Schüsseln mit verschiedenen Salaten

30.6.2017 | Von:
Wido Geis

Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen. Antwort auf den Fachkräftemangel?

Neben dem gerade betrachteten formalen Qualifikationsniveau sind für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt auch Sprachkenntnisse von zentraler Bedeutung. Dabei brachten Zahlen des BAMF zufolge 2015 nur 1,8 Prozent der Asylbewerber Deutschkenntnisse mit.[11] Englischkenntnisse sind unter den Flüchtlingen zwar deutlich weiterverbreitet, allerdings liegt auch hier der Anteil mit 28,1 Prozent bei unter einem Drittel, und es dürfte sich in den vielen Fällen nur um beschränkte Grundkenntnisse handeln. Das bedeutet, dass es in der Regel nicht möglich ist, Englisch als Brückensprache einzusetzen und die Flüchtlinge zunächst Deutsch lernen müssen, bevor sie am Arbeitsmarkt erfolgreich aktiv werden können.

Welches Sprachniveau sie dabei konkret erwerben müssen, hängt stark von der angestrebten Tätigkeit ab. In jedem Fall gilt jedoch, dass es ihnen möglich sein muss, auf Deutsch Arbeitsanweisungen und Feedbacks zu verstehen und grundlegende Absprachen, etwa über die Arbeitszeiten, mit dem Arbeitgeber und Kollegen zu treffen. Handelt es sich um eine Tätigkeit mit direkten Kundenkontakt, sollten Flüchtlinge darüber hinaus flüssig mit Kunden über die Arbeitsinhalte kommunizieren können. Müssen im Rahmen der Tätigkeit Schriftstücke oder schriftliche Aufzeichnungen erstellt werden, sollten Flüchtlinge auch gut Deutsch lesen und schreiben können. Dies gilt auch für eine betriebliche Ausbildung, da insbesondere der schulische Teil ohne ausreichende Lese- und Schreibkompetenzen kaum erfolgreich absolviert werden kann. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch sagen, dass der Erwerb der notwendigen Sprachkenntnisse immer an erster Stelle stehen muss, wenn eine Qualifizierungsmaßnahme möglichst großen Erfolg haben soll.

Hierzu sollten alle Asylsuchenden möglichst zeitnah nach ihrer Einreise und nicht erst nach der Gewährung von Flüchtlingsschutz einen Rechtsanspruch auf einen Integrationskurs erhalten.[12] Die in diesem Rahmen erworbenen Kenntnisse reichen in der Regel aus, um den Alltag in Deutschland zu meistern. Für viele berufliche Tätigkeiten und insbesondere für eine betriebliche Ausbildung ist das Sprachniveau jedoch deutlich zu niedrig. Um Flüchtlingen den Erwerb weiterführender Sprachkenntnisse zu erleichtern, sollte das für sie verfügbare Sprachkursangebot einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen und, wo Lücken bestehen, bedarfsgerecht ausgebaut werden.

Aktueller Stand

Da keine nach Aufenthaltsstatus differenzierten Zahlen zur Beschäftigung von Flüchtlingen vorliegen, kann der aktuelle Stand der Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge nur näherungsweise betrachtet werden, indem alle Personen mit den Staatsangehörigkeiten der wichtigsten Flüchtlingsherkunftsländern – Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien – untersucht werden. Im Januar 2017 waren insgesamt rund 80.000 Personen aus diesen Ländern sozialversicherungspflichtig beschäftigt und damit mehr als doppelt so viele wie noch im Januar 2014, als der Wert bei 35.000 lag.[13] Trotz der positiven Entwicklung hat sich die Beschäftigungslage von Personen aus diesen Ländern insgesamt in den vergangenen zwei Jahren deutlich verschlechtert. Lag der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an allen Personen im erwerbsfähigen Alter im Januar 2014 noch bei 20,5 Prozent, waren es im Januar 2017 nur mehr 9,4 Prozent. Gleichzeitig ist die Zahl der Arbeitslosen aus diesen Ländern im selben Zeitraum von rund 34.000 auf 160.000 gestiegen und hat sich damit mehr als vervierfacht. [14]

Sind Personen aus den vier Flüchtlingsherkunftsländern sozialversicherungspflichtig beschäftigt, üben sie in vielen Fällen eine einfache Helfertätigkeit aus. So lag der entsprechende Anteil im September 2016 bei 47,5 Prozent (Abbildung). Auch Fachkräftetätigkeiten, die in der Regel eine betriebliche Ausbildung voraussetzen, waren mit einem Anteil von 39,2 Prozent relativ häufig, während Tätigkeiten auf höherem Anforderungsniveau vergleichsweise selten waren. Betrachtet man die von der Bundesagentur für Arbeit ermittelten möglichen Einsatzbereiche der arbeitslosen Flüchtlinge im März 2017, liegt der Helferanteil mit 62,6 Prozent sogar bei nahezu zwei Drittel und der Anteil der für qualifizierte Tätigkeiten geeigneten Personen insgesamt nur bei 17,7 Prozent. Allerdings liegt der Anteil fehlender Angaben mit 19,7 Prozent sehr hoch.

Abbildung: Beschäftigte und Arbeitslose aus Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien nach Anforderungsniveau der (möglichen) Stellen, in ProzentAbbildung: Beschäftigte und Arbeitslose aus Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien nach Anforderungsniveau der (möglichen) Stellen, in Prozent


Insgesamt zeigen die Zahlen damit deutlich, dass Deutschland bei der Integration der Flüchtlinge derzeit erst am Anfang steht. Dies ist an sich nicht besorgniserregend. So zeigt die Erfahrung, dass Flüchtlinge deutlich länger benötigen, um eine Beschäftigung in Deutschland zu finden als andere Zuwanderergruppen. Einer Studie des IAB zufolge stieg die Beschäftigungsquote von Personen mit Flüchtlingshintergrund in den ersten fünf Jahren in Deutschland nur auf rund 50 Prozent, während andere Zuwanderer einen Wert von 70 Prozent erreicht hatten.[15] Mit der Zeit holten die Flüchtlinge allerdings weiter auf und erreichten nach 14 Jahren im Land dasselbe Beschäftigungsniveau wie die anderen Zuwanderergruppen. Erste Ergebnisse zur aktuellen Flüchtlingszuwanderung deuten darauf hin, dass sich trotz der substanziellen Unterschiede eine ähnliche Entwicklung ergeben könnte.[16] Auch zeigen Unternehmensbefragungen, dass zwar noch substanzielle Hemmnisse für die Beschäftigung von Flüchtlingen bestehen, zu denen neben fehlenden Deutschkenntnissen und fachlichen Qualifikationen auch anfängliche Probleme der Flüchtlinge mit der deutschen Arbeitsmentalität gehören, gleichzeitig aber auch immer mehr Unternehmen positive Erfahrungen mit der Beschäftigung von Flüchtlingen machen.[17]

Fußnoten

11.
Vgl. Anna-Katharina Rich, Asylerstantragsteller in Deutschland im Jahr 2015: Sozialstruktur, Qualifikationsniveau und Berufstätigkeit, IAB-Kurzbericht 3/2016.
12.
Ausgenommen werden können lediglich Personen aus sicheren Herkunftsländern, bei denen ein Verbleib in Deutschland sehr unwahrscheinlich erscheint.
13.
Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt in Zahlen: Migrations-Monitor Arbeitsmarkt – Eckwerte Arbeitsmarkt und Grundsicherung auf Bundesebene, März 2017.
14.
Vgl. ebd.
15.
Vgl. Herbert Brücker et al., Asyl- und Flüchtlingsmigration in die EU und nach Deutschland, IAB, Aktuelle Berichte 8/2015.
16.
Vgl. Herbert Brücker et al., Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in Deutschland: Der Stand zum Jahresbeginn 2017, IAB, Aktuelle Berichte 4/2017.
17.
Vgl. Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA), Engagement von Unternehmen bei der Integration von Flüchtlingen: Erfahrungen, Hemmnisse und Anreize, KOFA-Studie 1/2017.
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