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26.5.2000 | Von:
Wolfram Kaiser

Die Welt im Dorf

Weltausstellungen von London 1851 bis Hannover 2000

IV. Globale Agenden

Die globalen Kommunikationsräume der Weltausstellungen ermöglichten außerdem, eine internationale Agenda zu entwickeln und zu beeinflussen. Mit der ersten Weltausstellung in London 1851 verfolgte Großbritannien vor allem das Ziel, den Freihandel als internationales Organisationsprinzip zu propagieren. Wie ein Franzose schrieb, war die Weltausstellung eindeutig "eine Art Vorwort zum Freihandel" [33] . Wenn in London 1862 ein riesiger Wandteppich Richard Cobden und Michel Chevalier, die Unterhändler des britisch-französischen Handelsvertrages von 1860, Hand in Hand darstellte, so sollte ein solches symbolisches Zeichen genauso wie die begleitende freihändlerische Rhetorik die Legitimität dieser Politik stärken. Im ausgehenden 19. Jahrhundert boten die Weltausstellungen dann ein Forum für die internationale Diskussion der "sozialen Frage". Die Ausstellung in St. Louis 1904 enthielt eine eigene Abteilung Social Economy, in der - wie auch auf begleitenden internationalen Kongressen - Fragen der öffentlichen Gesundheit, der Arbeitsbeziehungen und des Versicherungswesens verhandelt wurden [34] .

Die langfristig wirksamste Thematisierung auf den Weltausstellungen war jedoch die Propagierung der republikanischen bzw. demokratischen Staatsform gegen das monarchische Prinzip bzw. die europäischen Diktaturen. Durch den gezielten Bezug auf die amerikanische Unabhängigkeit 1876 und auf die Französische Revolution 1889 waren diese Ausstellungen machtvolle politische Demonstrationen, die 1889 zu einem umfassenden Boykott durch die meisten europäischen Monarchien führten [35] . Schon 1851 berichtete ein amerikanischer Beobachter der Weltausstellung selbstbewusst, in Europa fürchteten "die begünstigten Klassen . . . die Ansteckung durch unser Vorbild; und diese Furcht muss noch wachsen und sich weiter ausbreiten, je mehr die steigende Macht, Bevölkerung und der Wohlstand unseres Landes sich der Aufmerksamkeit der ganzen Welt empfiehlt" [36] . 1876 proklamierte der New York Herald zur Eröffnung der Weltausstellung: "Hier in Philadelphia entstehen Monumente zur Feier . . . der Geburt einer neuen Nation, die dazu auserwählt ist, die Welt . . . zur Freiheit zu führen." [37] Und Präsident William McKinley befürwortete eine staatliche Subventionierung des amerikanischen Beitrags zur Weltausstellung in Paris 1900 damit, "dass Amerika teilnehmen soll, um die Tugenden seiner freien Institutionen und seines self government darzustellen" und so "die Beiträge der Monarchien [auszustechen] und der Wirkung der vermeintlichen Größe monarchischer Regierung entgegenzuwirken" [38] .

Die internationale Inszenierung eines fundamentalen ideologischen Gegensatzes hielt die Französische Republik und die russische Monarchie 1914 nicht davon ab, gemeinsam in den Ersten Weltkrieg zu ziehen. Sie trug jedoch zur Legitimierung der späteren Gestaltung internationaler Beziehungen (auch) nach weltanschaulichen Maßstäben wesentlich bei. In Paris 1937 und New York 1939 waren die nationalen Beiträge noch viel stärker ideologisch aufgeladen. Sie reflektierten und verstärkten internationale ideologische Grenzziehungen. Nachdem Franzosen und Briten 1937 in Bezug auf die Kohärenz und Ausstrahlungskraft ihrer Beiträge den Diktaturen kaum etwas entgegenzusetzen hatten, betrieben die Amerikaner 1939 eine symbolische Gegenmachtbildung. Leitthema war die Entwicklung der Demokratie, die sie als moderne Mediendemokratie mit dem Versprechen wachsenden Wohlstandes und Massenkonsums inszenierten. Auf dem sowjetischen Pavillon sagte dagegen Lenin voraus, die russische Revolution müsse letztlich zum Sieg des Sozialismus führen [39] . In gewisser Weise nahmen die späteren Supermächte hier schon - symbolisch vermittelt - den Konflikt des Kalten Krieges vorweg, den sie in Brüssel 1958 austrugen, als beiden exakt gleich große Ausstellungsflächen zugestanden wurden. Wie wichtig gerade der Sowjetunion die Selbstdarstellung in diesem Fenster zur Welt war, wird schon daran deutlich, dass sie doppelt so viel für ihre Schau ausgab wie die Vereinigten Staaten. Zum Leitthema "Humanismus und Technik" präsentierte ihr Pavillon Humanismus als Funktion der kommunistischen Ideologie und die Ideologie als schöpferische Kraft der Technik [40] .

Die materielle Repräsentation und Visualisierung sozioökonomischer und politischer Entwicklungsoptionen auf den Weltausstellungen erleichterte auch den Kulturtransfer, also den partiellen Import fremder formeller (Gesetze etc.) und informeller (soziale Praktiken, Traditionen etc.) Institutionen. Die Ausstellung von Industrieprodukten, Kunstwerken und Informationen über institutionelle Regeln erleichterte es, die institutionellen Arrangements anderer Staaten zu werten und ihren Import zur Reform bestehender nationaler Institutionen vorzuschlagen und politisch zu legitimieren. McKinley formulierte diese Funktion 1897 so: "Jedes Volk zeigt sein Bestes, und jedes andere bewundert und lernt. Das Beste des Einen wird das Ideal und Ziel eines Anderen." [41] So war es schon 1851 gewesen, als nicht nur Cobden empfahl, die Briten sollten sich den überlegenen französischen Geschmack zu eigen machen, und französische Beobachter fragten: "Aber wenn die Engländer von uns den Geschmack übernehmen wollen, können wir dann nicht bei unseren Nachbarn vielfältige Verbesserungen für unsere Fabriken vorfinden und aufgreifen?" [42] Der englischen Satire-Zeitschrift Punch ging die allgemeine Euphorie über solchen wechselseitigen Kulturtransfer allerdings zu weit. Spaßeshalber ermahnte sie ihre Leser: "Womöglich lernen wir manches Gute, das ist wahr/Indem wir uns mit fremden Völkern mischen/Aber wir werden uns auch ihre Laster holen." [43]

Das wohl beste Beispiel für einen solchen von der symbolischen Inszenierung auf den Weltausstellungen beschleunigten Kulturtransfer ist der Versuch Napoleons III., mit dem Ziel der wirtschaftlichen Modernisierung und politischen Stabilisierung des Zweiten Kaiserreichs selektiv einzelne Elemente des institutionellen Arrangements Großbritanniens zu importieren. Das gilt insbesondere für den Freihandel als wirtschaftspolitische Entwicklungsstrategie. Von dieser erwartete sich nicht nur Chevalier, der die Londoner Weltausstellung 1851 aufmerksam studierte und später zum engsten wirtschaftspolitschen Berater Napoleons III. avancierte, mehr Wettbewerb und effizientere Produktionsstrukturen genauso wie billigere Preise, die wiederum, wie dies in Großbritannien der Fall zu sein schien, die Zustimmung der Arbeiter zum bestehenden politischen Regime im revolutionsgeplagten Frankreich stärken würde. Die politische Kultur eines Landes schien auf das Engste mit seinen sozialen Praktiken verknüpft. Chevalier notierte 1851: "Ich bin jedes Mal fasziniert von dieser Qualität der Engländer, zusammen für das gemeinsame Interesse zu arbeiten und spontan eine kollektive Kraft zu entwickeln, die jedes Hindernis überwinden kann. . . . Das ist eine wertvolle Qualität, die ich für mein Land wünsche, weil es eine Qualität der wirklich freien Völker ist." [44]

In diesem Sinne "frei" waren die Franzosen im Zweiten Kaiserreich gerade nicht. Die wirtschaftliche Modernisierung war mit politischer Zensur und Unterdrückung verbunden. Auch hier zeigte sich die "chaotische" Wirkung der Weltausstellungen, die nicht nur den intendierten Kulturtransfer förderten. Die französischen Arbeiterdelegationen, die 1862 die Londoner Ausstellung besuchten, diskutierten dort ausgiebig mit britischen Gewerkschaftern. Anstatt den autoritären Modernisierungskurs Napoleons III. zu unterstützen, kehrten sie mit weitreichenden Forderungen nach Paris zurück, vor allem nach Assoziationsfreiheit und dem Streikrecht, die sie bis Paris 1867 noch fortentwickelten [45] . Die späte Liberalisierung des Zweiten Kaiserreichs, die einige dieser Forderungen akzeptierte, war nicht zuletzt eine Reaktion auf die durch die Erfahrungen auf den Weltausstellungen und durch den dortigen transnationalen Austausch noch verstärkte Unzufriedenheit vieler französischer Arbeiter, die sich bald darauf in der Pariser Kommune entladen sollte.

Fußnoten

33.
Alexis de Valon, Le Tour du monde à l'Exposition de Londres, in: Revue des Deux Mondes, 21 (1851) 11, S. 193-228, 201.
34.
Vgl. David R. Francis, The Universal Exposition of 1904, St. Louis 1913, S. 331-342.
35.
Vgl. Heinz-Alfred Pohl, Die Weltausstellungen im 19. Jahrhundert und die Nichtbeteiligung Deutschlands in den Jahren 1878 und 1889, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, 97 (1989) 3-4, S. 381-425; Brigitte Schroeder-Gudehus, Les grandes puissances devant l'Exposition universelle de 1889, in: Le Mouvement Social, 149 (1989), S. 15-24.
36.
Horace Greeley, Glances at Europe, New York 1851, S. 88.
37.
The Exhibition, in: New York Herald vom 15. Mai 1876.
38.
Message from the President of the United States transmitting the Report of the Special Commissioner to the Paris Exposition of 1900, Washington 1897, S. 74.
39.
Vgl. David E. Nye, Ritual Tomorrows: The New York World's Fair of 1939, in: History and Anthropology, 6 (1992) 1, S. 1-21; Folke T. Kihlstedt, Utopia Realized: The World's Fairs of the 1930s, in: Joseph J. Corn (Hrsg.), Imagining Tomorrow. History, Technology and the American Future, Cambridge/Mass. 1986, S. 97-118.
40.
Vgl. Ausstellungen, in: Der Spiegel vom 9. April 1958.
41.
Message from the President (Anm. 38), S. 74.
42.
A. S. de Doncourt (Comtesse de Drohojowska), Les Expositions Universelles, Paris-Lille 1889, S. 15.
43.
Meditations of the Exhibition, in: Punch, 21 (1851), S. 9.
44.
Maurice Chevalier, L'Exposition universelle de Londres considerée sous les rapports philosophiques, techniques, commercials et administratifs au point de vue français. Lettres écrites de Londres, Paris 1851, S. 2 f.
45.
Vgl. einführend Jacques Rancière/Jacques Vauday, En allant à l'Exposition: l'ouvrier, sa femme et les machines, in: Les Révoltes logiques, 1 (1975), S. 5-22.