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26.5.2002 | Von:
Uwe Britten

Kindheit in der Dritten Welt

V. Die Aufgaben sind gestellt

Mit dem weiteren Anwachsen der Weltbevölkerung von gegenwärtig sechs Milliarden Menschen auf acht, neun oder sogar elf Milliarden im Jahr 2025 [26] und dem gleichzeitigen Trend in den Industrieländern, die Entwicklungshilfeetats herunterzufahren, kommen auf die Staatengemeinschaft große Herausforderungen zu. Schon das Bevölkerungswachstum allein wird in den kommenden Jahrzehnten Anstrengungen erforderlich machen, die über das gegenwärtige Maß weit hinausgehen müssen.

Mit der Annahme der internationalen Kinderkonvention im November 1989 hat sich die Staatengemeinschaft erstmals in der Geschichte auf einen Konsens über die Bedingungen von Kindheit geeinigt. Nie zuvor ist eine internationale Übereinkunft in einer so kurzen Zeit von so vielen Staaten ratifiziert worden wie die Kinderkonvention nach 1989. Viele Probleme haben seither dennoch zugenommen! Kindheit ist nun mal von den allgemeinen Bedingungen in Ländern, Kontinenten und der gesamten Welt abhängig. Sicher würde ein umfangreicher Schuldenerlass dazu führen, dass sich zumindest einige dieser allgemeinen Bedingungen verbessern.

Dass das Aufwachsen von Kindern von internationalen Prozessen abhängig ist und deshalb auch internationale Anstrengungen zur Verbesserung ihrer Lebenslagen notwendig erscheinen, bestreitet heute niemand mehr. Entsprechend sehen die Strategien von UN-Organisationen wie UNICEF und UNESCO aus: Um ein Problem in die Weltöffentlichkeit zu bringen, startet man Kampagnen mit Welt-Konferenzen, um auf ihnen zu Beschlüssen zu gelangen, die dann nach und nach in konkrete Programme umgesetzt werden (sollen). Nach der Annahme der Kinderkonvention geschah es so mit dem Weltgipfel für Kinder im September 1990, im März desselben Jahres mit der Weltkonferenz "Bildung für alle", 1996 mit dem Weltkongress gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern in Stockholm und 1997 mit der Internationalen Konferenz über Kinderarbeit in Oslo.

In einem gewissen Sinn funktioniert diese Strategie. Die Staaten kommen zu gemeinsamen Überlegungen und erkennen globale Probleme an. Wie erfolgreich dann die konkreten Programme zur Umsetzung der Lösungsschritte in den Staaten sind, ist dennoch oft eine ganz andere Frage. Bei den globalen Problemen von Kindern und Jugendlichen ist es erforderlich, nach solchen Initialveranstaltungen die Durchsetzung zu erhöhen. Von strukturellen Verbesserungen kann in fast allen Bereichen nicht gesprochen werden, abgesehen von einigen medizinischen Aspekten.

So erfolgreich also diese Strategie in einem gewissen Sinn ist - auch die internationalen NROs wenden sie immer wieder an -, so haftet ihr doch der Makel des Spektakels an. Die zuvor beschriebenen Zahlen und Zusammenhänge zeigen deutlich, dass trotz zahlreicher Deklarationen der Alltag vieler Kinder noch beschwerlicher geworden ist. Regierungen präsentieren sich gerne auf Weltkonferenzen als "fortschrittlich" und "human", konkrete Umsetzungen jedoch werden dann nur halbherzig angegangen. Immer wieder zeigen die Zahlen der UN oder der Weltbank, dass manche Länder heute in gewissen Bereichen (wie Schulbesuch) auf einem niedrigeren Niveau stehen, als sie 1960 bereits einmal waren.

Internationale Organisationen hegen gegenwärtig juristische Hoffnungen in Bezug auf die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs in Rom. Dieses Gericht soll Verbrechen gegen die Menschenrechte ahnden. Das könnte zur Folge haben, dass in absehbarer Zeit Vergehen gegen Kinderrechte juristisch international verfolgt werden. So würde etwa das Einbeziehen von Kindern in Kriegsaktivitäten auch juristisch ein Verbrechen. Ähnlich könnte es bei Vertreibungen oder auch bei sexueller Ausbeutung aussehen. Zahlreiche internationale Organisationen betreiben gegenwärtig Kampagnen für die Rechte von Kindern, um Kinder auch zu rechtlichen Subjekten zu machen.

Auf juristische Lösungen allein zu setzen, wäre naiv. Langfristig erfolgreicher wäre sicher ein Prozess internationaler Kommunikation und internationaler Programme zur Lösung der genannten Kinderprobleme. Wenn die Rhetorik der Globalisierung mehr ist als Gerede, dann kommt es darauf an, die Länder der Dritten Welt beim Aufbau tragfähiger gesellschaftlicher und sozialer Strukturen zu unterstützen. Der wirtschaftliche Aufbau hinge ab vom Schuldenerlass, von kontinuierlicher wirklicher Entwicklungshilfe und von der Einrichtung fairer Handelsstrukturen (inklusive Veränderungen bei Weltbank und IWF). Letzteres wird sich etwa bei den neuen Verhandlungen des Lomé-Abkommens zugunsten der AKP-Staaten zeigen.

Die Probleme von Kindern und Jugendlichen in den Dritte-Welt-Ländern haben sich in den neunziger Jahren mit Ausnahme weniger Bereiche verschärft und zugespitzt, obwohl es ein Jahrzehnt war, das so viele internationale Bemühungen kannte wie keines zuvor. Das stimmt pessimistisch. Aber jüngste Bestrebungen könnten auch Durchbrüche zeitigen. Wir haben die Chance, im angebrochenen Jahrzehnt vieles besser zu machen.

Fußnoten

26.
Dies sind Zahlen dreier Modellrechnungen der Vereinten Nationen.