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26.5.2002 | Von:
Wilfried Schubarth

Pädagogische Konzepte als Teil der Strategien gegen Rechtsextremismus

I. Statt konjunkturelle Debatten mehr Versachlichung und Kontinuität

Die gegenwärtige Debatte um Rechtsextremismus ist bereits die dritte ihrer Art in den vergangenen zehn Jahren. Die erste große Debatte fand Anfang der neunziger Jahre statt als Folge der einsetzenden seriellen fremdenfeindlichen Gewalttaten (1991-1993), die zweifellos eine neue Qualität des Rechtsextremismus in Deutschland darstellten. Schwerpunkte der damaligen Diskussion waren die neuen Formen der rechtsextremen Gewalt, der Konflikt um die Asylfrage, die Suche nach den Ursachen und [1] nach (pädagogischen) Bearbeitungsmöglichkeiten. Die öffentliche Diskussion bewirkte nicht nur eine intensive Beschäftigung mit dem Thema seitens der Wissenschaft, sondern auch eine stärkere pädagogische Hinwendung zu den gefährdeten Jugendlichen - unterstützt durch Sonderprogramme des Bundes und der Länder (z. B. Aktionsprogramm der Bundesregierung gegen Aggression und Gewalt von 1992 bis 1996). Der wissenschaftliche Ertrag dieser Debatte ist in vielen Publikationen dokumentiert worden.

Die zweite Welle der Rechtsextremismus-Debatte setzte mit dem spektakulären Erfolg der rechtsextremen DVU bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Frühjahr 1998 ein und war geprägt durch solche Themenschwerpunkte wie der wachsende Zulauf Jugendlicher zu rechtsextremen Parteien, die Schaffung 'national befreiter Zonen', die Verbreitung 'rechter Kameradschaften' und 'rechter Musik', kurz: die Etablierung einer 'rechtsextremen jugendlichen Alltagskultur' besonders in Ostdeutschland. Neben der 'Ostlastigkeit' war für diese Debatte kennzeichnend, dass - im Unterschied zur Diskussion Anfang der neunziger Jahre - die Politik kaum Notiz von ihr nahm. Obwohl die damaligen Medienberichte denen von heute gleichen, war die 'kritische Masse' der öffentlichen Diskussion offenbar zu gering, so dass die Impulse schnell verpufften und folgenlos blieben. Über mögliche Gegenstrategien wurde nicht (mehr) debattiert, pädagogische Projekte mussten um ihre Existenz kämpfen.

Diese (zumindest zeitweise) Ausblendung bzw. Unterschätzung des Rechtsextremismusproblems seitens der Politik in den vergangenen Jahren erklärt auch, warum die gegenwärtige Diskussion, also die dritte Debatte innerhalb weniger Jahre, so emotional und wenig sachlich, z. T. auch so hilflos geführt wird, als hätte es die Diskussionen in den Jahren zuvor nicht gegeben. Geblieben ist in der momentanen Diskussion der Themenschwerpunkt 'ostdeutsche Jugend', geblieben ist auch der geringe Stellenwert, dem der pädagogischen Arbeit beigemessen wird. Geprägt wird die augenblickliche Diskussion vor allem durch folgende Themenschwerpunkte: der Ansehensverlust für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland, die Gefahren der Verbreitung von Rechtsextremismus und Rassismus durch das Internet, die Bekämpfung des Rechtsextremismus durch verstärkte Repression, vor allem durch Polizei und Justiz, ein mögliches Verbot der NPD sowie moralische Appelle an die Bürger.

Angesichts der Komplexität des Phänomens 'Rechtsextremismus' erscheint die gegenwärtige Thematisierung reichlich verkürzt und einseitig. Zu einer sachliche Debatte könnte es dann kommen, wenn die Diskussionen weniger durch Konjunkturen, Rhetorik und Rituale, sondern mehr durch Kontinuität und Koninuitätsbewusstsein bestimmt wäre. Dies würde auch die Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit der Bemühungen gegen Rechtsextremismus erhöhen [2] .

Fußnoten

1.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Rechtsextremismus. Eine kritische Bestandsaufnahme nach der Wiedervereinigung, Bonn 1993; Helmut Willems, Fremdenfeindliche Gewalt. Einstellungen, Täter, Konflikteskalation, Opladen 1993; Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.), Gewalt gegen Fremde. Rechtsradikale, Skinheads und Mitläufer, München 1995; Konrad Schacht/Thomas Leif/Hannelore Jannsen (Hrsg.), Hilflos gegen Rechtsextremismus? Ursachen - Handlungsfelder - Projekterfahrungen, Köln 1995; Jürgen W. Falter/Hans-Gerd Jaschke/Jürgen R. Winkler (Hrsg.), Rechtsextremismus. Ergebnisse und Perspektiven der Forschung, Opladen 1996; Marcus Neureiter, Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. Eine Untersuchung sozialwissenschaftlicher Deutungsmuster und Erklärungsansätze, Marburg 1996; Frieder Dünkel/Bernd Geng (Hrsg.), Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Bestandsaufnahme und Interventionsstrategien, Mönchengladbach 1999. Anmerkung der Redaktion: Ende dieses Jahres wird eine aktuelle Forschungsbilanz in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erscheinen: Wilfried Schubarth/Richard Stöss (Hrsg), Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland.
2.
Vgl. Wilfried Schubarth, Jugendprobleme in den Medien. Zur öffentlichen Thematisierung von Jugend am Beispiel des Diskurses zur 'Jugendgewalt', in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 31/1998, S. 29-36; ders., Die 'neue' Rechtsextremismus-Debatte, in: Uwe Hirschfeld/Ulfrid Kleinert (Hrsg.), Zwischen Aussschluß und Hilfe. Soziale Arbeit und Rechtsextremismus, Leipzig 2000, S. 29-37.