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26.5.2002 | Von:
Holger Lengfeld
Stefan Liebig
Alfredo Märker

Politisches Engagement, Protest und die Bedeutung sozialer Ungerechtigkeit

IV. Ergebnis- und ordnungsbezogene Gerechtigkeitsbewertungen

Im Unterschied zur Theorie der Relativen Deprivation unterscheiden wir zunächst zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Typen von Gerechtigkeitsbewertungen: "ergebnisbezogenen" und "ordnungsbezogenen" [19] . Bei ergebnisbezogenen Gerechtigkeitsbewertungen stehen die konkreten Ergebnisse einer Güterverteilung im Vordergrund. Grundsätzlich lassen sich hier wiederum zwei mögliche Formen unterscheiden. Personen können nämlich erstens ihren eigenen Güteranteil bewerten. Dies ist etwa dann der Fall, wenn das eigene Berufseinkommen Gegenstand ihrer Gerechtigkeitsbewertung ist. Zweitens können Personen auch die Verteilungsergebnisse von anderen Personen beurteilen, etwa dann, wenn sie die Einkommen unterschiedlicher Berufsgruppen in einer Gesellschaft bewerten. In beiden Fällen können die Urteilenden zu dem Schluss gelangen, das aktuelle Einkommen sei gerecht. Sie können aber auch feststellen, das tatsächliche Einkommen wäre ungerechterweise zu hoch oder zu niedrig. Grundlage solcher Gerechtigkeitsbewertungen sind jeweils Vorstellungen darüber, wie hoch ein gerechtes Einkommen für einen selbst und für andere ist.

Davon zu unterscheiden sind ordnungsbezogene Bewertungen, die sich auf die Regeln einer Güterverteilung beziehen. Hier wird grundsätzlicher gefragt, ob beispielsweise bei der Festsetzung des Einkommens das Leistungsprinzip eine aus der Sicht der Urteilenden gerechte Rolle spielt. Genauso kann danach gefragt werden, ob es gerecht ist, dass der Staat in die über Marktprozesse vermittelte Einkommensverteilung eingreifen sollte, um durch Umverteilung "von oben nach unten" den Bedürftigen einen ausreichenden Lebensstandard zu ermöglichen. In diesen Fällen geht es letztlich um die Bewertung von Regeln oder ganz allgemein der Verteilungsordnung in einer Gesellschaft. Auch hier können die Menschen zu dem Schluss kommen, die bestehenden Regeln oder die Verteilungsordnung in einer Gesellschaft wären gerecht oder ungerecht.

1. Die Messung ergebnis- und ordnungsbezogener sozialer Ungerechtigkeit



Auf der Grundlage dieser Unterscheidung wollen wir im folgenden zunächst die Rolle der ergebnisbezogenen Gerechtigkeitsbewertung in Bezug auf die Einkommensverteilung in der Gesellschaft und auf das eigene Berufseinkommen untersuchen. Was die Bewertung der Einkommensverteilung anbelangt, so waren die Befragten in der hier verwendeten Bevölkerungsumfrage aufgefordert, das tatsächliche Einkommen einzuschätzen, das ein Vorstandsvorsitzender eines großen Unternehmens und ein ungelernter Arbeiter in Deutschland typischerweise im Monat verdienen. Daran anschließend sollten sie das aus ihrer Sicht jeweils gerechte Einkommen für beide Berufe nennen. Die konkreten Geldbeträge für das tatsächliche und das gerechte Einkommen wurden dann zueinander in Beziehung gesetzt und mathematisch so umgeformt, dass ein gerechtes Einkommen durch einen Zahlenwert von null wiedergegeben wird, und Werte, die von null abweichen, das Ausmaß an Ungerechtigkeit des jeweiligen Einkommens widerspiegeln [20] . Summiert man diese "Ungerechtigkeitswahrnehmungen" für das Einkommen, das am oberen Ende des gesellschaftlichen Einkommenskontinuums angesiedelt ist (Vorstandsvorsitzender) mit dem am unteren Ende (ungelernter Arbeiter), erhält man einen numerischen Ausdruck der wahrgenommenen Ungerechtigkeit der gesellschaftlichen Einkommensverteilung. - Analog dazu lässt sich auch die Bewertung des eigenen Einkommens erfassen. Hier bilden die Angaben der Befragten zum tatsächlichen und dem als gerecht angesehenen eigenen Einkommen die Grundlage.

Was die ordnungsbezogene Gerechtigkeitsbewertung anbelangt, so wollen wir die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit in Hinsicht auf drei Regeln der Güterverteilung näher untersuchen. Dabei handelt es sich um die aus der Gerechtigkeitsphilosophie bekannten Grundprinzipien: erstens das Prinzip der Chancengleichheit, wonach alle Bürger möglichst die gleichen Chancen haben sollten, um in den Genuss begehrter Güter - z. B. Bildung, Arbeit oder Wohlstand - zu kommen, und zweitens das Leistungsprinzip, dessen Grundforderung darin besteht, dass diejenigen, die mehr leisten, auch über mehr Einkommen verfügen, als diejenigen, die wenig oder überhaupt nichts leisten. Schließlich ist es gerade das Kennzeichen sozialer Marktwirtschaften, dass auch individuelle Risiken bis zu einem gewissen Grad abgesichert werden sollen, weshalb drittens das Bedarfsprinzip - nämlich die Sicherung eines ausreichenden Lebensstandards - für die Verteilung gesellschaftlicher Güter ebenfalls konstitutiv ist. Wenn wir diese drei Prinzipien als die grundlegenden Verteilungsregeln der bundesdeutschen Gesellschaftsordnung verstehen, so besteht eine "ordnungsbezogene" Ungerechtigkeit dann, wenn die Bürger der Ansicht sind, diese Prinzipien würden in unserer Gesellschaft entweder überhaupt nicht oder nur sehr eingeschränkt verwirklicht sein.

2. Die Messung politischer Partizipation



Wie eingangs festgestellt, wird beim politischen Verhalten zwischen konventioneller und unkonventioneller Partizipation unterschieden [21] . Während konventionelle Partizipation im Wesentlichen die Teilhabe am politischen Leben beschreibt, werden mit dem Begriff der unkonventionellen Partizipation verschiedene Formen des Protestes bezeichnet. In unserer Studie erfassen wir deshalb den Grad an konventioneller Partizipation darüber, ob die Befragten sich politisch informieren - Nachrichten im Fernsehen sehen und über politische Themen in der Zeitung lesen (Information) -, mit Freunden über Politik diskutieren, politische Veranstaltungen besuchen (Diskussion) oder für eine politische Partei bzw. einen Kandidaten im Wahlkampf tätig gewesen sind (Engagement).

Zur Erfassung der unkonventionellen Partizipation waren die Befragten aufgefordert anzugeben, ob sie sich an folgenden Formen des Protestes seit 1990 selbst beteiligt haben: bei einer Unterschriftensammlung unterschrieben, an einem Boykott, an einer Protestdemonstration oder an einer öffentlichen Versammlung teilgenommen haben (kollektiv-demonstrativer Protest); an eine Zeitung einen Leserbrief oder an einen Bundestagsabgeordneten einen Brief geschrieben (individuell-demonstrativer Protest); bei einem wilden Streik mitgemacht, an einer Verkehrsblockade teilgenommen, ein Haus oder Grundstück besetzt (konfrontativer Protest) haben [22] .

3. Soziale Ungerechtigkeit und konventionelle Partizipation



Welche Zusammenhänge lassen sich für diese beiden Formen des politischen Verhaltens und den ergebnis- und ordnungsbezogenen Gerechtigkeitsbewertungen feststellen [23] ? Betrachten wir zunächst die konventionelle Partizipation. Wie aus Abbildung 1 ersichtlich, stellen diejenigen, die ein hohes Maß an politischem Engagement zeigen - d. h. die Parteien und Kandidaten bei Wahlen aktiv unterstützen -, den vergleichsweise höchsten Grad an Einkommensungerechtigkeit in der Gesellschaft fest. Aus ihrer Sicht ist also die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen und dem gerechten Einkommen eines Vorstandsvorsitzenden und eines Arbeiters tendenziell sehr groß. Wie Abbildung 2 zeigt, ist in dieser Gruppe gleichzeitig aber die Ungerechtigkeit des eigenen Einkommens am niedrigsten - das eigene Einkommen entspricht hier also dem, was auch als ein gerechtes Einkommen angesehen wird.

Was die in Abbildung 3 dargestellte Bewertung der Verteilungsordnung anbelangt, so zeigt die Gruppe der politisch Engagierten das geringste Ungerechtigkeitsempfinden. Aus ihrer Sicht sind die drei Prinzipien - Chancengleichheit, Leistungsgerechtigkeit und Bedarfsabsicherung - in unserer Gesellschaft mehr oder weniger verwirklicht. Wir können daraus schließen: Diejenigen, die die anspruchsvollste Form der konventionellen Partizipation zeigen und sich in der Politik aktiv engagieren, empfinden die eigene Situation und die bestehenden Regeln als gerecht. Demgegenüber ist es gerade die Einkommensverteilung in der Gesellschaft, die in dieser Gruppe als ungerecht angesehen wird.

Betrachten wir diejenigen Personen, die den geringsten Grad an konventioneller Partizipation aufweisen - die sich also über Politik allenfalls über die Medien informieren. Hier wird - wie aus Abbildung 3 ersichtlich - die bestehende Verteilungsordnung am kritischsten bewertet. Die Verwirklichung des Prinzips der gleichen Chancen, der Entlohnung individueller Leistung und der Absicherung eines minimalen Bedarfs lässt also aus der Sicht dieser Bevölkerungsgruppe zu wünschen übrig. Gleichzeitig gilt aber die gesellschaftliche Einkommensverteilung weniger ungerecht (Abbildung 1). Im Vergleich zu den politisch Engagierten zeichnen sich die politisch Inaktiven also durch eine nahezu entgegengesetzte Gerechtigkeitsbewertung aus: hohe Ungerechtigkeit in Hinsicht auf die Verteilungsordnung und niedrige Ungerechtigkeit der Ergebnisse gesellschaftlicher Einkommensverteilung.

4. Soziale Ungerechtigkeit und unkonventionelle Partizipation



Welche Zusammenhänge finden wir aber für die unkonventionellen Partizipationsformen? Da wir hier deutliche Unterschiede zwischen den Befragten in Ost- und Westdeutschland beobachten, werden die Ergebnisse in Abbildung 4 und 5 für beide Teile Deutschlands getrennt dargestellt. Zunächst können wir für Westdeutschland feststellen, dass extremere Protestformen dann gewählt werden, wenn das Ungerechtigkeitsempfinden in Bezug auf die gesellschaftliche Einkommensverteilung größer wird. In Ostdeutschland finden wir keinen derartigen linearen Effekt. Hier ist das Ungerechtigkeitsempfinden bei denjenigen am höchsten, die ihren Protest in individuell-demonstrativen Partizipationsformen ausdrücken.

Auch für die Bewertung des eigenen Einkommens finden wir in Westdeutschland einen kontinuierlichen Zusammenhang mit den einzelnen Abstufungen unkonventioneller Partizipation. Diejenigen, die bisher an keinem politischen Protest teilgenommen haben, weisen auch das niedrigste Niveau an Ungerechtigkeit des eigenen Einkommens auf. Demgegenüber ist bei denjenigen, die an den extremsten Partizipationsformen teilgenommen haben, das Ungerechtigkeitsempfinden am größten. In Ostdeutschland finden wir kein derartiges Muster.

Was schließlich die Verwirklichung der drei Prinzipien Chancengleichheit, Leistungsbelohnung und Bedarfsabsicherung anbelangt (Abbildung 5), fällt in Westdeutschland auf, dass bei den konfrontativen Partizipationsformen alle drei Prinzipien das höchste Ungerechtigkeitsniveau aufweisen. Wenn jemand also an konfrontativen Formen des politischen Protests teilnimmt, so ist er häufig auch der Meinung, die drei grundlegenden Verteilungsprinzipien seien in unserer Gesellschaft eher nicht verwirklicht. Personen, die individuell-demonstrative Partizipationsformen wählen, tun dies offenbar vor dem Hintergrund einer geringeren ordnungsbezogenen Ungerechtigkeitswahrnehmung [24] .

Mit diesen Ergebnissen erhalten wir ein etwas differenzierteres Bild über den Zusammenhang von Ungerechtigkeitswahrnehmung und politischer Partizipation. Wie aus der schematischen Zusammenfassung unserer Ergebnisse in Abbildung 6 deutlich wird, können wir nämlich erstens feststellen, dass die wahrgenommene Ungerechtigkeit der Verteilungsordnung eine zentrale "Filterfunktion" einnimmt. Offenbar entscheidet sich daran, ob Personen eher konventionelle oder unkonventionelle Formen der Partizipation wählen. Wird bei den grundlegenden Verteilungsregeln eine hohe Diskrepanz zwischen ihrer tatsächlichen und der erwünschten Bedeutung festgestellt, antworten die Bürger eher mit einem Rückzug oder sie entscheiden sich für extremere Formen des politischen Protestes. Damit bestätigen sich die Annahmen, die wir aus den normativen Gerechtigkeitstheorien abgeleitet haben. Werden die bestehenden Verteilungsregeln in einer Gesellschaft als gerecht eingeschätzt, so unterstützen die Bürger auch das politische System - sie sind stärker an politischen Fragen interessiert, und sie sind auch eher bereit, Parteien und Kandidaten im Wahlkampf zu unterstützen. Wird jedoch die Verteilungsordnung als ungerecht wahrgenommen, ziehen sich die Bürger zurück oder sind eher dazu bereit, ihrem Unmut über die unterschiedlichen Formen des politischen Protestes Luft zu machen.

Zweitens scheint für die Wahl der Form politischer Partizipation die Gerechtigkeitsbewertung der Ergebnisse der Güterverteilung ebenfalls wichtig zu sein. Personen, die keine Ungerechtigkeit des eigenen Einkommens feststellen, demgegenüber die Situation anderer als ungerecht beurteilen, sind eher bereit, sich im politischen System zu engagieren. Extremere Partizipationsformen, die zudem den Rahmen der Legalität verlassen, werden dann wahrscheinlicher, wenn die Bürgerinnen und Bürger sowohl das eigene Einkommen als auch die Einkommensverteilung in der Gesellschaft als höchst ungerecht wahrnehmen.

Fußnoten

19.
Vgl. dazu Bernd Wegener, Belohnungs- und Prinzipiengerechtigkeit: Die zwei Welten der empirischen Gerechtigkeitsforschung, in: Ulrich Druwe/Volker Kunz (Hrsg.), Politische Gerechtigkeit, Opladen 1999, S. 167-214; sowie S. Liebig (Anm. 7).
20.
Die mathematische Umformung geschieht über die Logarithmierung des Verhältnisses von tatsächlichem und gerechtem Einkommen; vgl. dazu Guillermina Jasso, How Much Injustice is there in the World? Two New Justice Indexes, in: American Sociological Review, 64 (1999), S. 133-168.
21.
Diese Unterscheidung folgt Vorschlägen von Max Kaase, Politische Beteiligung, in: Manfred G. Schmidt, Lexikon der Politik, Bd. 3, München 1992, S. 339-346, sowie von Alan Marsh/Max Kaase, Measuring Political Action, in: S. Barnes/M. Kaase (Anm. 14), S. 57-96. Ähnliche Systematisierungen finden sich in: Dieter Fuchs, Die Struktur politischen Handelns in der Übergangsphase, in: Hans-Dieter Klingemann/Lutz Erbing/Nils Diederich (Hrsg.), Zwischen Wende und Wiedervereinigung, Opladen 1995, S. 135-147; Hans-Martin Uehlinger, Politische Partizipation in der Bundesrepublik, Opladen 1988.
22.
Auf der Grundlage einer Korrespondenzanalyse wurden die Einzelhandlungen in eine Rangreihe gebracht, wobei "Teilnahme an einer Unterschriftensammlung" den einen und "Haus oder Grundstück besetzen" den anderen Extrempunkt bilden.
23.
Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass unsere Ergebnisse nicht im Sinne eines "kausalen Modells" interpretiert werden können. Dies ergibt sich daraus, dass wir letztlich zwei Einstellungsäußerungen miteinander in Beziehung setzen - nämlich Gerechtigkeitsbewertungen und Selbstaussagen der Befragten über ihr Partizipationsverhalten. Werden derartige Angaben über das klassische Survey-Design erhoben, lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen, was die unabhängige und was die abhängige Variable ist. Deshalb sind in solchen Fällen immer theoretische Plausibilisierungen entscheidend.
24.
Die Ergebnisse in Ostdeutschland weichen zum Teil von denen in Westdeutschland deutlich ab. Erstens werden bei ergebnisbezogener Ungerechtigkeit konfrontative Protestformen nicht in gleichem Maße berichtet. Zweitens wird gerade bei hoher Ungerechtigkeit des eigenen Einkommens auf politischen Protest verzichtet. Drittens fällt die Bedeutung der individuell-demonstrativen Protestformen auf. Möglicherweise sind diese Befunde Ausdruck der relativ kurzen Erfahrung der Ostdeutschen mit dem westlichen Demokratiemodell. Zur Diskussion vgl. Oskar W. Gabriel (Hrsg.), Politische Orientierungen und Verhaltensweisen im vereinigten Deutschland, Opladen 1997.