30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Natan Sznaider

Holocausterinnerung und Terror im globalen Zeitalter

III. Staatsbürger und Weltbürger

Wenn die Denker der Aufklärung im 18. Jahrhundert von kosmopolitischen Bürgern sprachen, bezogen sie sich auf Weltbürger, deren Geburtsort ein reiner Zufall war und deren bestimmende Gruppenzugehörigkeit aus einer universellen Gemeinschaft im Geiste bestand. Es gäbe viel über dieses universelle Zugehörigkeitsgefühl zu sagen. Es fordert für alles Verantwortung, ungeachtet von Herkunft und Ort. In seinen Auswirkungen zu Ende gedacht, führt es zur Schaffung internationaler Gesetze und Institutionen, um diese Prinzipien zu garantieren. Doch in unseren globalen Zeiten brauchen wir eine Vorstellung von Staatsbürgertum, das auf einem Ethos von individueller Selbstverwirklichung und Leistung gegründet ist. Dazu müssen wir die Schranken zwischen den banalen individualistischen Erklärungen des täglichen Lebens und der hohen Theorie von Staatsbürgerschaft beseitigen.

Deshalb spielt die Erinnerung an den Holocaust als eine generalisierte Katastrophe in einer globalen und individualisierten Gesellschaft so eine wichtige Rolle. Es ist auch kein Zufall, dass der Holocaust bei der Neugestaltung der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges eine Hauptrolle spielt. Grund dafür ist sein Status als ein unbestrittener moralischer Wert, in dem scheinbar alle Leute übereinstimmen können.

Dennoch sollte Universalisierung nicht als ein einheitliches Konzept wahrgenommen werden. Es gibt mindestens vier Wege, um den Holocaust zu generalisieren:

- hinsichtlich der Opfer, d. h., waren es die Juden oder war es eine Vielzahl von Menschen?

- hinsichtlich der Täter, d. h., waren die Nazis einzigartig grausam, oder waren sie nur effizienter als andere Massenmörder?

- hinsichtlich der Zukunft, d. h., besteht die Lehre daraus, dass Ähnliches niemals mehr den Juden angetan werden darf oder überhaupt niemandem mehr?

- hinsichtlich des Gegenstands der Erinnerung, d. h., kann Amerika der entscheidende Zeuge sein, obwohl es keine Lager errichtet und nur sehr wenige Opfer unter der Bevölkerung hatte?

Genau aus diesem letzten Grund muss offensichtlich die universelle Bedeutung des Holocaust in Amerika vorherrschen - eine genauere Betrachtung würde eine Vorrangstellung verweigern. Doch die besonderen Umstände, durch die der Holocaust in Amerika eine Bedeutung erlangte, führten zu der eigenartig wirksamen Verknüpfung, dass angenommen wird, der Holocaust sei einzigartig in der Vergangenheit und universell in der Zukunft. Das bedeutet konkret: Der vergangene Holocaust betraf überwiegend die Juden, während der künftige Holocaust jeden treffen könnte.