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26.5.2002 | Von:
Rainer Durth

Globalisierung und Wirtschaftswachstum

I. Handel und Wirtschaftsentwicklung in der traditionellen Sichtweise

Wenn sich Länder unterscheiden, lohnt es sich für sie, miteinander Handel zu treiben. Durch den Handel kommt es - unter den Bedingungen idealer internationaler Märkte - zu einer Arbeitsteilung, bei der sich jedes Land auf die Produktion jener Güter und Dienstleistungen spezialisiert, die es im Vergleich zu den anderen Ländern am günstigsten anbieten kann (bei denen es komparative Vorteile besitzt) [5] . Handel führt unter diesen Bedingungen zu zwei wohlfahrtssteigernden Effekten:

- Erstens kommt es zu einer Verbesserung der Konsumversorgung, weil handeltreibende Länder nicht mehr genau das konsumieren müssen, was sie vorher - mit den bei Autarkie zur Verfügung stehenden Ressourcen - produziert haben (Handelsgewinne im engeren Sinne).

- Zweitens werden handeltreibende Länder vermehrt solche Güter produzieren, bei deren Herstellung sie im Vergleich zu anderen Ländern Vorteile haben. Durch eine stärkere internationale Arbeitsteilung können die weltweit vorhandenen Ressourcen effizienter eingesetzt und die Weltproduktion insgesamt gesteigert werden (Spezialisierungsgewinne).

Beide Effekte steigern die Wohlfahrt, nicht jedoch die langfristige wirtschaftliche Entwicklung eines Landes: Die Verbesserung der Konsumversorgung stellt einen einmaligen Fortschritt dar und keinen dauerhaften Wachstumseffekt. Aber auch eine weltweite Spezialisierung führt zwar dazu, dass sprungartig mehr produziert wird, sie bewirkt jedoch nicht, dass sich die zur Produktion benötigten Ressourcen vermehren und sich dieser Nutzeneffekt beliebig wiederholen lässt.

1. Komparative Vorteile



Es scheint zunächst unmittelbar einsichtig, dass Außenhandel dann sinnvoll ist, wenn ein Land ein Gut absolut günstiger anbieten kann als andere Länder. Ricardo [6] hat jedoch gezeigt, dass solche absoluten Vorteile weder notwendig noch hinreichend für einen wohlfahrtssteigernden Handel sind. Es kann auch für ein in allen Produktionsbereichen überlegenes Land vorteilhaft sein, Außenhandel zu betreiben, wenn es sich auf die Herstellung derjenigen Güter spezialisiert, bei denen es den relativ größten Kostenvorsprung vor dem Ausland besitzt und die Produktion derjenigen Güter aufgibt, bei denen sein Kostenvorteil gegenüber dem Ausland vergleichsweise gering ist. Auch wenn Deutschland, beispielsweise, verglichen mit Polen nicht nur sehr viel besser Autos bauen, sondern auch besser Weizen produzieren kann, ist es für Deutschland sinnvoll, Autos herzustellen. Umgekehrt ist es für Polen zweckmäßig, sich auf die Weizenproduktion zu spezialisieren - selbst wenn Deutschland hier einen absoluten Produktionsvorteil hat. Der Grund für diese Spezialisierung liegt darin, dass Deutschland gegenüber Polen in der Autoproduktion einen noch größeren Vorteil hat als beim Anbau von Weizen. Der deutsche Weizenbedarf wird dann durch Weizenimporte aus Polen gedeckt, die mit den Erlösen für die exportierten Autos bezahlt werden können. Für internationalen Handel braucht es daher keine absoluten, sondern nur relative Kostenunterschiede für alle Beteiligten. Die internationale Arbeitsteilung ergibt sich daraus, dass jedes Land versucht, seine Opportunitätskosten - den Wert der alternativ produzierbaren, tatsächlich jedoch nicht produzierten Güter - zu minimieren.

2. Faktorpreisausgleich und Verteilungswirkungen



Außenhandel führt zu Spezialisierung. Eine wichtige Determinante für die gewählte Spezialisierungsrichtung ist dabei die jeweilige nationale Ressourcenausstattung. Vor Aufnahme des Handels sind die in Deutschland (im Vergleich zu Polen) reichlich vorhandenen Produktionsfaktoren (im Vergleich zu Polen) relativ billig; umgekehrt sind die in Deutschland relativ knapp vorhandenen Produktionsfaktoren vergleichsweise teuer. Da die eigentliche Ursache für Handel aufgrund komparativer Vorteile in den Möglichkeiten zum Ausgleich zwischen unterschiedlichen relativen Güterpreisen besteht, führt freier Handel zu einer Angleichung der relativen Güterpreise - es entstehen einheitliche Weltmarktpreise. Aus der Gleichheit der relativen Güterpreise folgt jedoch, dass sich auch die Preise für die Produktionsfaktoren angleichen. Diese Nachfrageverschiebungen führen zu Faktorpreisänderungen: Die in Deutschland reichlich vorhandenen (und in Polen knappen) Produktionsfaktoren werden nach Aufnahme des Handels teurer; die in Deutschland knappen (aber in Polen reichlich vorhandenen) Produktionsfaktoren werden billiger. Der vollständige Ausgleich der Faktorpreise durch Freihandel ist aber in der Theorie an strenge Annahmen geknüpft, so dass man nur von einer "Tendenz zum Ausgleich der Faktorpreise" spricht. Diese Tendenz zum Faktor- und auch Güterpreisausgleich hat jedoch erhebliche Verteilungswirkungen, die dafür verantwortlich sind, dass es bei Wirtschaftsbeziehungen zwischen zwei Ländern nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer gibt:

- Verteilungswirkungen auf der Faktorebene: Handel ist für die Besitzer von denjenigen Produktionsfaktoren vorteilhaft, die vor allem im Exportsektor Verwendung finden (spezifisch für ihn sind); umgekehrt stellt er die Besitzer von Produktionsfaktoren schlechter, welche spezifisch für den Sektor sind, der mit Importen konkurrieren muss.

- Verteilungswirkungen auf der Güterebene: Durch den Handel sinken die Preise für importkonkurrierende Güter, die Preise der Exportgüter steigen. Demzufolge profitieren die Konsumenten von importkonkurrierenden Gütern, die Konsumenten von Exportgütern stellen sich schlechter.

Innerhalb eines Landes gibt es also möglicherweise Gruppen, die in Antizipation der Verteilungswirkungen ein Eigeninteresse daran haben, die wirtschaftliche Öffnung zumindest zu beschränken, und zwar auch dann, wenn internationaler Handel für das Land insgesamt langfristig vorteilhaft wäre.

3. Internationale Migration und Kapitalflüsse



Außer über Güterhandel können sich die Preise für Produktionsfaktoren auch dadurch ändern, dass es zu grenzüberschreitende Wanderungen von Arbeit und Kapital kommt. Die Verteilungswirkungen solcher Wanderungen sind nicht weniger erheblich als die bereits beschriebenen Verteilungswirkungen: Beispielsweise werden im kapitalreichen Deutschland die Löhne über denen im reichlich mit Arbeitskräften ausgestatteten Polen liegen, weil die Beschäftigten in Deutschland an kapitalintensiveren Arbeitsplätzen mit einer größeren Produktivität arbeiten. Öffnen Deutschland und Polen ihre Grenze, werden polnische Arbeiter nach Deutschland strömen, bis sich die Löhne angenähert haben. Die gesamte Wirtschaftsleistung der beiden Länder wird steigen, weil der Faktor Arbeit dort eingesetzt werden kann, wo er die höchste Produktivität hat. Von einer Öffnung profitieren folglich die deutschen Kapitalbesitzer und die polnischen Arbeiter. Erstere zahlen niedrigere, letztere erhalten höhere Löhne als vorher. Verlierer sind die polnischen Kapitalbesitzer, die nach der Öffnung höhere Löhne zahlen müssen, und die deutschen Arbeiter, deren Löhne mit größerem Arbeitskräfteangebot in Deutschland sinken. Auch das Kapital wird nach einer Grenzöffnung dorthin strömen, wo die höchste Entlohnung, d. h. Rendite, erwartet wird. Politischer Widerstand gegenüber einer Öffnung ist im Beispiel in erster Linie von den polnischen Kapitalbesitzern und den deutschen Arbeitern zu erwarten, die sich durch die plötzliche Konkurrenz beide schlechter stellen werden.

Schließlich wird die Globalisierung die nationalen Faktorbestände mittel- und langfristig noch auf eine andere Weise verändern; und zwar werden sich die Exportbranchen auf die komparativen Vorteile eines Landes stützen und expandieren. Infolgedessen steigt in jedem Land die Nachfrage nach dem reichlich vorhandenen Faktor, und diejenige für den knappen Faktor fällt. Wenn sich das Angebot an Produktionsfaktoren zumindest teilweise verändern kann - etwa weil Arbeit und Kapital wandern -, wird infolge der Preisveränderungen das Angebot des reichlichen Faktors weiter steigen, das des knappen Faktors sinken. Das heißt, dass die Unterschiede in der relativen Faktorausstattung von handeltreibenden Ländern durch Globalisierung eher verstärkt werden. Falls die Produktionsfaktoren unterschiedlich wachsen, besteht die Möglichkeit, dass sich die Veränderungen in der Zusammensetzung der Produktionsfaktoren (Faktormix) auf die komparativen Vorteile eines Landes auswirken und zu einer Neuausrichtung der Export-/Importstrukturen führen. Dabei werden wieder namentlich diejenigen Sektoren expandieren, die den wachsenden Produktionsfaktor besonders intensiv nutzen.

4. Offene Fragen in der traditionellen Theorie



Die skizzierte traditionelle Außenwirtschaftstheorie bedarf aus zwei Gründen einer Ergänzung: Erstens besteht ein zunehmender Teil des Welthandels aus intraindustriellem Handel, d. h., dass gleiche Länder mit fast identischen Produkten handeln: Deutsche kaufen französische, Franzosen kaufen deutsche Autos. Die traditionelle Außenhandelstheorie kann diesen empirisch immer bedeutsameren und für den technologischen Fortschritt ausgesprochen relevanten Handel aufgrund ihres Fokus auf komparative Vorteile nicht erklären. Und zweitens sind im Gegensatz zu den Annahmen der traditionellen Handelstheorie die internationalen Märkte gerade für hochtechnologische Produkte keinesfalls perfekte Märkte. Vielmehr gibt es hier oft steigende Skalenerträge, weil große Investitionen in Forschungsleistungen nötig sind, die zu monopolähnlichen Marktstrukturen führen.

Fußnoten

5.
Als Einführung bieten sich u. a. an: Paul Krugman/Maurice Obstfeld, International Economics. Theory and Policy, Reading 1997; Horst Siebert, Außenwirtschaft, Stuttgart 1995; Peter Zweifel/Robert Heller, Internationaler Handel, Heidelberg 1997.
6.
Vgl. D. Ricardo (Anm. 3).