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26.5.2000 | Von:
Wolfram Kaiser

Die Welt im Dorf

Weltausstellungen von London 1851 bis Hannover 2000

I. Politische Integration

Als 1851 die erste internationale Ausstellung im Crystal Palace in London eröffnet wurde, lagen die kontinentaleuropäischen Revolutionen und die letzte Petition der englischen Chartisten für das allgemeine Wahlrecht erst drei Jahre zurück. Die englische Times erinnerte süffisant an die Warnungen der Gegner des Freihandels und solcher internationaler Großereignisse: "An diesem furchtbaren Tag . . . würden wir entweder von ausländischen Sozialisten gemeuchelt oder von einheimischen Chartisten aufgespießt. . . . Es schien gesichert, dass an diesem Tag die respektablen Klassen ausgelöscht würden." [4] Stattdessen war Königin Victoria triumphal empfangen worden, und selbst der ungeliebte deutschstämmige Prinz Albert erarbeitete sich mit seinem Einsatz für die Weltausstellung und seinen täglichen Inspektionen den Respekt vieler Briten [5] . Zu politischen Zwischenfällen kam es nicht. Einige wenige Taschendiebe trachteten zwar adeligen und bürgerlichen Besuchern nach den Geldbörsen, doch nicht nach ihrem Leben.

Sicherlich reflektierte der erfolgreiche Verlauf der Londoner Weltausstellung eher eine schon vorhandene relative gesellschaftliche Stabilität, als diese erst herbeizuführen. Dennoch erhofften sich die Initiatoren und Ausrichter nach 1851 von der erfolgreichen Inszenierung einer internationalen Ausstellung oft einen nachhaltigen Beitrag zur nationalen politischen Integration. So sollte die Weltausstellung in Philadelphia 1876 auch dazu beitragen, nur ein Jahrzehnt nach dem Ende des Bürgerkriegs die Unionisten und Südstaatler durch den Bezug auf die Unabhängigkeitserklärung von 1776 zu versöhnen. William Gaston, der Gouverneur von Massachusetts, formulierte diese Hoffnung Anfang 1875 so: "Diese Feier gehört dem ganzen Land. Hier stehen alle auf einem gemeinsamen Grund und können als Erben gemeinsamen Ruhmes zusammen frohlocken." [6] Die Ausstellung geriet auch zu einer imposanten Schau der amerikanischen Industrie, deren enorme Leistungsfähigkeit durch die Corliss-Dampfmaschine symbolisiert und von den europäischen Beobachtern erstmals so klar wahrgenommen wurde. Dennoch ist es hier wie in anderen Fällen zweifelhaft, ob die Ausstellung die politische Integration wirklich förderte. Wichtige Südstaaten wie Virginia und South Carolina waren demonstrativ ferngeblieben, und die hauptsächlich industrielle Leistungsschau provozierte neue Angriffe der Demokraten auf die protektionistische Wirtschaftspolitik, die in ihren Augen auf eine Subventionierung des Nordens auf Kosten des landwirtschaftlichen Südens hinauslief.

Besondere Hoffnungen setzte die Dritte Republik in Frankreich auf die integrative Kraft solcher Großereignisse wie der Weltausstellungen [7] . Nur ein Jahr nach dem Wahlsieg der Republikaner erklärte die republikanische Zeitung Le Petit Marseillais Anfang 1877 mit Blick auf die bevorstehende Weltausstellung in Paris 1878: "Frankreich muss . . . den Gegnern der Regierung, die es selbst gewählt hat, (beweisen), dass es die Krise, durch die es gegangen ist, mit aller Macht bekämpft und viel für die Entwicklung des nationalen Wohlstands getan hat." [8] Später sahen die Republikaner die Weltausstellungen in Paris 1889 und 1900 als eine Chance, die durch die Boulanger-Krise und die Dreyfus-Affäre erschütterte Republik zu stabilisieren. Selbst zur Zeit der Volksfront-Regierung 1937 erhofften sich manche von der Pariser Weltausstellung einen Beitrag zur nationalen Aussöhnung. Pierre Mortier erklärte nach seiner Ernennung zum neuen Propagandadirektor: "Seit der Gründung der Dritten Republik haben alle großen Ausstellungen das Ende innerer Zwistigkeiten markiert." [9] Doch die Hoffnung erwies sich als vergebens. Schon eine rote Fahne auf einem im Bau befindlichen Pavillon führte zu so heftigen Kontroversen, dass die französische Demokratie angesichts der imposanten Selbstinszenierung der europäischen Diktaturen nur umso zerrissener und hilfloser wirkte [10] .

Meistens bestand die primäre Motivation für die Organisation einer Weltausstellung gar nicht da-rin, zur politischen Integration im Innern beizutragen, doch unvorhergesehene Krisen verliehen ihnen dann den Charakter einer nationalen Prüfung. Das galt auch für New York 1939/40, als nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges die lange zuvor geplante Ausstellung mit dem Thema der Demokratie in der "Welt von morgen" plötzlich die inneramerikanische Debatte über das Pro und Contra eines Kriegseintritts weltanschaulich zuspitzte. Die ursprüngliche Motivation für die Expo 2000 in Hannover Ende der achtziger Jahre war, die dortige Messe zu revitalisieren und das Image der Stadt zu verbessern [11] . Doch die deutsche Wiedervereinigung und die anhaltende innenpolitische Debatte über einen nationalen "Reformstau" ließen die Weltausstellung nach und nach zu einem Lackmustest für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands im neuen Jahrhundert werden.

Fußnoten

4.
The Times vom 21. Mai 1851.
5.
Vgl. Utz Haltern, Die Londoner Weltausstellung von 1851. Ein Beitrag zur Geschichte der bürgerlich-industriellen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Münster 1971.
6.
Extract from the Address of Governor William Gaston, Massachusetts, January 7, 1875, United States Centennial Commission, International Exhibition 1876, Appendix, Philadelphia 1879, S. 171.
7.
Vgl. Wolfram Kaiser, Vive la France! Vive la République? The Cultural Construction of French Identity at the World Exhibitions in Paris 1855-1900, in: National Identities, 1 (1999) 3, S. 227-244.
8.
L'Exposition de 1878, in: Le Petit Marseillais vom 19. Januar 1877.
9.
Zitiert nach Pierre Mortier, in: Démocrate de Seine Ö Marne vom 16. Januar 1937.
10.
Vgl. Paul Greenhalgh, Ephemeral Vistas. The Expositions Universelles, Great Exhibitions and World's Fairs, 1851-1939, Manchester 1988, S. 130-135, sowie den Ausstellungskatalog Art and Power. Europe under the Dictators, London 1995.
11.
CDU fordert professionelle Vorbereitung der Expo '98, in: Hannoversche Allgemeine vom 7. Dezember 1988; Finanzministerin Breuel sieht gute Chancen für Hannover, in: Handelsblatt vom 21. September 1989.