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26.5.2002 | Von:
Gerd Meyer
Angela Hermann

Zivilcourage im Alltag Ergebnisse einer empirischen Studie

IV. Förderung von Zivilcourage durch Demokratie im Alltag



Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, wodurch zivilcouragiertes Handeln gefördert oder behindert wird bzw. werden kann. Sie zeigen auch, wo man ansetzen könnte, um sozialen Mut im Alltag von Beruf, Ausbildung und Freizeit, im privaten wie im öffentlichen Raum zu fördern und als demokratische Tugend in der politischen Kultur zu verankern: Wir könnten den mutigen Einsatz für andere verstärken, indem wir durch Erziehung und Erfahrung dazu motivieren, indem wir Handlungsqualifikationen vermitteln und günstige Bedingungen dafür schaffen. Gefragt sind demokratische Alltagspraxis, pädagogisches Handeln und einübendes Lernen.

Wir verstehen Zivilcourage als "sozialen Mut" in sehr unterschiedlichen Kontexten. Wir haben uns bewusst nicht auf jene oft gewalthaltigen Situationen im öffentlichen Raum beschränkt. Wichtiger noch schien uns das alltägliche Handeln am Arbeitsplatz, in Bildung und Erziehung, in Verwaltung und Politik: Wie gehen wir als Einzelne mit Macht und Hierarchien um? Wie bewältigen wir Konflikte, gerade auch dann, wenn wir unterlegen oder in der Minderheit sind, wenn wir abweichen wollen von dem, was "man" denkt und tut?

Es stellt sich uns die Frage, ob unsere Gesellschaft eine neue Praxis zivilcouragierten Handelns nicht nur in der S-Bahn, sondern auf breiter Basis an vielen sozialen Orten überhaupt will. Zweifel sind angebracht, wenn wir auf unsere Befunde z. B. in den Betrieben schauen, auf den Mangel an Verantwortungsgefühl für andere, oder auch in der Politik, wo mutige Beamte, die das Fehlverhalten Vorgesetzter oder gar das von Politikern aufdecken, nicht belobigt und befördert, sondern strafversetzt werden - wie der EU-Beamte van Beutenen oder der Bonner Finanzbeamte, der den Flick-Skandal auslöste.

Wenn unsere Gesellschaft gerade auch in den Schlüsselbereichen Wirtschaft, Verwaltung, Bildung und Politik Zivilcourage wirklich fördern will, so könnte dies zunächst dadurch geschehen, dass der mutige Einsatz für andere, das Eintreten für Gerechtigkeit, dass produktives Insistieren auf Basiswerten und legitimen allgemeinen Interessen viel positiver als bisher bewertet und anerkannt werden. Vor allem käme es darauf an, schon in Elternhaus und Schule, genauso aber später am Arbeitsplatz, im Umgang mit Behörden und Vorgesetzten, beim öffentlichen Austrag von Konflikten ein Klima zu schaffen, das Zivilcourage "von oben" wie "von unten" nachhaltig fördert. Nicht weniger wichtig ist die Veränderung von Strukturen, die ein Gefühl von Machtlosigkeit und Angst erzeugen, und die Schaffung einer Streitkultur, die Nonkonformität und Zivilcourage nicht diskriminiert oder gar bestraft. Hier können auch institutionalisierte Formen regelmäßiger freier Aussprache, für jedermann offene Sprechstunden und Ombudsleute helfen. Zivilcourage kann man lernen, sozialen Mut kann man einüben. Für die Bürgerinnen und Bürger bedeutet dies, aus Privatheit und Vereinzelung herauszutreten, und sich auch dann für andere einzusetzen, wenn sie selbst keinen unmittelbaren Vorteil davon haben.

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass Erziehung, vorgelebte Praxis und positive Erfahrungen im Elternhaus wesentlich dazu beitragen, dass sich jemand mit Zivilcourage gegen Ungerechtigkeit wehrt oder für andere einsetzt. Nun sind aber Eltern keine Adressaten von Pädagogik. Aus diesem Grund richten sich unsere pädagogischen Überlegungen an Bildungsinstitutionen. Wenn wir hier zuerst die Schulen nennen, so nicht zuletzt deshalb, weil die Ergebnisse der Studien aus diesem Kontext stammen. In Bildungsinstitutionen, allen voran in der Schule, müssen Formen sozial-reflexiven Lernens etabliert werden, die zivilcouragiertes Handeln fördern. Hier geht es darum, die Reflexion über soziale, politische und innerpersönliche Mechanismen in Interaktionen, Beispielssituationen und ihnen zugrunde liegenden Strukturen anzuregen. Will man für andere (z. B. für Benachteiligte, für Außenseiter oder "Fremde") eintreten, so setzt dies häufig voraus, dass man sich in ihre Lage versetzen kann, dass man ihre Bedürfnisse, Gefühle und Denkweisen kennt, dass man in Konfliktsituationen lernt, aus verschiedenen Blickwinkeln heraus zu argumentieren. Es kommt also darauf an, diesen Perspektivenwechsel zu üben und in das eigene Denken und Handeln zu integrieren: z. B. indem man verstehen lernt, wie sich eine "ausgegrenzte" oder bedrohte Person fühlt, und auf diese Weise erkennt, welche Unterstützung sie braucht bzw. erwartet.

Aus pädagogischer Sicht ist vor allem die Gruppe (Schulklasse) als soziales Lernfeld interessant. Prozesse und Strukturen in Gruppen zu verstehen erlaubt einen bewussteren Umgang mit sich selbst und anderen: Zunächst können die Bedeutung der Gruppe für den Einzelnen sowie dessen Wünsche nach Zugehörigkeit und Akzeptanz verdeutlicht werden. Gruppeninterne Macht- und Autoritätsstrukturen, die Position des Einzelnen in der Gruppe und seine Rolle können aufgedeckt und reflektiert werden. Es kann gezeigt werden, welche Bedeutung Normen haben, um dann zu klären, wie ich mich selbst dazu stelle und wie ich angemessen - möglichst ohne Ausgrenzung und Diskriminierung - mit normabweichendem Verhalten umgehe.

Pädagogisch ebenso wichtig ist die Verbesserung sozialer Handlungskompetenzen. Dies bedeutet zunächst, sich selbst im Blick auf seine Stärken und Schwächen, auf Ängste und Projektionen bewusster wahrzunehmen. Vor allem Jugendliche müssen lernen, ihre geistigen, sozialen und körperlichen Fähigkeiten angemessen einzuschätzen und sie in Konfliktsituationen sinnvoll und effektiv einzusetzen. Dazu gehört auch die Fähigkeit und Bereitschaft, Verantwortung wahrzunehmen bzw. zu sehen, von wem ich in welcher Weise unterstützt werde oder wie man für Unterstützung sorgen kann.

Sozialer Mut kann von Erziehungs- und Bildungsinstitutionen (aber nicht nur dort!) strukturell wesentlich gefördert werden, indem Machtverhältnisse, Kompetenzen und Verfahrensweisen transparent gemacht werden. Größtmögliche Transparenz, etwa von Bewertungsmaßstäben, ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, Risiken besser einzuschätzen und bei der Entscheidung, sich für andere einzusetzen oder nicht, weniger auf Spekulationen angewiesen und damit weniger ängstlich zu sein. Zivilcourage in Institutionen wird wesentlich gefördert durch ein Klima konstruktiven Konfliktaustrags. Damit sind auch, aber nicht nur Deeskalationsstrategien in Gewaltsituationen gemeint. Wichtiger noch wäre es zu lernen und vor allem praktisch zu üben, unterschiedliche Interessen zu artikulieren wie auch Probleme und Konflikte kooperativ zu bearbeiten.

Insgesamt kommt es darauf an, nicht nur Lernprozesse anzuregen, sondern vorhandene Erfahrungen - etwa über Rollen- und Planspiele - produktiv zu nutzen und neue praktische Erfahrungen zu sammeln. Sozial-reflexives Lernen erfordert nicht nur zusätzliche Zeit neben dem sachorientierten Unterricht, sondern setzt auch eine entsprechende Qualifikation der Lehrerschaft voraus. Entscheidend bleibt, ob Verantwortliche und Betroffene diesen sozialen Mut an möglichst vielen sozialen Orten tatsächlich wollen, also nicht nur in Schule und Freizeit, sondern auch am Arbeitsplatz und in den Hierarchien öffentlicher Institutionen. Nur wenn Zivilcourage in unserem Bewusstsein wichtiger Bestandteil einer demokratischen politischen Kultur ist, wird sie auch bereits in der Erziehung gefordert und in der sozialen Praxis tatkräftig gefördert werden.