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26.5.2002 | Von:
Christina Onnasch

"Taumele zwischen Optimismus und Depression"

Zur Wahrnehmung der Schriftstellerin Brigitte Reimann

Als Ende der Neunzigerjahre Brigitte Reimanns Tagebücher erschienen, wurde die bis dahin im Westen eher unbekannte DDR-Schriftstellerin hier neu entdeckt. Im Osten hingegen war sie schon lange bekannt.

I. Brigitte Reimann zwischen Diktatur und Demokratie gelesen

Als Brigitte Reimann wenige Monate vor ihrem Tod im April 1972 an ihre Jugendfreundin Veralore Schwirtz schrieb: ". . . ,Ankunft im Alltag': später wurde von den Germanisten die ganze Literaturströmung jener Jahre danach benannt, und so geistere ich wenigstens als Vortruppler der ,Ankunftsliteratur' durch die Lexika . . ." [1] , erfasste sie damit hellsichtig ihre spätere Stellung innerhalb der Literaturgeschichte. Dass sie über ihre 1961 erschienene Erzählung "Ankunft im Alltag" und die schlagwortgebende ,Ankunftsliteratur' hinaus bis in die Gegenwart allenfalls als Verfasserin des unvollendet gebliebenen Romanes "Franziska Linkerhand" erwähnt wird, scheinen die nach der Wende veröffentlichten Überblicksdarstellungen zur DDR-Literatur zu bestätigen. Die beiden Bände der Reimannschen Tagebücher [2] , die in den Jahren 1997 [3] und 1998 [4] erschienen, eröffnen nun die Möglichkeit, diese Zuordnung zu revidieren.


Die im Literaturstreit von 1990 aufgeworfene Frage, was nach dem Untergang der DDR von deren Literatur übrig geblieben sei, zeigte, dass diese Beurteilung nicht ausschließlich ästhetischen Kriterien unterlag. Es ging "um den literarischen Text als politisches Exponat" [5] und über die evidente Verknüpfung von Politik und Literatur hinaus auch um ethische Fragen. Das Diktum einiger Akteure dieses Streits lautete, durch die enge Verbindung der DDR-Schriftsteller mit der SED-Führung wären erstere moralisch diskreditiert, was die gesamte DDR-Literatur wertlos gemacht habe. Dem wurde mit dem Verweis auf Differenzierung zu Recht widersprochen. Die seit der Wende publizierte autobiografische Literatur von DDR-Schriftstellern wie Günter de Bruyn, Christoph Hein, Günter Kunert u. a. muss auch in diesem Zusammenhang gesehen werden; hier scheint ja gerade die subjektive Schilderung der pauschalen Verurteilung gegenüberzustehen.

Die Tagebücher Brigitte Reimanns haben den Vorzug, eine unter dem unmittelbaren Erlebniseindruck abgefasste Alltags- und Sozialgeschichte - die ihrer subjektiven Wahrnehmung - zu sein; sie erweitern zugleich die Quellenbasis, auf der die Bewertung der Rolle der DDR-Schriftsteller vorzunehmen ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Person und das Werk der Schriftstellerin im Westen weitgehend unbekannt blieben. Im Osten hingegen war Brigitte Reimann bereits eine bekannte und öffentlichkeitswirksam publizierte Autorin. Diese Differenz verweist nicht nur auf einen bis heute in beiden Teilen Deutschland unterschiedlichen Umgang mit Literatur, sondern auch auf unterschiedliche Mentalitäten sowie auf bestimmte Ursachen für Verständigungsschwierigkeiten im Einigungsprozess. Darüber hinaus offenbaren sich divergierende, jeweils gesellschaftlich sanktionierte Regeln in der Auseinandersetzung mit literarischen Texten.

Die offizielle Wahrnehmung von Person und Werk Brigitte Reimanns in der DDR geschah auf verschiedenen Ebenen, und zwar zum Teil gegenläufig. Ihre Texte waren zu keiner Zeit in den Lehrplänen für den Deutschunterricht an den Schulen enthalten, womit ihr Werk ganz offensichtlich vom Volksbildungsministerium als unvereinbar mit dem erklärten Schüler-Leitbild "allseits gebildeter sozialistischer Persönlichkeiten" erachtet wurde [6] . Die Literaturkritik besprach Brigitte Reimanns Werke teils positiv, teils negativ; Letzteres gerade dann, wenn sie - wie etwa im Jahr 1961 - mit den Vorgaben der 1. Bitterfelder Konferenz 1959 in Konflikt geriet. Auch das zeigt, man kann nicht generalisierend behaupten, die Schriftsteller hätten sich der SED-Kulturpolitik und ihrer Doktrin des Sozialistischen Realismus zwangsläufig und bedingungslos untergeordnet. So gab es nicht wenige Auseinandersetzungen um die Erzählung "Ankunft im Alltag". Gleichzeitig gewann Brigitte Reimann in mehreren Reportagen, Porträts und Interviews zu ihrer Person seit Anfang der sechziger Jahre auch an kulturpolitischer Bedeutung. Hier nahm anfangs ihre Arbeit "an der Basis" im Braunkohletagebau in Hoyerswerda im Rahmen des "Bitterfelder Weges" einen breiten Raum ein; sie wurde zu einer engagierten und kritischen, dennoch den Aufbau des Sozialismus ausdrücklich bejahenden Schriftstellerin stilisiert.

Dagegen zeigen ausgeprägt individuelle Lektüreerlebnisse des in Brigitte Reimanns Werk eine besondere Stellung einnehmenden Romans "Franziska Linkerhand", wie die offizielle Wahrnehmung ihres literarischen Schaffens unterlaufen werden konnte. Die Figur der Franziska Linkerhand bot für viele Leser in der DDR eine Identifikationsmöglichkeit; die darin enthaltenen Provokationen wurden als eine Selbstbestätigung im Widerspruch zum DDR-System verortet; nicht umsonst erlangte der Roman nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1974 einen Kultstatus. Allerdings wurde das Buch von der damals jüngeren Generation kritischer aufgenommen, wie der Publizist Christoph Dieckmann (Jahrgang 1956), der erstmals 1977 den Roman las, sich erinnert: "Aber jede Generation beansprucht, bis zum Gegenbeweis, ihre eigene Hoffnung. Franziska Linkerhand erzählte die ihre in Figuren und Sujets, die mir zehn Jahre zu alt und also widerlegt erschienen. Franziska rang noch um eine sozialistische Moral. Ihr 77er Leser maß einheimische Kunst an einem anderen Wahrheitsbegriff: Sprach sie aus, wie sehr die DDR missraten war?" [7]

Eine positive Identifikation war Dieckmann nicht mehr möglich, worin sich auch ein Generationenproblem offenbarte. Lektüre ist immer auch an einen autobiografischen Kontext geknüpft. Literatur oder Kunst im allgemeinen fungierte in der DDR als ein Erlebnis, "das die Denk- und Empfindungsweisen einer Generation entscheidend prägt(e)." [8] Wirklichkeit und Fiktion wurden unmittelbar aufeinander bezogen. Ein so intensives Lektüreerlebnis in seiner Zustimmung und Ablehnung, wie es der Roman "Franziska Linkerhand" bei vielen Lesern in der DDR hervorrief, wurde in der Bundesrepublik nicht verstanden. Dort besprachen viele Literaturkritiker "Franziska Linkerhand" als "Roman, der 1974 vielen gestaltlos vorkam" [9] ; Gabriele Wohmann kritisierte: "Merkwürdigerweise kommt bei mir, trotz aller Beredsamkeit des Textes, keine Identifikationsmöglichkeit, keine vertiefte Anteilnahme für die wahrhaftig nicht wortkarge Erzählperson zustande." [10] Hier war also die Kritik am Buch in ästhetisch-formaler Hinsicht ausschlaggebend. Dies zeigt, die Art und Weise der Lektüre in der Bundesrepublik war insofern eine andere, als sie das Bezugssystem der Diktatur weniger beachtete, das wiederum den Lesern in der DDR ständig gegenwärtig war. Dies geschah in Kenntnis der Lebenswirklichkeit und dogmatischer SED-Kulturpolitik sowie mit einem Gespür für Unterwanderungsstrategien. Und noch ein Unterschied ist evident: Während in der DDR die eigene Biografie bei der Interpretation und Beurteilung eine wichtige Rolle spielte, besaß in der Bundesrepublik die Literaturkritik die Deutungshoheit. Diese unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen werfen u. a. die Frage nach ihrer Nutzbarmachung für die Wahrnehmung einer gesamtdeutschen Literatur auf.

Es erscheint zunächst erstaunlich, dass in den Jahren 1997 und 1998 nach der Veröffentlichung ihrer beiden Tagebuch-Bände diese in allen Feuilletons der überregionalen Zeitungen an herausgehobener Stelle rezensiert wurden. Brigitte Reimanns Tagebücher sowie ihr Briefwechsel mit Veralore Schwirtz, Christa Wolf und Hermann Henselmann haben heute offenbar deshalb eine so große Resonanz, weil die politischen Bedingungen ihres Zustandekommens nicht mehr existieren. Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" wurde in einer unzensierten Ausgabe [11] neu aufgelegt; ihre frühen Erzählungen erlebten Neuauflagen [12] . 1999 wurde eine Reimann-Biografie [13] publiziert; es entstanden zwei Dokumentarfilme [14] über die DDR-Schriftstellerin. In Neubrandenburg, dem letzten Wohnort der Autorin, wurde ein Brigitte-Reimann-Haus eröffnet, das ihren Nachlass beherbergt. Ob man diesen begonnenen Prozess als eine Reimann-Renaissance bezeichnen kann, in dessen Verlauf sie von einem "Objekt der DDR-Vergangenheit" [15] zu einer gesamtdeutschen Autorin wird, muss sich zeigen.

Inwieweit beeinflusst diese Entwicklung die Rezeption der Tagebücher in den überregionalen Tageszeitungen, deren Umfang und herausgehobene Platzierung markant waren? Die Rezensenten waren überwiegend Westdeutsche; die Wahrnehmung von Person und Werk Brigitte Reimanns wurde von zwei Extrempositionen begrenzt: Volker Hage stilisierte im "Spiegel" Brigitte Reimann zu einer erotischen, gegen den DDR-Sozialismus protestierenden Rebellin, wobei seine Überschrift "Rebellisch aus Lebensgier" als Kernaussage gelten kann. Ihre Tagebücher las Hage als eine Art Abenteuerroman; sie seien "das spannende Dokument eines gelebten Liebesromans voller Pointen und wilder Verwicklungen - gefährliche Liebschaften im DDR-Sozialismus" [16] . Damit vollzog Hage eine Stilisierung der Schriftstellerin unter umgekehrtem Vorzeichen: War sie für die SED-Führung eine glühende Sozialismus-Verfechterin, wurde sie nun zur männerbetörenden Widerstandskämpferin. Jürgen Serke hingegen bezeichnete Brigitte Reimann in der "Welt" als Schriftstellerin, die ihr Schreiben für ihren Glauben an den Sozialismus instrumentalisiert habe. Jeglichen literarischen Rang sprach er ihr ab: ". . . sie war keine Dichterin." [17] ; politisch erscheine sie als "Ohnmächtige" [18] . Ihr Glaube an den Sozialismus, ihre mangelnde moralische Integrität und eine unzureichende literarische Qualität ihres Werkes waren Vorwurf bzw. Argumente, die Serke miteinander verband; seine Kritik erinnerte an Argumentationsmuster aus dem Literaturstreit von 1990 [19] .

Differenziertere, sich der Widersprüche der Brigitte Reimann annehmende Besprechungen fanden sich in der "Frankfurter Rundschau" und in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Hans Stempel widmete sich in der "Frankfurter Rundschau" der privaten und politischen Brigitte Reimann gleichermaßen: Ihre Tagebücher seien "Lebensroman und politisches Dokument zugleich" [20] . Mark Siemons thematisierte in der FAZ als einziger auch die bisher kaum erfolgte Wahrnehmung Brigitte Reimanns in der westdeutschen Literaturkritik. Ihre Tagebücher zeigten "die DDR nicht als Konglomerat abstrakter Begriffe, sondern von innen her, aus der Perspektive einer Frau, die sich von Ideen nicht ihre Erlebensfähigkeit nehmen lässt" [21] .

Fußnoten

1.
Brigitte Reimann, "Aber wir schaffen es, verlass Dich drauf!" Briefe an eine Freundin im Westen, hrsg. von Ingrid Krüger, Berlin 1999, S. 177. Dieser Briefwechsel wird im folgenden mit der Abkürzung "A. w. s. e." ("Aber wir schaffen es") zitiert.
2.
Zu DDR-Zeiten war bereits eine stark gekürzte und ausgewählte Fassung erschienen: Elisabeth Elten-Krause/Walter Lewerenz (Hrsg.), Brigitte Reimann in ihren Briefen und Tagebüchern. Eine Auswahl, Berlin (Ost) 1983.
3.
Brigitte Reimann, "Ich bedaure nichts." Tagebücher 1955-1963, hrsg. von Angela Drescher, Berlin 1977. Dieses Werk wird im Folgenden mit der Abkürzung "I. b. n." ("Ich bedaure nichts") zitiert.
4.
Brigitte Reimann, "Alles schmeckt nach Abschied." Tagebücher 1964-1970, hrsg. von Angela Drescher, Berlin 1998². Dieses Werk wird im Folgenden mit der Abkürzung "A. s. n.A." ("Alles schmeckt nach Abschied") zitiert.
5.
Frauke Meyer-Gosau, Modernisierung, Generationswechsel, Erleichterung. Zehn Jahre Literatur und literarische Debatten seit der Wende, in: Heinrich-Böll-Stiftung/Lothar Probst (Hrsg.), Differenz in der Einheit. Über die kulturellen Unterschiede der Deutschen in Ost und West, Berlin 1999, S. 199.
6.
Vgl. Günther Rüther, Nur "ein Tanz in Ketten"? DDR-Literatur zwischen Vereinnahmung und Selbstbehauptung, in: ders. (Hrsg.), Literatur in der Diktatur. Schreiben im Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus, Paderborn u. a. 1997, S. 255 ff.
7.
Christoph Dieckmann, Franziska Rediviva, in: Die Zeit vom 8. Oktober 1998 (Literaturbeilage), S. 7. Auch nach der Lektüre der ungekürzten Roman-Ausgabe von 1998 sah Dieckmann kaum Veränderungen in seiner generationsspezifischen Rezeption.
8.
Uwe Grüning, Deutschland - Deutschland. Politische Wirklichkeit und dichterische Gegenwelt, in: Gerd Langguth (Hrsg.), Autor, Macht, Staat, Literatur und Politik in Deutschland, Düsseldorf 1994.
9.
Beatrice von Matt, Gelebt und gelebt und gelebt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. April 1984 (Literaturbeilage), S. 2.
10.
Gabriele Wohmann, Eine Lanze für das Leben, in: Die Welt vom 10. Oktober 1974 (Beilage "Welt des Buches"). S. VII.
11.
Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand. Roman, Berlin 1998. Dieses Werk wird im Folgenden mit der Abkürzung "F. L." zitiert. Darin gibt das Nachwort von Withold Bonner genaue Auskunft über die in der Ausgabe von 1974 vorgenommenen Kürzungen und Streichungen.
12.
Das gilt für: Die Geschwister, Berlin 1998, und Ankunft im Alltag, Berlin 1999.
13.
Vgl. Margret Gottlieb, ". . . als wär jeder Tag der letzte". Brigitte Reimann, München 1999. Bereits fünf Jahre zuvor war die romanartige Biografie von Barbara Krause, Gefesselte Rebellin. Brigitte Reimann, Berlin 1994, erschienen.
14.
Heide Hampel/Jürgen Tremper, Ankunft und Abschied. Die Neubrandenburger Jahre der Brigitte Reimann, 1998, und Ulrich Kasten, "Ich liebe, mein Gott, ich liebe". Das kurze Leben der Brigitte Reimann, 1999.
15.
Sven Bernitt, "Rebellisch aus Lebensgier"?, in: Margrid Bircken/Heide Hampel (Hrsg.), Als habe ich zwei Leben. Beiträge zu einer wissenschaftlichen Konferenz über Leben und Werk der Schriftstellerin Brigitte Reimann, Neubrandenburg 1998, S. 174.
16.
Volker Hage, Rebellisch aus Lebensgier, in: Der Spiegel, Nr. 17 vom 20. April 1998, S. 218.
17.
Jürgen Serke, "Ich bin so gierig auf Leben", in: Die Welt vom 17. Juni 1998, S. 10.
18.
Ebd.
19.
Vgl. Jürgen Serke, Was bleibt, das ist die Scham, in: Die Welt vom 23. Juni 1990, S. 17.
20.
Hans Stempel, Das Gewissen - ein Luxus, in: Frankfurter Rundschau vom 4. Juli 1998 (Beilage "Zeit und Bild"), S. 4.
21.
Mark Siemons, Blues des Ostens, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Mai 1998 (Beilage "Bilder und Zeiten"), S. V.