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26.5.2002 | Von:
Michael Neugart

Arbeitslosigkeit in Europa

Erklärungsansätze und Politikoptionen

III. Warum sich Arbeitslosigkeit verfestigt

Wodurch entsteht nun die Pfadabhängigkeit? Welche Mechanismen verbergen sich dahinter? Hierzu gibt es eine Reihe, sich teilweise auch ergänzende Erklärungen. Vertreter der "Kapitalmangelarbeitslosigkeit" [8] argumentieren, dass es infolge der Nachfrageausfälle Anfang der siebziger und achtziger Jahre zu einer Unterauslastung des Kapitalstocks - also der Maschinen und Anlagen, die für die Produktion genutzt werden - kam. Aufgrund dessen hätten die Unternehmen Ersatz- und Neuinvestitionen zurückgeführt, um ihre Kapitalausstattung den gegebenen Nachfragebedingungen anzupassen. Ein nachhaltiger Konjunkturaufschwung hätte in der Folgezeit nicht stattfinden können, da die entsprechenden Produktionsmöglichkeiten nicht vorhanden gewesen wären. Mangelndes Sachkapital sei somit das Nadelöhr, das einen unmittelbaren Beschäftigungszuwachs verhindert hätte. Arbeitslosigkeit wäre insofern persistent, was empirisch für die achtziger Jahre durch hohe Nutzungsgrade des bestehenden Kapitals (Kapitalauslastungsquoten) bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit gestützt wird.

Alternativ zu Anpassungsverzögerungen aufgrund mangelnder Kapitalausstattung werden die Ursachen für persistente Arbeitslosigkeit auch im Verhalten und den Charakteristika der Beschäftigen (Insider) und der Arbeitslosen (Outsider) gesehen. Folgt man den Insider-Outsider-Theorien [9] , können Arbeitslose auch bei wiederauflebender Nachfrage keine Beschäftigung finden. Dann nämlich würden die Insider die zurückgewonnenen Verteilungsspielräume durch entsprechende Reallohnerhöhungen für sich in Anspruch nehmen. Unterstützt würden sie dabei von den Gewerkschaften, die ihren Forderungen entsprechenden Nachdruck verliehen. Die Outsider könnten selbst mit Lohnunterbietung die Schranken nicht durchbrechen, da die Arbeitsplatzbesitzer erfolgreich drohten, bei Neueinstellungen die Kooperation zu verweigern. Das, zusammen mit eventuellen Einarbeitungskosten, führe schließlich dazu, dass die Arbeitnehmer einen Lohn akzeptieren müssten, der unterhalb ihres Anspruchslohns liege. Die Unternehmen würden keine neuen Arbeitskräfte einstellen und Beschäftigungszuwächse blieben aus. Die Arbeitslosenquote verharre auf ihrem jeweiligen Niveau.

Eine Konsequenz aus dem Insider-Outsider-Ansatz müsste sein, dass es nahezu keine Übergänge von Arbeitslosigkeit in Beschäftigung gibt. Kritiker weisen daher gern auf Arbeitsmarktdynamiken hin, die sich hinter konstanten Arbeitslosenquoten verbergen können [10] . So fanden 1987 in Deutschland etwa 2,5 Millionen Menschen einen neuen Arbeitsplatz und das bei einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit in der gleichen Höhe. In Frankreich überstiegen die Übergänge in Beschäftigung sogar die durchschnittliche Arbeitslosigkeit. Damit war, und das nicht nur in diesen beiden Ländern [11] , im Durchschnitt betrachtet am Ende des Jahres niemand mehr arbeitslos, der zu Beginn desselben Jahres noch eine Arbeitsstelle suchte. Die relativ hohen Umschlagraten bedeuten allerdings nicht das oft suggerierte augenblickliche Aus der Insider-Outsider-Theorien. Betrachtet man die Übergangsraten in Arbeitslosigkeit sowie von Arbeitslosigkeit in Beschäftigung über die Zeit hinweg, dann lässt sich sehr wohl die Bedeutung dieses Erklärungsansatzes ablesen. In Deutschland betrug 1989 die Abgangsrate aus Arbeitslosigkeit etwa ein Siebtel des Niveaus von 1963 [12] . Auch in Großbritannien waren die Chancen Anfang der achtziger Jahre, als Arbeitsloser einen Arbeitsplatz zu finden, erheblich geringer als Ende der sechziger Jahre [13] .

Verschlechtert wird die Bindung der Arbeitslosen an den Arbeitsmarkt durch eine Reihe weiterer Mechanismen, die umso mehr Bedeutung gewinnen, je länger die Arbeitslosigkeit anhält. Das Argument, dass die Qualifikationen der Arbeitslosen veralten würden, wenn sie nicht am technischen Fortschritt "on-the-job" teilnehmen könnten, ist leicht nachvollziehbar. Neben den funktionalen Qualifikationen würden auch die extra-funktionalen Qualifikationen, wie etwa Zuverlässigkeit oder Belastbarkeit, abnehmen. Die Beschäftigungsfähigkeit der arbeitslosen Arbeitnehmer sinke. Arbeitslose Menschen würden mit der Dauer der Arbeitslosigkeit entmutigt und verlören zunehmend den Kontakt zur Arbeitswelt. Die Suchintensität nehme ab. Damit stiege wiederum die Verhandlungsmacht der Insider. Ebenso dürften die Arbeitsplatzinhaber von Einstellungsregeln der Unternehmer profitieren, die auf die Dauer der Arbeitslosigkeit der Bewerber abzielen [14] . Die dahinter stehende Argumentation ist folgende: Ist ein Arbeitsplatz zu besetzen, so stehen Firmen in aller Regel vor dem Problem, dass sie die Produktivität der Bewerber nur unzureichend feststellen können. Es kann dann für die Unternehmen eine durchaus sinnvolle Einstellungspolitik sein, die Bewerber nach der Dauer der Arbeitslosigkeit zu sortieren. Selbst wenn dabei ein für die zu besetzende Stelle geeigneter Langzeitarbeitsloser durch das Raster fällt, werden sie im Durchschnitt die produktivsten Arbeitskräfte kostengünstig einstellen. Die Beschäftigungschancen (Langzeit-) Arbeitsloser verschlechtern sich. Zu- dem dürfte wiederum die Verhandlungsmacht der Insider gestärkt werden, da sie weniger Konkurrenz der Outsider befürchten müssen. Verlieren die Arbeitslosen mit der Dauer der Arbeitslosigkeit tatsächlich relevante Qualifikationen, dann könnte dies letztlich auch dazu führen, dass Unternehmen Knappheiten an qualifizierten Arbeitnehmern antizipieren und daher Arbeitsplätze gar nicht erst einrichten werden [15] .

Angenommen, die Analyse der Verfestigung von Arbeitslosigkeit nach temporären Angebots- bzw. Nachfrageschocks trifft zu, dann ist die Arbeitslosigkeit in Europa insbesondere ein strukturelles Phänomen. Zweifelhaft erscheint daher, dass allein eine expansive Geld- oder Fiskalpolitik die Arbeitslosigkeit reduzieren kann. Die Bedingungen, unter denen sich die Impulse auf die Arbeitsmärkte übertragen würden, sind vermutlich nicht gegeben. Es ist unwahrscheinlich, dass Politiken den mittlerweile sehr hohen Anteil Langzeitarbeitsloser (vgl. Tabelle 1) in den Arbeitsmarkt integrieren können, wenn sie nicht auch auf die Behebung der strukturellen Arbeitslosigkeit abzielen. Denn mit dem Verlust der Qualifikationen während der Arbeitslosigkeit sinkt der Lohn, den Unternehmen bei Einstellung eines Arbeitslosen bereit sind zu zahlen. Ein an der Produktivität orientiertes Entgelt dürfte daher in vielen Fällen unterhalb des Anspruchslohns der Arbeitslosen liegen. Ein Rückgang der strukturellen Komponente der Arbeitslosigkeit ist daher nicht zu erwarten. Auch legen die Erfahrungen nahe, dass nachfrageorientierte Politiken nicht durch Lohnzurückhaltung flankiert würden. Es wäre eher mit Lohnsteigerungen als mit Beschäftigungszuwächsen zu rechnen. Vielleicht liegt aber gerade hier die Chance eines Bündnisses für Arbeit.

Das alles schließt den Erfolg nachfrageorientierter Politiken nicht generell aus. Sollten Arbeitsmarktdynamiken tatsächlich durch Hysterese gekennzeichnet sein, dann könnten dauerhafte und kräftige Konjunkturaufschwünge die inflationsstabile Arbeitslosenquote senken, sofern die Beziehung keine Asymmetrien oder Nichtlinearitäten beinhaltet. Man darf diesbezüglich auf den Ausgang der mittlerweile schon länger währenden Boomphase in den U.S.A. gespannt sein. Derzeit legen fallende Arbeitslosenquoten bei nahezu stabilen Preissteigerungsraten nahe, dass die strukturelle Komponente der Arbeitslosigkeit in den U.S.A. mit dem Aufschwung gesunken ist. Innerhalb Europas sind die Voraussetzungen für eine Übertragung von Wachstumsimpulsen auf die Arbeitsmärkte vermutlich nicht gegeben. Folglich wird argumentiert, dass die Arbeitsmärkte flexibler werden müssten. Die entsprechenden Politikempfehlungen sind schnell bei der Hand. Doch so manchem Ratschlag fehlt das theoretische und empirische Fundament.

Fußnoten

8.
Vgl. hierzu etwa Michael Burda, Is there a capital shortage in Europe?, in: Weltwirtschaftliches Archiv, 124 (1988), S. 38-57.
9.
Vgl. Olivier J. Blanchard/Lawrence Summers, Hysteresis and the European unemployment problem, in: Stanley Fischer (Hrsg.), NBER Macroeconomics Annual, 1 (1986), S. 15-78; Assar Lindbeck/Dennis Snower, The insider-outsider theory of employment and unemployment, 1988.
10.
Vgl. Wolfgang Franz, Theoretische Ansätze zur Erklärung der Arbeitslosigkeit: Wo stehen wir 1995?, in: Bernhard Gahlen/Helmut Hesse/Hans Jürgen Ramser (Hrsg.), Arbeitslosigkeit und Möglichkeiten ihrer Überwindung, Tübingen 1996, S. 3-45.
11.
Vgl. hierzu Michael Burda/Charles Wyplosz, Gross worker and job flows in Europe, in: European Economic Review, 38 (1994), S. 1287-1315.
12.
Vgl. Ronald Schettkat, Labor market dynamics in Germany, in: ders. (Hrsg.), The flow analysis of labour markets, London - New York 1996, S. 3-45.
13.
Vgl. Christopher Pissarides, Unemployment and Vacancies in Britain, in: Economic Policy, 3 (1986), S. 499-559.
14.
Vgl. Olivier J. Blanchard/Peter Diamond, Ranking, unemployment duration, and wages, in: Review of Economic Studies, 61 (1994), S. 417-434.
15.
Vgl. Christopher Pissarides, Loss of skill during unemployment and the persistence of employment shocks, in: Quarterly Journal of Economics, 107 (1992), S. 1371-1391.