akteur situativ sinnhaft auszuführen ist. Dies umfasst sowohl Bewegungsabläufe als auch die Handhabung von Gegenständen.[18]

Für eine Stärkung der praxeologischen Perspektive in der Soziologie argumentierten Mitte der 1990er Jahre vor allem die Wissenschaftler Trutz von Trotha und Birgitta Nedelmann.[19] Die Diskussion, von der viele Impulse für die sozialwissenschaftliche Gewaltforschung ausgingen, kreiste um die Frage, wie eine dezidiert soziologische Gewaltforschung aussehen sollte. Die bisherige Forschung widme sich zu stark Ursachen und Tätertypologien, lautete der zentrale Kritikpunkt. Soziologinnen und Soziologen sollten sich stärker der Praxis der Gewalt zuwenden und sich intensiver mit der Frage beschäftigen, wie Gewalt ausgeübt wird, als ausschließlich auf das Warum zu fokussieren.[20] In Anlehnung an den Soziologen Heinrich Popitz plädierten Nedelmann und von Trotha für einen eng gefassten Gewaltbegriff, also dafür, Gewalt ausschließlich als physische Gewalt, mithin als körperbezogenen Akt zu fassen und darüber hinaus als "Jedermanns-Ressource" zu verstehen.[21]

Durch Letzteres wollten sie sich von einem Gewaltverständnis abgrenzen, in dem das Zufügen von Schmerz vor allem als deviantes und daher erklärungsbedürftiges Verhalten gelesen und interpretiert wird. Teils unabhängig von dieser Diskussion, teils von dieser beeinflusst, gewannen in der Soziologie, aber auch in der Geschichtswissenschaft, der Ethnologie, der Kriminologie und anderen Disziplinen seit den 1990er Jahren Forschungsprojekte an Bedeutung, die weniger ausschließlich auf die Ursachen und Vorbedingungen von Gewaltereignissen abstellten, als vielmehr an der konkreten Materialität des Zufügens und Erleidens von Schmerz sowie an den jeweiligen sozialen, politischen und kulturellen Kontexten interessiert waren.

Gewaltbegriffe

Gewaltforscher operieren mit vielen unterschiedlichen Begriffen ihres Untersuchungsgegenstands, die auf verschiedenen Ebenen angesiedelt sind und sich teils überschneiden, teils widersprechen. Diese Vielfalt ist den qualitativ und quantitativ sehr unterschiedlichen Phänomenen geschuldet, die als Gewalt verstanden und analysiert werden.

So werden auch soziale Konstellationen als Gewalt beschrieben, in denen die Gewaltförmigkeit einer Situation, eines sozialen Verhältnisses oder einer sozialen Ordnung nicht unmittelbar auf das Handeln konkreter Personen zurückgeführt werden kann, jedoch gewissermaßen naturgegeben zu sein scheint. Der Begriff der strukturellen Gewalt, den der Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung geprägt hat, die symbolische Gewalt, die der Soziologe Pierre Bourdieu beschrieben hat, sowie der aus der postkolonialen Theorie stammende Begriff der epistemischen Gewalt oder der kürzlich durch den Anglistiker Rob Nixon eingeführte Terminus der slow violence sind sich insofern ähnlich, als sie Phänomene jenseits von körperbezogener Gewalt zu fassen versuchen, die aus dem aus mannigfaltigen Gründen Unhinterfragten einer Gesellschaft resultieren.

Johan Galtung fand für seinen Begriff der strukturellen Gewalt, den er erstmals 1971 vorschlug,[22] viel Zustimmung in der Öffentlichkeit. Für ihn waren strukturelle soziale Ungleichheiten nicht nur potenzielle Auslöser für direkte physische Gewalt, vielmehr bezeichnete er die Struktur an sich, die die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse verhindere, obwohl anderes möglich wäre, ebenfalls als Gewalt. In der wissenschaftlichen Community stößt das Konzept bis heute auf Kritik. Zu weit, zu unpräzise und zu vage sei der Begriff, um ihn für die wissenschaftliche Forschung zu operationalisieren. Wenn alle sozialen Ungleichheitsverhältnisse oder Benachteiligungen als Gewalt bezeichnet werden könnten, blieben kaum mehr gewaltfreie Verhältnisse übrig, so einige der Einwände,[23] die mit jenen gegen Rob Nixons Ansatz vergleichbar sind.

Nixon analysiert Unterwerfungs-, Ausbeutungs- und asymmetrische Machtverhältnisse als Gewalt, die sich über lange Zeiträume hinweg aufbauen und mit der Zerstörung der außermenschlichen Natur im Kontext von sozial-ökologischen Krisen wie etwa dem Klimawandel einhergehen, sowie den Widerstand gegen diese Dynamiken.[24] Pierre Bourdieu wiederum erkennt Prozesse symbolischer Gewalt in allen Bereichen der Gesellschaft. "Kennzeichnend für die symbolische Gewalt ist, dass sie auf der symbolisch-sinnhaften Ebene des Selbstverständlichen und Alltäglichen operiert und zur Bejahung, Verinnerlichung und Verschleierung von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen führt."[25]

Mit epistemischer Gewalt schließlich sind diejenigen gesellschaftlichen (Re-)Produktionsverhältnisse und -mechanismen gemeint, die dazu führen, dass Angehörige sozial marginalisierter Gruppen in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen nicht gehört oder nur als Repräsentantinnen und Repräsentanten der vermeintlich "Anderen" wahrgenommen werden.[26]

Die Vielzahl unterschiedlicher Gewaltbegriffe verweist nicht zuletzt auch darauf, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur konkrete Gewaltereignisse, deren Entstehungskontexte, Ursachen und Folgen analysieren, sondern auch definieren, was als Gewalt bezeichnet werden soll. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sind immer mehr Phänomene zum Korpus dessen hinzugekommen, was zumindest im Forschungskontext als Gewalt definiert wird.

Dies betrifft erstens Phänomene, die aus dem Zwangscharakter sozialer (Herrschafts-)Verhältnisse resultieren, auf die die umrissenen Begriffe abstellen. Etwas als Gewalt zu bezeichnen, bedeutet wie gesagt, es als illegitim zu markieren. Es ist die eindeutig normative, moralische Dimension des Gewaltbegriffs, die dazu führt, dass Vorschläge, soziale Verhältnisse, die sich nicht unmittelbar in Handlungen körperbezogener Gewalt zwischen Personen übersetzen lassen, Gewalt zu nennen, Gefahr laufen, als Skandalisierungsbemühungen gelesen zu werden. So lautete einer der Einwände gegen den Begriff der strukturellen Gewalt, Galtungs Anliegen wäre weniger ein wissenschaftliches als vielmehr ein politisches.[27]

Tatsächlich kann es verlockend sein, im Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit etwas als Gewalt zu bezeichnen, das ohne diese Vokabel vermutlich nicht so leicht Interesse wecken würde. Doch diese Strategie hat ihren Preis: Soziale Verhältnisse, die mit dem Begriff der Gewalt als gewaltförmige soziale Verhältnisse "enttarnt" werden, werden nicht mehr als politische Konflikte divergierender Interessen wahrgenommen – zum Beispiel als Klassenkonflikte oder, um auf Rob Nixon zurückzukommen, als sozial-ökologische Konflikte zwischen den Gesellschaften mit hohem Ressourcen- und Naturverbrauch, die maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich sind, und den Gesellschaften, bei denen das weniger der Fall ist. Diese haben jedoch am meisten unter dessen Folgen zu leiden und sind zudem aufgrund ihrer ökonomischen, sozialen und politischen Situation, ihrer (Kolonial-)Geschichte oder ihrer geografischen Lage kaum imstande, sich zur Wehr zu setzen.

Der moralische Gehalt des Gewaltbegriffs hat darüber hinaus das Potenzial, gesellschaftliche Probleme mitsamt dem damit verbundenen Niveau der Konfliktlösung auf die Ebene des individuellen Subjekts zu verlagern.

Zweitens werden in jüngster Zeit auch Handlungen als Gewalt bezeichnet, die sich nicht gegen Menschen, sondern gegen die außermenschliche Natur richten. Ein prominent gewordenes Beispiel ist Gewalt gegen Tiere.[28] Bisher wurden Tiere in Gewalttheorien und -begriffen zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Gewalt wurde jedoch implizit als Handlungsoption zwischen Menschen aufgefasst.[29] Anders im Bereich der Human-Animal-Studies: Dort wird in Anlehnung an die etablierte Gewaltforschung sowohl direkte, oft im Privaten ausgeübte Gewalt gegen Tiere, also das Verletzen und Töten von (Haus-)Tieren, als auch die institutionelle Gewalt gegen Tiere vor allem im Kontext der Massenproduktion von Fleisch in der industriellen Lebensmittelherstellung thematisiert. Grundlage hierfür ist die Feststellung, dass Tiere ebenso wie Menschen in der Lage sind, Schmerzen zu erleiden.

Am Beispiel dieser Forschungsrichtung wird besonders deutlich, in welcher Weise Gewaltforschung selbst vielfach zugleich normativ ist und die Normen und Werte der sie umgebenden Gesellschaft offenlegt – ob bewusst oder als unbeabsichtigte Nebenfolge ist hier unerheblich. Während Tierquälerei strafbar ist und nach dem Tierschutzgesetz das Verletzen oder Misshandeln von Tieren mit Haft- oder Geldstrafen belegt werden kann, gehört die Herstellung von tierischen Produkten, die ohne Gewalt nicht auskommt, zum Bereich dessen, was gesellschaftliche Normalität genannt werden kann. Indem Forscher, die sich mit Mensch-Tier-Verhältnissen beschäftigen, die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Deutungen ähnlicher Handlungsvollzüge zum Thema machen, reflektieren sie über gegensätzliche Wertvorstellungen – etwa vom Hund als Familienmitglied einerseits und vom möglichst bezahlbaren Fleischkonsum andererseits – genauso wie über die Grundlagen gesellschaftlicher Reproduktion und deren historisches Gewordensein.

Fazit

Weshalb der Korpus dessen, womit sich Gewaltforscher auseinandersetzen, beständig umfangreicher zu werden scheint, ist nicht eindeutig zu bestimmen. Offensichtlich ist jedoch, dass dem Verletzungspotenzial, das vielen Bereichen gesellschaftlicher (Re-)Produktion innewohnt, gegenwärtig mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als jemals zuvor. Vielleicht wird dies befördert von den im Zuge von Globalisierungsprozessen immer länger werdenden Abhängigkeits- sowie Beziehungs- und Wertschöpfungsketten. Vielleicht trägt auch die relative Abwesenheit von großskaliger Gewalt in Deutschland und weiten Teilen Europas in den vergangenen 70 Jahren seit Ende des Zweiten Weltkrieges sowie die stabile Verankerung des Gewaltmonopols in diesen Ländern dazu bei, dass neue Phänomene und Ereignisse des Zufügens und Erleidens von Schmerz auch jenseits physischer Gewalt in den Blick genommen werden.

Außerhalb Europas und jenseits des Globalen Nordens findet sich freilich mehr als genug Untersuchungsmaterial für die "konventionelle" Gewaltforschung. Eine stärkere Berücksichtigung des Globalen Südens würde auch weiter verdeutlichen, dass die beschriebene Stabilität des Nordens zu nicht unerheblichen Teilen durch Instabilitäten, Konflikte und Gewalt in anderen Teilen der Welt ermöglicht wird. Die Externalisierung der sozialen, ökologischen und ökonomischen Kosten für die Lebensweise der Gesellschaften des Globalen Nordens geht mit zahllosen Formen und Praktiken von Gewalt einher.[30] Es wäre an der Zeit, ihnen und ihren Entstehungsbedingungen im Kontext der Gewaltforschung mehr Beachtung zu schenken.

Fußnoten

18.
Vgl. Reiner Keller/Michael Meuser, Wissen des Körpers – Wissen vom Körper. Körper- und wissenssoziologische Erkundungen, in: dies. (Hrsg.), Körperwissen, Wiesbaden 2011, S. 9–27.
19.
Vgl. Trutz Von Trotha, Zur Soziologie der Gewalt, in: ders. (Hrsg.), Soziologie der Gewalt, Opladen 1997, S. 12–56; Birgitta Nedelmann, Schwierigkeiten soziologischer Gewaltanalyse, in: Mittelweg 36 3/1995, S. 8–17.
20.
Siehe auch den Beitrag von Wolfgang Knöbl in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
21.
Vgl. Heinrich Popitz, Phänomene der Macht. Autorität, Herrschaft, Gewalt, Technik, Tübingen 1992.
22.
Vgl. Johan Galtung, Gewalt, Frieden und Friedensforschung, in: Dieter Senghaas (Hrsg.), Kritische Friedensforschung, Frankfurt/M. 1971, S. 55–104.
23.
Vgl. Michael Rieckenberg, Auf dem Holzweg? Über Johan Galtungs Begriff der "strukturellen Gewalt" in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 5/2008, S. 172–177.
24.
Vgl. Rob Nixon, Slow Violence and the Environmentalism of the Poor, Cambridge MA–London 2011.
25.
Stephan Moebius/Angelika Wetterer, Symbolische Gewalt, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 4/2011, S. 1–10, hier S. 1.
26.
Vgl. María do Mar Castro Varela/Nikita Dhawan, Postkolonialer Feminismus und die Kunst der Selbstkritik, in: Hito Steyerl/Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Hrsg.), Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik, Münster 2003, S. 270–290.
27.
Vgl. Friedhelm Neidhardt, Gewalt – Soziale Bedeutungen und sozialwissenschaftliche Bestimmungen des Begriffs, in: Bundeskriminalamt (Hrsg.), Was ist Gewalt? Auseinandersetzungen mit einem Begriff, Wiesbaden 1986, S. 109–147.
28.
Vgl. Sonja Buschka/Julia Gutjahr/Marcel Sebastian, Gesellschaft und Tiere – Grundlagen und Perspektiven der Human-Animal Studies, in: APuZ 8–9/2012, S. 20–26.
29.
Diese Position wurde in der deutschen Soziologie jüngst von Gesa Lindemann propagiert, derzufolge Gewalt nur unter sogenannten sozialen Akteuren vorkommt. Vgl. Gesa Lindemann, Weltzugänge. Die mehrdimensionale Ordnung des Sozialen, Weilerswist 2014.
30.
Vgl. Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin 2016.
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