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26.5.2002 | Von:
Manfred Funke

Zwischen Staatsvernunft und Gefühlskultur

Aspekte innerer und äußerer Sicherheit

Übermacht der Geschichte?

Das Problemfeld historisch-zeitgeschichtlicher Selbst- und Fremdbilder mit ihren politischen Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein öffnet der Bonner Sicherheitsexperte Holger H. Mey in seiner neuesten Studie mit dem Schlüsselsatz: "Deutschland ist führende europäische Mittelmacht, aber, anders als seine Partner und Nachbarn, seiner nationalen Identität nicht sicher." [3] Seit dem Dreißigjährigen Krieg habe sich - so etwa ergänzend eine französische Ansicht - Deutschland geradezu apokalyptisch in Staatsvergottung eingerichtet und sei definitiv mit dem Dritten Reich in Europa zum "Lehrmeister des Negativen" geworden. [4] Urteile dieser Art nähren den deutschen Hang zur Selbstbezichtigung und zur eigenen Verunsicherung, auch wenn Gegenstereotype benannt werden: "Die Deutschen", schrieb Ekkehart Krippendorff 1987, "sind nicht mehr das, was sie einmal und scheinbar für immer waren: arbeitsam, pflichtbewusst, obrigkeitstreu, autoritär, gehorsam, diszipliniert und auch nicht mehr national bewusst, militaristisch und kulturüberheblich." [5] Ein ideologisierter Zeitgeist verbiss sich allzu lange und ohne die Folgen zu bedenken in alles Nationale, das sich nicht europäisch und kosmopolitisch überhöhen ließ. Das Treibenlassen der Interessen, die Pluralisierung der Lebensstile und die Entsolidarisierung der Konsens-Demokratie durch den Egoismus der Macht [6] mindern die Verlässlichkeit der innerdeutschen "Sicherheitsgemeinschaft" umso leichter, als auch eine kritische Selbstannahme der Deutschen durch "Auschwitz" zutiefst erschwert blieb. Es scheint, als wolle man "die Vergangenheit in ihrer schrecklichsten Gestalt gleichsam zur ewigen Gegenwart machen" [7] .

Damit wäre Deutschland gewiss auf Dauer chancenlos, unter schwerer Last aufrecht zu gehen und im gemeinsamen Haus Europa seine substanziellen Eigeninteressen politisch und moralisch zu behaupten. Indessen erlaubt die Art und Weise des Umgangs mit den Schwierigkeiten und Herausforderungen der deutschen Einheit doch wohl eine neue Dimension zeitgeschichtlicher Erfahrung, welche unsere unmittelbare Gegenwart und nicht die mittelbare Geschichte zum Ausgangspunkt zukunftspflichtiger Sicherheitsfürsorge bestimmt. Dies durchaus geschichts-geprägt, aber nicht geschichts-fixiert oder -determiniert. Ein Recht auf Erschöpfung als Reaktion auf vielfältige Verunsicherungen sollte zudem gerade nicht jenen vorenthalten werden, welche die doppelte Diktatur-Erfahrung schultern müssen, welche die Verwerflichkeit unter Menschen nicht verdrängen und dennoch die gemeinsame Heimat als geistigen Lebensraum behaupten, innerhalb dessen man sich nicht ständig erklären muss. [8]

"Die Betroffenheit über die Katastrophe von 1945 darf uns nicht dazu verleiten", schrieb Klaus von Bismarck 1957, "unsere geschichtliche Heimat als deutsches Volk wie Emigranten zu verlassen." [9] Solche (innere) Emigration wird durch eine "Geschichtspolitik" gefördert, die ignoriert, dass sich seit 1989 das Lebensgefühl, für das "1968" steht, in seiner bisherigen Dominanz als problematisch erwiesen hat. [10]

Fußnoten

3.
Holger H. Mey, Deutsche Sicherheitspolitik 2030, Frankfurt a.M. 2001, S. 91.
4.
André Glucksmann, Die Meisterdenker, Hamburg 1978, S. 67.
5.
Zit. nach: Uwe Backes/Eckhard Jesse, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik, Berlin 1993, S. 359.
6.
Vgl. Gerd Langguth, Das Innenleben der Macht. Krise und Zukunft der CDU, Berlin 2001, S. 9ff.
7.
Antonia Grunenberg, Die Lust an der Schuld. Von der Macht der Vergangenheit über die Gegenwart, Berlin 2001, S.'16.
8.
Vgl. im Kontext: A. Grunenberg, ebd., S. 62; Reinhart Koselleck, Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt a.M. 2000, S. 117 f.; Hubertus Knabe, Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen, Berlin 1999.
9.
Klaus von Bismarck, Heimatliebe und Chauvinismus, in: Gerhard Szczesny (Hrsg.), Der Zeitgenosse und sein Vaterland, München 1957, S. 18.
10.
Vgl. Cora Stephan, Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte, Berlin 1993. Vgl. zum geistigen Milieu Werner Ross, Die Feder führend. Schriften aus fünf Jahrzehnten, München 1987, S. 493 ff.