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26.5.2002 | Von:
Jürgen H. Wolff

Armutsbekämpfung durch Entwicklungshilfe

III. Die "Fungibilität" der Entwicklungshilfe

Wie können solche Erscheinungen erklärt werden? Entscheidend hierfür ist, dass Entwicklungshilfe fungibel ist, "what you see is not what you get". Um einen theoretisch verwickelten Sachverhalt einfach darzustellen: Nehmen wir an, die Regierung eines Entwicklungslandes habe sich ein Investitionsprogramm aus zehn großen Projekten vorgenommen. Diese lassen sich, was ihren ökonomischen bzw. entwicklungspolitischen Wert angeht, grundsätzlich in eine Reihenfolge bringen, von 1 (am rentabelsten) bis 10 (am wenigsten rentabel oder gar unrentabel). Die Regierung habe aber nur Geld für neun Projekte; bei rationalem Vorgehen fällt also das am wenigsten rentable Projekt dem Rotstift zum Opfer. Nun kommt die Entwicklungshilfe ins Spiel: Wird diese um Finanzierung eines Projektes angegangen, wird die Regierung zweckmäßigerweise nicht gerade Projekt zehn vorschlagen (und sich mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Abfuhr einhandeln), sondern z. B. Projekt zwei.

Dieses hat eine gute Chance einer ausländischen Finanzierung. Diese führt dazu, dass das Budget der Regierung um die Kosten für Projekt zwei entlastet wird; sie kann nun auch noch Projekt zehn (und damit möglicherweise ökonomischen Unsinn) finanzieren. Faktisch, wenn auch indirekt, hat der ausländische Geldgeber das Projekt zehn finanziert (es sei erinnert, dass dieses Projekt nicht notwendig ein rentables Projekt ist, nach unseren gemachten Voraussetzungen, selbst wenn es rentabel sein sollte, jedenfalls das am wenigsten rentable unserer Liste aus zehn Projekten darstellt). Die Behauptungen der nationalen und internationalen Entwicklungshilfe-Bürokratie über ihre erfolgreichen Projekte sind, so betrachtet, wenig aussagekräftig. "Früher nahm man an, dass bei der Finanzierung eines bestimmten Investitionsprojektes durch eine Organisation der Entwicklungshilfe wie der Weltbank die für dieses Projekt ausgegebenen Mittel tatsächlich dieses Projekt finanzierten und kein anderes. In der Tat war die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung . . . stolz auf die Solidität (soundness) und den hohen ökonomischen Ertrag einiger ihrer Projekte. Demgegenüber wurde jedoch bald erkannt, dass ausländisches Kapital nicht das Projekt finanzierte, für das es dem Anschein nach ausgegeben wurde, sondern das Grenzinvestitionsprojekt (marginal investment project), d. h. von allen realisierten Projekten dasjenige, das auf der Prioritätenliste ganz unten stand. Das ist mit der Behauptung gemeint, Hilfe sei ,fungibel'. . . Die Fungibilität der Entwicklungshilfe ist in keiner Weise begrenzt. Das bedeutet, dass ausländisches Kapital nicht das Grenzinvestitionsprojekt, sondern das Grenzausgabenprojekt (marginal expenditure project) finanziert, und Grenzausgaben (expenditure on the margin) werden ebenso wahrscheinlich (vielleicht wahrscheinlicher) für Konsum- wie für Kapitalgüter getätigt (d. h., für ,Projekt zehn' in unserem Beispiel könnte Champagner stehen! - J.H.W.). Auslandskapital bedeutet Ressourcen- oder Kaufkrafttransfer von einem Land in ein anderes, und wie diese zusätzlichen Ressourcen verwendet werden, kann nicht a priori bestimmt werden. Sicherlich steht nicht fest, dass nichts davon zur Erhöhung des Konsums verwendet wird." [15] Unglücklicherweise kann die Überlegung noch weitergesponnen werden: Für "Projekt zehn" kann, je nach Land, auch Militär [16] oder Verstärkung des polizeilichen Repressionsapparates stehen - oder auch schlicht Korruption, die (indirekte) Umlenkung der zusätzlichen Kaufkraft in nicht dafür bestimmte (oder, je nach Standpunkt, besonders dafür bestimmte!) Taschen. Dem könnte ein internationaler Financier nur entgehen, wenn das Empfängerland sich im Kreditvertrag verpflichtete, keinerlei Einschränkungen von geplanten rentablen Investitionen nach Mittelzufluss aus ausländischen Krediten vorzunehmen. Solche Verpflichtungen sind jedenfalls mir nicht bekannt geworden (da sie zweifellos die nationale Souveränität berührten); sie wären übrigens unkontrollierbar und daher auch nicht erzwingbar [17] . Wir können also feststellen, dass Entwicklungshilfe in Wahrheit nicht die Projekte finanziert, für die das Geld tatsächlich gezahlt wird, oder auch die Programme, für die Geld abfließt, sondern die Prioritäten der Empfängerregierung, wobei von direkter Korruption noch völlig abgesehen wird; das genannte Resultat hat hiermit gar nichts zu tun, kann also auch dann eintreten, wenn die bestimmungsgemäße Verwendung jedes Pfennigs nachgewiesen werden kann.

Fußnoten

15.
Keith B. Griffin, International Inequality and National Poverty, London 1978, S. 62. Übersetzung durch den Verfasser.
16.
Der Investitionshaushalt Ruandas, eines bevorzugten Empfängers internationaler Entwicklungshilfe, hängt zu etwa 95 %, das Budget der laufenden Ausgaben zu, je nach Quelle, der Hälfte bis zwei Dritteln von ausländischer Hilfe ab. Die frei gewordenen Ressourcen erlauben es dem Land, zum zweitenmal innerhalb von zwei Jahren (1996 und 1998) einen Krieg im Ausland (Kongo-Zaire, siebenhundert Kilometer von seiner Grenze entfernt) zu führen (z. Z. prekärer Waffenstillstand!).
17.
Auch wenn die Weltbank in ihrer neuesten Publikation zum Thema zu Recht darauf hinweist, dass der erste Chefökonom der Bank, Rodenstein-Rodan, schon in den fünfziger Jahren darauf aufmerksam gemacht habe, dass Entwicklungshilfe fungibel sein könne, ist diese völlig richtige Erkenntnis in der Folgezeit über Jahrzehnte von den interessierten Institutionen, die Weltbank eingeschlossen, totgeschwiegen worden. Man vergleiche die oben erwähnten Erfolgsberichte etwa der deutschen Durchführungsorganisationen oder die nur teilweise öffentlichen Evaluierungen des Operations Evaluation Department der Weltbank, die sich praktisch ausschließlich auf Einzelprojekte beziehen - es ist ja auch einfacher so!