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26.5.2000 | Von:
Wolfram Kaiser

Die Welt im Dorf

Weltausstellungen von London 1851 bis Hannover 2000

Seit 1851 besuchen Millionen faszinierter Menschen die Weltausstellungen. Dort erleben sie, wie die Welt komprimiert in einem Ausstellungsdorf abgebildet wird.

Einleitung

Weltausstellungen haben seit London 1851 den Anspruch erhoben, die Welt komprimiert in einem Ausstellungsdorf abzubilden und dort ihren virtuellen Besuch zu ermöglichen [1] . Sie konstituierten globale öffentliche Räume, in denen Besucher, Berichterstatter, gesellschaftliche Gruppen und Staaten miteinander kommunizieren und gemeinsame Entwicklungsfragen der Menschheit verhandeln konnten. Im 19. Jahrhundert waren die Weltausstellungen sogar die einzigen Großereignisse, die regelmäßig eine Weltöffentlichkeit schufen. Sie waren so bedeutend, dass die Olympischen Spiele 1900 und 1904 mit den Ausstellungen in Paris und St. Louis gekoppelt wurden, um ihnen überhaupt internationale Aufmerksamkeit zu sichern.


Als internationale Großereignisse waren die Weltausstellungen so wirkungsmächtig, weil sie den Besuchern eine außergewöhnlich intensive Erfahrung versprachen. Eine Reise in achtzig Tagen um die Welt, wie sie Jules Vernes 1873 erzählte, war für einen Arbeiter aus Manchester oder einen Farmer aus Pennsylvania ein unerreichbarer Traum. Doch nach London oder Philadelphia zur Weltausstellung zu fahren, war nicht mehr unmöglich. Die Welt im Dorf sehen zu können war eine Illusion, aber so faszinierend, dass dafür zum Beispiel 1876 ein Waisenjunge aus Tennessee 1000 Kilometer per Anhalter mit Kutschen nach Philadelphia fuhr und einen Sommer lang Teller wusch, um seinen Schlafplatz und den Eintritt zu bezahlen [2] . Im Jahr 1851 hatten die Veranstalter immerhin sechs Millionen Eintrittskarten verkauft. In Paris 1900 waren es schon 50 Millionen. Die internationale Wirkung der Weltausstellungen resultierte allerdings nicht nur aus den Erlebnissen der Besucher und ihren Erzählungen, sondern auch aus ihrer ausführlichen Berichterstattung. Dass Zeitungen immer billiger wurden und die Alphabetisierung rasch voranschritt, erhöhte die Reichweite der Weltausstellungen noch erheblich.

Durch die Komprimierung und Inszenierung der Welt in einem Dorf ermöglichten die Weltausstellungen vor allem den internationalen Vergleich: von Traditionen, Produkten und Moden, von politischen Institutionen und sozialen Praktiken. "Internationaler Wettbewerb", so konstatierte Phillip T. Sandhurst, "hängt vor allem von zwei Bedingungen ab - Ausstellung und Vergleich." [3] Beides leisteten die Weltausstellungen für einen Zeitraum von etwa sechs Monaten. Weil sie relativ regelmäßig organisiert wurden, ermöglichten sie auch einen fortlaufenden Vergleich der Folgen des inszenierten Wettbewerbs und verliehen der internationalen Kommunikation auf der und über die Weltausstellungen eine gewisse Stabilität und Kontinuität. Für die globalen öffentlichen Räume der Weltausstellungen war weiterhin konstitutiv, dass sie nur bedingt durch die Auswahl der Themen und die Zuweisung von Ausstellungsraum kontrolliert werden konnten. Sie waren insofern freiheitlich verfasst, als sie Besuchern und Berichterstattern erlaubten, die Botschaften anders zu "lesen" und zu diskutieren, als dies von den Organisatoren und Ausstellern beabsichtigt war. So ermöglichten die Kommunikationsräume der Weltausstellungen auch die Artikulation emanzipatorischer Interessen, beispielsweise unterprivilegierter Nationen, von Arbeitern und der internationalen Frauenbewegung, und eine konzeptionelle Revision der bestehenden internationalen Ordnung, gesellschaftlicher Hierarchien und dominanter politischer Diskurse.

Auf das Ausstellungsdorf als kommunikative Vermittlungsinstanz beziehen sich seit jeher alle anderen Funktionen der Weltausstellungen wie ihr Beitrag zur Steigerung der gesellschaftlichen Akzeptanz technischer Innovationen oder zur Ausweitung des internationalen Handels. Nur wenige dieser Funktionen sind jedoch seit 1851 gleichbleibend wichtig geblieben und sollen daher etwas näher beleuchtet werden. Es sind dies ihr Beitrag zur politischen Integration in dem jeweiligen Gastgeberland und zu seinem internationalen Image, zur Strukturierung und Transformation weltgesellschaftlicher Beziehungen sowie zu Zukunftsdiskursen und dem internationalen Kulturtransfer.

Fußnoten

1.
Für eine essayistische Einführung in die Geschichte der wichtigsten Weltausstellungen seit 1851 siehe Winfried Kretschmer, Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt am Main 1999.
2.
Vgl. J. S. Ingram, The Centennial Exposition Described and Illustrated, Philadelphia 1876, S. 727 f.
3.
Phillip T. Sandhurst u. a., Great Centennial Exhibition, Philadelphia 1876, S. 139.