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26.5.2002 | Von:
Natan Sznaider

Holocausterinnerung und Terror im globalen Zeitalter

II. Diskurs der Krise

Schaut man auf die jüngsten Terrorangriffe, lassen sich ähnliche Erklärungsmuster finden. Das Verhältnis, welches der Holocaust zum Völkermord einnimmt, wird auch im Verhältnis des Anschlages am 11. September zu anderen Terroranschlägen festgestellt. Dieses kulturelle Trauma wird von einigen Leuten ebenfalls im Rahmen von "Verbrechen der Moderne", der Barbarei der Vereinigten Staaten und der Hybris der Ersten gegen die Dritte Welt gedeutet. Innerhalb dieses Diskurses spielt der Holocaust im Vergleich zum Übel des Kolonialismus eine untergeordnete Rolle. Der "Diskurs der Krise" ist mit vielen Mythen über die Globalisierung sowie die Amerikanisierung verknüpft. Einer der hartnäckigsten ist der Mythos vom Markt als allumfassend und als einer zerstörerischen Einheit, die außer Kontrolle gerät. Aber ist dies wirklich wahr? Denken wir wieder an die Menschenrechte. Sie entwickelten sich von der Vorstellung der "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" in Nürnberg hin zur Entstehung des Internationalen Gerichtshofs und dem Kampf - wenn auch nicht auf vollkommene Art und Weise - gegen den Völkermord. Dieses Verständnis wurde nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck gebracht und war stark von diesen Ereignissen geprägt. Können wir daher von der Erinnerung an den Holocaust und seinen direkten Nachwirkungen lernen? Sagt uns Nürnberg irgend etwas darüber, wie die Welt auf das neue Übel oder sogar Böse reagieren kann, das sie trifft - das Übel des Terrorismus?

Die Nürnberger Prozesse definierten ein neues Verbrechen: "Verbrechen gegen die Menschlichkeit." Ein utopisches Konzept, doch bei genauerem Nachdenken nicht utopischer als das Böse, das es zu übertrumpfen versuchte - den Völkermord. In erster Linie war damit ein Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung gemeint und dass es jenseits von Staatstreue eine persönliche Verantwortung für begangene Verbrechen gibt. Nürnberg machte deutlich, dass auch Einzelpersonen, die innerhalb des Rechtsrahmens ihres eigenen Staates handelten, als Kriminelle vor Gericht gestellt werden konnten - dass es eine persönliche Verantwortung gibt. Dies war neu im Jahr 1945, und das Trauma dessen, was die Nazis den Juden und der Welt antaten, sorgte für den Rückhalt. Nachdem dieser kurze kosmopolitische Augenblick schon bald vom Kalten Krieg abgelöst und von nationalen Mustern verdrängt wurde, kam es nach dem Kalten Krieg zu seiner Wiederbelebung. Sie stellt das kulturelle Fundament der massiven - und kosmopolitischen - Reaktion dar, mit der die Geschehnisse um das World Trade Center verarbeitet werden. Auch die Art der supranationalen Rhetorik, deren Zeugen wir heute sind - wie zum Beispiel: "Angriff auf die Zivilisation" und nicht gegen die Amerikaner und ihre Macht allein, sondern Amerikaner gleichsetzend mit Menschheit usw. -, entsteht tatsächlich langsam durch die Erinnerung an den Holocaust.

Für viele war der Anblick der einstürzenden Türme ein Eingriff in die eigene Welt. Diese hat sich seit dem Fall der Mauer verändert. Diese Veränderungen haben sich ebenso auf die Innenpolitik wie auf die zwischenstaatlichen Beziehungen ausgewirkt. Das Modell des Nationalstaats, gleich ob auf normative Modelle der ethnischen Zugehörigkeit gegründet oder auf Staatsbürgerschaft, wird durch die täglichen Bräuche und Gewohnheiten von Einzelpersonen in Frage gestellt. Das soll nicht heißen, dass es keine ethnischen Konflikte mehr gibt - jeder weiß, dass dies sicherlich noch der Fall ist -, sondern vielmehr, dass es für eine zunehmende Zahl von "Weltbürgern" unmöglich ist, ihren Sinn zu verstehen. Immer mehr wird davon ausgegangen und es scheint sich zunehmend zu bestätigen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem innenpolitischen Demokratisierungsprozess, den Prozessen der Globalisierung sowie der Befriedung der Beziehungen zwischen Staaten und ethnischen Gruppen gibt. Eine neue Grundlage für Frieden ist entstanden. Und genau dies wird in diesen Tagen durch den Terror herausgefordert.