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26.5.2002 | Von:
Kai Hirschmann

Terrorismus in neuen Dimensionen

Hintergründe und Schlussfolgerungen

II. Entwicklungen im internationalen Terrorismus

Terrorismus kann bezeichnet werden als eine besondere Form der Gewalt mit im weitesten Sinne politischer Zielsetzung. Er beabsichtigt u. a., emotionale Reaktionen hervorzurufen - zumeist extreme Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung, verbunden mit Sympathie bei den eigenen Anhängern. Er richtet sich an eine breitere Öffentlichkeit, als es die unmittelbaren Opfer sind. Die terroristische Gewaltanwendung bricht mit sozialen Normen und zielt darauf, den Gegner in seinem (politischen) Verhalten zu beeinflussen. Als Tendenz ist in den neunziger Jahren festzustellen, dass immer mehr symbolische Ziele angegriffen werden und die Anschläge mit immer höheren Opferzahlen verbunden sind. [2]

Die Legitimierungsversuche für terroristische Aktivitäten sind vielfältig (vgl. Übersicht 1). Hierbei ist eine Dynamik zu beobachten: Neben den "klassischen" Begründungen, die seit den siebziger Jahren bekannt sind, sind neue Legitimationsversuche zu verzeichnen. Neue Begründungsversuche folgen oft Veränderungen in den Ansichten der Gesellschaft zu speziellen Fragestellungen (z. B. Umweltbewusstsein). In solchen Einzelstreitfragen haben sich in den letzten Jahren kleine Minderheiten bis hin zu terroristischen Aktivitäten radikalisiert, was die diskussionswürdigen Anliegen der Mehrheit diskreditiert. "Klassische" Begründungen liegen im Rahmen des Terrorismus für Streitfragenbündel vornehmlich in den Bereichen des ideologischen, ethno-politischen und religiös motivierten Terrorismus. Hervorzuheben ist, dass für Anschläge in der Regel nicht eine singuläre Motivation angegeben werden kann, sondern dass verschiedene terroristische Motivationen ineinander fließen oder häufig nicht voneinander zu trennen sind. So liefert bin Laden in seinen "Begründungsvideos" eine Mixtur der drei vorstehend genannten "klassischen" Begründungen. Relativ neu sind als Legitimationsversuche terroristischer Aktivitäten der (nationalistische) Ordnungs- und der Weltanschauungsterrorismus.

Die Mehrzahl der Terroranschläge wird heute immer noch auf "konventionelle Art" mit Bomben und Schusswaffen ausgeführt. Allerdings werden die Anschläge in logistischer, technischer und operativer Hinsicht immer komplexer. Dies wurde besonders grausam deutlich bei dem Anschlag vom 11. September, der trotz seiner neuen Dimension im Grunde noch dem Bereich des "konventionellen Terrorismus" (Linienflugzeug als Bombe gegen Gebäude) zuzurechnen ist. Allerdings kann es Gründe geben, "neue" Durchführungsformen des Terrorismus anzuwenden (vgl. Übersicht 2). Besonders zu beachten wird in der Zukunft der Terrorismus mit Massenvernichtungswaffen sein. Fortgesetzte beweisbare Experimente mit radioaktiven Materialien sowie mit biologischen und chemischen Kampfstoffen seitens "moderner" Terroristengruppen (insbesondere "Al-Qaida") raten zur besonderen Aufmerksamkeit. Terroristen scheinen heute auf Grund von technischen Herstellungs- und Ausbringungsschwierigkeiten noch nicht in der Lage zu sein, solche Waffen in massiven, großräumigen Anschlägen einzusetzen. [3] Wahrscheinlicher ist die "Nadelstich-Variante" : kleinere, räumlich begrenzte und begrenzbare Indoor-Anschläge mit biologischen und chemischen Kampfstoffen wie zur Zeit in den USA oder 1995 in der Tokyoter U-Bahn, oder aber eine Art "terroristischer Umweltverschmutzung" durch konventionelle Bomben mit radioaktiven Inhaltsstoffen. [4]

Insbesondere der technische Fortschritt generiert mittels "Cyberterrorismus" auch völlig neue terroristische Formen. Attacken mit oder gegen Computernetzwerke werden sicherlich in den nächsten Jahren eine wesentlich höhere Bedeutung erlangen. [5] Festzustellen ist, dass der Terrorismus in den letzten Jahren um zuvor nicht oder wenig gebräuchliche Durchführungsformen ergänzt worden ist. [6]

Auch die Charakteristika von Terrorgruppen haben sich wesentlich verändert (vgl. Übersicht 3), wobei zu den "traditionellen Terrorgruppen" solche wie z. B. die ETA, IRA, RAF zu rechnen sind, während die "Al-Qaida" unter Führung Osama bin Ladens das Beispiel für eine Terrorgruppe mit "neuen" Charakteristika ist. Eine der wichtigsten Feststellungen ist, dass sich die Basen und Operationsgebiete des "modernen" Terrorismus nicht mehr relativ eindeutig lokalisieren lassen, wie dies in der Vergangenheit möglich war. Terroristen haben ihre Basen und Operationsgebiete zunehmend weltweit, sind also internationalisiert. Eine weitere signifikante Veränderung im terroristischen Kalkül ist die Reaktionsverbundenheit zu den Medien. [7] Nur durch Verbreitung der Nachrichten über den Terror und die Gräueltaten unter einem großen Publikum können Terroristen eine maximale Wirkung erzielen, die sie benötigen, um fundamentalen politischen Wandel durchzusetzen. [8] Die technische Revolution in der Massenkommunikation bietet enorm viele neue Möglichkeiten zu sehr schneller Nachrichtenverbreitung und hat zu einer problematischen, "symbiotischen" Beziehung zwischen Terrorismus und Medien geführt: Terroristen benötigen die Medien zur Kommunikation ihrer Ideen, die Medien (miss)brauchen den Terrorismus als spektakuläre Ereignisse, die Zuschauer, Hörer und Leser "bringen" . [9]

Darüber hinaus werden schließlich für immer mehr terroristische Anschläge religiöse Begründungen gegeben. Diese pervertieren zumeist den entsprechenden Glauben und sind nur vorgeschoben, [10] um breitere Unterstützung in der Gesellschaft für im Grunde politische Anliegen einzuwerben. Dies ist auch bei der "Al-Qaida" der Fall.

Fußnoten

2.
Vgl. US-State Department, Patterns of Global Terrorism, lfd. Jge.
3.
Vgl. hierzu Götz Neuneck, Terrorismus mit Massenvernichtungswaffen - Eine neue Symbiose?, in: K. Hirschmann/P. Gerhard (Anm. 1).
4.
Zur ,Nadelstich-Variante` mit biologischen und chemischen Kampfstoffen vgl. Kai Hirschmann, Alte Bekannte, neue Dimensionen: Internationaler Terrorismus im Licht des 11. September, Mittler-Brief, Informationsdienst zur Sicherheitspolitik, Nr. 4/2001.
5.
Vgl. Reinhard Hutter, Risiken im Informationszeitalter, in: Bundesakademie für Sicherheitspolitik (Hrsg.), Sicherheitspolitik in neuen Dimensionen, Hamburg 2001, S. 483-500.
6.
Zu neuen Formen des Terrorismus vgl. u. a. Klaus Lange, Neue Formen des Terrorismus, Hanns-Seidel-Stiftung, Akademie für Politik und Zeitgeschehen, Aktuelle Analysen 11, München 1998.
7.
Vgl. u. a. Peter Waldmann, Terrorismus als weltweites Phänomen: Eine Einführung; in: K. Hirschmann/P. Gerhard (Anm. 1), S. 11-26, hier S. 23.
8.
Vgl. Bruce Hoffman, Terrorismus - Der unerklärte Krieg. Neue Gefahren politischer Gewalt, Frankfurt/M. 1999, S. 173.
9.
Vgl. ebd., S. 179.
10.
Vgl. Peter Heine, Terror in Allahs Namen. Extremistische Kräfte im Islam, Freiburg 2001.