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26.5.2002 | Von:
Uwe Britten

Kindheit in der Dritten Welt

II. Medizinische Fortschritte

Für die medizinische, präventive Versorgung von (kleinen) Kindern hatte sich UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, noch vor einigen Jahren viel vorgenommen. Im UNICEF-Jahrbuch von 1990 [7] wurden Ziele für die neunziger Jahre formuliert. Darin hieß es etwa, die völlige Beherrschung der Neugeborenen-Tetanie solle bis 1995 erreicht werden. Jedoch ließ sich für die Jahre 1992 und 1993 sogar ein Anstieg der Todesfälle durch Tetanus feststellen, und zwar überproportional zum Anstieg der Bevölkerungen. Inzwischen ist dieser Trend allerdings wieder umgekehrt worden. Das damalige Ziel "Faktische Eliminierung von Vitamin-A- und Jodmangelkrankheiten" ist noch so weit entfernt, dass das Jahrbuch von 1998 [8] beide Defizite erneut betonen musste. Nun mögen solche Zielsetzungen immer etwas utopisch gewählt sein, unerreichbar waren und sind sie hingegen nicht.

Die größten Fortschritte gab es bei einigen Kinder-Impfungen. So könnten bei Polio, Masern und Tuberkulose im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts Impfquoten von rund 90 Prozent weltweit erreicht werden. Auch die TT2-Impfung bei schwangeren Frauen gegen die Neugeborenen-Tetanie liegt gegenwärtig bei über 60 Prozent und steigt weiter. Diese Erfolge sind in den vergangenen beiden Jahrzehnten durch große internationale Programme erreicht worden.

Sehr erfolgreich ist zuletzt auch der Einsatz der "oral rehydration therapy" (ORT) gewesen, mit der Wasser- und Salzverluste etwa aufgrund von Diarrhoe ausgeglichen werden können. Waren es 1980 erst drei Prozent der Kinder, die mit diesem Hilfsmittel erreicht wurden, beträgt die Rate gegenwärtig rund 75 Prozent. Damit wurde das Ziel von UNICEF, bis 1995 die 80-Prozent-Marge zu erreichen, nur knapp verfehlt. Das körperliche Austrocknen der Kinder durch Diarrhoe ist jahrzehntelang eine der häufigsten Todesursachen gewesen.

Bei all diesen Erfolgen darf nicht vergessen werden, dass sie zerbrechlich sind und bleiben. Impfprogramme etwa sind nie abgeschlossen, sondern müssen fest institutionalisiert werden, um jedes neugeborene Kind zu schützen. Erforderlich ist es also, nicht nur "Programme" durchzuführen, sondern "Infrastrukturen" im Gesundheitswesen zu schaffen, die auch langfristig sicherstellen, dass jedes Neugeborene geimpft werden kann.

Das Ausbrechen etwa kriegerischer Konflikte mit all seinen Folgen oder das Einstellen der Gesundheitsprogramme können innerhalb weniger Jahre die Problematik wieder aufbrechen lassen. Ruanda ist hierfür ein trauriges Beispiel: Während dort in den achtziger Jahren große Fortschritte im allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung erreicht worden waren, hat der seit Anfang der neunziger Jahre herrschende Krieg fast alles wieder zunichte gemacht [9] . Andere afrikanische Länder wie Sierra Leone oder Liberia kommen durch die jahrelangen Konflikte strukturell kaum einen Schritt voran.

Ein Erfolg wäre es in der Zukunft auch, das Stillen von Babys wieder zu einer Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Die Rückschritte, die auf diesem Gebiet insbesondere durch die Strategien der großen Babynahrungskonzerne eintraten [10] , waren immens. Inzwischen gibt es wieder internationale Stillprogramme. Das Stillen hat allerdings eine entscheidende Voraussetzung. Die Mütter müssen gesundheitlich einigermaßen stabil sein und sich selbst gut genug ernähren können. Auch das ist ein Grund dafür, warum Frauen dringend aus ihrer strukturellen Benachteiligung befreit werden müssen.

Eine bisher nicht zu stoppende Krankheit ist die HIV-Infizierung, die in einer Reihe afrikanischer Länder so bedrohliche Ausmaße annimmt, dass die Zukunftsaussichten dieser Länder Horrorszenarien gleichen. "Geschieht nichts, werden im Jahr 2000 weltweit etwa 26 Millionen Menschen HIV-positiv sein und rund zwei Millionen an AIDS sterben" [11] , so eine Schätzung vor einigen Jahren, und sie dürfte eher zu niedrig angesetzt sein. Aktuelle Schätzungen gehen von Folgendem aus: "Jeden Tag infizieren sich weltweit 8500 Kinder und Jugendliche mit HIV." [12] Und 1998 dürften in Afrika rund zwei Millionen Menschen Opfer des Virus geworden sein. In einigen Regionen Afrikas sind bis zu 30 Prozent der Schwangeren infiziert, und rund ein Drittel der Neugeborenen kommt mit dem Virus zur Welt. In Simbabwe ist AIDS inzwischen die häufigste Todesursache bei Kindern unter fünf Jahren. Auch in Ländern wie Uganda, Sambia und Botswana sind die Zustände ähnlich. Besonders die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist sehr gefährdet, weshalb insbesondere eine verstärkte Sexualerziehung notwendig ist.

Für einige asiatische Länder ist die Entwicklung nicht weniger dramatisch. In Thailand etwa stieg die Kindersterblichkeit zuletzt durch die AIDS-Erkrankung deutlich an; gegenwärtig geht man von rund 60 000 infizierten Kindern aus. Zur Verschärfung dieser Lage trägt in vielen Ländern der Sextourismus bei, was auch bedeutet, dass dort Mädchen überproportional häufig zu den Infizierten gehören.

Trotz der genannten medizinischen Fortschritte ist, nicht zuletzt durch das Anwachsen der Weltbevölkerung, die Zahl jener Kinder konstant geblieben, die täglich aufgrund von vermeidbaren Erkrankungen und von Unter- oder Mangelernährung sterben: rund 50 000!

Fußnoten

7.
Vgl. J. P. Grant, Zur Situation der Kinder in der Welt, Köln 1990, S. 74.
8.
Vgl. UNICEF, Zur Situation der Kinder in der Welt 1998 (Schwerpunkt: Ernährung und Gesundheit), Frankfurt/M. 1997.
9.
Ruanda war das erste afrikanische Land, das eine 80-prozentige Impfrate erreicht hatte! Vgl. UNICEF, Zur Situation der Kinder in der Welt, Frankfurt/M. 1995, S. 25.
10.
Vgl. UNICEF (Anm. 8), S. 57 ff.
11.
Dies., Zur Situation der Kinder in der Welt, Frankfurt/M. 1995, S. 39.
12.
Dies., Zur Situation der Kinder in der Welt 2000 (Kinder haben Recht), Frankfurt/M. 1999, S. 32.