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26.5.2002 | Von:
Natan Sznaider

Holocausterinnerung und Terror im globalen Zeitalter

I. Kosmopolitische Erinnerung

Derzeit ist die Entstehung eines bestimmten Typus von kollektiver Erinnerung zu beobachten, der über die Grenzen des Nationalstaats hinausgeht, ohne dabei zwangsläufig nationale Erinnerungen zu ersetzen. Diese Art von Erinnerung lässt sich als "global" oder sogar "kosmopolitisch" bezeichnen. Es handelt sich dabei um Erinnerungen, die von einer bestimmten Gruppe von Leuten geteilt und verbreitet werden, deren Forderungen nach kollektiven Identitäten sich nicht mehr in spezifischen nationalen, sondern in universalistischen Begriffen ausdrücken. Auch hier spielt Amerika eine entscheidende Rolle.

"Globale" oder "kosmopolitische" Erinnerung ist unter anderem das Produkt eines Zusammenstoßes zwischen verschiedenen räumlichen Identifikationsformen und sich in der Zeit verändernden Ängsten. Die geteilten Erinnerungen an den Holocaust - der Begriff, der verwendet wird, um ein prägendes Ereignis des 20. Jahrhunderts, die Vernichtung des europäischen Judentums durch Nazi-Deutschland in den Jahren 1941 bis 1945, zu beschreiben - schaffen die Grundlagen für eine neue kosmopolitische Erinnerung: eine Erinnerung, die über ethnische und nationale Grenzen hinausgeht. Aber ist es möglich, sich an ein Ereignis, das von Vielen als der Wendepunkt in der europäischen Geschichte bezeichnet wird, außerhalb der ethnischen und nationalen Grenzen der jüdischen Opfer und der deutschen Täter zu erinnern? Kann dieses Ereignisses durch Menschen gedacht werden, die keine direkte Verbindung dazu haben? Und welche Rolle spielt Amerika in dieser neuen Erinnerungsbildung?

Die Wahl des Holocausts erfolgt nicht willkürlich. Der Holocaust - oder eher die Darstellungen, die gemeinsame Erinnerungen produzieren - ist ein beispielhafter Fall für das Verhältnis von Erinnerung und Moderne. Die Moderne, die noch bis vor kurzem eines der wesentlichen analytischen und normativen Grundgerüste für das intellektuelle Selbstverständnis war, wird nun durch die Erinnerungen an den Holocaust selbst in Frage gestellt. Aus dieser Sicht wird der Massenmord an den europäischen Juden durch die Nazis nicht als eine deutsch-jüdische Tragödie verstanden, sondern als eine Tragödie der Vernunft oder der Moderne selbst. Jedoch sind diese Erinnerungen, jenseits der Kritik an der Moderne, in einem Zeitalter der ideologischen Ungewissheit zu einem Maß für humanistische und universalistische Identifikationen geworden.

Man könnte sogar behaupten, dass es eine Verwandtschaft zwischen den Erinnerungen an den Holocaust und seine Folgen sowie den Ereignissen und Debatten nach dem 11. September dieses Jahres gibt. Die Erinnerungen an den Holocaust ermöglichen zu Beginn des dritten Jahrtausends die Entstehung von transnationalen Erinnerungskulturen, die wiederum das Potenzial besitzen, die kulturelle Grundlage für eine globale Menschenrechtspolitik zu werden. Menschenrechte bedeuten, dass der Völkermord einen weiteren Grad an Universalität erhält. Denn die Idee des Völkermords enthält die Ermahnung, dass eine moralische Welt nicht untätig zusehen kann. Die Anklage wegen "Völkermords" beinhaltet inzwischen eine Reihe von Handlungen, die mit dem Holocaust vergleichbar sind. Die Menschenrechte, die ihre modernen rechtlichen Ursprünge in den gleichen Resolutionen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948 haben, hängen in der Praxis mit der sogar noch stärkeren Behauptung zusammen, dass der Holocaust ein rutschiger Abhang sei - so dass jeder Akt ethnischer Unterdrückung die Lawine zum nächsten Holocaust ins Rollen bringen könnte, falls er nicht kontrolliert werde. Wenn zudem die Menschenrechts- und Völkermordkonventionen der Vereinten Nationen ernst genommen werden - was getan werden muss, wenn sie als Berechtigung zum militärischen Eingreifen dienen -, führt die Entwicklung dieser Doktrin unausweichlich zur Generalisierung von Völkermord, über Massenmord hinaus.