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26.5.2000 | Von:
Wolfram Kaiser

Die Welt im Dorf

Weltausstellungen von London 1851 bis Hannover 2000

II. Nationale Images

Die Weltausstellungen haben außerdem das Image der ausstellenden Nationen geprägt. Mit wenig überzeugenden Beiträgen konnten Staaten eine hohe Erwartungshaltung enttäuschen, so dass ihre symbolische Präsenz in der Welt im Dorf und ihre internationale Wahrnehmung nicht unbedingt ihrem wirtschaftlichen Potential oder ihrer politischen und militärischen Macht entsprachen. Das gilt beispielsweise für die Selbstdarstellung des Deutschen Reichs in Philadelphia 1876, die dazu beitrug, dass dessen allmählicher Aufstieg zum zweitgrößten Industrieland der Welt verzögert registriert wurde [12] . Diese Weltausstellung fand nur fünf Jahre nach der Reichsgründung statt. Die Erwartungen vor allem der Deutschamerikaner waren daher groß. Umso schärfer fiel die Kritik an dem deutschen Beitrag aus. Außer der preußischen Porzellanmanufaktur schien kaum ein ausstellendes Unternehmen der internationalen industriellen Konkurrenz gewachsen zu sein. Die Gemäldeausstellung wurde ausgerechnet von zwei Bildern dominiert, die die Kapitulation der Franzosen bei Sedan darstellten. Die New Yorker Evening Post kritisierte, diese hätten keinen künstlerischen Wert und hätten nicht zugelassen werden sollen: "Die großspurige Selbstverliebtheit und die überschäumende Arroganz des deutschen Beitrags sind unerträglich." [13] Selbst hochwertigen Wein konnten die Deutschen nicht herstellen, wie der Reporter einer Bostoner Zeitung bei einer Exkursion in einen provisorischen Weinkeller auf dem Ausstellungsgelände feststellte. Was ihm dort in großen Mengen aufgedrängt wurde, erschien ihm ungenießbar und "nicht einmal halb so gut wie New Jerseyer Champagner aus Stachelbeeren und Kartoffeln" [14] .

Die Vorbereitung des deutschen Beitrags hatten Deutschamerikaner übernommen. Erst nach Beginn der Ausstellung wurde Franz Reuleaux als Generalkommissar nominiert. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass Reuleaux die vernichtende Kritik vieler Amerikaner teilte. In der Nationalzeitung veröffentlichte er seine Impressionen in Briefen, die eine heftige Debatte in Deutschland auslösten [15] , über die auch international breit berichtet wurde. Seinen ersten Brief begann Reuleaux, der bald darauf abberufen wurde, mit dem vernichtenden Urteil, die deutsche Industrie habe "das Grundprinzip ,billig und schlecht'". In kaum einem Sektor sei sie wettbewerbsfähig. Reuleaux führte das nicht zuletzt auf den nationalen Rausch zurück, in dem sich Deutschland nach dem erfolgreichen Krieg noch immer befinde. In der deutschen Ausstellung gebe es "keine anderen Motive mehr als tendenziös-patriotische". Ob auf Porzellan, Biskuit oder Zink, überall protzten die "bataillonsweise aufmarschierenden Germanien, Borussen, Kaiser, Kronprinzen . . . Bismarcke, Moltken, Roone" [16] . Insofern war es nur typisch, dass das bei weitem einprägsamste deutsche Ausstellungsobjekt wieder einmal, wie schon in Paris 1867, eine gewaltige Kanone der Firma Krupp war.

Genauso konnten Staaten mit einem besonders prägnanten Beitrag in dem globalen Kommunikationsraum der Weltausstellungen aber auch Aufsehen erregen und Ansehen erwerben. So war es etwa im Falle Japans, das nach der Restauration der Meiji-Dynastie 1867 und dem Beginn einer raschen Modernisierung 1876 und erneut in Chicago 1893 mit viel bewunderten Sektionen brillierte. Die New York Tribune bilanzierte euphorisch, die Japaner lebten im wahrsten Sinne des Wortes "in dem Land der aufgehenden Sonne" [17] . Japan zielte darauf ab, mit markanten Sektionen seine "formale Einführung in den Westen" zu erreichen, wie dies Botschafter Gozo Tateno in Chicago formulierte [18] . Zunächst glänzte Japan mit traditionellen handwerklich-künstlerischen Produkten, vor allem Bronzevasen, Porzellan und Lackarbeiten. Doch schon 1876 schloss die japanische Sektion eine ausführliche Dokumentation des erneuerten Schulwesens und später auch industrielle Produkte ein [19] . Die Japaner verfügten jedoch nicht nur über interessante Ausstellungsobjekte; vielmehr wurden diese auch von versierten kulturellen Mittlern erfolgreich präsentiert. Im Gegensatz zu den meisten chinesischen Ausstellungsbetreuern hatten die Japaner oftmals an Universitäten in Amerika und Europa studiert, sprachen gut Englisch und kleideten sich westlich. Beeindruckt von der japanischen Sektion, kommentierte ein Ausstellungsführer: "Keine Nation hat eine größere Hoffnung auf eine größere Zukunft als dieses alte Japan, das wie Dornröschen plötzlich aus dem Schlaf erwacht und wieder jung und aktiv ist." [20]

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es für Deutschland und Japan unter ganz anderen Vorzeichen erneut darum, auf den Weltausstellungen symbolisch "in den Westen" kooptiert zu werden. Die Bundesrepublik präsentierte sich in Brüssel 1958 mit einem unauffälligen Glaspavillon, dessen architektonische Transparenz sich gezielt von dem von Albert Speer 1937 errichteten monumentalen Massivbau absetzte [21] . Allerdings wurde den Westdeutschen auch nachgesagt, wie der Spiegel berichtete, dass sie mit ihrer Ausstellung als "Musterknaben auftreten wollten, die sich aus demonstrativer Zurückhaltung entschieden hätten, perfekte Mittelmäßigkeit zur Schau zu stellen" [22] . Auch Die Welt kommentierte bissig, man wolle anscheinend "eine Insel der Seligen" präsentieren mit dem "Kleinbürger, der sich von der Wiege bis zur Bahre immer prächtig beträgt" [23] . Die Westdeutschen wollten nicht anecken, um die internationale Akzeptanz für ihren raschen wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu erhöhen, so wie dies Japan mit der Organisation der Weltausstellung in Osaka 1970 beabsichtigte [24] .

Fußnoten

12.
Vgl. einführend zur Repräsentation des Deutschen Reiches auf den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts Eckhardt Fuchs, Das Deutsche Reich auf den Weltausstellungen vor dem Ersten Weltkrieg, in: Comparativ, 9 (1999) 5-6, S. 61-88.
13.
A Sennight of the Centennial, in: The Evening Post (New York) vom 12. Juli 1876.
14.
Centennial Echoes, in: Evening Transcript (Boston) vom 8. Juni 1876.
15.
Vgl. Joachim Radkau, Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main 1989, S. 153.
16.
Franz Reuleaux, Briefe aus Philadelphia, vom Verfasser durchgesehene und durch Zusätze vermehrte Ausgabe, Braunschweig 1877, S. 3.
17.
New York Tribune, Guide to the Exhibition, Extra No. 35, New York 1876, S. 27.
18.
Zitiert nach Eric Sandweiss, Around the World in a Day. International Participation in the World's Columbian Exposition, in: Illinois Historical Journal, 84 (1991), S. 2-14, hier S. 9.
19.
Vgl. Neil Harris, All the World a Melting Pot? Japan at American Fairs, 1876-1904, in: Akira Iriye (Hrsg.), Mutual Images. Essays in American-Japanese Relations, Cambridge/Mass. 1975, S. 24-54.
20.
The Centennial Exhibition of 1876. What we Saw, and How we Saw it, Part II: A Tour through the Main Building, Philadelphia 1876, S. 30.
21.
Vgl. hierzu neuerdings Christopher Oesterreich, Umstrittene Selbstdarstellung. Der deutsche Beitrag zur Weltausstellung in Brüssel 1958, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 48 (2000) 1, S. 127-153.
22.
Ausstellungen, in: Der Spiegel vom 9. April 1958.
23.
So ist das Deutschland von heute nicht, in: Die Welt vom 21. April 1958.
24.
Japan will sich nicht mehr verstecken, in: Süddeutsche Zeitung vom 6. März 1970.