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26.5.2002 | Von:
Gerd Meyer
Angela Hermann

Zivilcourage im Alltag Ergebnisse einer empirischen Studie

I. Absicht und Anlage der Studie

In unserer Studie [1] wollten wir Motive, Chancen und Hindernisse für Zivilcourage oder sozial mutiges Handeln im Alltag untersuchen. Wir befragten junge Leute, die sich noch in der Ausbildung befinden. Wir interessierten uns für ihre Bereitschaft, sich öffentlich für andere Menschen, für humane und demokratische Werte oder legitime Interessen einzusetzen, auch wenn sie in einer unterlegenen Position sind und ihnen Nachteile dafür drohen. Die exemplarische Analyse der Aussagen dieser Gruppe zielt darauf ab, Bedingungen und innere Dynamik zivilcouragierten Handelns in unserer Gesellschaft besser zu verstehen.

Die zentralen Fragen unserer Untersuchung lauten daher: Was heißt Zivilcourage und was kennzeichnet sozial mutiges Verhalten? Warum handeln bestimmte Menschen in vergleichbaren Situationen mit Zivilcourage, andere aber nicht? Was fördert und was hindert Zivilcourage? Genauer: Was geht in einer Person vor, wie verläuft die Interaktion mit anderen und wie kommt es dann zu einer Entscheidung, (nicht) zu handeln? Welche Erfahrungen und Lernprozesse, welche Motive und Werte bewegen Menschen, Zivilcourage zu zeigen? Gibt es spezifische Unterschiede im Verhalten einer Person je nach sozialem Ort und Öffentlichkeit?

Nur wenige Arbeiten sind bisher zu diesem Thema erschienen. Vor allem mangelt es an empirischen Studien, an systematischer Analyse und begrifflicher Klarheit. Unsere qualitative Pilotstudie strebt - auf der Basis einer präzisen Definition des Begriffs Zivilcourage - erste Befunde, Interpretationen und einzelne theoretische Aussagen sowie die Erprobung bestimmter analytischer Konzepte an. Wir haben vor allem jene Einflussfaktoren untersucht, die in unseren Gesprächen besonders deutlich hervortraten. Ihre Zahl und die Komplexität ihres Zusammenwirkens sind sicher noch größer als hier dargestellt.

Die empirische Grundlage unserer Pilotstudie bilden erlebte Situationen, in denen sozial mutiges Handeln gefragt war und die uns aus der Erinnerung geschildert wurden. Wir untersuchen also nicht Vorstellungen über Zivilcourage, sondern reale Situationen, Einstellungen und Handlungsweisen [2] .

II. Zivilcourage oder sozialer Mut im Alltag



Was verstehen wir nun - genauer - unter Zivilcourage? Was kennzeichnet Situationen, Verhaltensweisen und Motive, die charakteristisch sind für zivilcouragiertes Handeln? Nicht jedes mutige Handeln ist Zivilcourage oder, wie wir im Blick auf das alltägliche soziale Geschehen gleichbedeutend auch sagen, sozialer Mut.

Zivilcourage ist eine Art prosozialen Handelns in bestimmten Situationen, die charakterisiert sind durch:

· ein Geschehen, das das subjektive Wert- oder Gerechtigkeitsempfinden einer Person verletzt;

· einen daraus resultierenden Konflikt mit anderen;

· Handlungsdruck, aber auch Handlungsspielraum;

· Öffentlichkeit (mehr als zwei Personen sind anwesend);

· ein reales oder subjektiv wahrgenommenes Machtungleichgewicht zum Nachteil dessen, der mutig handeln will, etwa in einer Minderheits-/Mehrheitssituation in Gruppen oder als Verhältnis der Über-/Unterordnung, oft verbunden mit Anpassungsdruck;

· Risiken, d. h., der Erfolg zivilcouragierten Handelns ist unsicher und es sind eher Nachteile zu erwarten.

Häufig, aber nicht notwendig, handelt es sich um eine "Täter-Opfer-Situation". Hier geht es jedoch nicht nur um akute oder einmalige Situationen, die meist unerwartet ein schnelles Eingreifen erfordern. Es kann sich auch um ein Geschehen handeln, in dem sich Unzufriedenheit und Handlungsdruck erst über längere Zeit hinweg aufbauen, z. B. am Arbeitsplatz, in Institutionen, im öffentlichen Raum. Wer hier mutig eingreifen will, wartet eher geeignete Situationen oder Zusammenkünfte ab, um sich "zur rechten Zeit und am rechten Ort" zu artikulieren - allein oder in der Gruppe, vielleicht mit Unterstützung "von außen". Zivilcouragiert handeln vor allem, aber nicht nur, einzelne Menschen. Auch Gruppen können in solchen Situationen Zivilcourage beweisen, zumal im politischen Raum.

Zivilcourage folgt primär ideellen, nicht-materiellen Motiven, Werten und Interessen. Moralische Überzeugungen und ethische Prinzipien müssen jedoch nicht bewusst sein oder als solche formuliert werden. Sozial mutig handeln heißt, freiwillig, sichtbar und aktiv für allgemeine humane und demokratische Werte, für die legitimen Interessen vor allem anderer Menschen (aber sekundär auch für die eigenen) einzutreten. Deshalb sollen hier nicht nur idealistisches Streben und reiner Altruismus als legitime Motivation und Begründung sozial mutigen Handelns gelten, sondern auch allgemein akzeptierte Werte und Interessen, die zentral sind für das Leben, die Würde und die sozial verantwortliche Freiheit der Person wie der ganzen Gesellschaft. Das ,mutige' Eintreten für rechtsextreme Positionen kann daher nicht als Zivilcourage gelten. Demgegenüber ist wichtig und angemessen, den couragierten Einsatz für Freunde und Freundinnen oder für Mitglieder der eigenen "Clique" in die Definition und Analyse von Zivilcourage einzubeziehen.

Wer Zivilcourage zeigt, fühlt sich nicht nur in seinem Wert- oder Gerechtigkeitsempfinden verletzt, sondern übernimmt aktiv, freiwillig und eigenständig Verantwortung für andere wie für sich selbst. Zivilcouragiertes Handeln kann spontan oder überlegt, eher rational oder eher intuitiv bzw. emotional bestimmt sein. In vielen Situationen, in denen Zivilcourage gefragt ist, sind zuvor Angst oder andere innere Schwellen zu überwinden. Zivilcourage heißt dennoch nicht, tollkühn zu handeln oder sich in blinder Ergebenheit aufzuopfern. Wer sozialen Mut beweist, ist im Augenblick des Handelns entschieden und - nach eigenem Empfinden - sicher, das Richtige zu tun. Wer zivilcouragiert handelt, tut dies oft (aber keineswegs immer!) unabhängig von bestimmten Erfolgsaussichten oder externen Belohnungen (z. B. soziale Anerkennung, eigene berufliche Vorteile).

Wir können drei Arten des (Nicht-)Handelns mit Zivilcourage unterscheiden:

1. Eingreifen vs. Nicht-Eingreifen zugunsten anderer, meist in unvorhergesehenen Situationen, in die man hineingerät und in denen man meist schnell entscheiden muss, was man tut;

2. Sich-Einsetzen vs. Sich-nicht-Einsetzen - meist ohne akuten Handlungsdruck - für allgemeine Werte, für das Recht oder für die legitime Interessen anderer, vor allem in organisierten Kontexten und Institutionen, häufig auch für eine größere Zahl z. B. von Kollegen und Kolleginnen oder Betroffenen;

3. Sich-Wehren vs. Sich-nicht-Wehren: Nicht selten verbindet sich das Eintreten für allgemeine Werte oder die berechtigten Belange anderer mit den eigenen legitimen Interessen der Handelnden. Meist geht es darum, sich couragiert zu wehren gegen akute Zumutungen und Angriffe, besonders auch gewaltsamer Art.

Muss zivilcouragiertes Handeln in jedem Falle gewaltfrei sein? Kein Zweifel: Gewaltfreies Handeln ist in der Regel vorzuziehen, alle Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktlösung sind auszuschöpfen. Dennoch erhebt sich die Frage: Kann gewaltsames Handeln im Ausnahmefall nicht doch legitim sein - z. B. in Notwehrsituationen und/oder wenn zuvor alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden (Hilfe, die Polizei holen) und Gewalt als das letzte Mittel erscheint, um höherrangige Werte (die körperliche oder seelische Integrität eines Menschen) zu schützen? Angesichts zunehmender Gewaltbereitschaft gerade auch im Alltagsleben Jugendlicher ist es notwendig, darüber zu diskutieren, ob zivilcouragiertes Handeln in besonderen Fällen defensive Gewalt beinhalten darf.

Die sozialen Handlungsfelder und Orte der Zivilcourage unterscheiden sich erheblich in der Art und Weise, wie sie das Handeln der Menschen, Chancen und Hindernisse für Zivilcourage vorstrukturieren. Wir haben daher ein relativ breites Spektrum von Situationen und Handlungsweisen untersucht, wobei wir zahlreiche soziale Orte in unsere Analyse einbezogen haben, die meist als "privat" gelten. Gerade in diesen wächst (oder sollte wachsen) jener soziale Mut, der dann in einer größeren Öffentlichkeit, in Beruf und Politik zunehmend gefragt ist. Zivilcourage ist im Alltag der meisten Jugendlichen und Erwachsenen vor allem im sozialen Zusammenleben - also meist relativ fern der "großen Politik" - gefordert: in der Ausbildung, in der Schule und am Arbeitsplatz; in den informellen sozialen Beziehungen (z. B. im Freundeskreis, in der Freizeit, im öffentlichen Raum); in Vereinen und Verbänden, dort, wo sich Menschen sozial oder politisch engagieren. Zivilcouragiertes Handeln ist durchweg politisch relevant, aber nicht immer politisch im engeren Sinne, d. h. auf den Prozess politischer Meinungs- und Willensbildung, auf die Entscheidungen staatlicher Instanzen bezogen.

Fußnoten

1.
Vgl. Gerd Meyer/Angela Hermann: ". . . normalerweise hätt' da schon jemand eingreifen müssen." Zivilcourage im Alltag von BerufsschülerInnen. Eine Pilotstudie, Schwalbach/Taunus 1999; Leser und Leserinnen, die an weiterführender Literatur zum Thema interessiert sind, die im vorliegenden Beitrag nicht genannt wird, werden auf diese Quelle verwiesen. Besonders empfohlen wird: Kurt Singer, Zivilcourage wagen. Wie man lernt, sich einzumischen, München - Zürich 1997. Dieser Aufsatz stellt wesentliche Ergebnisse eines Buches vor, das als Gemeinschaftsarbeit entstand. Im Rahmen eines Projektseminars haben 15 Studierende in den Jahren 1996/97 am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen zunächst Konzeption und theoretische Grundlagen des Projekts diskutiert, dann das Forschungsdesign sowie den Leitfaden entwickelt, schließlich die Interviews durchgeführt und in einem ersten Schritt ausgewertet. Anschließend haben die beiden Autoren in Zusammenarbeit mit Steffen Andreae und Katrin Uhl als Kernteam das Buch konzipiert, die Texte geschrieben und gemeinsam diskutiert.
2.
Dazu haben wir im Frühjahr 1997 30 Berufsschülerinnen und Berufsschüler an zwei Berufsschulen in der Universitätsstadt Tübingen (Elektrohandwerker und Arzthelferinnen) und in der Industriestadt Reutlingen (Industrie- und Bankkaufleute) befragt. Uns interessierten ihre Erfahrungen und deren subjektive Deutung sowie ihre Sozialisation in Schule und Elternhaus, in Freizeit und Beruf. Wir wählten neunzehn besonders aussagekräftige Interviews aus und erhielten so Berichte von insgesamt 41 Situationen. Die qualitativen Leitfaden-Interviews wurden textnah zunächst einzeln und im Quervergleich, dann auf dieser Basis vorsichtig abstrahierend ausgewertet und schließlich in Gruppengesprächen überprüft. Unsere Befunde beziehen sich zunächst nur auf diese spezifische Gruppe junger Erwachsener in der Ausbildung; im Einzelnen muss offen bleiben, inwieweit sie sich verallgemeinern lassen.