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Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Federico Finchelstein

Populismus als Postfaschismus - Essay

Geschichte und Theorie

Die spezifische, postfaschistische Historizität des Populismus geht bei den meisten Theoretikern, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, verloren – auch bei jenen, die sich für oder gegen populistische Strömungen stark machen. Diese Theoretiker bearbeiten ihren Forschungsgegenstand, als hätte er keine Geschichte.[2] Darüber hinaus verstärken diese Ansätze US- und eurozentrische Perspektiven. In Absetzung von einem solcherart normativen, ahistorischen Populismus-Begriff als exklusiv europäischem oder US-amerikanischem Phänomen schlage ich ein globales Verständnis seines historischen Werdegangs vor. Anders als die gängigen theoretischen Definitionen, die den Populismus auf einen einzigen Satz reduzieren, betone ich die Notwendigkeit, ihn auf die Geschichte zurückzuführen. Dies gilt insbesondere mit Blick auf sein doppelbödiges Verhältnis zum Faschismus sowie die Bedeutung Lateinamerikas.

Indem ich also die faschistische Genealogie des Populismus betone und seine Entwicklung und Veränderung hervorhebe, verweise ich auf einen historischen Bezugsrahmen jenseits der üblichen Dichotomie zwischen globalem Norden und Süden. In diesem Verständnis verbinden sich Donald Trump und Hugo Chávez, Marine Le Pen und Recep Tayyip Erdoğan sowohl praktisch, vor allem hinsichtlich ihres Stils, als auch theoretisch mit Hitler und Mussolini – und repräsentieren doch gleichzeitig einen radikalen Bruch mit klassisch faschistischer Politik. Sie sind keine Faschisten, dennoch hat ihre Politik einen gemeinsamen historischen, faschistischen Hintergrund.

Denn aus historischer Sicht stehen populistische Regime für eine demokratische Neuformulierung des Faschismus. Beide Herrschaftsformen zielen darauf, über die liberale, konstitutionelle demokratische Repräsentation hinauszugehen und eine vermeintlich direkte Verbindung mit dem Volk herzustellen. Im Verlauf der Geschichte haben diese Versuche die demokratische Ordnung immer wieder verändert, jedoch in ganz unterschiedlicher Weise. Während der Populismus eher niedrige Stufen tatsächlicher Repression und Gewalt mit einem hohen Niveau rhetorischer Dämonisierung verbindet, stellte der Faschismus seine Feinde gänzlich außerhalb des politischen Diskurses – sie wurden verhaftet und sogar getötet. Während Faschismus nie demokratisch ist, untergräbt der Populismus die Demokratie zwar, definiert sie auf illiberale Weise aber auch neu.

Wie der Faschismus, der Liberalismus und der Kommunismus ist auch der Populismus eine politische Strömung, die historisch dazu tendierte, die politische Partizipation kurzfristig auszuweiten, langfristig aber zu schmälern. Während im Populismus politische Rechte vielfach beschnitten wurden, wurden soziale bisweilen ausgeweitet – und die Perspektive einer radikaleren, emanzipatorischen Kombination beider Formen von Rechten damit geschwächt. Im Populismus wie in anderen gegenwärtigen Erscheinungsformen der Demokratie – wie etwa dem Neoliberalismus – lässt sich die Rhetorik von maßgeblicher politischer Bürgerbeteiligung nur bedingt in die Praxis umsetzen. Den Populismus charakterisiert demnach ein modernes Politikverständnis mit instabilen Vorstellungen von Volkssouveränität, Führung und davon, wie eine kapitalistische Gesellschaft organisiert und gelenkt werden soll. Er ist ein Hybrid dieser drei Aspekte. Da er im Überdenken des Faschismus verwurzelt und mit einer klaren Absage an dessen extreme Gewalt verbunden ist, übernimmt der Populismus das demokratische Prinzip gewählter Repräsentanz und verbindet es mit radikalen Formen vertikaler Führung.

Fußnoten

2.
Vgl. Cas Mudde/Cristóbal Rovira Kaltwasser, Populism: A Very Short Introduction, Oxford 2017.
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