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26.5.2000 | Von:
Wolfram Kaiser

Die Welt im Dorf

Weltausstellungen von London 1851 bis Hannover 2000

III. Weltgesellschaftliche Strukturen

Die Weltausstellungen ermöglichten jedoch keinesfalls nur die hierarchische Konstruktion nationaler Images und die Repräsentation und staatlich gelenkte Transformation vertikaler Ordnungen zwischen Staaten, Kontinenten und Kulturräumen. Eine derartige funktionale Reduktion würde den Ausstellungen als globale Kommunikationsräume nicht gerecht. Diese waren freiheitlich verfasst und erlaubten gerade auch die Artikulation alternativer Interessen und weltgesellschaftlicher Konzeptionen. Sie ermöglichten den Besuchern außerdem eine alltagsweltliche Erfahrung, durch die sie die beabsichtigten Botschaften anders "lesen" und dominante Vorstellungen korrigieren konnten, was noch mehr Menschen durch die journalistische Berichterstattung nachvollziehen konnten. Diese unkontrollierbare, "chaotische" Wirkung der Weltausstellungen wird besonders am Beispiel der Repräsentation der Frauen und von Kolonialvölkern deutlich.

Amerikanische Frauen organisierten erstmals in Philadelphia 1876 und erneut in Chicago 1893 eigene Frauen-Pavillons, die sehr viele Besucher anzogen. Die berichtenden Journalisten, darunter auch Frauen, bewerteten den Pavillon in Philadelphia, der Frauen auf die Sphäre von Haushalt und Familie reduzierte (es wurden fast nur Handarbeiten ausgestellt), fast einhellig negativ. Wie auch viele ihrer männlichen Kollegen fragte eine Journalistin die zuständigen "Lady Managers" kritisch, wo denn in dem Pavillon diejenigen Frauen vertreten wären, die in Druckereien arbeiteten, die Uhren herstellten oder selbstständig als Farmer arbeiteten. Eine Art Frauen-Quote durch eine separate Ausstellung lehnte sie entschieden ab. Der Frauen-Pavillon zeige, dass "jede Trennung auf Kosten der Frauen geht. Jede arbeitende Frau dieser Welt, die etwas erreicht hat, wird niemals einer Ausstellung ihrer Arbeiten zustimmen, mit der sie ein besonderes Lob oder unfaire Kritik aufgrund ihres Geschlechts auf sich zieht" [25] .

In Chicago fiel die Selbstdarstellung der Frauen schon viel offensiver aus. Potter Palmer, die den Frauen-Pavillon organisierte, spielte eine prominente öffentliche Rolle und verband ihre Auftritte mit politischen Forderungen, vor allem nach gleichem Zugang von Frauen zu Bildung. In ihrer Ansprache auf der Eröffnungsfeier, die wegen des Jahrestages der Entdeckung Amerikas 1492 schon im November 1892 stattfand, erinnerte sie ihre Zuhörer: "So groß wie die Hoffnungen von Christoph Columbus waren, so brauchte er doch die Hilfe von Isabella von Kastilien, damit seine Träume Realität werden konnten." [26] Wie ein französischer Beobachter schrieb, gelang es durch die systematische Projektion dieses Bildes starker Frauen, die noch dazu Ende des 19. Jahrhunderts gleichen Anspruch auf Bildung und berufliche Chancen hätten, "auf der ganzen Welt eine Art öffentliches Gefühl für die zukünftige Rolle der Frau zu wecken" [27] . Hieran konnte die internationale Frauenbewegung, die sich in Chicago konstituierte, auch konsequent mit ihrer noch sehr umstrittenen Forderung nach gleichem Wahlrecht für Frauen anknüpfen.

Die Weltausstellungen ermöglichten jedoch nicht nur gesellschaftlichen Gruppen, den durch sie geschaffenen globalen Kommunikationsraum mit ihren Forderungen zu besetzen; die alltagsweltliche Erfahrung der Besucher konnte gerade auch intendierte Botschaften der dominanten Ausstellerländer untergraben. Die vielfach fraglos entstellende Repräsentation von "Eingeborenen" aus Kolonien der Europäer und Amerikaner auf den Ausstellungen ist lange vereinfachend als Reflexion hierarchischer weltgesellschaftlicher Beziehungen und einer in der atlantischen Welt vorherrschenden sozialdarwinistischen Ideologie interpretiert worden [28] . Die Organisatoren verfolgten jedoch oft nur kommerzielle Interessen und keine ideologischen Ziele. Sol Bloom, der 1893 für den Midway, das separate Dorf der Völker, zuständig war, lehnte sozialdarwinistische Ideen strikt ab. Ihm wurde auf seiner eigenen Ausstellung "klar, dass ein hagerer Araber mit einem Talent zum Schwertschlucken eine Kultur vertrat, die ich höher einschätzte als ehrliche Schweizer Bauern, die den ganzen Tag Käse und Milchschokolade machen" [29] .

Vor allem aber erfolgte die verbale und symbolische Kommunikation nicht in einer Einbahn-straße [30] . Durch ihr Auftreten auf den Weltausstellungen konnten die "Eingeborenen" auch für sich werben und Vorurteile aufbrechen. So kommentierte etwa ein Bildband Tanz und Musik der Polynesier von den Samoa-Inseln, in ihren "Opernhäusern könnte es eines Tages Aufführungen geben, die nicht zu übertreffen sind" [31] . Selbst in dieser in skurriler Weise beschränkten Vorstellung, die "Eingeborenen" würden den europäisch-bürgerlichen Geschmack übernehmen und wären dann nach diesen Maßstäben "zivilisiert", war eine emanzipatorische Eigendynamik angelegt, die sich im 20. Jahrhundert entfalten sollte. Die Weltausstellungen vermittelten jedoch oftmals die viel fundamentalere Erfahrung, dass die westlichen Maßstäbe selbst völlig willkürlich waren. Der Autor desselben Bildbandes berichtet etwa, dass in einem indischen Teehaus amerikanische und europäische Frauen sich lautstark über den vermeintlich entstellenden Nasenschmuck der singhalesischen Kellnerin mokierten. Diese verstand jedoch "gut Englisch und teilte diese Kritik nicht. Wenn sie sie einige Zeit ertragen hatte, bemerkte sie ruhig, aber bestimmt, dass sie vielleicht schuldig war, weil sie ein Nasenjuwel trug, aber dass sie wenigstens ihre weibliche Figur nicht durch das Tragen eines Korsetts entstellte." Dies, so beobachtete der Autor, "führte immer wieder zu Verwirrung bei den Kritikern" [32] .

Auch im 20. Jahrhundert waren die Weltausstellungen immer wieder ein Forum für die Artikulation weltgesellschaftlicher Interessen, die sonst womöglich nicht in demselben Maße wahrgenommen worden wären. Während in Chicago 1893 Frauen für ihre rechtliche und soziale Gleichberechtigung kämpften, könnten etwa von den Auswirkungen weltweit steigender Wasserspiegel in ihrer Lebensgrundlage bedrohte Menschen in Hannover 2000 gegen die Verursacher von global warming demonstrieren. Die vielfältigeren medialen Transferwege haben die Reichweite solcher "alternativen" Botschaften sogar noch erhöht.

Fußnoten

25.
The Centennial. A Woman's Opinion of the Women's Department, in: The Republican (Springfield/Mass.) vom 13. Juni 1876.
26.
Louis Vossion, Exposition de Chicago: l'Inauguration. Souvenirs Personnels, Paris 1892/93, S. 24.
27.
Ebd., S. 25.
28.
Vgl. insbesondere Robert W. Rydell, All the World's a Fair: Visions of Empire at American International Exhibitions, 1876-1916, Chicago 1984.
29.
Zit. in: James Gilbert, Perfect Cities: Chicago's Utopias of 1893, Chicago 1991, S. 82.
30.
Vgl. hierzu grundlegend programmatisch Jürgen Osterhammel, Sozialgeschichte im Zivilisationsvergleich. Zu künftigen Möglichkeiten komparativer Geschichtswissenschaft, in: Geschichte und Gesellschaft, 22 (1996), S. 143-164.
31.
The City of Palaces. A Magnificent Showing of the Wonders of the World's Fair, Chicago 1894, S. 47.
32.
Ebd., S. 126.