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26.5.2002 | Von:
Michael Opielka

Das Konzept "Erziehungsgehalt 2000"

III. Leitgedanken des Konzepts "Erziehungsgehalt 2000"

Die Forderung nach einem Erziehungsgehalt steht

1. für eine Aufwertung der Erziehungsarbeit,

2. für mehr Partnerschaft in der Elternschaft und

3. für mehr gesellschaftliche Investitionen in die häusliche und außerhäusliche Erziehungsarbeit.

1. Aufwertung der Erziehungsarbeit



Erziehungsarbeit wird überwiegend kostenlos von Frauen geleistet, und dies ohne wirkliche gesellschaftliche Anerkennung. Als Arbeit gilt nur Erwerbsarbeit. Erziehungsarbeit sowie sämtliche Tätigkeiten in der so genannten Reproduktionssphäre werden nicht als gesellschaftliche Arbeitsleistung verstanden. Dieser Arbeitsbegriff ist verkürzt. Erziehungsarbeit ist gesellschaftliche Arbeit, entlohnt wird sie jedoch nur, wenn sie von öffentlichen Betreuungspersonen übernommen wird, und nur dann wird diese Leistung auch bei'der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts berücksichtigt.

Gefordert wird heute allenthalben eine Erweiterung des Arbeitsverständnisses. Gleichzeitig wächst die Überzeugung, dass in einer auf bezahlte Erwerbsarbeit orientierten Gesellschaft ein Bewusstsein für den Wert einer Arbeitsleistung nicht ohne ihre monetäre Aufwertung geschaffen werden kann. Die Kindererziehung stellt heute unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet ein ,,öffentliches Gut" dar. Kollektivgüter sind dadurch charakterisiert, dass Dritte von ihrem Nutzen nicht ausgeschlossen werden können. Klassische Beispiele für öffentliche Güter sind die Landesverteidigung und heute der Umweltschutz. Der Markt bietet für solche Güter keinen individuellen Anreiz, weil derjenige, der einen Kostenbeitrag verweigert, dennoch nicht von dem Nutzen, dem ,,Konsum" dieser Leistungen ausgeschlossen werden kann. Bis annähernd 50 Prozent der gesamtgesellschaftlichen Arbeit werden nach Analysen des Statistischen Bundesamtes in den Haushalten und dabei überwiegend für die Erziehung und Versorgung von Kindern erbracht

. Diese Arbeit ist für die Gesellschaft unverzichtbar. Das Erziehungsgehalt honoriert insoweit ein öffentliches Gut.

Die in allen Industriegesellschaften sinkenden Geburtenziffern sind ein Indiz dafür, dass diese ökonomische Begründung für ein Erziehungsgehalt noch nicht erkannt wurde. Die Entscheidung für Kinder zieht heute enorme Kosten für die Familien nach sich. Während Kinder früher die Altersversorgung waren, stellen sie heute - vor allem für Familien mit kleinen Kindern und für Alleinerziehende - ein Armutsrisiko dar. Neben den tatsächlichen Aufwendungen für Kinder entstehen den Familien nämlich erhebliche Opportunitätskosten dadurch, dass in der Zeit der Erziehungsarbeit keine Erwerbsarbeit geleistet und damit kein Markteinkommen erzielt werden kann.

Deutschland ist hinsichtlich einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Europa Schlusslicht, eine Rolle, die es sich mit anderen bemerkenswert geburtenarmen Gesellschaften wie Italien und Spanien teilt

. So ist eine Förderung von Teilzeitarbeit noch nicht wirklich auf der öffentlichen Agenda in Deutschland angelangt. Gegenwärtig besteht kein Rechtsanspruch von Eltern auf Teilzeitarbeit. Das wirkt sich auf den Arbeitsmarkt für Eltern kleiner Kinder und damit derzeit vor allem für Mütter verheerend aus. Mehr als 50 Prozent der Frauen, die nach dem Erziehungsurlaub wieder erwerbstätig werden wollen, können das nicht oder nur mit erheblicher Verzögerung und Statusverlusten, da ihr Rückkehrrecht an den vorherigen Vollzeitarbeitsplatz gebunden ist, den sie aber - nicht zuletzt mangels Betreuungsangeboten - nicht wieder einnehmen können. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt somit ein individuelles Problem der Eltern und hier vor allem der'Mütter. Auch ist das Teilzeitpotential, die Wünsche von Müttern und Vätern nach einer Reduzierung ihrer Arbeitszeit, bei weitem nicht ausgeschöpft, vor allem bei derzeit Vollzeitbeschäftigten. Knapp 60 Prozent der vollzeitbeschäftigten, verheirateten Mütter mit Kindern unter 16'Jahren wollen ihre Arbeitszeit verringern

. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen Erwerbstätigen ist in Deutschland um etwa 50 Prozent geringer als beispielsweise in den Niederlanden. In der Wirtschaft wie bei den öffentlichen Arbeitgebern herrscht in Bezug auf Teilzeitarbeit vor allem bei qualifizierten und leitenden Aufgaben noch ein erhebliches Bewusstseinsdefizit. Es fehlen zudem Vorschläge für eine steuer- oder transferpolitische Förderung von Teilzeitarbeit, so dass sich vor allem Eltern in niedrigen Einkommensgruppen Teilzeitarbeit leisten könnten. Ein von der Erwerbsarbeit unabhängiges Erziehungsgehalt könnte durchaus Teilzeitarbeit für Eltern in großem Stil ermöglichen und faktisch wie ein Lohnausgleich wirken.

Generell muss die falsche Alternative Familie ,,oder" Beruf durch eine neue Komplementarität ersetzt werden: Die von allen gesellschaftlichen Gruppen im Grundsatz geteilte Forderung nach einer ,,Vereinbarkeit von Familie und Beruf" muss durch eine materielle Gleichwertigkeit von familiärer Erziehungsarbeit und Erwerbstätigkeit unterfüttert werden. Es ist bedauerlich, dass eine Reihe von feministischen und gewerkschaftsnahen Kritikerinnen des Erziehungsgehalts diesen Zusammenhang nicht erkennen wollen und - ohne das Konzept ,,Erziehungsgehalt 2000" sachlich zur Kenntnis zu nehmen - behaupten, die Idee des Erziehungsgehalts gehe ,,von einem völlig antiquierten Klein-Familienmodell aus, das für Männer in erster Linie Erwerbsarbeit und für Frauen Haus- und Sorgearbeit vorsieht"

. Die ,,flexible Lebensorientierung" vor allem von Frauen erweist sich demgegenüber als sehr zeitgemäß und durchaus als vorbildlich für die Väter der Zukunft. Das Erziehungsgehalt könnte zum Pfad werden, Mütter und Väter für das von ihnen erbrachte öffentliche Gut der Erziehungsarbeit anzuerkennen. Ein Erziehungsgehalt soll damit einen wesentlichen Beitrag leisten, Eltern mit kleinen Kindern eine ihrer Situation angemessene Balance zwischen Familienarbeit und Berufsarbeit zu ermöglichen. Es soll Eltern, vor allem aber die Mütter, nicht aus dem Arbeitsmarkt drängen, sondern gerade ihre Teilhabe an beiden Sphären garantieren.

2. Mehr Partnerschaft in der Elternschaft



Die noch immer umfassende gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen steht der Partnerschaft von Mann und Frau und einer ,,aktiven Vaterschaft" im Wege. Damit eine Partnerschaft unter ,,Gleichen", Vereinbarungen ,,auf Augenhöhe" möglich werden können, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die diese Benachteiligung auflösen und die stereotypen Rollenbilder nicht immer wieder erneut zementieren. Neben einer Aufwertung der Erziehungsarbeit durch ihre monetäre Anerkennung muss der Zusammenhang von Reproduktionssphäre und Berufssphäre neu thematisiert werden. Das Erziehungsgehalt ist insoweit Teil einer sozialökologischen Politik, die bisher in den ,,privaten" Familienbereich verlagerte Kosten sichtbar macht und volkswirtschaftlich internalisiert. Die Kosten der Kindererziehung würden damit stärker zu Systemkosten, die von der ganzen Gesellschaft getragen werden. Mit diesem Argument wird substantiell der feministischen Kritik an einem Wirtschaftssystem Rechnung getragen, das die Produktions- von der so genannten Reproduktionssphäre trennt und letztere in den Schatten drängt.

Es geht um eine Aufwertung der Position von Frauen in dieser Gesellschaft und um eine Vergrößerung der Lebensoptionen. Einen wichtigen Schritt auf diesem Weg stellt die Auflösung bestehender Arbeitszeitstrukturen dar, die nach wie vor eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Sinne einer partnerschaftlichen Aufteilung der Aufgaben behindern. Hinsichtlich der gängigen Vorstellungen, dass nur eine ,,Vollzeiterwerbstätigkeit" eine entsprechend qualifizierte und bezahlte Tätigkeit erlaubt, zeichnen sich langsam Veränderungen ab.

Die Frage nach der Vereinbarkeit darf jedoch keine Frage an die Mütter alleine bleiben. In den skandinavischen Ländern nehmen heute bis zu 25 Prozent der Väter an der Arbeit der Erziehung teil, indem sie zumindest zeitweise ihre Erwerbstätigkeit reduzieren. Demgegenüber zeigt eine aktuelle repräsentative Studie ,,Väter und Erziehungsurlaub", dass in Deutschland die Inanspruchnahme von Erziehungsgeld und -urlaub zwar sehr hoch ist, die Inanspruchnahme durch die Väter jedoch die Ausnahme bleibt. Der relative Anteil männlicher Erziehungsurlauber hat sich zwischen 1987 und 1996 nur von 0,7 auf 1,4 Prozent (neue Bundesländer: 1,2 Prozent) erhöht

. Danach gefragt, welche Gründe in ihrem persönlichen Fall ausschlaggebend dafür waren, dass sie sich beim letzten Kind nicht am Erziehungsurlaub beteiligt haben, antwortete die Mehrzahl der Männer in der Studie ,,Väter und Erziehungsurlaub", dass das Erziehungsgeld nicht ausgereicht hätte, um den Einkommensverlust auszugleichen: Knapp drei Viertel der befragten Männer in den alten und neuen Bundesländern nannten dieses Argument. Die Sorge um die finanzielle Absicherung der Familie stand also bei der Mehrzahl der Männer an erster Stelle, wenn es um die Entscheidung ging, wer den Erziehungsurlaub nutzen solle. Bei 78 Prozent der befragten Männer ist dies auch objektiv nachvollziehbar, da sie vor der Geburt des ersten Kindes deutlich mehr verdienten als die Ehefrau: Nur bei zehn Prozent der Familien war das monatliche Einkommen der Frau zum Zeitpunkt vor der ersten Geburt höher als das des Mannes, bei zwölf Prozent war es etwa gleich hoch. Diese schiefe Einkommensverteilung zwischen den Geschlechtern verstärkt sich noch im weiteren Prozess der Familienentwicklung, da die Frauen, falls sie nach Ablauf des Erziehungsurlaubs wieder berufstätig wurden, meist in Teilzeit arbeiteten und somit weniger verdienten als vor der Geburt des ersten Kindes, wo sie in der Regel in Vollzeit erwerbstätig waren. Durch diese Familienentwicklung übernimmt der Mann immer stärker die Rolle des Haupternährers. Würde er sich für die Erziehung des Kindes bzw. der Kinder beurlauben lassen, entfiele zeitweise die Haupteinkunftsquelle der Familie. Da auch öffentliche Transferleistungen derzeit nicht ausreichen, um den Ausfall des Einkommens des Mannes auszugleichen, gibt es für viele Familien - sofern sie nicht über ausreichende Vermögensreserven verfügen - wenig Entscheidungsspielraum bei der Überlegung, welcher Elternteil Erziehungsurlaub in Anspruch nehmen soll. Vor diesem Hintergrund könnte die Einführung eines Erziehungsgehalts in der vorgeschlagenen Form die familieninterne Kommunikation über die Inanspruchnahme des Erziehungsgehalts zugunsten der Mütter beeinflussen.

An zweiter Stelle wurden Gründe genannt, die sich auf die Berufstätigkeit beziehen: 32 Prozent der Männer in den alten Bundesländern und 22 Prozent in den neuen Bundesländern gaben an, Angst zu haben, im Beruf ,,den Anschluss zu verlieren", und etwa genauso viele wollten nicht auf berufliche Karrierechancen verzichten. Ähnlich hoch war der Anteil derjenigen, die angaben, dass in ihrem Beruf eine Unterbrechung in Form eines Erziehungsurlaubs nicht möglich sei. Ein Fünftel äußerte die Befürchtung, trotz der im Bundeserziehungsgeldgesetz verankerten Arbeitsplatzgarantie nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren zu können. Auffällig war bei diesen Begründungszusammenhängen der signifikante Unterschied zwischen Vätern in den alten und neuen Bundesländern. Während erstere stärker den Einwand vorbrachten, dass der Erziehungsurlaub ihrer Berufskarriere schaden würde, befürchteten Väter aus den neuen Bundesländern häufiger den Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Die Ängste der Väter, die Mütter schon immer kennen, würden durch ein Erziehungsgehalt allein nicht ausgeräumt. Entscheidend für eine tatsächliche Wahlfreiheit und damit für eine partnerschaftliche Teilung der Erziehungsarbeit durch einen teilweisen oder zeitweise vollständigen Rückzug von der Erwerbsarbeit bei kleinen Kindern dürften arbeitsrechtliche und kulturelle Veränderungen sein, vor allem ein Recht auf Teilzeitarbeit für Eltern und generell flexible Arbeitszeitregelungen, Rückkehransprüche nach einem Erziehungsurlaub und relevante Fortbildungsangebote während eines Erziehungsurlaubs.

3. Mehr gesellschaftliche Investitionen in die häusliche und außerhäusliche Erziehungsarbeit



In Deutschland wird im Vergleich zu den meisten europäischen Nachbarländern viel zu wenig in die nachwachsende Generation investiert

. Noch nicht einmal die Grundschulversorgung ist umfassend und familiengerecht organisiert, während bei vielen unserer Nachbarn die Ganztagsschule die Norm darstellt. Bildung und vor allem eine qualitativ gute pädagogische Begleitung wird aber angesichts der fundamentalen Veränderungen, mit denen sich unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren auseinanderzusetzen hat, immer wichtiger. Erst dadurch ergibt sich ,,Startchancengleichheit" für alle Kinder, zeigen doch empirische Studien, dass sich Sozialisations- und Bildungsdefizite mit Hilfe institutioneller Kinderbetreuung ausgleichen lassen. Das Erziehungsgehalt ist unter diesem Blickwinkel als ein Bestandteil der Investition in die nachwachsende Generation zu sehen. Gleichzeitig muss es möglich sein, über einen gewissen Zeitraum aus dem Erwerbsleben auszuscheiden und Kinder zu Hause zu betreuen, wenn wir erreichen wollen, dass auch Kinder das erhalten, was sie je unterschiedlich benötigen. Das Erziehungsgehalt würde diese Möglichkeit auf einer existenzsichernden Grundlage für Erziehende schaffen.