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"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Manfred Hildermeier

Die Russische Revolution und ihre Folgen

Verlauf der Revolution

Dem genannten engeren und üblichen Verständnis von Revolution entsprach nur der Februarumsturz: Er war das Resultat von spontanen Massendemonstrationen gegen unerträglich gewordene Lebensbedingungen. Der Protest begann am 23. Februar 1917 des julianischen Kalenders, das heißt am 8. März westeuropäischer Zeitrechnung, dem Internationalen Frauentag, mit einem Protestmarsch von Frauen aus dem Petrograder Arbeiterviertel gegen den Mangel an Brot und Milch sowie, in einem extrem kalten Winter, an Holz und Kohle. Der Aufstand endete am 2. März mit der Abdankung des Zaren.

Am selben Tag trat eine neue Regierung an die Öffentlichkeit, die allgemeine, demokratische Wahlen für eine Verfassungsgebende Versammlung vorbereiten und bis zu deren Einberufung amtieren sollte. Hinter dieser "Provisorischen Regierung" stand ein sogenanntes Duma-Komitee aus führenden Parlamentsabgeordneten der liberalen Parteien, das sich am Ende der Streikwoche, als die alte Herrschaft faktisch schon zusammengebrochen war, gebildet hatte, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Dies konnte nur mit Zustimmung des Oberkommandos der Armee geschehen. Die Generäle waren zu dem Entschluss gekommen, dass die Monarchie nicht mehr in der Lage sei, die unerlässliche Stabilität im Hinterland zu gewährleisten. Letztlich hatten sie mit ihrem Votum den widerstrebenden Zaren zum Thronverzicht gezwungen und das Duma-Komitee ermuntert, die Macht zu übernehmen. Dabei ließen sie sich von einem Gedanken leiten: den Krieg trotz der bisherigen Niederlagen im Bündnis mit Frankreich und Großbritannien doch noch zu einem siegreichen Ende zu bringen. Mithin opferten die Generäle, die gewiss keine Revolutionäre waren, die Monarchie für das Überleben der Nation.

Allerdings war die neue politische Ordnung von Anfang an labil, da sie auf zwei Säulen ruhte: Zeitgleich mit dem Duma-Komitee hatte sich mit dem Arbeiter- und Soldatendeputiertenrat ein weiteres Repräsentativorgan gebildet. In Anknüpfung an ein ähnliches Gremium von 1905 entstanden, vertrat es andere soziale Schichten und andere politische Gruppen, die als deren Anwälte auftraten; tonangebend waren vor allem menschewistische Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre, während die Bolschewiki noch keine Rolle spielten. Insofern spiegelte sich in dieser sogenannten Doppelherrschaft ein fundamentaler Tatbestand der damaligen russischen Gesellschaft wider: ihre tiefe Spaltung.

In stärkerem Maße als bisher war die neue Ordnung auf Kompromisse angewiesen. Faktisch mussten alle wichtigen Entscheidungen der Regierung von beiden Organen abgesegnet werden. Dies funktionierte anfangs nicht zuletzt deshalb, weil die Menschewiki den Liberalen aus der Duma die Macht freiwillig überließen – lehrte sie ihre orthodox-marxistische Geschichtsideologie doch, dass dem eben überwundenen "feudalistischen" Stadium der historischen Entwicklung ein "bürgerlich-kapitalistisches" folgen müsse, in dem den Repräsentanten der "Bourgeoisie" auch die politische Führung gebühre. Erst als es zu Massendemonstrationen gegen eine diplomatische Note des Außenministers Pawel Miljukow kam, der den Alliierten die Fortsetzung des Kriegs und die Solidarität auch des neuen Russlands zusicherte, musste die erste, rein liberale Regierung zurücktreten.

Der Anfang Mai gebildeten neuen Regierung gehörten auch Vertreter der gemäßigten sozialistischen Parteien an. Insofern schien eine Verständigung über die sozialen und politischen Gräben hinweg nun sogar leichter geworden zu sein. Diese Hoffnung erwies sich jedoch schon bald als Irrtum. Es gelang auch der Koalition nicht, die Hauptprobleme der neuen Ordnung in den Griff zu bekommen.

Am drängendsten war fraglos die Aufgabe, den Krieg zu beenden. Die überwiegend bäuerlichen Soldaten waren kampfesmüde; spätestens nach dem Sturz der Autokratie wollten sie nach Hause, um bei der erwarteten Landreform nicht zu kurz zu kommen. Überdies hatte eine frühe Resolution des Sowjets das Ende der Unterordnung der Soldaten unter die Offiziere verfügt. Die Armee befand sich in Auflösung. Dies war der Regierung bewusst. Sie stand aber zugleich unter dem massiven Druck der Alliierten, den Krieg fortzusetzen, und sie wollte dies mehrheitlich auch selbst. So fasste sie Ende Mai 1917 den fatalen Entschluss zu einer neuen Offensive, zu deren Unterstützung auch die Todesstrafe wieder eingeführt wurde. Der Angriff scheiterte kläglich. Fortan war die Desertion nicht mehr zu stoppen und der Rückhalt des Februarregimes unter den Soldaten endgültig verloren.

Nicht glücklicher operierte die Provisorische Regierung in der Agrarfrage. Es war ehrenwert, dass sie der Konstituierenden Versammlung bei dieser Grundentscheidung über die wirtschaftliche und soziale Struktur des neuen Staates nicht vorgreifen wollte und mit konkreten Maßnahmen zögerte. Immerhin kam sie den Erwartungen der Bauern, die mit rund 80 Prozent die Bevölkerungsmehrheit stellten, so weit entgegen, dass sie Landkomitees einsetzte, um eine Umverteilung vorzubereiten. Mehr aber geschah nicht – auch, weil sich Sozialisten und Liberale über einen zentralen Aspekt des Problems nicht einigen konnten: ob Enteignungen erlaubt sein und Entschädigungen dafür gezahlt werden sollten. Umso eher sahen sich die Bauern berechtigt, zur Selbsthilfe zu greifen. Sie nahmen sich mit Gewalt, worauf sie seit Jahrhunderten durch ihrer Hände Arbeit einen Anspruch zu haben glaubten. Faktisch vollzog das Dorf seine eigene Revolution.

Und auch auf die dritte Herausforderung, die dramatische Verschlechterung der allgemeinen materiellen Lage, fand die Regierung keine Antwort. Zwar folgte dem Februarumsturz eine Welle von Lohnerhöhungen. Ferner mussten sich die Unternehmer der langjährigen gewerkschaftlichen Hauptforderung nach einem Achtstundentag beugen. Die Besserungen erwiesen sich aber schnell als Strohfeuer. Tatsächlich schlitterte die Wirtschaft nach drei Jahren Krieg und einer Revolution immer weiter auf den Abgrund zu. Die Arbeitslosigkeit stieg, die Inflation galoppierte. Im Sommer konnte die syndikalistische Rätebewegung schale Triumphe feiern, als viele Fabriken von den Arbeitern in eigene Regie genommen wurden – weil sie bankrott waren und kein Unternehmer mehr Interesse an ihnen hatte.

Dies alles war Wasser auf die Mühlen der radikalen Gegner des Februarregimes. Als solche setzte sich seit der Rückkehr Lenins und anderer Parteiführer im Wesentlichen eine Partei in Szene: die bolschewistische. Lenins "Aprilthesen" sagten der "bürgerlichen" Regierung, die auch seine Genossen (unter anderem Stalin) soeben noch gemeinsam mit den Menschewiki unterstützt hatten, den Kampf an. Zu einer ersten Kraftprobe kam es Anfang Juli anlässlich von Massendemonstrationen gegen den unglücklichen Beschluss zur neuen Offensive. Noch behielt die Provisorische Regierung die Oberhand. Doch das Blatt wendete sich im August, als der offene Putsch des neuen Oberbefehlshabers der Armee, General Lawr Kornilow, scheiterte – waren es doch die bolschewistischen Arbeitermilizen (Rote Garden), die sich als zuverlässigste Verteidiger Petrograds erwiesen.

In der Hauptstadt des Reiches – und was hier geschah, war entscheidend – sahen sich die erbitterten Feinde der Provisorischen Regierung nun im Aufwind. Auf Drängen Lenins, der seine Partei einmal mehr, wie schon im April, mit kompromissloser Hartnäckigkeit auf seine Linie brachte, bereitete sie unter dem Deckmantel des "Militärischen Revolutionskomitees" des Sowjets einen Umsturz vor. Dieses wurde ursprünglich zur Verteidigung der Hauptstadt gegen die deutsche Armee gegründet, die schon in Riga stand. Der Umsturz gelang am 25./26. Oktober, als die Bolschewiki die Mehrheit des Exekutivkomitees des soeben zusammengetretenen Zweiten Allrussischen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenräte erringen konnten.

Dass die neuen Herren aus anderem Holz geschnitzt waren als die Provisorische Regierung, machten sie noch am Morgen nach der Machtübernahme klar. Ihre ersten beiden Dekrete bestätigten den Bauern den Besitz des Landes, das diese sich mit Gewalt genommen hatten, und verkündeten einen sofortigen Waffenstillstand. Damit sicherten sie sich die Loyalität der breiten Masse der Bevölkerung. Demagogie siegte über zögerliche Realpolitik.

Auch die nachfolgenden Maßnahmen dienten vor allem dem einen Zweck, die Macht zu behaupten, die man unter günstigen Umständen in der Hauptstadt ergriffen hatte. Die atemberaubende Selbstgewissheit und die Unerbittlichkeit, mit der Lenin für sich und seine Anhänger die ausschließliche Kompetenz beanspruchte, haben ihm zu Recht den Ruf eingetragen, ein fanatischer Ideologe und durchsetzungsstarker Politiker zugleich gewesen zu sein. So wie er schon vor dem Oktobercoup Kritiker zum Verstummen gebracht hatte, die einen Aufstand für verfrüht hielten, so bekämpfte er danach alle, die für eine gesamtsozialistische Regierung eintraten. Erst als die Bolschewiki aus einer Position der Stärke verhandeln konnten, ließ er sich auf eine Koalition mit den Linken Sozialrevolutionären, die den Umsturz unterstützt hatten, ein. Es passte aber durchaus in seine Strategie, dass es schon Mitte März 1918 über die Zustimmung zum Diktatfrieden von Brest-Litowsk, den die deutschen Generäle der faktisch wehrlosen Revolutionsregierung aufzwangen, zum Bruch kam. So viel Realpolitik mochten Lenins Partner nicht akzeptieren. Damit ergab sich, was er ohnehin wollte: Endgültig lag "alle Macht" nicht, wie die Parole vom Oktober gelautet hatte, beim Sowjet, sondern bei den Bolschewiki.

Parallel fielen in diesen Monaten auch andere Kernentscheidungen über die Struktur der neuen Herrschaftsordnung. Gleich nach dem Umsturz begann die Verfolgung der Liberalen. Sie galten als ideologische Hauptfeinde, mit denen der proklamierte Rätestaat nichts zu tun haben wollte. In der aufgeheizten Stimmung kam es zu brutalen Gewalttaten, denen sich die prominenten Konstitutionellen Demokraten nur durch Flucht entziehen konnten; die meisten fanden sich bald im Süden, an der Seite der "weißen" Generäle, wieder.

Größere Vorsicht mussten die neuen Machthaber gegenüber den anderen sozialistischen Parteien walten lassen, die Rückhalt in der Bevölkerung genossen und im Sowjet vertreten waren. Außerdem hatten sie das Kernanliegen der Februarrevolution, die Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, von Beginn an unterstützt. Auch nach der Machtergreifung im Namen der Räte wagten sie nicht, die für Anfang November anberaumten Wahlen abzusagen. Dennoch lag auf der Hand, dass beide Institutionen nicht miteinander zu vereinbaren waren: Die Versammlung stand für eine parlamentarische Demokratie, in der obendrein die Sozialrevolutionäre als Wahlsieger das Sagen gehabt hätten, die Räte für einen Sowjetstaat. So musste die Entscheidung fallen, als die Konstituierende Versammlung am 5. Januar 1918 im Taurischen Palais zusammentrat. Als alle Abgeordneten im Morgengrauen des folgenden Tags gegangen waren, umstellten Rote Garden das Gebäude und ließen niemanden mehr hinein. Damit war der Weg frei für die förmliche Begründung einer Räterepublik.

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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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