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26.5.2002 | Von:
Holger Lengfeld
Stefan Liebig
Alfredo Märker

Politisches Engagement, Protest und die Bedeutung sozialer Ungerechtigkeit

III. Ungerechtigkeitsempfindungen und politisches Verhalten

Welche Folgen der Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten tatsächlich zu erwarten sind, zeigen die politikwissenschaftliche Protestforschung und die empirische Gerechtigkeitsforschung. In beiden Forschungsfeldern werden seit Jahren die Auswirkungen von Ungerechtigkeitsempfindungen auf jene Verhaltensweisen von Personen untersucht, die auf die bewusste Gestaltung politischer Entscheidungen zielen.

1. Das Grundmodell



Am ausführlichsten hat sich die empirische Gerechtigkeitsforschung mit den Folgen von Gerechtigkeits- oder Ungerechtigkeitswahrnehmungen beschäftigt [7] . In diesem Wissenschaftszweig geht es darum, die in der Wirklichkeit vorfindbaren Vorstellungen der Menschen über gerechte Regeln und Verfahren zur Verteilung knapper Güter, die Entstehungsbedingungen dieser Vorstellungen und die aus ihnen resultierenden individuellen und sozialen Folgen zu beschreiben und zu erklären. Anders als eine Reihe konkurrierender Ansätze in der empirischen Gerechtigkeitsforschung ist die "Theorie der Relativen Deprivation" auf großes Interesse in der politischen Soziologie gestoßen [8] . Ihr zufolge fühlt sich eine Person A ungerecht behandelt bzw. relativ depriviert, wenn in einer Verteilungssituation des Gutes X drei Umstände gleichzeitig auftreten:

1. A verfügt aktuell nicht über das Gut X, will es aber unbedingt haben;

2. A glaubt, dass der Erhalt von X möglich ist;

3. A versteht sich als Mitglied einer sozialen Gruppe, deren Mitglieder das Gut X bereits besitzen, vergleicht sich mit ihnen und erhebt deshalb einen Anspruch auf X.

Besonders die dritte Bedingung - der soziale Vergleich - wird in dieser Theorie hervorgehoben. Demnach reicht es nicht aus, dass wir lediglich unzufrieden sind, weil wir nicht das bekommen, was wir uns wünschen. Wir beurteilen ein Verteilungsergebnis dann als ungerecht, wenn wir feststellen, dass andere Menschen, von denen wir meinen, dass sie uns in bestimmten Merkmalen gleichen, die von uns erwünschten Güter bereits besitzen.

Die Theorie der Relativen Deprivation wurde vor allem von Ted R. Gurr zur Erklärung politisch motivierter Gewalt herangezogen [9] . Gurr definiert relative Deprivation als eine "wahrgenommene Diskrepanz zwischen den Werterwartungen der Menschen und ihren Wertansprüchen, das heißt als eine Diskrepanz zwischen den Gütern und Lebensbedingungen, die ihnen nach eigener Überzeugung zustehen, und den Gütern und Bedingungen, die sie ihrer Meinung nach tatsächlich erlangen und behalten können" [10] . Kommt es zu politischer Gewalt im Sinne von Anschlägen, gewaltsamen Revolten oder Revolutionen, so spielt die Empfindung allgemeiner relativer Deprivation oder Ungerechtigkeit eine zentrale Rolle. Sie entscheidet maßgeblich über die in einer Gesellschaft vorfindbare Gewaltbereitschaft. Demnach münden Ungerechtigkeitsempfindungen unter bestimmten Bedingungen in politisch motivierte Gewalt. Doch welche Bedingungen sind dies genau? Gurr hebt zwei Faktoren hervor: Erstens müssen Personen davon überzeugt sein, dass politische Gewalt legitimiert ist. Dies ist etwa der Fall, wenn eine Person ihre schlechten Lebensbedingungen auf die Entscheidungen der Herrschenden zurückführt. Und zweitens muss die Gewalttat dafür geeignet erscheinen, die eigenen Lebensbedingungen tatsächlich verbessern zu können. Sind beide Bedingungen erfüllt, so lässt sich über das Ausmaß der Gewalt sagen: Je größer die politisch verursachte Ungerechtigkeitsempfindung, desto umfangreicher und andauernder die politisch motivierte Gewalt.

Gurrs These wird durch die Arbeit des amerikanischen Soziologen Barrington Moore bestätigt [11] . Moore will klären, warum Menschen häufig bereit sind, die eigenen schlechten Lebensbedingungen zu ertragen, warum sie aber zuweilen mit Leidenschaft für die Verbesserung ihrer sozialen Lage kämpfen. In einer historischen Untersuchung von Arbeiteraufständen kommt er zu dem Schluss, dass Menschen dann gegen politische Institutionen protestieren, wenn sie glauben, dass diese ihnen Leiden zumuten, die moralisch nicht zu rechtfertigen seien. Nicht jedes objektiv benachteiligende Verteilungsergebnis, sondern erst seine Wahrnehmung als ungerecht bewirkt nach Moore politischen Protest. Ähnlich wie bei Gurr ist auch bei Moore eine Verteilung dann ungerecht, wenn Personen der Ansicht sind, die ihnen auferlegten Leiden seien im Vergleich zu denen von Mitgliedern anderer sozialer Gruppen zu hoch. Ein Beispiel von Moore kann dies verdeutlichen: Im Zuge der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland waren es vor allem Mitglieder von Handwerkerzünften - und nicht die ökonomisch und sozial wesentlich schlechter gestellten Industriearbeiter -, die sich gegen die Folgen der zunehmenden Konkurrenz und die Entwertung ihrer Standesrechte durch die Gewerbefreiheit wehrten [12] .

2. Neuere Ungerechtigkeitstheorien des politischen Protests



Die Behauptung, Ungerechtigkeitsempfindungen würden unmittelbar in politischen Protest münden, ist mehrfach kritisiert worden. So hat vor allem der deutsche Politologe Max Kaase darauf hingewiesen, dass zusätzlich auftretende Bedingungen dafür verantwortlich sind, ob eine deprivierte Person in Erwägung zieht, auch tatsächlich zu protestieren. Zwei Bedingungen hebt er hervor: erstens das Vertrauen in die Problemlösefähigkeit der bestehenden politischen Einrichtungen und zweitens den Glauben einer Person an die Beeinflussbarkeit politischer Entscheidungen [13] . Ein internationales Forscherteam um Samuel Barnes und Max Kaase hat deshalb versucht, das von Gurr vorgestellte Modell um eine Reihe von Erklärungsfaktoren zu erweitern. In einer Vergleichsstudie über acht Länder wurde gezeigt, dass es neben subjektiven Faktoren wie Ungerechtigkeitsempfindungen auch genau bestimmbare objektive Ursachen des politischen Verhaltens gibt. Besonders einflussreich ist der sozioökonomische Status einer Person in der Gesellschaft, d. h. ihr Bildungsstand und ihre berufliche Stellung: Je höher der Status einer Person, desto eher neigt sie dazu, sich politisch zu engagieren. Interessanterweise gilt dies für konventionelle wie für unkonventionelle Partizipation in gleicher Weise [14] .

Hinsichtlich der Ungerechtigkeitsempfindungen war nachweisbar, dass unzufriedene und deprivierte Personen statistisch häufiger zu politischer Beteiligung und Protest neigten als zufriedene und gering deprivierte [15] . Allerdings fanden die Forscher neben der Ungerechtigkeitsempfindung eine Reihe weiterer "subjektiver" Ursachen des politischen Verhaltens, wie zum Beispiel religiöse Werthaltungen und politische Ideologien. Im Vergleich zu den Theorien Gurrs und Moores nimmt also der Faktor Ungerechtigkeit in der Studie von Barnes und Kaase einen wesentlich geringeren Stellenwert ein.

Die bisher vorgestellten Forschungsergebnisse zeigen, dass sich das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, durchaus auf das politische Engagement auswirken kann. Existiert dieser Zusammenhang aber auch dann, wenn Personen nicht ihre eigene Lage einschätzen, sondern die Lebenssituation Dritter beurteilen? Dieser Frage ist der amerikanische Politologe M. Kent Jennings nachgegangen. Er findet Hinweise dafür, dass sich politisch hoch Engagierte von politisch wenig oder überhaupt nicht Engagierten in der Wahrnehmung gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten beträchtlich unterscheiden. So empfinden politisch hoch Aktive die Lage von ethnischen Minderheiten und Gastarbeitern als ungerechterweise benachteiligt, während politisch kaum Engagierte vorwiegend kranke und ältere Menschen als besonders ungerecht behandelt ansehen [16] .

3. Kritik



Lässt man die vorgestellten Ergebnisse Revue passieren, so scheint der Zusammenhang zwischen Ungerechtigkeitsempfindungen und politischem Verhalten theoretisch zwar plausibel, aber alles andere als eindeutig zu sein. Offenbar sind eine Reihe weiterer Faktoren zu berücksichtigen, will man diesen Zusammenhang empirisch genau bestimmen. Doch selbst wenn man solche "intervenierenden" Einflüsse in Rechnung stellt, so scheint es zunächst, als wären Ungerechtigkeitsempfindungen für unser politisches Verhalten eher von untergeordneter Bedeutung.

Eine solche Schlussfolgerung ist allerdings etwas zu voreilig. Denn den vorgestellten Ansätzen liegt ein undifferenziertes Verständnis von Gerechtigkeitsurteilen zugrunde. Es muss nämlich bezweifelt werden, ob die Theorie der Relativen Deprivation überhaupt etwas mit Ungerechtigkeitsempfindungen zu tun hat. Allein die Behauptung, eine Person erhebe auf der Basis von sozialen Vergleichen Anspruch auf ein Gut, das sie aktuell nicht besitzt, reicht für die Empfindung von Ungerechtigkeit nicht aus. Da wir als Menschen über grundsätzlich unbegrenzte Bedürfnisse verfügen, müssten wir alle mehr oder weniger stark depriviert und damit "anfällig" für politischen Protest sein. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall. Deshalb bleibt in der Theorie offen, wieso eine Person zu dem Glauben gelangt, sie hätte einen berechtigten Anspruch auf das erstrebte Gut [17] . Zudem wird kritisiert, dass die Theorie der Relativen Deprivation nur solche Ungerechtigkeiten betrachtet, die allein die konkreten Ergebnisse einer Verteilung zum Gegenstand haben. Genauso wie Personen der Meinung sein können, ihre eigene Güterausstattung sei ungerecht, können sie auch zu dem Schluss kommen, die bestehenden Regeln der Güterverteilung seien ungerecht. Auf diesen Aspekt verweisen die eingangs beschriebenen normativen Gerechtigkeitstheorien. Wenn beispielsweise John Rawls von Gerechtigkeit spricht, so hat er die in einer Gesellschaft geltenden Verteilungsregeln und weniger die daraus resultierenden Verteilungsergebnisse im Blick.

Nimmt man diese Gründe zusammen, so wird deutlich, dass die Theorie der Relativen Deprivation letztlich wenig zur Erklärung der moralischen Ursachen politischen Verhaltens beitragen kann. Deshalb müssen wir eine komplexere Theorie zu Rate ziehen, mit der wir genau angeben können, welche Arten von Ungerechtigkeiten für welche Formen politischen Verhaltens entscheidend sind. Dies wird Gegenstand des folgenden Abschnitts sein, in dem wir die Ergebnisse einer 1996 in Deutschland durchgeführten Bevölkerungsumfrage [18] vorstellen.

Fußnoten

7.
Zum Überblick vgl. Stefan Liebig, Soziale Gerechtigkeitsforschung und Gerechtigkeit in Unternehmen, München-Mering 1997, S. 109 ff.; J. Claudia Dalbert, Über den Umgang mit Ungerechtigkeit, Bern u. a. 1996, S. 11 ff.
8.
Vgl. Walter G. Runciman, Relative Deprivation and Social Justice, Berkeley, Cal. 1966; Faye Crosby, A Model of Egoistical Relative Deprivation, in: Psychological Review, 83 (1976), S. 85-113.
9.
Vgl. Ted R. Gurr, Why Men Rebell, Princeton 1970 (zit. n.: ders., Ursachen und Prozesse politischer Gewalt, in: Klaus von Beyme (Hrsg.), Empirische Revolutionsforschung, Opladen 1973, S. 266-310).
10.
T. R. Gurr, ebd., S. 268.
11.
Vgl. Barrington Moore, Ungerechtigkeit. Die sozialen Ursachen von Unterordnung und Ungerechtigkeit, Frankfurt/M. 1982.
12.
Vgl. ebd., S. 212.
13.
Vgl. Max Kaase, Bedingungen unkonventionellen politischen Verhaltens in der Bundesrepublik Deutschland, in: Peter Graf von Kielmansegg (Hrsg.), Legitimationsprobleme politischer Systeme, Opladen 1976, S. 179-216.
14.
Vgl. Samuel H. Barnes/Max Kaase u. a., Political Action. Mass Participation in five Western Democracies, Beverly Hills-London 1979. Siehe auch die Studien von Sidney Verba/Norman H. Nie, Participation in America, New York 1972; M. Kent Jennings/Jan W. van Deth u. a., Continuities in Political Action: A Longitudinal Study of Political Orientations in Three Western Democracies, Berlin 1990.
15.
Vgl. Samuel H. Barnes/Barbara G. Farah/Felix Heunks, Personal Dissatisfaction, in: S. H. Barnes/M. Kaase u. a. (Anm. 14), S. 381 ff.
16.
Vgl. M. Kent Jennings, Perceptions of Social Injustice, in: ders./J. W. van Deth u. a. (Anm. 14), S. 161-199.
17.
Zu dieser Kritik vgl. Raymond Boudon, Sentiments of Justice, in: Social Justice Research, 5 (1992) 1, 113-135.
18.
In dieser Befragung wurden mündliche, im Durchschnitt etwa einstündige Interviews mit professionellen Interviewern in den Wohnungen der Befragten durchgeführt. Die Grundgesamtheit bestand aus allen wahlberechtigten, in Privathaushalten lebenden Deutschen. Als Ergebnis disproportionaler, geschichteter Auswahldesigns stehen für Ostdeutschland 1137 und für Westdeutschland 987 realisierte Interviews zur Verfügung.