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13.10.2017 | Von:
Federico Finchelstein

Populismus als Postfaschismus - Essay

Schluss

Seit seiner Entstehung als neuformulierter Faschismus und modernes Herrschaftssystem hat der Populismus eine Reihe verschiedener, ja gegensätzlicher historischer Erfahrungen gezeitigt. Wie der Politikwissenschaftler Hans Vorländer betont, kann er sich als "The Good, the Bad, and the Ugly" zeigen. Er kann unterschiedliche und sogar einander widersprechende Auswirkungen auf die Demokratie haben – er kann sie beleben, einengen oder zerstören.[10]

Der Populismus impliziert die Ablehnung einiger faschistischer Muster. Der Peronismus und andere frühe Populismen polarisierten ihre Gesellschaften, verzichteten aber auf ein hohes Maß an Repression und politischer Gewalt. Ähnlich autoritäre Entwicklungen der Demokratie durchzogen die vergangenen zwei Jahrzehnte des lateinamerikanischen Populismus: Er verband vertikale Formen der Demokratie mit vertikalen Formen der Führung. Das Venezuela Hugo Chávez’ etwa entzieht sich vereindeutigenden Beschreibungen. Sein populistisches Regime stärkte die Armee und den volkstümlichen Militarismus; es äußerte sich bisweilen antisemitisch; doch obwohl "Comandante Chávez" zunächst an einem Putsch beteiligt war (genauso wie Perón 1930 und 1943), verschrieb er sich später rückhaltlos demokratischen Wahlen – und beschnitt gleichzeitig andere demokratische Verfahren.[11] Auf diese Weise ließ der lateinamerikanische Populismus den Faschismus hinter sich und brachte die für ihn charakteristische autoritäre Spielart der Demokratie hervor.

Ob europäische oder US-amerikanische Formen des neoklassischen Rechtspopulismus sich in ähnlicher Weise der formalen Demokratie verpflichtet sehen, bleibt abzuwarten: Sie sind – im Gegensatz zu ihren lateinamerikanischen Pendants – nicht fest in der Peron’schen Tradition populistischen Umgangs mit der Demokratie verankert. Dass über der vergangenen und gegenwärtigen Geschichte des Populismus stets der Faschismus schwebt, gilt also insbesondere für Europa und die USA. Der Euro-Populismus droht sogar zu seinen faschistischen Ursprüngen zurückzukehren: Zumindest die extremsten Populismen Europas entwickeln sich zunehmend in Richtung Neofaschismus, indem sie hinter die postfaschistische Neuformulierung zurückgehen.

Grundsätzlich ist Populismus das Gegenteil von Toleranz und Pluralität in der Politik. Er spricht im Namen einer imaginierten Mehrheit und lehnt alle Sichtweisen rundweg ab, die er der Minderheit zuschreibt. Besonders in seiner rechtspopulistischen Spielart erklärt er oft religiöse und ethnische Minderheiten zu Feinden, immer jedoch die unabhängige Presse. Populistische Führer sprechen im Namen des Volkes und sehen sich selbst als Gegenteil von Eliten. Der Populismus ist demokratischer Autoritarismus – eine Demokratie, die sich von ihrer liberalen Grundlage lossagt. Donald Trump ist das jüngste Beispiel einer langen Geschichte von Anfechtungen der konstitutionellen Demokratie. Mit allen populistischen Bewegungen und Regimen teilt der Trumpismus eine faschistische Genealogie und Geschichte. Doch Trump ist kein Faschist, er ist durch und durch Populist.

Der Inbegriff des Populismus des 20. Jahrhunderts war Perón – die Bewegung Donald Trumps steht für die neue populistische Welle unserer Zeit. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass der Populismus zu einigen Ideen des Faschismus zurückkehrt, die der Peronismus und seine "klassischen" Nachfolger verworfen hatten: Trump und seine europäischen Pendants wie Marine Le Pen, AfD und Pegida offenbaren eine Fremdenfeindlichkeit, die für einen lateinamerikanischen Caudillo unvorstellbar gewesen wäre. Während Peróns autoritäre Demokratie sich in der Praxis von faschistischen und rassistischen Ansichten der Vergangenheit distanzierte, scheint dieses Erbe heute wieder einen Platz in populistischer Politik zu haben.

Übersetzung aus dem Englischen: Kirsten E. Lehmann, Köln.

Fußnoten

10.
Vgl. Hans Vorländer, The Good, the Bad, and the Ugly. Über das Verhältnis von Populismus und Demokratie – Eine Skizze, in: Totalitarismus und Demokratie 8/2011, S. 187–194.
11.
Die Situation unter seinem Nachfolger Nicolas Maduro unterscheidet sich deutlich davon und könnte als nicht mehr populistisch, sondern im Grunde genommen diktatorisch angesehen werden.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Federico Finchelstein für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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