Schüsseln mit verschiedenen Salaten

30.6.2017 | Von:
Wido Geis

Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen. Antwort auf den Fachkräftemangel?

Mit 455.000 entfallen rund zwei Drittel der 692.000 gemeldeten offenen Stellen auf Fachkräftetätigkeiten, für die in der Regel eine berufliche Ausbildung notwendig ist. Schaut man auf die Zahl der Arbeitslosen mit entsprechendem Qualifikationsniveau je gemeldeter offener Stelle, ergibt sich für die Fachkräftetätigkeiten ein Verhältnis von 2,3. Wird zudem in den Blick genommen, dass der Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge nur rund jede zweite Stelle gemeldet wird und sich offene Stellen und Bewerber regional unterschiedlich verteilen,[8] zeichnet sich ein Bedarf an Fachkräften aus dem Ausland ab. Ähnlich stellt sich die Lage auch bei den Spezialisten- und Expertentätigkeiten dar. Bei den Helfertätigkeiten kommen hingegen über zehn Arbeitslose auf eine offene Stelle, was auf eine ungünstige Beschäftigungssituation hindeutet.

Differenziert nach Berufshauptgruppen ist die Zahl der gemeldeten offenen Stellen bei den fertigungstechnischen Berufen mit rund 104.000 am höchsten, gefolgt von den Verkehrs- und Logistikberufen mit 87.000, den Fertigungsberufen mit 81.000 und den Gesundheitsberufen mit 75.000.

Blickt man auf die Zahl der Arbeitslosen je offener Stelle, ergeben sich für die Gesundheitsberufe auf Fachkraft- und Spezialistenniveau, die fertigungstechnischen Berufe auf Fachkraftniveau und die Bau- und Ausbauberufe auf Expertenniveau Werte von unter 1. Hier reicht also die Zahl der Arbeitslosen bereits rein rechnerisch nicht, um alle gemeldeten offenen Stellen zu besetzen, was darauf hindeutet, dass sehr starke Fachkräfteengpässe bestehen. Auch bei Werten zwischen 1 und 2 ist angesichts des Meldeverhaltens der Unternehmen von Fachkräfteengpässen auszugehen. Diese finden sich in einer ganzen Reihe von Berufshauptgruppen, insbesondere auch bei den Fertigungsberufen auf Fachkraftniveau. Bei den Helfertätigkeiten finden sich in allen Berufsgruppen deutlich mehr Arbeitslose als offene Stellen, wobei hier zu beachten ist, dass anders als bei qualifizierten Tätigkeiten bei den An- und Ungelerntentätigkeiten ein Wechsel zwischen den Berufshauptgruppen in der Regel ohne Weiteres möglich ist.

Insgesamt besteht also in Deutschland derzeit vor allem Bedarf an zusätzlichen Fachkräften für die Industrie- und Gesundheitsberufe, wohingegen das Angebot an Arbeitskräften im Helferbereich deutlich größer als die Nachfrage ist. Das heißt, dass sich Flüchtlingen in ersteren Bereichen besonders gute Erwerbsperspektiven bieten und ihre Qualifizierungsmaßnahmen im Optimalfall den Einstieg in diese Berufsfelder zum Ziel haben sollten. Ein längerfristiger Verbleib der Flüchtlinge in an- und ungelernten Helfertätigkeiten ist hingegen nicht erstrebenswert. Zum einen bieten diese Tätigkeiten den Flüchtlingen in vielen Fällen keine stabilen Erwerbs- und Einkommensperspektiven, zum anderen verstärkt sich so in diesem ohnehin schwierigen Arbeitsmarktsegment die Konkurrenzsituation.

Gegen diese Einschätzung kann vorgebracht werden, dass die Arbeitskräftenachfrage bis zu einem gewissen Grad auch auf das Angebot reagiert. So können einzelne Arbeitsschritte im betrieblichen Alltag von unterschiedlichen Mitarbeitergruppen übernommen werden, und das verfügbare Fachkräfteangebot spielt eine wichtige Rolle bei Unternehmensgründungen und -anpassungen. Allerdings ist ein deutliches Absinken der Arbeitskräftenachfrage in den Industrieberufen derzeit kaum vorstellbar, da die Industrie maßgeblich für Deutschlands Wirtschaftsmodell ist. Gleiches gilt für die Gesundheitsberufe, bei denen aufgrund der Alterung der Bevölkerung eher mit einem Anstieg der Fachkräftebedarfe zu rechnen ist. Auf der anderen Seite ist ein weiterer deutlicher Anstieg der Nachfrage nach An- und Ungelernten, trotz des substanziellen Beschäftigungsaufbaus in diesem Bereich in den vergangenen Jahren, kaum zu erwarten. Nach wie vor führt der technische Fortschritt dazu, dass Maschinen einen immer größeren Teil der einfacheren Tätigkeiten übernehmen, während für Einsatz und Wartung der Maschinen zunehmend höherqualifizierte Fachkräfte benötigt werden.

Auch wenn die zukünftige konjunkturelle Entwicklung kaum vorhersehbar ist, kann mit großer Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die Arbeitskräftenachfrage im qualifizierten Bereich in Deutschland in den nächsten Jahren noch steigen wird. So ist absehbar, dass mit der sukzessiven Pensionierung der besonders geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge 1955 bis 1969 große Lücken am Arbeitsmarkt entstehen werden, die nicht mit einheimischen Nachwuchskräften besetzt werden können. Das bedeutet, dass sich den Flüchtlingen auch längerfristig sehr gute Erwerbs- und Karriereperspektiven in Deutschland bieten, wenn ihnen der Einstieg in eine qualifizierte Tätigkeit einmal gelungen ist. In diesem Fall können sie auch zur Sicherung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands beitragen, auf die sich die drohenden Fachkräfteengpässe ansonsten sehr negativ auswirken können. Daher ist eine erfolgreiche Integration der Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt nicht nur aus sozialen und fiskalischen Gesichtspunkten wichtig, sondern auch um die Fachkräftebasis in Deutschland zu sichern.

Qualifikatorische Voraussetzungen der Flüchtlinge

Nur wenige Flüchtlinge bringen bei ihrer Ankunft bereits einen Abschluss mit, der ihnen den Einstieg in eine qualifizierte Tätigkeit in Deutschland ermöglicht. Der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten zufolge verfügen nur 6 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge über einen beruflichen Abschluss und 13 Prozent über einen Hochschulabschluss.[9] Nimmt man auch Personen in den Blick, die einen berufsqualifizierenden Bildungsgang begonnen, aber nicht abgeschlossen haben, so haben 19 Prozent eine Universität oder Fachhochschule besucht und 12 Prozent eine betriebliche Ausbildung begonnen. 69 Prozent haben keine Ausbildung. Bei der schulischen Ausbildung der Flüchtlinge stellt sich die Lage etwas besser dar. Laut IAB-BAMF-SOEP-Befragung haben 32 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge einen weiterführenden Abschluss, 23 Prozent einen Mittelschulabschluss und 3 Prozent einen sonstigen Abschluss.[10] 24 Prozent haben die Schule ohne Abschluss verlassen und 9 Prozent nie eine Schule besucht. Für 8 Prozent liegen keine Angaben zum Schulbesuch vor. Dabei ist anzumerken, dass weiterführende Schulabschlüsse aus den Flüchtlingsherkunftsländern nicht unbedingt mit einem deutschen Abitur gleichzusetzen sind. Vielmehr kann es sich hierbei auch um Abschlüsse von anwendungsorientierten Bildungsgängen handeln, die zwar schulisch unterrichtet werden, inhaltlich aber eher einer Berufsausbildung in Deutschland entsprechen. Tatsächlich dürfte also deutlich weniger als ein Drittel der Flüchtlinge über eine Hochschulzugangsberechtigung verfügen.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen lassen sich mit Blick auf die Arbeitsmarktintegration drei Gruppen von erwachsenen Flüchtlingen unterscheiden.

Die erste Gruppe bilden diejenigen, die in den Heimatländern bereits eine berufliche oder hochschulische Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben oder kurz vor dem Abschluss standen, was auf ein gutes Fünftel der Flüchtlinge zutreffen dürfte. Diese Personen bringen in der Regel Kompetenzen mit, die sich grundsätzlich auch für qualifizierte Tätigkeiten in Deutschland eignen. Allerdings sind die Inhalte ihrer Ausbildung häufig mit den entsprechenden deutschen Bildungsgängen nicht vollständig deckungsgleich. Daher sollte, sofern diesen Personen der Einstieg in eine qualifizierte Tätigkeit nicht ohnehin gelingt, eine gezielte Nachqualifizierung erfolgen, die sie entweder zu einer vollständigen Anerkennung ihres ausländischen Abschlusses oder zu einem entsprechenden deutschen Abschluss führt.

Die zweite Gruppe bilden Personen, die zwar über einen Schulabschluss verfügen, aber über keinen berufsqualifizierenden Abschluss, was auf etwas weniger als die Hälfte der Flüchtlinge zutreffen dürfte. Diese Personen dürften nur selten Kompetenzen mitbringen, die sich unmittelbar für eine qualifizierte Tätigkeit in Deutschland einsetzen lassen. Zwar spielen informelle Ausbildungsformen und Learning by Doing in den Herkunftsländern eine weit wichtigere Rolle als in Deutschland, und viele Erwerbstätige erwerben dort in diesen Kontexten ihre Fähigkeiten, jedoch lassen sich diese in der Regel kaum mit deutschen Bildungsabschlüssen vergleichen. Damit diese Personen nicht nur im schwierigen Arbeitsmarkt für An- und Ungelernte aktiv werden können, sollte darauf hingewirkt werden, dass möglichst viele von ihnen in Deutschland zunächst eine grundständige berufliche Ausbildung absolvieren, bevor sie endgültig in den Arbeitsmarkt eintreten. Insbesondere gilt das für jüngere Personen.

Die dritte Gruppe bilden die Personen, die keinen Schulabschluss haben, was auf rund ein Drittel der Flüchtlinge zutreffen dürfte. Bei ihnen ist von größeren Lücken in der Grundbildung bis hin zu Analphabetismus – wobei an dieser Stelle gemeint ist, dass die betreffenden Personen nicht oder nicht gut lesen und schreiben können, und nicht nur, dass sie die lateinischen Buchstaben nicht beherrschen – und fehlenden Kenntnissen der Grundrechenarten auszugehen. Dies kann einerseits selbst im unqualifizierten Helferbereich eine Beschäftigung sehr schwierig machen und macht andererseits eine berufliche Ausbildung nahezu unmöglich. Daher sollte bei den betreffenden Personen zunächst eine schulische Nachqualifizierung stattfinden, die bestehende Lücken in der Grundbildung schließt und sie soweit möglich zum (Haupt-)Schulabschluss führt. Dann sollte auch bei diesen Personen, sofern dies vor dem Hintergrund des dann erreichten Kompetenzniveaus sinnvoll erscheint, auf berufliche Ausbildung hingewirkt werden.

Fußnoten

8.
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), IAB-Stellenerhebung, März 2017.
9.
Vgl. Herbert Brücker et al., IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse, IAB-Forschungsbericht 14/2016.
10.
Vgl. ebd.
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