Schüsseln mit verschiedenen Salaten

30.6.2017 | Von:
Olaf Müller
Detlef Pollack

Angekommen und auch wertgeschätzt? Integration von Türkeistämmigen in Deutschland

Selbst- und Fremdbilder

Vieles deutet darauf hin, dass sich in diesen Klagen gar nicht in erster Linie direkte und persönliche Erfahrungen widerspiegeln, sondern Gefühle der kollektiven Abwertung. Besonders kränkend wirkt dabei offenbar die von den Türkeistämmigen sehr genau wahrgenommene Geringschätzung und Abwertung des Islams durch die Mehrheitsgesellschaft: So stimmen 84 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass es sie wütend macht, wenn nach einem Terroranschlag als erstes Muslime verdächtigt werden. Das Bild, das die befragten Türkeistämmigen von ihrer eigenen Religion haben, stellt sich diametral zum Image dar, das der Islam in der nichtmuslimischen Mehrheitsbevölkerung besitzt (Abbildung). Während von den nichtmuslimischen Befragten in einer Umfrage von 2010 nur ein verschwindend kleiner Teil (5 bis 8 Prozent) dem Islam positive Eigenschaften wie Achtung der Menschenrechte, Solidarität, Toleranz oder Friedfertigkeit attestierte, schreibt jeweils mehr als die Hälfte der türkeistämmigen Befragten dem Islam genau diese positiven Eigenschaften zu. Das Bild kehrt sich um, wenn man nach negativen Assoziationen fragt: Hier war es der überwiegende Teil der Mehrheitsgesellschaft, der 2010 im Islam Eigenschaften wie Benachteiligung der Frau (82 Prozent), Fanatismus (72 Prozent) oder Gewaltbereitschaft (62 Prozent) entdecken wollte; von den türkeistämmigen Befragten weisen dem Islam nur zwischen 12 und 20 Prozent derartige Eigenschaften zu.

Abbildung: Assoziationen zum Islam, in ProzentFrage: "Es gibt ja ganz unterschiedliche Ansichten über den Islam. Woran denken Sie beim Stichwort Islam?" Quelle: Detlef Pollack et al., Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt, Münster 2010; Detlef Pollack et al., Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland, Münster 2016


Für viele Türkeistämmige in Deutschland stellt sich der Islam als eine angegriffene Religion dar, die vor Verletzungen, Vorurteilen und Verdächtigungen geschützt werden muss. Die Folge ist eine vehemente Verteidigung der eigenen religiösen Zugehörigkeit und Tradition. So sind 62 Prozent der Befragten der Meinung, dass der Islam durchaus in die westliche Welt passt – und widersprechen damit einmal mehr fast 80 Prozent der Mehrheitsgesellschaft, die dies in einer Umfrage aus dem Jahr 2010 verneinten.[12]

Beeinträchtigen die Vorbehalte der Mehrheitsgesellschaft gegenüber dem Islam nun aber in gleichem Maße die Einstellungen der Türkeistämmigen gegenüber der deutschen Gesellschaft und deren religiöser Tradition? Sind ihre Haltungen gegenüber der deutschen Kultur ebenso negativ wie sie gegenüber ihrer Herkunftskultur positiv sind? Unseren Befunden zufolge scheint das bisher kaum der Fall zu sein: Das Verhältnis zu Deutschland beziehungsweise zur Mehrheitsgesellschaft wird von den Befragten insgesamt als gut eingeschätzt. Ihre Haltung zu "Menschen deutscher Herkunft" bezeichnen 86 Prozent der befragten Türkeistämmigen als "sehr" beziehungsweise "eher positiv"; nur 4 Prozent bekunden eine "eher" beziehungsweise "sehr negative" Haltung, 10 Prozent sind hier unschlüssig beziehungsweise verweigern die Antwort. Ebenso fühlt sich die große Mehrheit der Befragten mit Deutschland verbunden (87 Prozent "sehr eng" beziehungsweise "eng") – was in etwa dem Anteil entspricht, der sich mit der Türkei verbunden fühlt (85 Prozent).[13] Und auch das Christentum genießt unter den türkeistämmigen Befragten (wie übrigens auch in der Gesamtbevölkerung)[14] einen außerordentlich guten Ruf.

Im Gegensatz zur grundsätzlichen Wertschätzung der deutschen Gesellschaft und des Christentums fallen allerdings die Haltungen gegenüber zwei Gruppen deutlich reservierter aus: Mehr als jeder vierte Türkeistämmige sagt von sich selbst, Menschen, die nicht an Gott glauben, negativ gegenüber zu stehen; ein weiteres Viertel kann sich hier nicht zu einer dezidierten Meinung durchringen beziehungsweise will sich hierzu nicht äußern. Das Phänomen, sich nicht äußern zu wollen beziehungsweise zu können, zeigt sich noch stärker in der Haltung zu Juden. In diesem Fall antworten 30 Prozent der Befragten mit "weiß nicht" beziehungsweise geben überhaupt keine Antwort. Der Anteil der negativ Eingestellten liegt hier bei 21 Prozent. Wie die recht hohe Zahl an don’t knows beziehungsweise Antwortverweigerungen zu interpretieren ist, kann hier nicht eindeutig geklärt werden. Eine zumindest latente Abwehrhaltung gegenüber den beiden zuletzt genannten Gruppen, die ein gewisses soziales Konfliktpotenzial bergen könnte, ist jedoch kaum zu übersehen.

Fußnoten

12.
Vgl. Pollack et al. (Anm. 8), S. 64.
13.
Wie jedoch Untersuchungen des Zentrums für Türkeistudien und Integration in Essen zeigen, scheint zumindest unter den türkeistämmigen Zuwanderern in Nordrhein-Westfalen die Verbundenheit mit der Türkei seit 2012 tendenziell zuzunehmen, während die Verbundenheit mit Deutschland stagniert bzw. sogar abnimmt. Vgl. Hacı-Halil Uslucan, Türkeistämmige in Deutschland: Heimatlos oder überall zuhause?, in: APuZ 11–12/2017, S. 31–37.
14.
Vgl. Pollack et al. (Anm. 8), S. 59ff.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Olaf Müller, Detlef Pollack für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.