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26.5.2002 | Von:
Uwe Britten

Kindheit in der Dritten Welt

IV. Problematische Lebenslagen

Zu den sich in besonderer Weise zuspitzenden Krisensituationen von Kindern und Jugendlichen zählen nach wie vor die Obdachlosigkeit ("Straßenkinder"), die sexuelle Ausbeutung und Prostitution, Kriege und kriegsähnliche Zustände sowie Flucht. Trotz großer nationaler wie internationaler Anstrengungen haben sich diese Zustände und die aus ihnen erwachsenen Folgen in vielen Ländern oft dramatisch verschlechtert.

1. Obdachlosigkeit



Die Zahl der Straßenkinder ging in den letzten zwanzig Jahren stetig nach oben. Mitte der achtziger Jahre ging man weltweit von 30 Millionen obdachlosen Kindern aus, am Ende der neunziger Jahre sind es rund 100 Millionen. "Straßenkinder" gehören heute beinahe zum Bild jeder größeren Stadt. Zwar ist es längst nicht zwingend, dass diese Kinder keine Kontakte mehr zur Familie haben, sehr häufig allerdings schlagen sie sich völlig autonom oder in Banden durchs Leben. In der brasilianischen Stadt Salvadore de Bahia geht man von rund 16 000 solcher Kinder und Jugendlichen aus. In Bombay sogar von 100 000. Und für Addis Abeba schätzt UNICEF allein etwa 10 000 Mädchen mit inzwischen eigenen Kindern, die auf der Straße leben.

Das Thema Kinder- und Jugendobdachlosigkeit ist ein Symptom zerfallender Sozialstrukturen. Unter den jahrzehntelangen wirtschaftlichen Krisen, durch das Leben unter absoluter Armut, und zwar in vielen Familien bereits seit mehreren Generationen, durch Resignation, Arbeitslosigkeit und familiäre Gewalt lösen sich Kinder sehr früh von ihren Eltern. Diese Kinder und Jugendlichen brauchen eigenständige Unterstützung zur Lebensbewältigung in ihrem Alltag; Rückführungen in die Familien und damit in die "Kind-Rolle" scheitern meistens. Wie sehr diese Kinder auf Hilfe angewiesen sind, zeigt das Beispiel Brasilien, wo in vier Jahren 16 000 Straßenkinder von so genannten Todesschwadronen ermordet wurden.

2. Sexuelle Ausbeutung



Das Leben auf der Straße führt insbesondere für Mädchen häufig in die Prostitution. Sie kann zwar sehr wohl "selbstgewählt" sein, um in möglichst kurzer Zeit genügend Geld zu verdienen, ist aber weit häufiger das Ergebnis von Abhängigkeiten und direktem Zwang. Insbesondere in Asien führt das Weggeben durch die Eltern der Kinder an andere Haushalte in entfernten Regionen, um dort Geld zu verdienen, nicht selten in die sexuelle Ausbeutung.

Die höchsten Zahlen von Kinderprostituierten finden sich in Asien (Thailand und Indien), wo es komplexe Strukturen organisierter Prostitution und die entsprechenden Wege des Menschenhandels gibt. So fand nicht zufällig in Thailand im Mai 1990 erstmals eine internationale Tagung zum Thema statt, bei der die wahren Ausmaße sichtbar wurden. Insbesondere mit Blick auf die HIV-Verbreitung entstanden für einige Länder Schre-ckensszenarien. Aus dieser Tagung entstand die inzwischen überall auf der Welt vernetzte Organisation ECPAT (End Child Prostitution in Asian Tourism). Veröffentlichte Beispiele zeigen, dass auch schon unter 10-Jährige oft über lange Zeiträume in abgesperrten Räumen "gehalten" werden und täglich zehn bis zwanzig und noch mehr Männer auf welche Weise auch immer "befriedigen" müssen. Große Bedeutung für diese Sexgeschäfte hat der Sextourismus aus den westlichen Ländern und aus Japan [19] .

Die internationale Kampagne der ECPAT gegen Sextourismus hatte immerhin zur Folge, dass deutsche Reiseunternehmen ihren Kunden bei Reisen in diese Regionen darüber in Kenntnis setzen, dass sexueller Missbrauch von Minderjährigen im Ausland inzwischen auch in Deutschland ein Delikt ist und in den vermieteten Hotelzimmern nicht toleriert wird.

3. Kriege



Internationale Hilfswerke beziffern die in Kriegen und an der Waffe kämpfenden Minderjährigen auf rund 300 000 weltweit; diese Schätzung liegt um 100 000 höher als noch vor zehn Jahren. Der Anteil so genannter Kindersoldaten ist insbesondere in einigen afrikanischen Kriegen sehr hoch, so etwa in dem im Kongo herrschenden Krieg. Der ugandische Präsident Museveni sagte in einem Interview, dass man in Afrika bereits mit vier Jahren lernen würde zu kämpfen, das sei nun mal die Tradition. Auch seine Truppen bestanden schon früh zu einem bedeutenden Anteil aus Kindern [20] . So sind Kinder an Kriegen etwa in folgenden afrikanischen Staaten beteiligt: Angola, Kongo, Liberia, Ruanda, Sierra Leone, Sudan.

Eine Kampagne internationaler Kinderhilfswerke unter der Federführung der schwedischen Organisation Rädda Barnen und des englischen Save the Children macht zur Zeit unter dem Titel "Coalition to Stop the Use of Child Soldiers" auf die Problematik aufmerksam. Kinder aktiv in Kriege einzubeziehen, hat inzwischen eine rund dreißigjährige Tradition, angefangen in Kambodscha, im Libanon, im Iran etc. Zwangsrekrutierungen werden immer häufiger über aktuelle sowie auch inzwischen beendete Kriege [21] bekannt.

Da die moderne Kriegsführung oft zivile Ziele einbezieht, ist häufig die Zahl der getöteten Zivilisten höher als die der Soldaten. Angaben über getötete Zivilisten in Kampfhandlungen bedeuten immer einen hohen Prozentsatz auch an Kindern und Jugendlichen. Auf andere Art werden Mädchen in Kriegsgebieten Opfer der Soldaten. Fast immer - und in jüngster Zeit immer systematischer - werden Frauen und Mädchen vergewaltigt, gefangen genommen und verschleppt sowie auf diese Weise zu "Lagerprostituierten". Die systematische und sogar angeordnete Vergewaltigung von Mädchen in Kriegen ist nicht ein Phänomen "unzivilisierter" Völker, wie die jüngsten Kriege in Europa gezeigt haben. Wie sehr sich solche Kriegshandlungen auch auf die Zukunft eines Landes auswirken, zeigt sich seit dem Vietnam-Krieg an all jenen, die aufgrund solcher Vergewaltigungen geboren wurden [22] .

4. Flucht



Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) schätzt die Zahl der weltweit vertriebenen Menschen auf rund 100 Millionen. 22 Millionen [23] davon gelten ganz offiziell als Flüchtlinge; hinzu kommen etwa fünf Millionen Binnenflüchtlinge, die nie eine Staatengrenze überschreiten. Der Anteil von Kindern in Flüchtlingsbewegungen liegt durchschnittlich bei rund 40 bis 50 Prozent. Damit ist Flucht und Vertreibung in einem erheblichen Maß ein Kinderproblem! Kinder flüchten nicht, weil sie sich ein besseres Leben in fernen Ländern erhoffen, sie fliehen (mit den Erwachsenen) aus Not. Dabei bedeutet Flucht für sie ganz besondere Härten: körperliche Strapazen, Desorientierung, Verzicht auf Essen und Trinken, fremde neue Umgebung, in der Orientierung schwer möglich ist.

Die Ankunft etwa in Flüchtlingslagern lindert oft kaum die Not. Ansteckungsgefahren aufgrund miserabelster hygienischer Bedingungen nehmen zu, das Essen ist rationiert. Kleine Kinder, die lange Zeit unter solchen Verhältnissen leben, tragen lebenslange Folgen davon: das Wachstum stoppt, der Körper bildet kaum noch Muskulatur aus und Krankheiten mit bleibenden Schäden entstehen. Diese Kinder sind oft nicht einmal in der Lage zu stehen und zu gehen.

Zerrissenheit und die vage Hoffnung einer fernen Zukunft bestimmen das Lebensgefühl von Lageridentitäten. Die birmanische Karen-Minderheit auf dem thailändischen Grenzgebiet zu Myanmar ist ein krasses Beispiel [24] dafür. Hier gibt es inzwischen Kinder, die nie etwas anderes erlebt haben als das Lagerleben im Dschungel. Trotz inzwischen eingerichteter Lager-Schulen stand ihnen das thailändische Bildungssystem nie offen.

Das UNHCR hat jüngst auf das große Problem der Staatenlosigkeit bei Kindern hingewiesen [25] . In Ländern, in denen die Staatsangehörigkeit über Abstammung (und nicht via Geburtsort) erworben wird, bleiben viele Flüchtlingskinder aufgrund unklärbarer Verhältnisse staatenlos und erhalten damit nie den Schutz des Staates, in dem sie (als Flüchtlinge) leben.

Fußnoten

19.
Vgl. R. O'Grady, Die Vergewaltigung der Wehrlosen - Sextourismus und Kinderprostitution, Bad Honnef 1997.
20.
Vgl. Der Spiegel, Nr. 5/1987, S. 126 ff.
21.
Die in zahlreichen Ländern eingesetzten "Wahrheitskommissionen" zur Aufarbeitung der jüngeren Geschichte in Unrechtssystemen wie Südafrika, Argentinien oder Guatemala rekonstruieren diese Hintergründe.
22.
Vgl. P. Krebs, Die Kinder von Vietnam. Bilanz eines modernen Krieges, München 1990.
23.
Als vom UNHCR offiziell erfasste Personen gelten momentan rund 13 Millionen Menschen, vgl. UNHCR, Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt 1997-98, Bonn 1997, S. 2. Vgl. P. J. Opitz (Hrsg.), Der globale Marsch - Flucht und Migration als Weltproblem, München 1997.
24.
Vgl. L. Liepe, Identitäten und Integration der Flüchtlinge von Huai Ka Loak - Flüchtlinge aus Burma in Thailand, Frankfurt/M. 1995.
25.
Vgl. UNHCR (Anm. 23), S. 269.