Schüsseln mit verschiedenen Salaten

30.6.2017 | Von:
Olaf Müller
Detlef Pollack

Angekommen und auch wertgeschätzt? Integration von Türkeistämmigen in Deutschland

Einstellungen zur Integration

70 Prozent der befragten Türkeistämmigen sagen, sie wollten sich unbedingt und ohne Abstriche in die deutsche Gesellschaft integrieren. In Bezug auf die Frage, was man konkret tun sollte, um in Deutschland gut integriert zu sein, werden am häufigsten Aspekte angeführt, die sich einerseits in der sozialwissenschaftlichen Integrationsforschung tatsächlich als relevant herausgestellt haben,[15] andererseits aber auch mit dem normativen Leitbild der Mehrheitsgesellschaft übereinstimmen. Am häufigsten wird das Erlernen der deutschen Sprache genannt (91 Prozent). 84 Prozent der Befragten halten es zudem für wichtig, dass man die Gesetze in Deutschland beachtet; 76 Prozent erachten gute Kontakte zu Deutschen für unerlässlich. Allerdings wird Integration von der großen Mehrheit der Türkeistämmigen mitnichten im Sinne vollständiger Assimilation aufgefasst: So sagen 76 Prozent der Befragten, dass sie unter einer geglückten Integration auch verstehen, selbstbewusst zur eigenen Kultur beziehungsweise Herkunft zu stehen. Mehr von der deutschen Kultur zu übernehmen, wird dagegen als weit weniger bedeutsam angesehen (39 Prozent); ebenso wenig halten es die Befragten für erforderlich, dass man sich mit seiner Kleidung anpasst (33 Prozent) oder sich um die deutsche Staatsangehörigkeit bemüht (32 Prozent).

Wie bereits angedeutet, ist die Sprachkompetenz der Migrantinnen und Migranten nicht nur in deren eigener Einschätzung, sondern auch der sozialwissenschaftlichen Forschung zufolge ein zentraler Integrationsfaktor.[16] Doch wovon hängt ab, wie gut die Zuwanderer die Sprache des Aufnahmelandes beherrschen, was steht dem Spracherwerb entgegen? In weiterführenden multivariaten Analysen mit den Daten der hier zugrundeliegenden Untersuchung hat sich zunächst einmal gezeigt, dass Türkeistämmige mit höheren Bildungsabschlüssen, aber auch diejenigen, die sich auf der sozialen Leiter höher einstufen, auch überdurchschnittlich häufig angeben, über gute bis sehr gute Sprachkenntnisse zu verfügen. Männer schätzen sich diesbezüglich ebenfalls etwas besser ein als Frauen. Während die Intensität der "privaten" Religiosität (gemessen anhand der religiösen Selbsteinschätzung) keinen Zusammenhang zu den Sprachkenntnissen aufweist, korreliert eine bestimmte Form der religiösen Praxis hingegen durchaus mit der kognitiven Integration, und zwar negativ: Diejenigen Befragten, die besonders häufig die Moschee besuchen, sind gleichzeitig diejenigen, die nur über unterdurchschnittliche Deutschkenntnisse verfügen. Dies lässt sich als Hinweis darauf lesen, dass es nicht die Religion per se ist, die der Integration entgegensteht, wohl aber eine ausgeprägte Ausrichtung der Lebensführung auf die eigene kulturell-religiöse Community.[17]

Anders als Studien vorwiegend aus den USA, denen zufolge die Einbindung in die religiöse Gemeinschaft der Herkunftsregion Integration nicht behindert, sondern tendenziell sogar befördert,[18] zeigt unsere Untersuchung, dass intrareligiöse Kontaktverdichtungen nicht mit einer Verbesserung der Integrationschancen zusammengehen müssen. Diesem Befund entspricht auch, dass einer der bedeutsamsten Einflussfaktoren auf den Spracherwerb die Häufigkeit von Kontakten zur deutschen Bevölkerung ist. Dieser Einfluss wird nur noch übertroffen durch die Bedeutung der Generationszugehörigkeit. Sind die Türkeistämmigen in Deutschland geboren oder bereits als Kind nach Deutschland gekommen, erhöht sich ihre Sprachkompetenz beträchtlich.

Gerade Letzteres sollte zuversichtlich stimmen, denn die Entwicklung in Sachen Integration wird vor allem davon abhängen, wie sich die Einbindung der nachwachsenden, hier geborenen Generationen gestaltet. Laut unserer Umfrage – und in Übereinstimmung mit anderen Studien[19] – fällt der Anteil derjenigen mit (selbst bekundeten) guten beziehungsweise sehr guten Deutschkenntnissen in der zweiten und dritten Generation doppelt so hoch aus wie in der ersten Generation (94 versus 47 Prozent). Und auch andere Befunde unserer Untersuchung geben in diesem Zusammenhang Anlass zu Optimismus: So hat sich der Anteil derjenigen ohne Schulabschluss in der zweiten und dritten Generation im Vergleich zur ersten Generation mehr als halbiert (13 versus 40 Prozent), und während von den Befragten der ersten Generation nur etwa jeder zweite angibt, "sehr viel" Kontakt zu Menschen deutscher Herkunft zu haben, sagen das unter den Angehörigen der zweiten und dritten Generation drei Viertel der Befragten.

Eine Annäherung der zweiten und dritten Generation an die Mehrheitsgesellschaft lässt sich auch in bestimmten Wertvorstellungen wie etwa in Bezug auf die Familie und die Rolle der Frau beobachten: Dass es für alle Beteiligten viel besser ist, wenn der Mann im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert, meinen immerhin 48 Prozent der befragten Türkeistämmigen aus der ersten Generation; in der Gruppe der zweiten und dritten Generation sind es hingegen nur noch 31 Prozent (in Deutschland insgesamt stimmen 27 Prozent dieser Aussage zu). Dass die Berufstätigkeit der Mutter einem Kleinkind schadet, glauben 71 Prozent aus der ersten Generation; und auch dieses Statement erfährt in der zweiten Generation deutlich weniger Zustimmung (57 Prozent; Zustimmung in Deutschland insgesamt: 46 Prozent).[20]

Zu konstatieren ist aber auch ein weiterer Befund: Selbst wenn die in Deutschland geborenen beziehungsweise als Kind nach Deutschland gekommenen Türkeistämmigen in vielerlei Hinsicht der Mehrheitsgesellschaft näherstehen als die im Erwachsenenalter Zugewanderten, handelt es sich bei Ersteren mitnichten um eine angepasste Generation. Der Aussage, dass sich die Muslime in Deutschland an die deutsche Kultur anpassen müssen, stimmen 72 Prozent der Befragten aus der ersten Generation zu, aber nur 52 Prozent der Befragten aus der zweiten und dritten Generation. Demgegenüber sind 86 Prozent der zweiten beziehungsweise dritten Generation der Ansicht, man soll selbstbewusst zu seiner eigenen Kultur beziehungsweise Herkunft stehen – gegenüber 67 Prozent der ersten Generation.

Fazit

Insgesamt möchte sich die Mehrheit der Türkeistämmigen nicht nur integrieren, sondern scheint in gewisser Weise in Deutschland durchaus "angekommen" zu sein und sich hier heimisch zu fühlen. Das gleichzeitige Bestreben, die eigene Kultur zu bewahren, steht für die Befragten dabei keinesfalls im Widerspruch zur Integrationsbereitschaft und sozialen Positionierung in der Gesellschaft. Auch geht diese Haltung bei der großen Mehrheit offenbar nicht mit dem Wunsch nach sozialer Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft einher.[21]

Probleme und Differenzen nehmen die Türkeistämmigen ebenso wie die Mehrheitsgesellschaft zunehmend im religiös-kulturellen Feld wahr. Dabei spielen zweifellos auch Erfahrungen der persönlichen Diskriminierung eine Rolle; bedeutsamer noch aber erscheint das weitverbreitete Gefühl einer kollektiven kulturellen Abwertung. Im klaren Bewusstsein darüber, wie skeptisch bis ablehnend die Mehrheitsgesellschaft ihrer Religion gegenübersteht, scheinen sich viele Türkeistämmige genötigt zu fühlen, herauszustellen, dass diese Haltungen wenig mit dem von ihnen gelebten Islam beziehungsweise mit dem Islam überhaupt zu tun haben. Aus vielen Antworten lässt sich unschwer das Bestreben herauslesen, den Islam zu verteidigen, sich kulturell gegenüber den Vorbehalten der Mehrheitsbevölkerung zu behaupten und der nichtmuslimischen Mehrheitsbevölkerung unbegründete Ängste zu nehmen. Aus den Äußerungen spricht aber auch Unverständnis ob der größtenteils als pauschalisierend empfundenen Anschuldigungen. Das generell positive Verhältnis zu den Deutschen beziehungsweise zu Deutschland scheint dies alles bisher noch nicht ernsthaft zu beeinträchtigen. Deswegen sollten die Abstimmungsergebnisse im Hinblick auf das Verfassungsreferendum in der Türkei 2017 auch nicht vorschnell als Kehrtwende in der Beziehung der hier lebenden Türkeistämmigen zur deutschen Gesellschaft interpretiert werden.

Eines sollte aber auch klar sein: Selbst bei denjenigen, die in Deutschland geboren, aufgewachsen und hier zur Schule gegangen sind, die die deutsche Sprache beherrschen und über vielfältige Kontakte in die deutsche Gesellschaft hinein verfügen, ist nicht zu erwarten, dass sie sich in jeglicher Hinsicht anpassen und assimilieren. In gewisser Weise tragen sie ihre kulturelle und religiöse Identität sogar offensiver zur Schau als ihre Vorfahren. Das muss sich aber nicht zwangsläufig als Hemmnis für die Integration und das Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft erweisen. Hinderlich ist eine solche Konstellation nur, wenn die Strategien, sich mit der Herkunfts- und der Mehrheitskultur auseinanderzusetzen, einseitig auf Bewahrung ersterer ausgerichtet sind, in Rückzug und Abschottung münden und dadurch die Defizite in anderen Teilbereichen der Integration zementiert werden. Dies zu verhindern bedarf es des Willens und der Anstrengungen der Türkeistämmigen selbst, aber auch der Offenheit und des Verständnisses der Mehrheitsgesellschaft.

Fußnoten

15.
Vgl. Hartmut Esser, Integration und ethnische Schichtung, Arbeitsbericht Nr. 40 des Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, Mannheim 2001.
16.
Vgl. Hartmut Esser, Sprache und Integration, Frankfurt/M. 2006, S. 52ff.
17.
Dies bestätigt sich, wenn man die Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft als abhängige Variable betrachtet: Auch hier erweist sich überdurchschnittlich häufiger Moscheebesuch auch bei Kontrolle soziodemografischer Variablen als Hemmfaktor.
18.
Vgl. Nancy Foner/Richard Alba, Immigrant Religion in the U.S. and Western Europe: Bridge or Barrier to Inclusion?, in: International Migration Review 2/2008, S. 360–392.
19.
Siehe auch die Ergebnisse von Sauer/Halm/Stiftung Zentrum für Türkeistudien (Anm. 7), S. 46.
20.
Zu den Vergleichszahlen für Deutschland insgesamt vgl. GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften ALLBUS 2012, GESIS Datenarchiv, Köln 2013.
21.
In einer Umfrage des Bundesministeriums des Innern von 2007 lehnten mehr als 80 Prozent der Befragten die Aussage "Ausländer, die in Deutschland ihre Kultur behalten möchten, sollten unter sich bleiben" explizit ab. Vgl. Katrin Brettfeld/Peter Wetzels, Muslime in Deutschland, Hamburg 2007, S. 99.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Olaf Müller, Detlef Pollack für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.