Eine Gruppe Kindergartenkinder mit Betreuer und Spaziergaenger gehen durch eine Allee herbstlich gefaerbter Laubbaeume an der Dreisam in Freiburg, 27.10.2016.

21.7.2017 | Von:
Janine Bernhardt

Geschlechter(un)gerechtigkeit: Zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Trotz anhaltender Geschlechterungleichheiten in der Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit lassen sich im Zeitverlauf sowohl Annäherungstendenzen als auch neue Divergenzen beobachten. Auf der einen Seite hat die Zahl der erwerbstätigen Frauen in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich zugenommen.[10] Auf der anderen Seite ging der Zuwachs der Frauenerwerbstätigkeit mit einer Verkürzung ihrer durchschnittlichen Arbeitszeiten einher. Gleichzeitig arbeiten immer mehr Männer mehr als 40 Stunden pro Woche. Während sich die Geschlechterlücke also mit Blick auf die Arbeitsmarktbeteiligung schließt, geht sie mit Blick auf den Erwerbsumfang tendenziell auseinander. Zugleich hat sich an der geschlechtsspezifischen Aufteilung unbezahlter Arbeit in den zurückliegenden zehn Jahren wenig geändert.[11]

Abbildung: Zeitverwendung eines synthetischen Lebenslaufs von Frauen und Männern mit zwei KindernAbbildung: Zeitverwendung eines synthetischen Lebenslaufs von Frauen und Männern mit zwei Kindern (© bpb)


Verschiedene Studien dokumentieren, dass sich Mütter und Väter eine stärkere Angleichung von Erwerbsarbeitszeiten und Betreuungszeiten wünschen, eine ausgeglichene Aufteilung strebt derzeit jedoch nur eine Minderheit an. Laut einer Allensbach-Umfrage ist eine Teilzeitbeschäftigung für beide zwar eine beliebte Wunschkonstellation unter Elternpaaren, ein noch größerer Teil bevorzugt trotzdem weiterhin das Vollzeit/Teilzeit-Modell – mit kürzerer oder längerer Teilzeitbeschäftigung der Frau.[12] Auch eine Elternpaarbefragung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigt, dass die gewünschte Erhöhung des Erwerbsumfangs von Müttern derzeit marginal ist. Den Wunsch nach einer annähernd egalitären Aufteilung der Erwerbsarbeit innerhalb eines Korridors zwischen 28 und 36 Stunden äußerten nur jede fünfte Mutter und jeder vierte Vater.[13] Es bestehen also zum einen Diskrepanzen in den Wünschen selbst und zum anderen auch zwischen Wünschen und Wirklichkeit – ein weitgreifender Wandel in Richtung egalitärer Einstellungen und Arbeitsteilungsmuster lässt sich aktuell nicht belegen.[14]

Folgen der Unvereinbarkeit im Lebensverlauf

Die geschlechtsspezifische Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit hat gravierende Folgen für Geschlechterungleichheiten im Lebensverlauf. Frauen haben noch immer geringere Einkommens- und Aufstiegschancen als Männer. Ein wichtiger Indikator ist der sogenannte gender pay gap, der den durchschnittlichen Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern bemisst. 2014 lag der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen 22 Prozent unter dem von Männern und hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum verringert.[15] Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass Frauen für die unbezahlte Sorgearbeit, die primär sie leisten, im Berufsleben Lohneinbußen hinnehmen müssen. Die Lohneinbußen durch Mutterschaft (motherhood penalty) betragen pro Kind etwa 16 Prozent.[16] Längere familienbedingte Auszeiten wirken sich zudem destabilisierend auf die berufliche Laufbahn von Frauen aus.[17] Über den gesamten Erwerbsverlauf hinweg summiert sich die durchschnittliche Einkommenslücke auf etwa 50 Prozent, wie jüngst in einer Studie berechnet wurde.[18]

Im Vergleich zu Vätern haben Mütter auch geringere Chancen in eine Führungsposition zu kommen beziehungsweise sie zu halten. 2013 hatten zwölf Prozent der weiblichen Führungskräfte ein Kind im Alter von bis zu drei Jahren, unter den männlichen Führungskräften war der Anteil doppelt so hoch.[19] Deutlicher noch zeigt sich die Unterrepräsentation von Frauen in Spitzenpositionen wie Vorständen und Geschäftsführungen: Der Frauenanteil im Topmanagement lag 2015 bei 11,5 Prozent.[20]

Weitere ungleichheitsrelevante Übergänge im Lebensverlauf sind Trennungen beziehungsweise Scheidungen. Nach einer Trennung bleiben Kinder meist bei der Mutter; der Frauenanteil unter Alleinerziehenden lag 2014 bei 89 Prozent.[21] Die doppelte Alleinverantwortung für Sorgearbeit und Erwerbsarbeit stellt Alleinerziehende vor besondere Vereinbarkeitsprobleme.[22]

Ein wichtiger Indikator zur Messung kumulativer Geschlechterungleichheiten im Lebensverlauf ist schließlich der gender pension gap. Er misst die geschlechtsspezifische Lücke in der Altersrente, die als Versicherungsleistung von der Höhe und Dauer vorangegangener Beitragszahlungen abhängt. Frauen erhielten 2014 im Durchschnitt 40 Prozent weniger Altersrente als Männer.[23] Der gravierende Unterschied in den Rentenniveaus spiegelt die im Erwerbsverlauf angesammelten Unterschiede in Löhnen, Erwerbsunterbrechungen und Arbeitszeiten zwischen Frauen und Männern wider.

Fußnoten

10.
Vgl. Christina Klenner/Sarah Lillemeier, Ergebnisse aus dem WSI Genderdatenportal, WSI Report 22/2015.
11.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Anm. 5).
12.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf, Allensbach 2015, http://www.ifd-allensbach.de/uploads/tx_studies/Weichenstellungen.pdf«.
13.
Vgl. Janine Bernhardt/Lena Hipp/Jutta Allmendinger, Warum nicht fifty-fifty? Betriebliche Rahmenbedingungen der Aufteilung von Erwerbs- und Fürsorgearbeit in Paarfamilien, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, WZB Discussion Paper SP I 2016-501.
14.
Vgl. Xuan Li et al., Väter 2015: Wie aktiv sind sie, wie geht es ihnen und was brauchen sie?, München 2015, S. 26ff.
15.
Vgl. Claudia Finke/Florian Dumpert/Martin Beck, Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Wirtschaft und Statistik 2/2017.
16.
Vgl. Markus Gangl/Andrea Ziefle, Motherhood, Labor Force Behavior, and Women’s Careers. An Empirical Assessment of the Wage Penalty for Motherhood in Britain, Germany, and the United States, in: Demography 2/2009, S. 341–369.
17.
Vgl. Silke Aisenbrey/Marie Evertsson/Daniela Grunow, Is There a Career Penalty for Mothers’ Time Out? A Comparison of Germany, Sweden and the United States, in: Social Forces 2/2009, S. 573–606.
18.
Vgl. Christina Boll/Malte Jahn/Andreas Lagemann, The Gender Lifetime Earnings Gap – Exploring Gendered Pay From the Life Course Perspective, Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut, HWWI Research Papers 179/2017.
19.
Vgl. Elke Holst/Anne Busch-Heizmann/Anna Wieber, Führungskräfte-Monitor 2015, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Politikberatung kompakt 100/2015.
20.
Vgl. Barbara Schwarze/Andreas Frey/Heiko Tapken, Frauen im Management 2016 (FiM), Studie in Kooperation des Kompetenzzentrums Frauen im Management, Hochschule Osnabrück mit Bisnode Deutschland GmbH, Osnabrück 2016.
21.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Zahl der Woche, Pressemitteilung, 23.2.2016.
22.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Sabine Hübgen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
23.
Vgl. WSI Genderdatenportal (Anm. 1).
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