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26.5.2002 | Von:
Gerd Meyer
Angela Hermann

Zivilcourage im Alltag Ergebnisse einer empirischen Studie

III. Was hindert, was fördert Zivilcourage?

Wir fassen die Ergebnisse unserer Studie unter der Fragestellung zusammen: Was ist förderlich, was ist hinderlich für zivilcouragiertes oder sozial mutiges Handeln? Welche Beweggründe und Einflussfaktoren sind bestimmend? Wörtliche Zitate aus den Interviews sollen beispielhaft typische Aussagen prägnant und anschaulich vorstellen.

1. Moralische Vorstellungen



Wenn Personen sich für andere einsetzen oder sich wehren, ist meist ihr Wert- oder Gerechtigkeitsempfinden verletzt. Es zeigt sich eine Bindung an moralische Werte, die sich meist in "moralischen Gefühlen" äußert: Empörung als Schuldvorwurf an andere bzw. Scham als Schuldvorwurf an sich selbst; Bewunderung für eine "moralisch richtige" Handlung oder Befriedigung über eine "gerechte Strafe". Auch spielen oft Wut, Mitgefühl und Fürsorge oder die Bewahrung der eigenen Identität neben der Einschätzung einer Situation oder Handlung eine wichtige Rolle. Wahrnehmung und Emotion sind miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig.

In fast allen Situationen ging es um (Un-)Gerechtigkeit als moralisches Problem, das subjektiv meist so beschrieben wurde:

a) "Unfaires" Verhalten oder "unfaire" Verhältnisse, wenn ein Machtungleichgewicht zwischen Tätern und Opfern wahrgenommen wird. Das Opfer ist z. B. kleiner, schwächer oder jünger oder die Täter sind in der Übermacht.

b) "Unangemessene" Reaktionen in Konfliktsituationen. Jemand hat z. B. aus Sicht der Befragten eine Rüge oder Strafe verdient, wird aber dadurch zum Opfer, dass Dauer oder Härte der Sanktion als Grenzüberschreitung gewertet wird und somit ein moralisches Unrecht darstellt.

c) Diskriminierung von Ausländern oder Homosexuellen.

d) Eine entscheidende Rolle spielt wahrgenommene oder zugeschriebene Schuld oder Unschuld bei unterstützungsbedürftigen Personen. Hält man sie für unschuldig an ihrer Notsituation, so ist die Bereitschaft, für sie einzutreten, deutlich größer als bei Personen, bei denen Selbstverschulden angenommen oder aber auch nur konstruiert wird, wenn der Entschluss nicht einzugreifen schon vorher feststand.

Empörung zeigen die Befragten auch, wenn sie Unrecht konstatieren, wenn gültige Normen sozialen Verhaltens nicht beachtet werden, z. B. wenn sich jemand provokativ oder gewalttätig verhält oder das Eigentum anderer beschädigt. Als Unrecht gilt auch, wenn jemand eine formelle Machtposition ausnutzt und dabei Rechte und Pflichten verletzt. So sieht ein Interviewpartner im Verhalten eines Lehrers, der Schülerinnen "betatscht", eindeutig einen unrechtmäßigen Übergriff. Empört will er dem ein Ende setzen: "So geht's nicht . . . so geht es nicht mehr weiter." Nachdem er sich selbst noch einmal von der Richtigkeit des Vorwurfs überzeugt hat, fühlt er sich als Schulsprecher dazu verpflichtet, gegen diesen Lehrer vorzugehen - übrigens mit Erfolg.

2. Verantwortung, soziale und emotionale Nähe



Einem zivilcouragierten Einsatz geht immer ein Handlungsimpuls voraus, der durch die Verletzung eines moralischen Wertes ausgelöst wird. Zum mutigen Handeln kommt es jedoch nur dann, wenn sich die Empörung über Ungerechtigkeit mit einer "fürsorgemoralischen" Haltung verbindet. Sie zeigt sich in der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, wenn es um Hilfe bzw. die Lösung eines Konflikts oder Problems geht. Verantwortung wird allerdings dann abgelehnt, wenn dem Opfer Selbstverschulden für seine missliche Lage zugeschrieben wird, wenn man die Verantwortung für die Lösung eines Konflikts oder Problems bei anderen sieht oder wenn Konflikte der Privatsphäre zugerechnet werden, in die man sich nicht einmischen darf. Umgekehrt steigt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, wenn jemand eine entsprechende formelle oder informelle Rolle bzw. Position innehat.

Als noch wichtiger erweist sich aber die Nähe zu einer betroffenen Person(engruppe) oder zum erlebten Problem. Nähe zur Person heißt, dass es eine emotionale und/oder enge soziale Verbindung zu der Person gibt, die in einer Notlage ist und Unterstützung braucht. Alle Interviewpartnerinnen und -partner würden immer dann eingreifen, wenn Menschen aus der eigenen, sehr nahen Bezugsgruppe bedroht oder in Not sind. Dazu gehören Freunde oder Freundinnen, eine Clique oder die eigene Familie: "Wenn es dann um meine Familie geht oder um meine Freundin, dann denk' ich mir, da muss ich schon helfen, aber sonst denk' ich mir, jeder ist für sich selber verantwortlich." Die Unterstützung für einen Freund oder eine Freundin gilt als selbstverständlich. Sie stellt bei den männlichen Befragten eine Art Ehrenkodex dar, der zum Eingreifen verpflichtet: "Also bei Kumpels würde ich mich auf jeden Fall stellen, also dem Konflikt gegenübertreten. Aber bei Leuten, die ich gar nicht kenne und nie was mit denen zu tun hatte, wenn die in dieser Situation wären, da wäre ich nicht so sicher, was ich mache."

Hier gibt es einige interessante geschlechtsspezifische Unterschiede (die im Übrigen gering waren). So verweisen Männer zwar häufig auf allgemeine moralische Werte; daraus folgt jedoch nicht unbedingt, dass sie sich auch tatsächlich für andere Menschen einsetzen. Frauen erklären dagegen eher im Nachhinein ihr couragiertes Handeln mit moralischen Überzeugungen. Frauen setzen sich also nicht so sehr "abstrakt" für einen Wert an sich ein, sondern verbinden ihre Überzeugung stärker als Männer mit einer konkreten Person. Für junge Männer spielt die Zugehörigkeit zu einer Clique eine größere Rolle als für junge Frauen, die eher Beziehungen von Freundin zu Freundin unterhalten. Junge Männer zeigen hier viel mehr Bereitschaft zur Konformität. Die Angst, ihre Stellung in der Clique zu verlieren, hindert sie daran, mit Zivilcourage zu handeln. Hinzu kommen mögliche berufliche und materielle Nachteile, die Männer als schwerwiegender empfinden als junge Frauen.

Auch die subjektive Nähe zum Problem begünstigt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und einzugreifen. Erleben die Befragten diese Nähe, so stellen sie eine Verbindung her zwischen dem aktuellen und einem vergleichbaren Problem, von dem sie selbst betroffen waren bzw. sind (oder sein könnten): "Ja, weil ich einfach mich mal in meine Kindheit zurückversetzt hab' . . . also ich wär' auch froh gewesen. . ."

Eng damit verbunden ist die Reflexion eigener biografischer Erfahrungen mit Diskriminierung, Gewalt und Solidarität. Allerdings bewirkt das noch nicht, dass sich jemand in einer ähnlichen Situation für andere einsetzt. Entscheidend ist, ob das frühere emotionale Erleben erneut zugelassen und reflektiert wird und so dem Opfer ähnliche Gefühle und Bedürfnisse zugesprochen werden. Umgekehrt setzt sich jemand nicht für andere ein, wenn er oder sie nicht mehr in Verbindung gebracht werden will mit einer selbst erlebten Opfersituation. Hat jemand beispielsweise fehlende Unterstützung in einer Notsituation nicht als Mangel empfunden bzw. dieses Gefühl nicht zugelassen oder fühlte sich jemand bestärkt, weil er oder sie eine schwierige Situation ohne fremde Hilfe bewältigt hatte, so vermindert das eher die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen. Wird die Enttäuschung über mangelnde Hilfe dagegen reflektiert oder erlebte Hilfe in einer problematischen Situation positiv bewertet, so erhöht dies die Bereitschaft, mutig einzugreifen.

3. Soziale Kompetenzen, Angst und Selbstsicherheit



Besonders förderlich für zivilcouragiertes Handeln sind vor allem:

a) die Selbstsicherheit im Auftreten gegenüber anderen, Handlungsfähigkeit und Entscheidungssicherheit ("Ich war einfach überzeugt von dem, was ich gemacht habe"); schnelle und klare Reaktionen in bedrohlichen Situationen ("sonst ist es zu spät");

b) Einfühlungsvermögen und Mitgefühl ("weil ich halt jetzt unbedingt der Frau helfen wollt', weil die mir halt so leid getan hat in dem Moment, steht da mit ihren ganzen Einkaufstüten"), also Empathie; außerdem die Fähigkeit, sich in die Lage eines anderen zu versetzen (Perspektivwechsel);

c) die Fähigkeit zur Reflexion, d. h., vor allem über sich selbst oder eine Situation nachzudenken (dazu gehört auch, eigene Angst zuzulassen und bewusst damit umzugehen bzw. sich nicht zu überfordern. Angst - z. B. vor körperlicher Gewalt, vor Konflikteskalation, vor Isolation in der eigenen Gruppe, vor Verlust der Selbstkontrolle oder vor beruflichen Nachteilen - behindert zivilcouragiertes Handeln, aber Angst allein verhindert es auch nicht);

d) die Fähigkeit, bei Konflikten angemessen und flexibel zu reagieren, z. B. Vernunft zu zeigen, differenziert wahrzunehmen; zu besänftigen oder schlichten, vermitteln, integrieren;

e) die Fähigkeit zur Artikulation und Argumentation ("dass ich mit meinem Mundwerk eher in der Lage war, Dinge auszurichten als mit Brachialgewalt");

f) Sachkompetenz, Wissen und Kenntnis von Rechten, Pflichten, Regeln und Verfahrensweisen ("Ich glaube, Stärke kriegt man, wenn man von etwas ziemlich Ahnung hat");

g) die Einschätzung der eigenen körperlichen Stärke und Geschicklichkeit im Verhältnis zum Gegenüber, vor allem in gewalthaltigen Situationen (so wollten sich etliche Befragte in "uneindeutigen" Konfliktsituationen erst ein Bild machen, "ein bisschen die Leute eintaxieren" und "Kräfteverteilungen" abschätzen);

h) eine positive Selbsteinschätzung, die subjektiv Sicherheit vermittelt. Selbstsicherheit zeigt sich vor allem darin, dass er/sie eine Überzeugung anderen gegenüber auch aus einer Minderheitenposition heraus vertreten kann und eher spontan handelt. Sonst ist der Unterschied zu Personen mit einer weniger positiven Selbsteinschätzung meist erstaunlich gering.

4. Soziale Orte und Öffentlichkeiten: Handlungsräume und Einflusschancen



Wer zivilcouragiertes Handeln verstehen will, muss den spezifischen Kontext berücksichtigen, der zum einen durch die Art des sozialen Ortes vorstrukturiert, zum anderen durch die jeweiligen Personen und deren Interaktionen gegeben ist (situative Konstellation). Handlungsbestimmend ist vor allem die subjektive Wahrnehmung dieser sozialen Kontexte und Interaktionen durch die Beteiligten. Die wichtigsten sozialen Orte in der Lebenswelt unserer Interviewpartnerinnen und -partner waren: der öffentliche Raum (Straße, Bus, Disco), die Schule (allgemeinbildende Schulen, Berufsschule) und der Ausbildungsbetrieb sowie die private Sphäre (Elternhaus, eigene Wohnung).

Der öffentliche Raum ist weniger durch Normen, feste Rollenerwartungen oder Machtverhältnisse vorstrukturiert. Soziale Beziehungen sind kaum strukturell, sondern eher durch die Situation geprägt. Außerdem existiert häufig eine relativ große Öffentlichkeit: Viele Menschen beobachten ein Geschehen und könnten eingreifen. Aufgrund der größeren Anonymität ist es aber auch leichter, Verantwortung für ein Geschehen abzulehnen. Die Befragten machten hier ihr Eingreifen vor allem davon abhängig, wie sie ihre eigene Stärke und die Kräfteverhältnisse um sich herum wahrnahmen. Das Handeln ist hier umso klarer und entschiedener, je eher er/sie (1) sich nicht von vornherein unterlegen oder zu schwach fühlt, (2) sich moralisch und/oder juristisch im Recht weiß, (3) von Freundinnen und Freunden unterstützt wird und (4) annimmt, eine reelle Erfolgschance zu haben.

Die Schule ist eine staatliche Institution, mit klaren Hierarchien, Kompetenzen und Regeln. Daneben entwickeln sich aber auch vielfältige informelle Beziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrerschaft und Schulleitung. Lehrerschaft und Schulleitung haben eine starke Machtposition, aber auch große Spielräume und nutzen diese unterschiedlich. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Einschätzung von Handlungsspielräumen und Einflusschancen für zivilcouragiertes Handeln bei den Befragten stark variiert. Für Gelingen oder Scheitern ihres Bemühens wird vorrangig die Art der Machtausübung durch die Lehrerschaft und das Maß solidarischer Unterstützung durch Mitschülerinnen und Mitschüler verantwortlich gemacht. Dabei wird ein Eingreifen oder Sichwehren als Handeln "in aller Öffentlichkeit" erlebt. Das wirkt sich dann hinderlich aus, wenn ein Heraustreten aus dem Schutz der Klasse angstbesetzt ist, oder aber es ist förderlich, wenn die Klasse beim Handeln als Schutz und Unterstützung empfunden wird.

Etliche Beispiele aus den Ausbildungsbetrieben zeigen eine im Vergleich zu den Schulen deutlich geringere Bandbreite von Handlungsspielräumen und Einflusschancen. Die Handlungsbedingungen im Betrieb werden ganz überwiegend als sehr restriktiv und hinderlich für Zivilcourage eingeschätzt. Dabei spielen Betriebsgröße und Branche kaum eine Rolle. Mit Blick auf sozial mutiges Handeln werden von den Jugendlichen überwiegend das Betriebsklima, die Reaktionen von Vorgesetzten auf Kritik und deren Verhalten im Konfliktfall als ausschlaggebend gewertet. Erst in zweiter Linie werden Unterstützung und Zusammenhalt unter Kolleglnnen oder die Effizienz von Betriebsräten angeführt. Allerdings scheinen z. B. Jugend- und Ausbildungsvertreter durchaus Sicherheit zu geben. So hebt ein Interviewpartner hervor, in seinem Betrieb gebe es im Konfliktfall viele Vertrauenspersonen, an die man sich wenden könne: "Da würde ich mich auch nicht scheuen, dahin zu gehen und was zu sagen."

Beim Handeln in hierarchischen institutionellen Kontexten - hier Schule und Betrieb - wird von den Jugendlichen genau wahrgenommen, wie Lehrerschaft, Ausbildende und Chefs mit ihrer Macht umgehen. Das eigene Handeln wird nicht zuletzt danach ausgerichtet. Kann man die Autoritätsperson gut einschätzen und erscheint sie prinzipiell bereit zum Gespräch oder sogar zur Unterstützung eines Anliegens, so fördert dies die Bereitschaft, sich zu wehren oder sich für andere einzusetzen. Geht die Autoritätsperson mit ihrer Macht eher restriktiv oder gar willkürlich um, so wirkt sich dies hinderlich auf sozial mutiges Handeln aus. Sozial mutiges Handeln wird also entscheidend gefördert durch ein offenes, tolerantes "Binnenklima" des Betriebs.

Kulturell, rechtlich oder individuell definierte Grenzen der Privatsphäre im Unterschied zur öffentlichen Sphäre wirken sich eindeutig hinderlich auf zivilcouragiertes Handeln aus. Elternhaus, private Wohnung, familiäre und freundschaftliche Beziehungen werden fast immer als private Lebenswelten definiert, in die man i. d. R. auch dann nicht eingreift, wenn weithin akzeptierte Werte und Normen wie z. B. körperliche Unversehrtheit, Menschenwürde oder soziale Gerechtigkeit verletzt werden. So berichtet eine der Befragten, dass sie selbst und ihre Eltern nicht eingriffen, als eine Tante ihren Cousin körperlich misshandelte, weil sie glaubten, die Tante "wird's schon richtig machen . . . wir wollten uns einfach nicht einmischen".

5. Die soziale Position



Starken Einfluss auf die Bereitschaft zu zivilcouragiertem Handeln haben die jeweilige Position, die eine Person innerhalb eines sozialen Gefüges einnimmt, und der damit verbundene Status. Die subjektive Bewertung der eigenen Position hat Einfluss darauf, ob und wie die betreffende Person eingreift oder sich zur Wehr setzt. Die Befragten sind eher bereit, zivilcouragiert zu handeln, wenn sie sich sowohl gegenüber Opfern wie Tätern in einer überlegenen Position sehen, sich z. B. als größer, kräftiger oder gewandter im Auftreten einschätzen. So fühlen sie sich sicherer als andere und empfinden zugleich eine gewisse Verantwortung gegenüber jenen Opfern, die sich offensichtlich nicht selbst helfen können. Sehen sich die Befragten in Gruppen oder Institutionen in einer überlegenen Position, weil sie über bestimmte Fähigkeiten verfügen (z. B. gut reden und argumentieren können), sind sie eher bereit, sich für andere einzusetzen und eine Art Anwaltfunktion zu übernehmen.

Positiv wirkt sich auch aus, wenn jemand eine besondere informelle Rolle z. B. als "Problemanlaufstelle" oder als "Leithammel" in einer Gruppe wahrnimmt und sich deswegen in besonderer Weise zum Einsatz für andere legitimiert sieht. Noch stärker dazu berechtigt und verpflichtet fühlen sich Inhaber formeller Rollen. Die "offizielle" Rolle etwa als Klassensprecher vermittelt Sicherheit nach innen wie Legitimation nach außen und begünstigt so zivilcouragiertes Auftreten.

Generell gilt: Wer seine Position als gefestigt und gesichert wahrnimmt, ist in Gruppen innerhalb wie außerhalb von Institutionen eher bereit, seine oder ihre Meinung offen zu äußern oder sich für andere bzw. eine Sache einzusetzen. Entscheidend sind dabei Zustimmung und Anerkennung innerhalb der Peer-group (der Gruppe Gleichaltriger) sowie innerhalb von Schule und Betrieb das persönliche Ansehen aufgrund von Leistung. Kann der eigene Status durch zivilcouragiertes Handeln verbessert werden, so fördert dies sozialen Mut. Sehen die Befragten ihren gegenwärtigen Status dagegen als unsicher oder schwach an oder befürchten sie Nachteile für ihre zukünftige Position (z. B. Übernahme nach der Lehre), so verhalten sie sich eher "angepasst" und sind kaum bereit, Zivilcourage zu zeigen. Hinderlich für zivilcouragiertes Handeln wirkt sich daher aus, wenn die Befragten ihre Stellung in einer für sie wichtigen Wir-Gruppe gefährdet sehen, also z. B. Konflikte, Sanktionen und Statusverlust bis hin zum Ausschluss aus der Gruppe befürchten. Dem entspricht, dass die von uns befragten Auszubildenden umso eher Zivilcourage zeigten, je sicherer sie sich waren, auch noch "danach" ein gut integriertes Mitglied in ihrer Clique, ihrer Klasse oder im Freundeskreis zu sein: "Also wenn die Person jetzt in der Gruppe fest drin ist, dann behandeln sie die Person nicht anders wegen so was."

Förderlich für Zivilcourage ist selbstverständlich auch die verbale oder non-verbale Unterstützung durch andere, durch konkrete tatkräftige Hilfe, durch beispielhaftes Verhalten oder auch durch ein allgemein positives soziales Klima, das Kritik, Widerspruch und solidarisches Handeln fördert. Auch das Empfinden, die anderen zumindest mental hinter sich zu wissen, wirkt sich positiv aus. So geht eine der Befragten, die sich als Lehrling in ihrem Betrieb für die Interessen der Auszubildenden einsetzt, davon aus, "dass sie das zwar selber nicht machen würden oder wollen, aber dass die das schon gut finden, was ich mache. Also das habe ich schon gewusst, . . . o. k., in der Situation haben sie nichts gesagt, aber zumindest rein vom Denken her - dass die mich da unterstützen." Mangelnde Unterstützung kann eine Person daran hindern, mit Zivilcourage zu handeln, insbesondere wenn sie sich innerlich davon abhängig oder z. B. körperlich so unterlegen fühlt, dass sie ohne Unterstützung nicht handeln würde. Manche der Befragten betonen jedoch, dass mangelnde Solidarität sie nicht daran gehindert hat oder hindern würde, sozial mutig zu handeln.

6. Vor- und Nachteile



Wer mit Zivilcourage handelt (oder dies beabsichtigt), ist grundsätzlich bereit, kurz- oder langfristig wirksame Nachteile in Kauf zu nehmen. Diese Bereitschaft ist umso größer, je weniger Nachteile zu befürchten sind bzw. je mehr mögliche Vorteile überwiegen. Viele Arten von materiellen oder immateriellen Nachteilen sind denkbar. Bei den von uns Befragten spielen neben einem möglichen Imageverlust in der Gruppe vor allem langfristige negative Wirkungen auf die eigene berufliche oder schulische Zukunft eine Rolle: "Wenn das jetzt einen Tag vor der Notengebung ist, . . . dann wäre das schon ein Grund, dass ich, ich sag mal, länger still bin. Weil ich dann genau weiß, also wenn ich jetzt einen großen Streit anfange, dann habe ich morgen statt einem Dreier einen Vierer, und ja da ist mir dann im Prinzip meine Note wichtiger wie der Mitschüler." So gehen die Jugendlichen auch Konflikten mit Kollegen und Kolleginnen und Vorgesetzten aus dem Weg: "Also bei uns jetzt im Betrieb, da halt' ich mich eher zurück, weil man will sich auch keine Feinde schaffen. Man muss mit denen, mit denen man lebt, auskommen. Allein schon, weil es beim Arbeitsplatz schwierig ist, was zu kriegen." Wer hier dennoch Zivilcourage zeigt, sieht für die eigene Position kaum Auswirkungen von möglichen Nachteilen. So z. B. eine Befragte, die nach ihrer Lehre ein Studium beginnen möchte: "Übernommen werden will ich sowieso nicht. Und von daher, was kann mir schon Schlimmes passieren, außer dass mich einer zusammenscheißt."

Kurzfristig wirkende Nachteile von Zivilcourage werden in Gefahren für die eigene körperliche Unversehrtheit gesehen. Verletzungen werden allerdings von fast allen Befragten nur in Verbindung mit der Hilfe für einen Freund oder eine Freundin in Kauf genommen. Freundschaft oder die Aussicht, noch größere Gefahr abzuwenden, werden in diesem Falle höher bewertet. Während die Männer in Gewaltsituationen oft "ohne groß nachzudenken" körperlich eingreifen, agieren die jungen Frauen meist verbal (und oft recht erfolgreich). Im Zweifelsfall, so betonen sie, würden sie sich auch körperlich für eine Freundin einsetzen.

Gehört es zum persönlichen Selbstbild, sich in der Regel mutig zu wehren oder für andere einzutreten, so fördert dies indirekt Zivilcourage. Hält sich z. B. eine Person für jemanden, der oder die sehr hilfsbereit ist, der oder die offensiv gegen jede Diskriminierung vorgeht oder für bestimmte Werte eintritt, so widerspricht es seinem oder ihrem Selbstbild, nicht mutig dafür einzutreten. Einem der Befragten sind z. B. Sekundärtugenden und gewaltfreies Verhalten sehr wichtig. Er setzt sich nicht zuletzt für diese Werte ein, um sein Selbstbild zu bestätigen. Entsprechend dem Vorbild seiner Eltern und Großeltern gilt für ihn "der unbedingte Anspruch, sich die Selbstachtung zu bewahren . . . sich selber ins Gesicht sehen zu können".

7. Autoritätsbeziehungen und Sozialisation in der Familie



Unterordnung unter personale oder anonyme Autoritäten be- oder verhindert Zivilcourage. Im Mittelpunkt stehen hier die Beziehungen zu konkreten Personen, zu Eltern, Lehrerschaft und Vorgesetzten im Betrieb. Die Bereitschaft und Fähigkeit, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren bzw. sich für andere einzusetzen, wird gestärkt, wenn Jugendliche schon als Kinder mindestens zu einem Elternteil Vertrauen entwickelten und von ihnen ernst genommen werden. Wichtig ist auch, dass sie ihre Meinung frei sagen, Kritik üben oder Konflikte offen austragen können. Gestärkt wird die Fähigkeit, Zivilcourage zu zeigen, auch dadurch, dass die Jugendlichen als Kinder genug Freiheit hatten, selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln, und dass sie darin unterstützt wurden, sich zu wehren. "Meine Mutter hat mir eigentlich beigebracht, dass man immer den Mund aufmacht, wenn einem was nicht passt . . . also, dass man . . . sich nicht alles gefallen lassen muss. Weil das beweist ja' . . . auch keine Persönlichkeit . . ., wenn man immer ja sagt und das macht, was die anderen wollen." Wer gelernt hat, sozial mutig zu handeln, tut dies allerdings später nicht automatisch auch in den hierarchisch geprägten Kontexten von Schule und Betrieb. Vielmehr werden hier zunächst sehr genau die Kräftekonstellation und die eigene Position, die möglichen Nachteile und die Erfolgschancen für zivilcouragiertes Handeln eingeschätzt.

Werden dagegen Kritik und Konflikte im Elternhaus eher unterdrückt oder erziehen Eltern ihre Kinder dazu, sich in Auseinandersetzungen zurückzuhalten, so können die Jugendlichen nur wenig Handlungssicherheit entwickeln, um sich einem Konflikt zu stellen und ihn produktiv zu bewältigen. Sie neigen dann zu Vermeidungs- oder Rückzugsverhalten. Manche Eltern treten autoritär auf und geben strenge Richtlinien für das Verhalten ihrer Kinder. Wird dies vom Jugendlichen als Schutz oder Vorbild angesehen, so wächst die Neigung, Autoritäten - und das können auch Gruppenmehrheiten sein - zunächst Recht zu geben und sich unterzuordnen. Allerdings verhindert ein autoritäres Familienklima auch nicht grundsätzlich zivilcouragiertes Handeln. Aber es beeinflusst die Art und Weise, wie eingegriffen wird: Wer sich, so sozialisiert, relativ machtlos fühlt, neigt dazu, machtorientiert zu handeln, autoritär einzugreifen oder früh höhere Instanzen für die Lösung von Konflikten zu bemühen.

8. Konformität



Bei unseren Befragten finden sich viele Formen von Konformität, also der Neigung, Einstellungen, Meinungen und Verhaltensweisen an gesellschaftlichen Normen bzw. Gruppenstandards auszurichten. Konformität zeigt sich darin, dass eine Person nach diesen Normen handelt und deren Einhaltung von anderen fordert. Allerdings beobachteten wir je nach sozialem Ort erhebliche Unterschiede in der Bereitschaft zur Konformität bis hin zur offenen Ablehnung mutiger Non-Konformität. Die Bereitschaft zur (Non-)Konformität in den institutionellen Kontexten von Schule und Betrieb korrespondiert eng mit der Angst vor Nachteilen. Wer den Zusammenhang von Konformität und Zivilcourage verstehen und erklären will, muss also unbedingt die jeweiligen Machtverhältnisse und Sanktionsmöglichkeiten im sozialen Umfeld berücksichtigen.

Hauptmotiv für konformes Verhalten ist bei den von uns Befragten der Wunsch nach Zugehörigkeit und Anerkennung durch - aus subjektiver Sicht - relevante Bezugsgruppen. Besteht die Gefahr, durch ein von der Mehrheit abweichendes Verhalten - etwa durch den Einsatz für andere - aus der Gruppe ,herauszufallen', passen sie sich lieber an. Beispielhaft zeigt "Sven" durchgängig konformes Verhalten. Vor allem will er nicht auffallen und sich in Gruppen gut integriert fühlen. Er betont immer wieder, dass er sich mit allen verstehen und mit niemandem Streit haben will. Vor allem in Schule und Betrieb will er "wie alle" oder wie die Mehrheit denken, fühlen und handeln. So habe er einem von seiner Klasse immer wieder "gehänselten" Schüler deshalb nicht geholfen, weil alle anderen ihm auch nicht geholfen hätten. Sich für den ausgegrenzten Schüler einzusetzen hätte für ihn bedeutet, sich aus der Masse hervorzuheben und "anders" als alle aufzutreten. Auch heute würde er sich nur dann für andere einsetzen, wenn die anderen in der Gruppe auch so handelten und er sich dadurch abgesichert fühlte. Dieses konforme Verhalten gibt ihm subjektiv die Sicherheit, der Mehrheit einer Gruppe zu entsprechen, der er sich zugehörig fühlt. Strikt normenkonform findet es "Sven" außerdem unangemessen, gegenüber einer Autoritätsperson "frech zu werden". Normenverstöße wertet er als unangemessenes Verhalten, eventuelle Sanktionen seien dann selbstverschuldet und daher würde er auch nicht eingreifen. Wenn umgekehrt Autoritäten gegen Normen verstoßen, zeigt Sven sehr konsequent viel mutigen Widerspruchsgeist.

9. Gewalt



Wir waren überrascht, in welchem Ausmaß uns die Befragten im Zusammenhang mit Zivilcourage auch von Gewaltsituationen berichteten. Gewalt ist offenbar auch im Alltag von so genannten "nor-malen" Jugendlichen ein inzwischen häufig vorkommendes Phänomen. Wir meinen hier personale Gewalt, d. h. die physische wie die psychische Schädigung einer Person, z. B. bei Rempeleien und Schlägereien, in Form von sexuellen Belästigungen und Übergriffen oder auch "nur" als Einschüchterung durch Androhung von Gewalt. Unsere Interviewpartnerinnen und -partner wurden meist Zeugen physischer Gewalt, die von anderen ausgeübt wurde, ohne dass sie zunächst selbst an der Gewalthandlung beteiligt waren. Nur in wenigen Fällen wendeten sie von sich aus Gewalt an oder wurden Opfer von Gewalt.

Grundsätzlich hindert Gewalt Personen daran, mutig einzugreifen; die Hemmschwelle wird umso größer, je massiver die reale oder drohende Gewalt ist. Gewalt stellt allerdings kein Hindernis für ein Eingreifen dar, wenn die von Gewalt betroffenen Personen zum eigenen Freundeskreis gehören. Dann spielen - vor allem bei den männlichen Befragten - selbst die Härtegrade der Gewalt keine Rolle. Weibliche Jugendliche setzen sich insbesondere dann für Freundinnen ein, wenn diese sexuell belästigt oder körperlich angegriffen werden, wobei sie in der Regel versuchen, die (Konflikt-)Situation durch verbale Intervention aufzulösen. Die weibliche Scheu vor der Anwendung körperlicher Gewalt hat viele Ursachen, nicht zuletzt die, dass offen gezeigte Aggression oder Gewalt bei Frauen sehr viel stärker den geltenden Sozialnormen widerspricht.

Mutiges Eingreifen wird dagegen vor allem dann weniger wahrscheinlich, wenn Fremde von Gewalt betroffen sind, die wiederum von Fremden ausgeübt wird. In solchen Fällen sind weder Täter noch Opfer bekannt und schwer einzuschätzen, der Konfliktverlauf ist kaum berechenbar, und es besteht die Gefahr, selbst verletzt zu werden. Dies geschieht vor allem im öffentlichen Raum, in dem Anonymität vorherrscht und sich nur wenige füreinander verantwortlich fühlen. Fühlen sich dagegen Personen für die Orte "zuständig", an denen Gewalt geschieht (z. B. vor dem eigenen Haus) oder werden diese Orte dem eigenen Lebensraum ("unsere" Bushaltestelle) zugeordnet, so fördert dies ein Eingreifen auch in Gewaltsituationen.

Vor allem Frauen haben uns davon berichtet, dass sie sich gegen Gewalt zur Wehr setzen mussten. Frauen leben sehr viel stärker als Männer mit der Gefahr, an öffentlichen Orten von Gewalt bedroht zu sein. Männer können sehr viel leichter als Frauen öffentliche Räume "besetzen" und dort Macht über Frauen bis hin zur körperlichen Verletzung ausüben. Obwohl die Mehrzahl der befragten Frauen sagten, sie würden sich immer gegen Gewalt wehren, geschah dies nicht immer. Vor allem scheint eine persönliche Nähe zum Täter die Befragten daran zu hindern, sich zu wehren. Angriffe von den eigenen Partnern oder Freunden erzeugen bei den Frauen Überraschung und Unverständnis, doch sie vermögen diese "Freunde" kaum als Täter zu sehen, besonders wenn sie sich von ihnen Schutz erhofften. Gehören die Täter dagegen nicht zum Bekanntenkreis, fällt es den Befragten leichter, gegen sie vorzugehen.

10. Gesamtgesellschaftliche Faktoren



Handeln mit oder ohne Zivilcourage unterliegt nicht nur individuellen, gruppen- und institutionenbezogenen Einflüssen, sondern wird nicht zuletzt bestimmt von gesamtgesellschaftlich wirksamen Faktoren und Verhaltensanforderungen. Diese sind präsent in Strukturen und Interaktionen ebenso wie in der Alltagskommunikation, unterschiedlich je nach sozialem Ort und der Art der Öffentlichkeit. Wert- und Handlungsorientierungen werden vermittelt durch die Medien, in Sozialisationsprozessen, durch gesellschaftliche Vorbilder und Praktiken. Chancen und Hindernisse für Zivilcourage werden auch bestimmt von politischen Rahmenbedingungen und stehen im Kontext der politischen Kultur unserer Gesellschaft. Die Wirkung dieser gesamtgesellschaftlichen Faktoren können wir hier nur andeuten. Wir sehen sie in der Situation am Arbeitsmarkt für Berufseinsteiger; in allgemeinen moralischen Überzeugungen und Vorstellungen von Gerechtigkeit; im Konformitätsdruck und Autoritätsbeziehungen an den Schulen und vor allem am Arbeitsplatz; in der prägenden Kraft von Gruppenbindungen und Sozialisationsinstanzen; in der gesellschaftlich definierten Grenze zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit; nicht zuletzt auch in der teils strukturellen, teils personalen Gewalt als Alltagsphänomen.