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Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Federico Finchelstein

Populismus als Postfaschismus - Essay

Faschismus, Populismus, Postfaschismus

Populismus als Postfaschismus darf nicht als radikaler Bruch mit der präfaschistischen Vergangenheit verstanden werden, auch hier bestehen Kontinuitätslinien. Die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Zwischenkriegszeit brachte verschiedene Vor- und Frühformen des Populismus hervor – und zwar an so weit voneinander entfernten Orten wie den USA, Russland, Mexiko, Österreich, Argentinien, Brasilien und Frankreich. Diese Bewegungen und ihre Führer beanspruchten, im Namen des Volkes – verstanden als eine homogene Einheit – zu sprechen. Von links wie von rechts wendeten sie sich gegen Oligarchien und Eliten, stellten jedoch – wo diese das politische System bestimmte – nicht die liberale Demokratie an sich infrage. Dies begann erst nach dem Ersten Weltkrieg, als der Faschismus vorpopulistische Tendenzen der Linken wie der Rechten mit radikal antiliberalen und antikommunistischen Ideologien verschmolz – einige Historiker sprechen gar von faschistisch-populistischen Diktaturen.[3]

Nach der Niederlage des Faschismus im Zweiten Weltkrieg kehrte der Populismus, nun in radikal verändertem Kontext, zu seinen präfaschistischen Wurzeln zurück. Geboren wurde eine neue populistische Moderne, die ihre Lehren aus dem Faschismus gezogen hatte. Die Neuformulierung des Erbes der "Anti-Aufklärung" für die Zeit des Kalten Kriegs gelangte mit General Juan Domingo Perón, der 1946 Präsident Argentiniens wurde, zuerst in Lateinamerika an die Regierung.[4] Der Peronismus setzte den Faschismus fort, sagte sich aber gleichzeitig von einigen seiner diktatorischen Kerndimensionen los. Er gestaltete den Faschismus zu einem voll ausdifferenzierten System um, das zwar in der repräsentativen Demokratie verankert, zugleich aber autoritär und demokratischer Vielfalt gegenüber ablehnend war.

Der Populismus der Nachkriegszeit gründete also auf der Anerkennung der Tatsache, dass der Faschismus Teil der Geschichte, nicht aber der Gegenwart war. Für Perón, den Staatschef des ersten modernen populistischen Staates, war der Faschismus "ein unwiederholbares Phänomen, ein klassischer Stil zur Definition einer bestimmten und abgeschlossenen Epoche". Wenngleich Perón den Verlust des "armen Mussolini" und seines Faschismus bedauerte,[5] so wollte er doch die besiegte Vergangenheit nicht nachahmen. Vielmehr wollte er den Peronismus vom Vorwurf des Faschismus befreien. Das Ergebnis war eine postfaschistische, autoritäre und antiliberale Version der Demokratie. Wie der argentinische Präsident gelangten viele Jahre später italienische Neofaschisten zu einer ähnlichen Schlussfolgerung. So erklärte 1993 Gianfranco Fini, der aus dem neofaschistischen Movimento Sociale Italiano eine populistische Bewegung machen wollte, der Faschismus gehöre unwiederbringlich zur Vergangenheit: "Wie alle Italiener sind wir keine Neofaschisten, sondern Postfaschisten."[6]

Der Faschismus war die Kombination von extremem Nationalismus und nicht-marxistischer Auslegung der sozialistischen Tradition – Mussolini etwa beherrschte diese meisterhaft. Faschistische Führer strebten nach einer Diktatur und lehnten Wahlen als Rechtfertigung ihres Machtanspruchs ab. Sie benutzten die Demokratie nur zur Erlangung diktatorischer Herrschaft, also um diese von innen heraus zu zerstören. Dies gilt als Merkmal des transnationalen Faschismus für Mussolini und Hitler genauso wie für die Faschisten in Argentinien, Japan und andernorts. Perón jedoch kehrte – als De-facto-Führer einer Militärdiktatur, die nach Legitimität strebte – nach 1945 die Bedingungen seiner Herrschaft um und schuf so erstmals einen modernen Populismus: Im Gegensatz zum Faschismus begriff Perón demokratische Wahlen als Chance, gewann diese 1946 und wurde zum rechtschaffenen demokratischen Führer. Der Peronismus selbst zerstörte die Militärdiktatur mit Perón an ihrer Spitze und schuf so ein neues Nachkriegsverständnis von Demokratie.

Insbesondere als Herrschaftssystem brachte der Populismus ein neues Konzept und eine neue Praxis von Demokratie hervor. Er hielt auch nach Erlangung der Macht am Prinzip der Volkssouveränität durch Wahlen und an demokratischen Formen der Repräsentation fest, stärkte aber gleichzeitig die Führungsfigur radikal: Sie wurde als optimaler Deuter des Volkswillens präsentiert. Die Anhänger sollten der Intuition ihres Führers und den ständigen Politikwechseln vertrauen. Sie sollten – und sollen auch heute – darauf vertrauen, dass der Wille des Führers nicht nur mit jenem des Volkes übereinstimmt, sondern sogar darüber hinauswächst. In der Vorstellung der Populisten weiß die Führungsfigur besser als das Volk, was dieses wirklich will. Im Rahmen formaldemokratischer Verfahrensweisen wird der populistische Führer zum Objekt der Repräsentation und zum Subjekt allgemeiner Befugnisübertragung. Er agiert als Personifikation der Volkssouveränität und verfügt über ein hohes Maß an Autonomie gegenüber der Mehrheit, die ihn gewählt hat.

Für politische Minderheiten bleibt dagegen nur wenig Spielraum. Sie werden als Verräter am "wahren" Willen der Nation oder, schlimmer noch, als Marionetten fremder, sich gegen das Land verschwörender Mächte abgestempelt. Schließlich verschmelzt der Populismus Staat und Bewegung und schafft Formen des Klientelismus, die auf den Führer als Inkarnation des Volkes ausgerichtet sind.

Perón schuf so eine autoritäre Version der Wahldemokratie, die zum einen den Anspruch erhob, das liberale Modell bezüglich der Repräsentation des Volkswillens zu übertreffen, zum anderen auf die für den Faschismus typische diktatorische Gewalt verzichtete. Der Peronismus war durch diese Kombination – auch in seiner Selbstdarstellung – jenseits der bis dato bekannten Muster der Politik verortet. Diese in der Nachkriegszeit neue Politikform wurde später zum klassischen Fall des lateinamerikanischen Populismus.

Obwohl auch der Populismus Peróns in einem autoritären Verständnis wurzelte, das die säkulare liberale Demokratie als Quelle des Kommunismus betrachtete, waren Wahlen für ihn eine Notwendigkeit, um der faschistischen Synthese der Zwischenkriegszeit Legitimation zu verschaffen. In seinen Memoiren identifiziert Perón eindeutig den italienischen Faschismus und den Nazismus mit dem ihm vorschwebenden "Sozialismus mit nationalem Charakter".[7] Doch der Populismus südamerikanischer Prägung eines General Juan Perón verband das Vermächtnis des Faschismus mit dem seiner Feinde. Perón betonte: "[W]ir sind keine Sektierer (…) Wenn es etwas gibt, das wir vom Kommunismus übernehmen können, dann tun wir das, Namen schrecken uns nicht. Wenn der Faschismus, der Anarchismus oder der Kommunismus etwas Gutes haben, übernehmen wir es."[8] Perón bediente sich bei Links und Rechts und betrachtete es als Kompliment, wenn ihm Eklektizismus vorgeworfen wurde. Diesen teilte Perón mit Mussolini, und doch entfernte seine Interpretation den argentinischen Caudillo (Führer) vom italienischen Diktator – in praktischer und später auch in theoretischer Hinsicht.

Denn der moderne Populismus trieb – in seiner klassischen lateinamerikanischen Ausprägung – aktiv soziale Reformen voran. Er setzte staatskapitalistische Formen durch und ließ eine neue Oberschicht entstehen, die an die Verbindung zum Staatsführer und seiner Bewegung gebunden war. Dadurch wurde die Einkommensungleichheit zumindest teilweise abgebaut.

Der Faschismus dagegen hatte sich auf die Idealisierung von Gewalt und Krieg als erhabener Werte der Nation sowie auf die Person des Führers gestützt. In militärischer Hinsicht hatte er die Massen mobilisiert, gleichzeitig aber dazu tendiert, sie in sozialer Hinsicht zu demobilisieren. Der Peronismus kehrte also auch diese faschistische Gleichung um, distanzierte sich dadurch vom Faschismus und wurde zu einer politischen Ideologie sui generis. Diese peronistische Transformation des Faschismus war von grundlegender Bedeutung für die weitere Geschichte des Populismus.[9]

Es war Perón, der den Faschismus in einer demokratischen, antiliberalen Tonart radikal neu formulierte. Doch der Populismus ist nicht argentinisch, latein- oder nordamerikanisch, asiatisch oder europäisch. Vielmehr handelt es sich dabei um ein globales Phänomen mit jeweils regional oder national spezifischer Geschichte. Der Populismus war und ist das Resultat der Verbindungen und Transfers von politischen Ideen und historischen Erfahrungen innerhalb und jenseits des atlantischen Raumes. Er entstand als demokratische Strategie gegen die Linke und als Versuch, die Dichotomie des Kalten Kriegs zwischen Liberalismus und Kommunismus zu überwinden. Der Peronismus ist vor diesem Hintergrund vor allem deshalb besonders wichtig, weil er die undemokratische Erfahrung des Faschismus gleichsam "demokratisierte" – und so zum ersten Nachkriegsbeispiel eines populistischen Regimes wurde.

Fußnoten

3.
Vgl. Geoff Eley, Conservatives – Radical Nationalists – Fascists: Calling the People into Politics, 1890–1930, in: John Abromeit et al. (Hrsg.), Transformations of Populism in Europe and the Americas: History and Recent Tendencies, London 2016, S. 15–31; Peter Fritzsche, The Role of "the People" and the Rise of the Nazis, in: ebd., S. 5–14.
4.
Vgl. Zeev Sternhell, The Anti-Enlightenment Tradition, New Haven 2010; Nadia Urbinati, Democracy Disfigured: Opinion, Truth, and the People, Cambridge 2014; Carlos De la Torre, Populist Seduction in Latin America, Athens (Ohio) 2010; Raanan Rein, From Juan Perón to Hugo Chávez and Back: Populism Reconsidered, in: Mario Sznajder et al. (Hrsg.), Shifting Frontiers of Citizenship: The Latin American Experience, Boston 2012, S. 289–309; Andrew Arato, Post Sovereign Constitution Making: Learning and Legitimacy, Oxford 2016; Ernesto Laclau, On Populist Reason, London 2005.
5.
Juan Domingo Perón, Memorial de Puerta de Hierro, Buenos Aires 2001, S. 65.
6.
Zit. nach Roger Griffin, Interregnum or Endgame? The Radical Right in the "Post-Fascist" Era, in: Cas Mudde (Hrsg.), The Populist Radical Right. A Reader, London 2017, S. 15–27, hier S. 15.
7.
Zit. nach Tomas Eloy Martínez, Las Vidas del General, Buenos Aires 2004, S. 2.
8.
So Perón in einer Rede vor Intellektuellen 1950, zit. nach Cristian Buchrucker, Nacionalismo y Peronismo, Buenos Aires 1982, S. 325.
9.
Vgl. Federico Finchelstein, The Ideological Origins of the Dirty War: Fascism, Populism, and Dictatorship in Twentieth Century Argentina, Oxford–New York 2014, S. 90f.
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