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26.5.2002 | Von:
Natan Sznaider

Holocausterinnerung und Terror im globalen Zeitalter

IV. Antiamerikanismus und Antisemitismus

Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Art der Erinnerung an den Holocaust und den jüngsten Ereignissen. Für seine Feinde ist Amerika vor dem Hintergrund des derzeitigen Stadiums der Globalisierung ein Repräsentant des "Kosmopolitischen", das einst mit den Juden assoziiert wurde. Es genügt ein Blick auf die Ähnlichkeiten zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus, die häufig beide vereint im Diskurs der Globalisierungsgegnerschaft anzutreffen sind. Für die Terroristen symbolisiert "Amerika" eine Art seelenlosen, materialistischen und entwurzelten Lebensstil, den sie verabscheuen. Amerika ist das Sinnbild für die Verhinderung sozialer Veränderungen - dafür steht es seit seiner Entstehung. Die Vereinigten Staaten sind die "Nicht-Nation" - eine formlose Masse, ohne tiefere Verpflichtung hinsichtlich ihrer Vergangenheit und nur individualistisch und egoistisch mit ihrer Zukunft beschäftigt, kurz gesagt: ohne jede Erinnerung. Das klingt so, als wäre Amerika ein Staat, dessen bloße Existenz beklagt werden sollte, weil er uns von edleren Zielen abhält. Somit ist der Angriff auf Amerika zugleich ein Angriff auf die globale Kultur, und er kann ebenfalls als Angriff auf die Juden verstanden werden. Darüber hinaus handelt es sich um einen Angriff auf das, wofür Amerika, die globalisierte Welt und die Juden nach Meinung ihrer Feinde stehen: Geld. Betrachtet man diese Teilbeziehung zwischen Amerika und den Juden, wäre es, als würde man persönliche Verbindungen durch unpersönliche ersetzen. Genau das erscheint ihren Feinden als Herabsetzung, als eine Entpersönlichung. Und wenn die Gegenwart unpersönlich und schlecht ist, verführt uns das dazu zu glauben, die persönlichere Welt der Vergangenheit sei besser gewesen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Verunglimpfung des Geldes verstehen. Wird Gesellschaft als etwas gesehen, das einst durch persönliche Beziehungen zusammengehalten wurde, dann bekommt Geld die Rolle eines Vertreters der Entpersönlichung, ja der Entfremdung. Doch ist es paradoxerweise nie schwer gefallen, diesen Entpersönlichungsvertreter zu personalisieren. Wir alle wissen um die Identifizierung der Juden mit Geld und wissen, wie diese Identifizierung auf Amerika und die Amerikaner projiziert wurde.

Unser Denken muss sich in diesen Dingen jetzt der Realität anpassen. Denn die beschriebenen Einstellungen herrschen noch immer in der Haltung gegenüber Kosmopolitismus, Globalisierung und Konsum vor, ohne dass ihre Wurzeln reflektiert werden. Die Klagen, die über die Globalisierung auftauchten - dass sie homogenisiere, dass sie alle nationalen Besonderheiten beseitige und dass sie wertvolle Traditionen und unersetzbare soziale Bindungen auflöse -, sind denen ähnlich, die einst hinsichtlich der ursprünglichen und lokalen Kultur gegen Geld erhoben wurden. Und ebenso wie Geld mit der Korrumpierung der aristokratischen Hochkultur durch die Bourgeoisie und die Juden verbunden wurde, wird Globalisierung oft als Synonym für die Verbreitung der "Massenkultur" außerhalb Amerikas verstanden. Es besteht also mehr als nur eine kleine Überschneidung zwischen diesen beiden Sichtweisen. Angriffe auf die angloamerikanische Kultur - und besonders auf London, New York und Hollywood - waren in der Vergangenheit häufig eine vornehmer klingende Art, antisemitische Gefühle auszudrücken. Ersetzt man Amerikaner durch Juden, sind diese Parallelen bemerkenswert nah. Die Antisemiten verbanden auf die gleiche Weise Juden mit Handel wie die Leute die Amerikaner als Menschen ansehen, die "alles auf Geld reduzieren". Und die Antisemiten sahen die Juden als Überbringer der Moderne, die den Zusammenbruch der traditionellen Gesellschaft repräsentierte. Die Antisemiten betrachteten das modernistische Projekt als etwas Fremdes und brandmarkten es als jüdisch, rationalistisch, individualistisch und säkular. Sie strebten danach, wieder tiefere, geistige, organische Werte zu erreichen - und über allem den Nationalstaat.

Intellektuelle sollten nicht in diese Falle tappen. Heute gibt es eine andere, weitaus positivere Seite der Dynamik der globalisierten Welt, um sich mit neuen Realitäten zu arrangieren. Die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts ist auf der Suche nach einem neuen Selbstbild. Sie versucht, über ihre Identifizierung als Alte Welt, als Geburtsort des Nationalismus und als nachfolgende Grabstätte von Hunderten Millionen Menschen hinauszugehen. Sie versucht, sich selbst neu zu erschaffen, um über das 20. und 19. Jahrhundert zurück ins 18. Jahrhundert wieder das Zeitalter der Aufklärung zu erreichen. Dieses war ein kurzer und glorreicher und sehr europäischer Moment des intellektuellen Kosmopolitismus. Allerdings war er völlig unwirksam bei der Verringerung von Kriegen und dürfte den entscheidenden Grundstock für die Schrecken der folgenden beiden Jahrhunderte gelegt haben. Der kurze Traum von der Weltgesellschaft, der während der Aufklärung erblühte, wurde nahezu völlig durch den Nationalismus zerstört, den er gleichzeitig geboren hatte.