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26.5.2002 | Von:
Rainer Durth

Globalisierung und Wirtschaftswachstum

Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen der langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung einzelner Volkswirtschaften und ihrer Verflechtung mit anderen Volkswirtschaften? Im Beitrag wird dabei unterschieden zwischen statischen und dynamischen Wirkungen.

Einleitung

Die zunehmende Globalisierung erscheint vielen Nichtökonomen als eine starke, kalte und gefährliche Entwicklung, die zur Verarmung großer Bevölkerungsteile führt und politische Handlungsmöglichkeiten gerade auch in westlichen Demokratien untergräbt [1] . Die meisten Ökonomen hingegen begrüßen die Globalisierung und verweisen darauf, dass außenwirtschaftliche Beziehungen effizienzsteigernd wirken, so dass es allen besser gehen kann [2] . Worauf beruhen diese Verbesserungen? Wann wirken sie dauerhaft? Welche Verteilungswirkungen zwischen und innerhalb von Ländern sind mit ihnen verbunden? Und welche Rolle spielt die internationale Diffusion von neuem Wissen für die Wachstumsmöglichkeiten der einzelnen Volkswirtschaften? Die Außenhandelstheorie beschäftigt sich mit diesen Fragen, und einige ihrer Antworten sind auch für Nichtökonomen interessant, die sich dem Phänomen der Globalisierung zuwenden wollen.


Ausgangspunkt der Überlegungen ist die grundsätzliche Frage, warum Länder überhaupt Handel miteinander treiben. Im Wesentlichen gibt es hierauf zwei Arten von Antworten: erstens, weil die Länder unterschiedlich sind, und zweitens, weil größere Märkte die Realisierung größerer Stückzahlen erlauben. Unterschiede zwischen Ländern stehen im Mittelpunkt der traditionellen Außenhandelstheorie: Bereits David Ricardo hat festgestellt, dass Handel für zwei Länder immer dann vorteilhaft ist, wenn sich die Preise in zwei Länder voneinander unterscheiden [3] . Die neue Außenhandelstheorie hingegen betont die Wechselwirkung zwischen Außenhandel und Größenvorteilen: Größenvorteile spielen vor allem dann eine Rolle, wenn die Herstellung eines Gutes hohe Anfangsinvestitionen erfordert und die durchschnittlichen Produktionskosten mit wachsender Stückzahl sinken (Skaleneffekte) [4] . Hiervon sind insbesondere technologisch hochwertige und neue Produkte betroffen.

I. Handel und Wirtschaftsentwicklung in der traditionellen Sichtweise

Wenn sich Länder unterscheiden, lohnt es sich für sie, miteinander Handel zu treiben. Durch den Handel kommt es - unter den Bedingungen idealer internationaler Märkte - zu einer Arbeitsteilung, bei der sich jedes Land auf die Produktion jener Güter und Dienstleistungen spezialisiert, die es im Vergleich zu den anderen Ländern am günstigsten anbieten kann (bei denen es komparative Vorteile besitzt) [5] . Handel führt unter diesen Bedingungen zu zwei wohlfahrtssteigernden Effekten:

- Erstens kommt es zu einer Verbesserung der Konsumversorgung, weil handeltreibende Länder nicht mehr genau das konsumieren müssen, was sie vorher - mit den bei Autarkie zur Verfügung stehenden Ressourcen - produziert haben (Handelsgewinne im engeren Sinne).

- Zweitens werden handeltreibende Länder vermehrt solche Güter produzieren, bei deren Herstellung sie im Vergleich zu anderen Ländern Vorteile haben. Durch eine stärkere internationale Arbeitsteilung können die weltweit vorhandenen Ressourcen effizienter eingesetzt und die Weltproduktion insgesamt gesteigert werden (Spezialisierungsgewinne).

Beide Effekte steigern die Wohlfahrt, nicht jedoch die langfristige wirtschaftliche Entwicklung eines Landes: Die Verbesserung der Konsumversorgung stellt einen einmaligen Fortschritt dar und keinen dauerhaften Wachstumseffekt. Aber auch eine weltweite Spezialisierung führt zwar dazu, dass sprungartig mehr produziert wird, sie bewirkt jedoch nicht, dass sich die zur Produktion benötigten Ressourcen vermehren und sich dieser Nutzeneffekt beliebig wiederholen lässt.

1. Komparative Vorteile



Es scheint zunächst unmittelbar einsichtig, dass Außenhandel dann sinnvoll ist, wenn ein Land ein Gut absolut günstiger anbieten kann als andere Länder. Ricardo [6] hat jedoch gezeigt, dass solche absoluten Vorteile weder notwendig noch hinreichend für einen wohlfahrtssteigernden Handel sind. Es kann auch für ein in allen Produktionsbereichen überlegenes Land vorteilhaft sein, Außenhandel zu betreiben, wenn es sich auf die Herstellung derjenigen Güter spezialisiert, bei denen es den relativ größten Kostenvorsprung vor dem Ausland besitzt und die Produktion derjenigen Güter aufgibt, bei denen sein Kostenvorteil gegenüber dem Ausland vergleichsweise gering ist. Auch wenn Deutschland, beispielsweise, verglichen mit Polen nicht nur sehr viel besser Autos bauen, sondern auch besser Weizen produzieren kann, ist es für Deutschland sinnvoll, Autos herzustellen. Umgekehrt ist es für Polen zweckmäßig, sich auf die Weizenproduktion zu spezialisieren - selbst wenn Deutschland hier einen absoluten Produktionsvorteil hat. Der Grund für diese Spezialisierung liegt darin, dass Deutschland gegenüber Polen in der Autoproduktion einen noch größeren Vorteil hat als beim Anbau von Weizen. Der deutsche Weizenbedarf wird dann durch Weizenimporte aus Polen gedeckt, die mit den Erlösen für die exportierten Autos bezahlt werden können. Für internationalen Handel braucht es daher keine absoluten, sondern nur relative Kostenunterschiede für alle Beteiligten. Die internationale Arbeitsteilung ergibt sich daraus, dass jedes Land versucht, seine Opportunitätskosten - den Wert der alternativ produzierbaren, tatsächlich jedoch nicht produzierten Güter - zu minimieren.

2. Faktorpreisausgleich und Verteilungswirkungen



Außenhandel führt zu Spezialisierung. Eine wichtige Determinante für die gewählte Spezialisierungsrichtung ist dabei die jeweilige nationale Ressourcenausstattung. Vor Aufnahme des Handels sind die in Deutschland (im Vergleich zu Polen) reichlich vorhandenen Produktionsfaktoren (im Vergleich zu Polen) relativ billig; umgekehrt sind die in Deutschland relativ knapp vorhandenen Produktionsfaktoren vergleichsweise teuer. Da die eigentliche Ursache für Handel aufgrund komparativer Vorteile in den Möglichkeiten zum Ausgleich zwischen unterschiedlichen relativen Güterpreisen besteht, führt freier Handel zu einer Angleichung der relativen Güterpreise - es entstehen einheitliche Weltmarktpreise. Aus der Gleichheit der relativen Güterpreise folgt jedoch, dass sich auch die Preise für die Produktionsfaktoren angleichen. Diese Nachfrageverschiebungen führen zu Faktorpreisänderungen: Die in Deutschland reichlich vorhandenen (und in Polen knappen) Produktionsfaktoren werden nach Aufnahme des Handels teurer; die in Deutschland knappen (aber in Polen reichlich vorhandenen) Produktionsfaktoren werden billiger. Der vollständige Ausgleich der Faktorpreise durch Freihandel ist aber in der Theorie an strenge Annahmen geknüpft, so dass man nur von einer "Tendenz zum Ausgleich der Faktorpreise" spricht. Diese Tendenz zum Faktor- und auch Güterpreisausgleich hat jedoch erhebliche Verteilungswirkungen, die dafür verantwortlich sind, dass es bei Wirtschaftsbeziehungen zwischen zwei Ländern nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer gibt:

- Verteilungswirkungen auf der Faktorebene: Handel ist für die Besitzer von denjenigen Produktionsfaktoren vorteilhaft, die vor allem im Exportsektor Verwendung finden (spezifisch für ihn sind); umgekehrt stellt er die Besitzer von Produktionsfaktoren schlechter, welche spezifisch für den Sektor sind, der mit Importen konkurrieren muss.

- Verteilungswirkungen auf der Güterebene: Durch den Handel sinken die Preise für importkonkurrierende Güter, die Preise der Exportgüter steigen. Demzufolge profitieren die Konsumenten von importkonkurrierenden Gütern, die Konsumenten von Exportgütern stellen sich schlechter.

Innerhalb eines Landes gibt es also möglicherweise Gruppen, die in Antizipation der Verteilungswirkungen ein Eigeninteresse daran haben, die wirtschaftliche Öffnung zumindest zu beschränken, und zwar auch dann, wenn internationaler Handel für das Land insgesamt langfristig vorteilhaft wäre.

3. Internationale Migration und Kapitalflüsse



Außer über Güterhandel können sich die Preise für Produktionsfaktoren auch dadurch ändern, dass es zu grenzüberschreitende Wanderungen von Arbeit und Kapital kommt. Die Verteilungswirkungen solcher Wanderungen sind nicht weniger erheblich als die bereits beschriebenen Verteilungswirkungen: Beispielsweise werden im kapitalreichen Deutschland die Löhne über denen im reichlich mit Arbeitskräften ausgestatteten Polen liegen, weil die Beschäftigten in Deutschland an kapitalintensiveren Arbeitsplätzen mit einer größeren Produktivität arbeiten. Öffnen Deutschland und Polen ihre Grenze, werden polnische Arbeiter nach Deutschland strömen, bis sich die Löhne angenähert haben. Die gesamte Wirtschaftsleistung der beiden Länder wird steigen, weil der Faktor Arbeit dort eingesetzt werden kann, wo er die höchste Produktivität hat. Von einer Öffnung profitieren folglich die deutschen Kapitalbesitzer und die polnischen Arbeiter. Erstere zahlen niedrigere, letztere erhalten höhere Löhne als vorher. Verlierer sind die polnischen Kapitalbesitzer, die nach der Öffnung höhere Löhne zahlen müssen, und die deutschen Arbeiter, deren Löhne mit größerem Arbeitskräfteangebot in Deutschland sinken. Auch das Kapital wird nach einer Grenzöffnung dorthin strömen, wo die höchste Entlohnung, d. h. Rendite, erwartet wird. Politischer Widerstand gegenüber einer Öffnung ist im Beispiel in erster Linie von den polnischen Kapitalbesitzern und den deutschen Arbeitern zu erwarten, die sich durch die plötzliche Konkurrenz beide schlechter stellen werden.

Schließlich wird die Globalisierung die nationalen Faktorbestände mittel- und langfristig noch auf eine andere Weise verändern; und zwar werden sich die Exportbranchen auf die komparativen Vorteile eines Landes stützen und expandieren. Infolgedessen steigt in jedem Land die Nachfrage nach dem reichlich vorhandenen Faktor, und diejenige für den knappen Faktor fällt. Wenn sich das Angebot an Produktionsfaktoren zumindest teilweise verändern kann - etwa weil Arbeit und Kapital wandern -, wird infolge der Preisveränderungen das Angebot des reichlichen Faktors weiter steigen, das des knappen Faktors sinken. Das heißt, dass die Unterschiede in der relativen Faktorausstattung von handeltreibenden Ländern durch Globalisierung eher verstärkt werden. Falls die Produktionsfaktoren unterschiedlich wachsen, besteht die Möglichkeit, dass sich die Veränderungen in der Zusammensetzung der Produktionsfaktoren (Faktormix) auf die komparativen Vorteile eines Landes auswirken und zu einer Neuausrichtung der Export-/Importstrukturen führen. Dabei werden wieder namentlich diejenigen Sektoren expandieren, die den wachsenden Produktionsfaktor besonders intensiv nutzen.

4. Offene Fragen in der traditionellen Theorie



Die skizzierte traditionelle Außenwirtschaftstheorie bedarf aus zwei Gründen einer Ergänzung: Erstens besteht ein zunehmender Teil des Welthandels aus intraindustriellem Handel, d. h., dass gleiche Länder mit fast identischen Produkten handeln: Deutsche kaufen französische, Franzosen kaufen deutsche Autos. Die traditionelle Außenhandelstheorie kann diesen empirisch immer bedeutsameren und für den technologischen Fortschritt ausgesprochen relevanten Handel aufgrund ihres Fokus auf komparative Vorteile nicht erklären. Und zweitens sind im Gegensatz zu den Annahmen der traditionellen Handelstheorie die internationalen Märkte gerade für hochtechnologische Produkte keinesfalls perfekte Märkte. Vielmehr gibt es hier oft steigende Skalenerträge, weil große Investitionen in Forschungsleistungen nötig sind, die zu monopolähnlichen Marktstrukturen führen.

II. Handel und Wirtschaftsentwicklung aus einer moderneren Perspektive

Seit Beginn der achtziger Jahre wird versucht, auf diese offenen Fragen Antworten zu finden. Dabei hat sich ein neues, ergänzendes Theoriegebäude entwickelt, die so genannte neue oder endogene Außenhandelstheorie. Zunächst ging es dabei vor allem darum, auch unvollkommene Märkte analysieren und den Handel "gleicher Länder mit gleichen Produkten" erklären zu können. Mit parallelen Fortschritten bei der ökonomischen Erklärung von Wirtschaftswachstum insgesamt rückte jedoch die Frage immer weiter in den Vordergrund, welchen Beitrag die Aufnahme von Außenwirtschaftsbeziehungen - und, zu Ende gedacht, eben die Globalisierung - für den technologischen Fortschritt leistet, der als wesentliche Ursache von langfristigem Wirtschaftswachstum angesehen wird. Der Kern der Überlegungen lässt sich etwas vereinfacht wie folgt zusammenfassen: Technologischer Fortschritt entsteht, weil Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht in Forschung investieren. Wenn aus ihrer Forschung eine brauchbare Erfindung hervorgeht, sind die Unternehmen in Bezug auf ihre Erfindung zumindest eine zeitlang Monopolisten und können einen höheren Preis verlangen, der nicht nur ihre Forschungsinvestitionen deckt, sondern ihnen auch einen Gewinn erlaubt. Handel mit einem anderen Land oder sogar globalisierte Märkte vergrößern den Absatzmarkt für die Erfindung. Da auch bei einem größeren Absatzmarkt aber nicht mehr Forschungsinvestitionen anfallen, vergrößern Außenhandel bzw. Globalisierung die Gewinnmöglichkeiten für Unternehmen mit forschungsintensiven Produkten. Es wird infolgedessen mehr in Forschung investiert, der technologische Fortschritt beschleunigt sich, und ein höheres technologisches Niveau erlaubt wiederum ein größeres Wirtschaftswachstum in den beteiligten Ländern.

Außenhandel vergrößert also das Marktvolumen: Jedes Land kann sich auf die Produktion einiger weniger Produkte spezialisieren und ähnliche Produkte im Ausland kaufen: Bspw. werden Autos in Deutschland von VW oder Daimler produziert, deutsche Konsumenten kaufen aber gleichzeitig auch Autos von Renault aus Frankreich oder Toyota aus Japan. Infolge des intraindustriellen Handels können gleichzeitig die Produktvielfalt aufgrund der größeren Anbieterzahl gesteigert und die Kosten aufgrund der nun möglichen Massenproduktionsvorteile und des steigenden Wettbewerbs gesenkt werden. Die Richtung des Außenhandels innerhalb des Sektors der differenzierten Güter ist nicht determiniert. D. h., bei Aufnahme des Handels ist offen, welches Land wieviele und welche der differenzierten Güter selber herstellt und welche es aus dem Ausland importiert. Bestehende Handels- und Spezialisierungsmuster können unter diesen Bedingungen ohne detaillierte Kenntnisse der geschichtlichen Ereignisse, die zu den Mustern geführt haben, nicht mehr erklärt werden; internationale Wirtschaftsentwicklung ist in diesem Sinne pfadabhängig und wird durch Regierungshandeln beeinflussbar. Die Implikationen dieser Überlegungen gehen jedoch über die Erklärung intraindustriellen Handels weit hinaus, denn es zeigt sich schnell, dass eine umfassende Beurteilung von Außenhandel und wirtschaftlicher Globalisierung auch die Auswirkungen der wirtschaftlichen Integration auf das technologische Wissen als wichtigste Grundlage langfristigen Wirtschaftswachstums berücksichtigen muss. Internationaler Handel wirkt hier auf Wissensbestände und -flüsse über folgende Mechanismen [7] : Er

- vergrößert die Absatzmärkte und erlaubt größere Forschungsinvestitionen;

- verstärkt den internationalen Wettbewerb zwischen Forschern;

- gewährt Zugang zu den im Ausland akkumulierten Wissensbeständen;

- wird die Relativpreise von Produktionsfaktoren ändern und Wanderungen z. B. von hoch qualifizierten Arbeitskräften zwischen Industrie und Forschungslabors verursachen.

Anders als in der oben diskutierten traditionellen Außenhandelstheorie sind Außenwirtschaftsbeziehungen nun jedoch nicht mehr für alle beteiligten Länder von vornherein vorteilhaft. Ob und wie ein Land profititiert, hängt entscheidend davon ab, über welche Produktionsfaktoren es im Vergleich zu den anderen Ländern verfügt und wie mobil das neue Wissen international ist. Die wirtschaftlichen Auswirkungen lassen sich gut in vier unterschiedlichen Fällen diskutieren.

1. Gleiche Länder - immobiles Wissen



Was passiert, wenn sich zwei Länder zueinander öffnen, die gleichermaßen mit niedrig qualifizierter Arbeit und hoch qualifiziertem Humankapital ausgestattet sind und den gleichen technologischen Entwicklungsstand besitzen? Die inzwischen klassische Analyse des Handels zwischen gleichen Ländern stammt von Luis Rivera-Batiz und Paul

Romer [8] . Sie unterscheiden in beiden Ländern zwischen einem Forschungssektor, der Erfindungen erzeugt, und einem Endproduktsektor (Industrie). Außenhandel wirkt in ihrem Modell auf Wachstumsmöglichkeiten in erster Linie über die Wanderungen von Humankapital zwischen beiden Sektoren: Wenn die Renditen in der Forschung steigen, wird dort mehr und im Endproduktsektor weniger Humankapital eingesetzt. Ein größerer Einsatz von Humankapital in der Forschung führt zu einem schnelleren Wachstum des Wissensbestandes (mehr Forscher, mehr Ideen), und das beschleunigt das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens (PKE).

Wenn neues Wissen die Ländergrenzen nicht überschreiten kann - wohl aber Produkte, die auf neuem Wissen beruhen -, verfügt jedes Land auch nach der wirtschaftlichen Öffnung nur über sein eigenes akkumuliertes Wissen. Es kann aber die Produktivität der heimischen Industrie steigern, indem es innovative Kapitalgüter (z. B. Werkzeugmaschinen) im Ausland kauft. Die größere Produktivität in der Industrie ermöglicht höhere Löhne und zieht so hoch qualifizierte Arbeiter an. Gleichzeitig - und im gleichen Maß! - wächst mit dem größeren Absatzmarkt für innovative Produkte aber auch der Wert der Patente, so dass auch in der Forschung höhere Löhne gezahlt werden können. Die wirtschaftliche Öffnung führt daher in keinem der Länder zu einer Wanderung von Humankapital zwischen Forschung und Industrie. Mit gleicher Forscherzahl und ohne die Möglichkeit, Wissen von außen zuzuführen, kommt es in keinem der beiden Länder zu einer beschleunigten Wissensproduktion - die langfristige Wachstumsrate ist die gleiche wie vor der Aufnahme von Wirtschaftsbeziehungen.

2. Gleiche Länder - mobiles Wissen



Wenn sich Wissen über Ländergrenzen hinweg ausbreiten kann, hängen die Wachstumswirkungen entscheidend davon ab, ob das Wissen geschützt werden kann. Falls neues Wissen international mobil ist, Patente im Ausland aber keinen Schutz genießen, wird jede neue Idee sofort im Ausland kopiert und von dort importiert. Konsequenterweise wird alles Humankapital in der Industrie eingesetzt, und es entsteht kein neues Wissen mehr, das langfristiges Wachstum ermöglichen könnte. Kurzfristig kommt es jedoch zu einem höheren Wirtschaftswachstum aufgrund des höheren Humankapitaleinsatzes im Endproduktsektor. Ohne den internationalen Schutz von neuen Ideen ist Autarkie daher langfristig vorteilhafter als Globalisierung, weil dann ausländische Imitationen nicht mehr importiert und Forschungsanstrengungen zumindest im jeweiligen Inland wieder belohnt werden können.

Die größten langfristigen Wachstumseffekte lassen sich zwischen gleichen Ländern jedoch realisieren, wenn Wissen international mobil ist und es ein effektives internationales Patentwesen gibt. Dann vergrößern Wissensimporte aus dem jeweiligen Ausland den inländischen Wissensbestand - und zwar erstens schlagartig zu Beginn der wirtschaftlichen Verflechtung und zweitens kontinuierlich danach: Immer dann, wenn in einem der Länder eine Erfindung gemacht wird, steht sie auch dem anderen Land zur Verfügung. Wegen des internationalen Patentschutzes kostet ihre Nutzung im In- und Ausland Lizenzgebühren, so dass ein (im Idealfall angemessener) wirtschaftlicher Anreiz für Forschungsinvestitionen besteht. Der Forschungssektor kann bei der Erzeugung von neuem Wissen auf einen größeren Wissensbestand (im In- und Ausland) zurückgreifen, seine Produktivität wächst schneller als die der Industrie. Er kann höhere Löhne zahlen, lockt zusätzliches Humankapital aus der Industrie an und produziert noch schneller neues Wissen. Dies erhöht die langfristige Wachstumsrate in beiden Ländern.

Absolut gleiche Länder profitieren nach Rivera-Batiz/Romer folglich gleichermaßen von einer wirtschaftlichen Verflechtung. Langfristige Wachstumseffekte stellen sich jedoch nicht dadurch ein, dass sie Handel miteinander treiben, sondern erst dadurch dass sie (geschütztes) Wissen austauschen können.

3. Ungleiche Länder - mobiles Wissen



Wie aber wirken sich wirtschaftliche Integration und Globalisierung bei weltweit völlig mobilem Wissen aus, wenn sich die Länder unterscheiden? Der klassische Modellrahmen hierfür stammt von Gene Grossman und Elhanan Helpman [9] . Sie analysieren die Entwicklung der komparativen Vorteile in einem Modell, in dem sich zwei Länder entsprechend ihrer Ausstattung mit den Ressourcen Arbeit und Humankapital spezialisieren:

In jedem Land gibt es drei Sektoren, nämlich Forschung, eine Hightech-Industrie und eine Lowtech-Industrie. Im Unterschied zu den anderen beiden Sektoren ist die Produktivität der Forschung, in der Patente für die Hightech-Industrie hergestellt werden, umso höher, je mehr Forschungsergebnisse schon vorliegen. Die Forschung erfordert vor allem hoch qualifizierte Arbeitskräfte (Humankapital), während in der Lowtech-Industrie eher niedrig qualifizierte Arbeit gefragt ist. Alle Erfindungen aus der Forschung sind durch Patente perfekt geschützt; das für die Lowtech-Industrie benötigte Wissen ist hingegen allgemein und kostenlos zugänglich. Während die Forschungsergebnisse nur als Zwischenprodukte in der Hightech-Industrie verwendet werden können, können die Produkte der anderen beiden Industrien konsumiert werden. Dabei werden die Lowtech-Produkte auf einem anonymen Wettbewerbsmarkt gehandelt; für die innovativen Hightech-Produkte hingegen gibt es jeweils nur wenige miteinander vergleichbare Anbieter, hier herrschen monopolähnliche Verhältnisse. Die Auswirkungen von internationalen Wirtschaftsbeziehungen auf die jeweiligen Wachstumsaussichten der beteiligten Länder lassen sich auch in diesem Modell über Wanderungen von hoch- und niedrig qualifizierter Arbeit zwischen den Sektoren identifizieren und diskutieren. Welches Ausmaß diese Wanderungen abnehmen, hängt entscheidend davon ab, ob sich die Löhne nach einer Handelsaufnahme einem gemeinsamen (Weltmarkt-)Niveau angleichen (Faktorpreisausgleich).

Falls die Länder ungefähr gleich ausgestattet sind, aber keinerlei Faktorpreisausgleich möglich ist, spezialisiert sich das mit Arbeit reicher ausgestattete Land fast vollständig auf Lowtech-Produkte. Sein Hightech-Sektor ist eher klein, neue Forschungsergebnisse, die die Grundlage für langfristiges Wachstum sein könnten, produziert es nicht. Dementsprechend tendiert das Land langfristig zum Nullwachstum. Das humankapitalreiche Land hingegen verfügt über alle drei Sektoren, es wächst umso stärker, je weniger Ressourcen im Lowtech-Sektor gebunden sind. Gerade bei verhältnismäßig kleinen Unterschieden erfolgt jedoch in aller Regel ein zumindest teilweiser Faktorpreisausgleich über den Handel mit Hightech- und Lowtech-Produkten. In diesem Fall wird es zunächst in beiden Ländern alle drei Sektoren geben, allerdings werden sie - je nach Ausstattungsvorteilen der einzelnen Länder - unterschiedlich groß sein: Das humankapitalreichere Land wird netto eher Hightech-Produkte, das arbeitsreichere Land netto eher Lowtech-Produkte exportieren. Da aufgrund der größeren Wachstumsmöglichkeiten durch technologischen Fortschritt der Hightech-Sektor schneller wachsen wird und im humankapitalreicheren Land ein größeres Gewicht hat, wird das humankapitalreichere Land auch insgesamt schneller wachsen. Auf lange Frist verstärken sich also die komparativen Vorteile auch dann, wenn Wissen international mobil und ein Faktorpreisausgleich möglich ist.

Bei größeren Unterschieden in der anfänglichen Ausstattung mit hoch und niedrig qualifizierter Arbeit ist der durch Handel mögliche Faktorpreisausgleich begrenzt, dann sind insbesondere im humankapitalreicheren Land die Löhne für qualifiziertes Humankapital niedriger als im arbeitsreicheren. Um die Entlohnung des Humankapitals zu steigern, wird sich in diesem Land der Forschungssektor bis zur vollständigen Spezialisierung ausweiten und dort höchste Wachstumsraten ermöglichen. Da das Wissen auch dem arbeitsreicheren Land zugänglich ist, können in beiden Ländern alle drei Sektoren weiterexistieren. Aufgrund der größeren Anteile der beiden Industriesektoren am Bruttosozialprodukt wird dieses - humankapitalärmere - Land jedoch weniger schnell wachsen. Bei sehr großen anfänglichen Ausstattungsunterschieden kommt es dann gar nicht mehr zum Faktorpreisausgleich. Entsprechend den jeweiligen komparativen Vorteilen erfolgt die gesamte Forschung im humankapitalreichen Land. Das arbeitsreiche Land produziert alle Lowtech-Produkte und, entsprechend dem noch verfügbaren Humankapital, einen festen Anteil der Hightech-Produkte. Die Wachstumsaussichten des auf Forschung spezialisierten Landes sind besonders gut, diejenigen des arbeitsreichen Landes sind umso schlechter, je kleiner sein Hightech-Sektor ist.

Auch bei vollständiger internationaler Wissensdiffusion können also die komparativen Vorteile eines Landes die langfristig mögliche Wachstumsrate determinieren. Der Grund hierfür liegt darin, dass Handel Spezialisierung nahe legt und die in Frage kommenden Sektoren in Abhängigkeit von ihrer jeweiligen Technologieintensität mehr bzw. weniger wachstumsträchtig sein können. Die Analyse von Grossman/Helpman zeigt nicht, dass die Aussenwirtschaftsbeziehungen für das arbeitsreichere Land wohlfahrtsmindernd sein müssen, denn es kann zum einen von der größeren Produktvielfalt nach der Öffnung profitieren und zum anderen neue Erfindungen importieren, um seine Hightech-Produkte zu modernisieren und die Produktivität in der Hightech-Industrie zu steigern. Beide Effekte ermöglichen einen einmaligen Sprung des Pro-Kopf-Einkommens, ob sie die möglichen langfristigen Wachstumseinbußen im Vergleich zum Autarkiefall kompensieren, kommt auf den Einzelfall an.

4. Ungleiche Länder - immobiles Wissen



Sobald eines der unterschiedlichen Länder zu irgend einem Zeitpunkt über ein größeres Wissenskapital verfügt, erfolgt (im theoretischen Modell) unweigerlich seine Spezialisierung auf Forschung und Hightech-Produkte. Ohne internationale Diffusion von Wissen ist die Entwicklung der einzelnen Länder daher in hohem Maße pfadabhängig. Schon bei geringen externen Schocks, die den Wissensbestand in einem Land erhöhen, werden sich die gesamte Forschung und die Hightech-Industrie dort konzentrieren. Der Grund für die Polarisierung liegt in dem dann größeren inländischen Wissenskapital, das die Produktivität seiner Forscher steigert und höhere Kapitalgewinne erwarten lässt, so dass immer mehr Ressourcen dort eingesetzt werden. Die Gewinne und Löhne in der Forschung steigen, bis die inländische Forschung den Weltmarkt dominiert und keine weitere Ausweitung des Marktanteils mehr möglich ist. Nach dem erhöhten Innovations- und Wachstumstempo in dieser Übergangsphase stellt sich dann wieder das gleiche langfristige Wirtschaftswachstum ein, das dieses Land auch im Autarkiefall gehabt hätte. Die Entwicklung im anderen Land verläuft spiegelbildlich: Sein infolge des schrumpfenden Marktanteils an der Weltforschung langsamer wachsendes Wissenskapital und der konkurrierende Handel mit günstigeren ausländischen Kapitalgütern reduzieren die Innovationsanreize, bis es schließlich alle seine Ressourcen in der Industrie einsetzt (insbesondere dann, wenn es reich an Arbeitskraft ist und einen Vorteil bei arbeitsintensiver Fertigung besitzt). Der technologische Fortschritt in diesem Land fällt dann geringer aus als im Autarkiefall; im Extremfall tendiert er sogar gegen null. Trotzdem ist die wirtschaftliche Öffnung für das humankapitalärmere Land nicht notwendigerweise wohlfahrtsmindernd, denn erstens kann es wieder die oben bereits geschilderten statischen Wohlfahrtsgewinne durch Außenhandel realisieren, und zweitens kann es durch Handel unterschiedliche und dauerhaft auch mehr neue Kapitalgüter importieren als im Autarkiefall und so die Produktivität der eigenen Industrie erhöhen.

Wenn sich neues Wissen zwischen ungleichen Ländern nicht verbreiten kann, entsteht ein "stabiler" Zustand nur dadurch, dass sich eines der Länder voll auf die Herstellung der nicht innovativen und wenig wachstumsträchtigen Lowtech-Produkte spezialisiert. Solange die Faktorpreise über die Lowtech-Industrien der beiden Länder ausgeglichen werden und perfekte internationale Kapitalmärkte es erlauben, dass das arbeitsreiche Land sein Kapital im technologieintensiveren Ausland zu höheren Renditen anlegt, muss dies jedoch nicht von Nachteil sein. Wenn dagegen kein Faktorpreisausgleich erfolgt, weil z. B. Lowtech-Produkte nur in einem Land hergestellt werden, kann es passieren, dass im technologieintensiveren Land höhere Löhne gezahlt werden und es langfristig zu einer Polarisierung zwischen den beiden betrachteten Ländern kommt.

Unterschiedliche Länder werden sich daher besonders dann auseinanderentwickeln, wenn bestehendes/neues Wissen international nicht mobil und kein Faktorpreisausgleich möglich ist. In einer solchen Situation sind viele Gleichgewichte labil, so dass schon geringe Schocks die langfristige Entwicklung eines Landes nachhaltig beeinflussen können. Aufgrund dieser modelltheoretisch gewonnenen Erkenntnisse kann es attraktiv erscheinen, gewünschte Schocks selber zu verursachen, um die langfristigen Wachstumsperspektiven eines Landes gezielt zu verbessern - etwa indem Forschungsaktivitäten subventioniert, der Außenhandel reglementiert oder verstärkt in Ausbildung investiert wird.

III. Schlussfolgerungen

Ökonomische Analysen zeigen im Modell, dass die laufende Globalisierung für alle beteiligten Länder große Wachstumschancen bietet. Sie kann aber auch zu einer Polarisierung in arme und reiche Länder führen, wenn die grenzüberschreitende Verbreitung von neuem Wissen und Wanderungen von Produktionsfaktoren zwischen den einzelnen Sektoren einer Volkswirtschaft berücksichtigt werden.

Kurzfristig ergeben sich für alle handelnden Länder immer zwei Vorteile durch die Aufnahme von Wirtschaftsbeziehungen: Erstens erhalten sie die Möglichkeit, auch solche Dinge zu konsumieren, die sie selber nicht herstellen können. Und zweitens können sie sich auf die Herstellung derjenigen Güter spezialisieren, die sie vergleichsweise kostengünstig anbieten können. Beide Effekte verursachen jedoch nur eine einmalige Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens - sie führen nicht zu einer dauerhaft höheren Wachstumsrate. Überdies profitieren einzelne Gruppen möglicherweise in sehr unterschiedlichem Maße von diesen Vorteilen.

Ökonomisch weitaus interessanter sind die langfristigen Effekte einer wirtschaftlichen Verflechtung auf die Wachstumsrate. Hierbei kommt die theoretische ökonomische Forschung zu einem interessanten Ergebnis: Nicht Außenhandel selbst führt zu den langfristigen Wachstumseffekten, sondern die durch Handel mögliche internationale Verbreitung von bestehendem Wissen und Wettbewerb sowie Synergieeffekte bei der Schaffung von neuem Wissen. Die unzureichende internationale Diffusion von neuem Wissen führt hingegen unweigerlich dazu, dass die Abstände zwischen ärmeren und reicheren Ländern größer werden.

Hieraus ergeben sich für Industrieländer, deren Wirtschaftswachstum im Allgemeinen besonders von der Zufuhr neuen Wissens abhängt, zwei wichtige wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen:

- Ein in die Weltwirtschaft integriertes Industrieland, das seinen Wohlstand steigern möchte, sollte die Mehrung seines Wissenskapitals zu einem zentralen Ziel der nationalen Wirtschaftspolitik machen. Neben gezielten Maßnahmen zur Schaffung von neuem Wissen (Innovationspolitik) umfasst dies vor allem auch umfassende Anstrengungen, um leichten Zugang zu bestehendem ausländischen Wissen zu erhalten und dieses Wissen im Inland schnell zu verbreiten (Diffusionspolitik).

- Um zu verhindern, dass es durch Globalisierung zu einer weiteren Polarisierung kommt, müssen der Schutz und die möglichst reibungslose weltweite Verbreitung von neuem Wissen zu einem zentralen Ziel der internationalen Wirtschaftspolitik werden. Langfristig wird die internationale Verbreitung von neuem Wissen größere Auswirkungen auf den Wohlstand haben als ein möglichst freier Welthandel an sich.
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Fußnoten

1.
Vgl. exemplarisch Hans Peter Martin/Harald Schumann, Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand, Reinbek bei Hamburg 1996.
2.
Ebenfalls exemplarisch Carl Christian von Weizsäcker, Logik der Globalisierung, Göttingen 1999. Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch die Beitrag von Stephan Leibfried und Elmar Rieger sowie von Harald Trabold in diesem Heft.
3.
Vgl. David Ricardo, Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung (1817), Marburg 1994.
4.
Vgl. Gene Grossman/Elhanan Helpman, Innovation and Growth in the Global Economy, Cambridge 1991.
5.
Als Einführung bieten sich u. a. an: Paul Krugman/Maurice Obstfeld, International Economics. Theory and Policy, Reading 1997; Horst Siebert, Außenwirtschaft, Stuttgart 1995; Peter Zweifel/Robert Heller, Internationaler Handel, Heidelberg 1997.
6.
Vgl. D. Ricardo (Anm. 3).
7.
Vgl. G. Grossman/E. Helpman (Anm 4).
8.
Vgl Luis Rivera-Batiz/Paul Romer, International Trade with Endogenous Technical Change, in: European Economic Review, 35 (1991) 4, S. 971-1001; dies., Economic Integration and Endogenous Growth, in: Quarterly Journal of Economics, 106 (1991), S. 531 - 550.
9.
Vgl. G. Grossman/E. Helpman (Anm. 4).