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26.5.2002 | Von:
Michael Neugart

Arbeitslosigkeit in Europa

Erklärungsansätze und Politikoptionen

II. Ursachen der Arbeitslosigkeit in Europa

Es ist sicherlich unbestritten, dass die Ölpreisschocks Anfang der siebziger und gegen Ende der siebziger Jahre erheblich dazu beitrugen, dass die Arbeitslosenquoten in Europa anstiegen. Die erhöhten Importpreise für Rohstoffe führten zu einer Verteuerung der Produktion und somit einem Rückgang der Arbeitsnachfrage. In den achtziger Jahren haben vergleichsweise hohe (Real)zinsen die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen für Neuinvestitionen verschlechtert. Ein weiterer negativer Impuls kam von den eher restriktiven Geld- und Fiskalpolitiken. Die daraus folgende Verschiebung der Arbeitsnachfragekurve benötigt allerdings ein gerütteltes Maß an Lohnstarrheit, um einen dauerhaften Anstieg der Arbeitslosigkeit erklären zu können. Denn nur, wenn der Reallohn - also der Preis für die Arbeit, gemessen in der Kaufkraft der Geldlöhne - sich nicht anpasst, bleibt die Nachfrage nach Arbeitskräften auf Dauer geringer als das Arbeitsangebot. Ob die Reallohnlücken tatsächlich vorlagen, ist allerdings zweifelhaft [3] . An weiteren Erklärungsansätzen herrscht dann auch kein Mangel. Gerne wird auf einen Zusammenhang zwischen der vergleichsweise hohen Arbeitslosigkeit und einem zunehmenden Handel mit weniger entwickelten Ländern verwiesen. Allerdings steht der Anteil der Arbeitslosigkeit, insbesondere im Bereich gering qualifizierter Arbeit, der über die "neue" Konkurrenzsituation mit Niedriglohnländern erklärt werden kann, auf empirisch wackeligen Beinen. Die Argumentation ist, vermutlich wegen ihrer Einfachheit, bestechend: Unternehmen würden insbesondere die Teile ihrer Wertschöpfung in Niedriglohnländer auslagern, die von gering qualifizierten Arbeitskräften verrichtet werden, da die Löhne in diesen Ländern nur einen Bruchteil der heimischen Arbeitskosten betrügen. Selbst erhöhte Transport- und Transaktionskosten, also solche Kosten, die mit der Abwicklung der Geschäfte entstehen, könnten dadurch mit Sicherheit gedeckt werden. Folglich müssten die Arbeitskosten in diesen Bereichen sinken, andernfalls käme es zu Beschäftigungseinbußen. Empirische Schätzungen kommen auf einen Anteil von 10 bis 20 Prozent der Arbeitslosigkeit in Europa, der über "Globalisierung" erklärt werden kann [4] . Aufgrund erheblicher Messprobleme stehen die Ergebnisse solcher Schätzungen auf wackeligen Beinen. Ebenso zweifelhaft ist eine Argumentation, die auf den Rückgang des Produktivitätswachstums in den OECD-Staaten [5] aufbaut. Dieser ist zwar gegeben, doch mag es nicht einleuchten, dass Gewerkschaften den engeren Verhandlungsspielraum noch nicht realisiert haben, dass sie also weiterhin Lohnforderungen stellen, die die ehemals höheren Produktivitätsraten zugrunde legen. Schließlich verlangsamten sich die Produktivitätszuwächse mit Beginn der siebziger Jahre. Es müsste also mittlerweile allen klar sein, dass der zu verteilende Kuchen nicht mehr so schnell wächst. Andere angebotsorientierte Ansätze, die auf demographische Faktoren, einen gestiegenen Steuerkeil, der die Kluft zwischen Brutto- und Nettolöhnen vergrößerte, Mindestlöhne oder wohlfahrtsstaatliche Regelungen abstellen, treffen nicht den Kern des Problems, auch wenn sie in Teilen richtig sind.

Vielversprechender sind Erklärungen, die auf die sogenannte Pfadabhängigkeit von Arbeitslosigkeit abstellen. Damit läßt sich ein Zusammenhang zwischen Konjunktureinbrüchen in der Vergangenheit und der heutigen Situation auf den Arbeitsmärkten herstellen. Es sieht nämlich ganz so aus, als ob die derzeitigen Arbeitslosigkeitsquoten erheblich durch die hohen Arbeitslosenquoten der Vergangenheit bestimmt würden. Einmal auf einem höheren Niveau angelangt, fielen die Arbeitslosenquoten nur sehr langsam (Abbildung), weshalb man auch von einem Persistenzphänomen spricht [6] . Gleichzeitig waren die Preissteigerungsraten nahezu stabil bzw. sind nur leicht gefallen. Insofern liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die NAIRU - die "non accelerating inflation rate of unemployment" -, also jene Arbeitslosenquote, die gleichbleibende Preissteigerungsraten garantiert, in Europa angestiegen ist [7] .

Fußnoten

3.
Vgl. Robert J. Gordon, Wage gaps versus output gaps: Is there a common story for all of Europe?, in: Herbert Giersch (Hrsg.), Macro and micro policies for more growth and employment, Oxford 1988, S. 97-151.
4.
Vgl. Richard Freeman, Are your wages set in Beijing?, in: Journal of Economic Perspectives, 9 (1995) 3, S. 15-32.
5.
Das sind solche Länder, die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angehören.
6.
In diesem Zusammenhang fällt öfters auch der Begriff "Hysterese". Im Gegensatz zur Persistenz der Arbeitslosigkeit bedeutet dies, dass die Arbeitslosenquote auch nach vielen Jahren nicht auf ihr ursprüngliches Niveau zurückkehren wird. Es bleibt ein "Rest" zurück.
7.
Vgl. Olivier J. Blanchard/Lawrence Katz, What we know and do not know about the natural rate of unemployment, in: Journal of Economic Perspectives, 11 (1997) 1, S. 51-72.