Eine Gruppe Kindergartenkinder mit Betreuer und Spaziergaenger gehen durch eine Allee herbstlich gefaerbter Laubbaeume an der Dreisam in Freiburg, 27.10.2016.

21.7.2017 | Von:
Nicole Beste-Fopma
Volker Baisch

Wettbewerbsvorteil Familienbewusstsein. "Familienpolitik" von Unternehmen

Schlüsselrolle der Führungskräfte

Laut einer repräsentativen Studie des Fürstenberg Instituts von 2011 haben 84 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland Schwierigkeiten, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.[13] Da mangelnde Vereinbarkeit bei vielen Menschen zu abnehmender Leistungsfähigkeit im Berufsleben führt, kann es Unternehmen teuer zu stehen kommen, wenn sie ihre Angestellten bei dieser Aufgabe nicht unterstützen. Oder andersherum ausgedrückt: Die Investition in mehr Familienfreundlichkeit dürfte sich für Unternehmen auch wirtschaftlich lohnen.

Obwohl das Thema Familienbewusstsein für viele Geschäftsführungen in den vergangenen Jahren also deutlich an Bedeutung gewonnen hat, ist der Wandel hin zu einer echten familienbewussten Unternehmenskultur noch nicht überall gegeben. Rund 65 Prozent der Väter und 75 Prozent der Mütter schätzen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf insgesamt als "nicht so gut" ein.[14] Zum Teil gibt es auch deutliche Unterschiede, wie das Familienbewusstsein im eigenen Unternehmen beurteilt wird – je nachdem, ob die Geschäftsführungen oder die Beschäftigten befragt werden: So gaben etwa im "Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2016" über 83 Prozent der befragten Unternehmen an, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei ihnen selbstverständlich sei. Demgegenüber bejahten bei den Beschäftigten nur etwa 63 Prozent diese Aussage. Und während fast 90 Prozent der Personalverantwortlichen gleiche Entwicklungschancen für Beschäftigte mit und ohne Familienpflichten sehen, stimmen von den Beschäftigten selbst nur 68 Prozent dieser Aussage zu.[15]

Die unterschiedliche Wahrnehmung ist unter anderem auf das traditionelle Rollenverständnis zurückzuführen, das in vielen Führungsetagen noch immer vorherrscht. Viele Führungskräfte leben selbst danach und haben wenig Verständnis für Väter, die zugunsten ihrer Kinder Arbeitszeit reduzieren möchten, oder Mütter, die trotz Kinder eine Karriere anstreben. Andere Führungskräfte wiederum wollen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Vereinbarkeit gerne unterstützen, wissen aber zum einen nicht wie und sind zum anderen an die übergeordneten Interessen des Unternehmens gebunden.

Dies trat zum Beispiel auch in einer Väter-Studie der Commerzbank von 2015 zutage, in der unter anderem die Rolle von Führungskräften bei der Verankerung väterfreundlicher Strukturen in dem Unternehmen untersucht wurde. Über 90 Prozent der befragten Väter in Elternzeit gaben zwar an, durch die Elternzeit keine Nachteile in puncto Karriere erlebt zu haben und attestierten ihren Vorgesetzten eine positiv veränderte Wahrnehmung von Väterinteressen. Zugleich aber wurde in qualitativen Interviews berichtet, "dass die Möglichkeit, mehr Zeit für die Familie zu erhalten, stark von der Zustimmung der Führungskraft abhänge. Die Väter befürchten, dass sie mit ihrem Wunsch einer partnerschaftlichen Teilung von Erwerbstätigkeit und familiären Aufgaben bei Vorgesetzten auf Unverständnis stoßen könnten. Väter, die mehr als zwei Monate in Elternzeit gehen, berichten, dass sie mit mehr Nachteilen konfrontiert wären als Männer, die nur die klassischen zwei Monate nehmen. Die Sorge mit Blick auf einen möglichen Karriereknick ist offensichtlich einer der Gründe, warum Väter in der überwiegenden Zahl nur zwei Partnermonate Elternzeit und Teilzeitarbeit nur in geringem Umfang nutzen."[16]

Tatsächlich sind auch viele Männer unzufrieden über mangelnde Vereinbarkeit: laut A.T. Kearney schon fast jeder fünfte Vater.[17] Doch auch die schon erwähnte "Nur Mut"-Studie zeigt, dass bisher nur etwa die Hälfte der Väter familienfreundliche Angebote des eigenen Unternehmens in Anspruch genommen hat. Nur sieben Prozent der Väter haben selbst Erfahrungen mit Arbeit in Teilzeit gemacht. Demgegenüber stehen die Mütter, von denen über 60 Prozent bereits in Teilzeit gearbeitet haben. Fast doppelt so viele Männer wie Frauen befürchten bei der Inanspruchnahme familienbewusster Leistungen schlechtere Beurteilungen seitens der Vorgesetzten (40 beziehungsweise 21 Prozent).[18]

Was hier hilft, sind vor allem mutige und engagierte Führungskräfte, die eine Schlüsselposition für eine väterbewusste Unternehmenskultur haben. Wenn Führungskräfte oder direkte Vorgesetzte mit gutem Beispiel vorangehen, gelingt 79 Prozent der Väter eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Tun sie es nicht, gelingt es nur 17 Prozent.[19]

Fußnoten

13.
Vgl. Fürstenberg Institut, Fürstenberg Performance-Index 2011, Pressemitteilung, 31.5.2011, http://www.fuerstenberg-institut.de/wp-content/uploads/2011/07/Pressemeldung-FPI.pdf«.
14.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Monitor Familienleben 2013, Allensbach 2013, S. 7, http://www.ifd-allensbach.de/uploads/tx_studies/7893_Monitor_Familienleben_2013.pdf«.
15.
Vgl. BMFSFJ 2016 (Anm. 1), S. 14.
16.
Volker Baisch/Harald Seehausen, Väter bei der Commerzbank: Ein Kulturwandel entsteht. Die Commerzbank-Väter-Studie 2015, Frankfurt/M. 2015, S. 20.
17.
A.T. Kearney GmbH, Mehr Aufbegehren. Mehr Vereinbarkeit!, Hamburg 2016, S. 13.
18.
A.T. Kearney (Anm. 9), S. 8f.
19.
A.T. Kearney (Anm. 17), S. 14.
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