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26.5.2002 | Von:
Natan Sznaider

Holocausterinnerung und Terror im globalen Zeitalter

V. Neue Identitäten

Heute beklagen Antimodernisten oft, dass ethnisches Selbstverständnis nicht mehr "authentisch", sondern statt dessen oberflächlich sei - gebildet aus Musik- und Kleidungsstilen sowie übertriebenen Gesten, die nicht von Generation zu Generation überliefert, sondern vielmehr durch den Einfluss der Massenmedien geprägt würden. Aber genau diese Veränderung ermöglicht es den Menschen, aus unterschiedlichen kulturellen Traditionen zu wählen und daraus eine neue Identität zu bilden. Der gleiche Prozess erleichtert es den Menschen auch, von ihren "Original"-Identitäten abzuweichen - und sich somit in die größere, kosmopolitischere Gesellschaft einzufügen. Unveränderte ethnische Identitäten sind für Außenstehende geschlossen und erhöhen die Kosten für das Überwinden ihrer Mauern: Entweder jemand gehört dazu oder nicht. Dies ist eine enorme Entscheidung. Doch je mehr akzeptiert wird, dass Identität ausreichend durch symbolische Gesten ausgedrückt werden kann, umso eher können Menschen große Teile der Tradition ablegen, ohne die Gruppenzugehörigkeit zu verlieren. Je mehr ethnische Identitäten angepasst werden, umso mehr Menschen haben die Möglichkeit zu experimentieren, ohne gleich zu riskieren, ihrer Wurzeln beraubt zu werden. Je niedriger die Kosten der Individualisierung sind, umso mehr Menschen werden sich ihr zuwenden, und je niedriger die Einsätze, umso weniger Menschen werden sich deswegen bekämpfen. Diese neuen Identitäten sind nicht zwangsläufig schwächer als die alten. Und wir sollten uns nicht für sie schämen. Nirgendwo geht dies besser als in der Metropole, der Weltstadt, Orten wie New York beispielsweise. Die Analyse der Großstadt sagt viel aus. Zum einen kann "Metropole" als ein Ort der Freiheit verstanden werden, die durch die kommerzialisierten und unpersönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen gefördert wird, wie zum Beispiel bei Georg Simmel. Aber gleichzeitig wurde "Metropole" von deutschen Denkern wie Sombart, Tönnies und Spengler vor einem Jahrhundert als die Stätte entfremdeter und kalter Beziehungen beurteilt, als ein Ort, wo die Juden regieren. So führte Sombart aus: "Die moderne Stadt ist nun nichts anderes als eine große Wüste, so weit von der warmen Erde entfernt, wie es die Wüste ist, und wie die Wüste zwingt sie ihre Einwohner, zu Nomaden zu werden." [2] Selbstverständlich glaubte Sombart auch, dass die Juden natürliche Bewohner der Wüste und, weiter gedacht, der Städte seien. Der Angriff auf "die Stadt" ist daher auch ein Angriff auf den Kosmopolitismus, d. h. ein Angriff auf die Juden.

Wie hängt dies mit der Erinnerung an den Holocaust zusammen? War der Holocaust nicht der radikalste und extremste Versuch, diese Kultur der Diaspora, die versuchte, den Raum zu überwinden, auszulöschen? Die Kosmopolitisierung in ihrer amerikanisierten Form kann auch bedeuten, dass im Schrecken die Möglichkeit der Rettung und der Pfad zu einer besseren Zukunft liegt. Man denke nur an Schindler und an die Art, wie Steven Spielberg ihn erschaffen hat. Oder an den Iman Pasha, der beim Gedenken im Jankee Stadion in New York am 23. September 2001 für Toleranz warb und erklärte: "Wir sind Moslems, aber wir sind Amerikaner."

Was lässt sich daraus lernen? Diese zukunftsorientierte Dimension von Erinnerung, die sich aus den USA nach draußen verbreitet, ist ein bestimmendes Merkmal der kosmopolitischen Erinnerung. Dies ist keine Erinnerung, die einzig in die Vergangenheit blickt, um neue prägende Mythen zu schaffen. Die Diskussionen über postnationale Kollektive konzentrieren sich überwiegend auf die Zukunft. Die postnationale Solidarität sollte größtenteils auf dem Erkennen und dem Wunsch nach der Verhinderung oder Begrenzung künftiger Katastrophen fußen. Durch den Terror ist eine neue Bedrohung aufgetaucht: Jeder kann zum Opfer werden. Die kosmopolitische Erinnerung beinhaltet folglich ebenfalls, dass die Zukunft nicht mehr durch die Vergangenheit kontrolliert werden kann. Wie die Gegenwart kann auch sie nicht länger geplant werden. Der Holocaust und die anhaltende Kosmopolitisierung von Erinnerungen werden zu einem Symbol für eine Welt voller Ungewissheiten. Ebenso wie zu einer Welt zunehmender Individualisierung. Mit anderen Worten: Es ist eher möglich, zum Holocaust eine individuelle und psychologische Beziehung herzustellen - die enorme Erinnerungsliteratur über den Holocaust zeigt, dass dies mehr und mehr Menschen tun - als eine kollektive oder politische. Natürlich wird jemand, der die Entpolitisierung grundsätzlich für etwas Schlechtes hält, auch dies falsch finden. Dies erklärt zum Teil die Verärgerung, die das Holocaust-Museum oder Steven Spielberg hervorrufen. Dabei ist die Entpolitisierung des Holocaust einfach ein Spiegelbild der Entpolitisierung Amerikas - oder, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, der Individualisierung und Entkollektivierung seiner Kultur. Der Holocaust ist in Amerika deshalb in erster Linie eine Identitätsfrage, weil dann alles eine Identitätsfrage ist, wenn die Kollektivität durch die Individualität als grundlegender Bezugsrahmen ersetzt wird.

Dies bedeutet ganz einfach, dass die neue kollektive Identität in globalen Zeiten individualistisch ist. Viele Intellektuelle stören sich am individualisierten Vokabular des Opfertums - zum Beispiel bezüglich Überlebender, die Alkoholismus, Kindesmissbrauch, Waise zu sein oder das Leben in einem Armenviertel überstehen, das heißt an den typischen Themen der "Ophra-Winfrey-Show". Was sie stört, ist natürlich die Demokratisierung von Psychologie - einer Psychologie, die jeder anwenden kann. Das ist eine Psychologie, die keine Therapeuten braucht - eine Religion, die keine Priester nötig hat. Kritiker, welche die Opferlehre des Holocaust schlecht machen, machen Menschen schlecht, die historische Ereignisse eher als eine persönliche als eine kollektive Erfahrung ansehen, was einfach der täglichen Wahl in einer entkollektivierten Gesellschaft entspricht. Außerdem machen sie die Art der Menschen schlecht, die ihre persönlichen Erfahrungen in "ungebildeten" Klischees ausdrücken. Und sie nennen dies "trivial" oder "amerikanisiert".

Doch genau hieraus ergeben sich die Chancen: Die kollektive Erinnerung hat das Potenzial, sich von eingebürgerten Kategorien wie der Nation zu befreien und in Symbolen wie dem Holocaust ausgedrückt zu werden, die für einen bedeutungsvollen Rahmen sorgen, um sich einer unsicheren Zukunft zu stellen. Der Holocaust steht für den Bruch der Zivilisation in der Moderne und die trennende Linie zur Barbarei. So entspricht er den Ungewissheiten über unsere eigene Welt und vor allem den Diskontinuitäten, die den Übergang zur globalen Moderne veranschaulichen. Genau das abstrakte Wesen von "Gut und Böse" symbolisiert den Holocaust, der zu einer außerterritorialen Qualität der kosmopolitischen Erinnerung beiträgt. Und genau dies teilt er mit den Terrorangriffen in der letzten Zeit.

Fußnoten

2.
Werner Sombart, Juden und Kapitalismus, 1911, S. 423.